Wer steht bei wem in der Kreide?

Die Kurve, an der sich die weltweite Verschuldung ablesen lässt, steigt und steigt. Die Ökonomen internationaler Organisationen sehen darin eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Welches Ausmaß hat der seit Jahrzehnten anhaltende Trend zum Geldleihen?




Die globale Gesamtverschuldung ist auf knapp 253 Billionen Dollar gestiegen – ein Rekord. Pro Kopf sind das rund 32 800 Dollar. Die Verschuldung entspricht 322 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung – auch das ist ein Höchstwert.

Unternehmen und Regierungen als Hauptverantwortliche

Sowohl Staaten als auch Unternehmen und Privathaushalte tragen zum steigenden Schuldenstand bei. In den vergangenen Jahren ist der Anteil des Finanzsektors an der Verschuldung etwas gesunken – was unter anderem an der strengeren Regulierung infolge der Finanzkrise 2008 liegt.

Alte und neue Spitzenreiter

Die USA, China und Japan sind die Länder mit dem größten Anteil am globalen Schuldenberg. Besonders schnell gewachsen sind die Schulden allerdings in den Schwellenländern: Die Verschuldung dort hat sich seit 2010 auf fast 73 Billionen Dollar mehr als verdoppelt. Während aktuell in den Industrieländern im Schnitt die Regierungen die meisten Schulden machen, sind es in den Schwellenländern die Unternehmen.

Schulden nach Ländern / Regionen und Wirtschaftssektor, in Milliarden Dollar, 2019:

Zentralbanken finanzieren Staatsschulden und verdrängen andere Investoren

Die Industriestaaten stehen vor allem bei den Zentralbanken im In- und Ausland in der Kreide. Die Zentralbanken haben ihren Bestand an Staatsanleihen in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht. An zweiter Stelle folgen institutionelle Anleger wie Pensionsfonds und Versicherungsunternehmen. Eine Ausnahme sind die USA: Dort finanzieren private Investoren den Löwenanteil der Staatsschulden.

Staatsschulden: Staatsanleihen nach Anlegertyp, in Prozent, 2019 **

Unternehmensschulden: Arten der Finanzierung, 2018, in Prozent

Internationale Investoren als Unternehmensfinanziers

Bei den Unternehmensschulden in Industrieländern verändert sich die Zusammensetzung der Gläubiger: Während sich Banken, auch aufgrund strengerer Regulierungen, bei Investitionen in Unternehmensanleihen eher zurückhalten, werden private Investoren wie Pensionsfonds, Versicherer und Vermögensverwalter als Geldgeber häufiger tätig – und kaufen auch eher riskante Unternehmensanleihen.

Anleihen ersetzen zunehmend den klassischen Bankkredit. Das gilt vor allem für die USA: Dort fließt derzeit besonders viel Geld von internationalen Investoren in Unternehmensanleihen. Anleihen, die es mit einem Rating der Note BBB nur ganz knapp in den guten Bonitätsbereich schaffen, machen dabei gut die Hälfte aller US-Unternehmensanleihen aus. Zum Vergleich: 2001 waren es nur rund 17 Prozent.

Unternehmensschulden in den USA: Zusammensetzung der Gläubiger, in Prozenta

Schwellenländer: Staatsschulden fließen in Unternehmensbilanzen

In den Schwellenländern leihen sich vor allem Unternehmen im Staatsbesitz Geld: Durchschnittlich entfallen mehr als 60 Prozent der Unternehmensschulden auf Firmen, die ganz oder teilweise in staatlicher Hand sind. In China sind es sogar 80 Prozent.

 

Unternehmensschulden in Schwellenländern, 3. Quartal 2019, in Prozent

So stark steigen die Schulden in Ländern entlang der „Neuen Seidenstraße“ durch von China vergebene Kredite und Bauprojekte (Anstieg der Verschuldung durch direkte Kredite aus China zwischen 2013 und 2017, in Prozentpunkten):

China als Gläubiger: Seidenstraße treibt Schulden in Schwellenländern

Für das Mega-Projekt „Neue Seidenstraße“ vergibt China Kredite im großen Maßstab an die Länder entlang der geplanten neuen Handelsroute und ist damit zu einem der wichtigsten Gläubiger in der Region aufgestiegen. Seit Beginn des Projekts 2013 hat China insgesamt rund 690 Milliarden Dollar in 105 Ländern investiert. Auf diese Weise sollen unter anderem auch die schuldenfinanzierten Überkapazitäten bei Unternehmen im eigenen Land abgebaut werden: Denn den Bau der neuen Häfen, Zugstrecken und Straßen sowie andere Infrastrukturprojekte, für die sich die Nachbarländer verschulden, übernehmen zum Großteil chinesische Firmen – und die befinden sich oftmals ganz oder teilweise in Staatsbesitz.