Was wäre, wenn …

Ein Szenario.





• Im März 2015 beschloss der Deutsche Bundestag ein Gesetz, das Frauen den Zugang zu Führungspositionen erleichtern sollte. Dieses Gesetz, das eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte festlegt, gilt jedoch nur für die rund 100 börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen in Deutschland. Viele kleinere und mittlere Firmen sind also ausgenommen. Bei Nichterfüllung gibt es zudem keine Strafen. Doch was wäre, wenn es eine verbindliche Frauenquote von 50 Prozent gäbe? Mit Sanktionen für diejenigen, die sie verfehlen? Eine, die für viel mehr Arbeitgeber gälte – und auch für Führungsebenen unter dem Aufsichtsrat?

Grundsätzlich würde eine solche Quote die Freiheit der Firmen bei der Personalauswahl einschränken. Die wohl am häufigsten geäußerte Befürchtung – dass mas- senweise unqualifizierte Frauen in Führungspositionen landeten – dürfte sich hingegen nicht bewahrheiten. Zum einen bedeutet eine solche Quote in der Regel nicht, dass Frauen ausschließlich aufgrund ihres Geschlechts eine Position bekommen, sondern dass sie bei gleicher Qualifikation so lange den Vorzug erhalten, bis sie in gleichem Maße in einer Gruppe repräsentiert sind wie Männer. Zum anderen gibt es keinen Grund zur Annahme, qualifizierte Frauen seien schwieriger zu finden als qualifizierte Männer: Bei den Universitätsabschlüssen liegt der Frauenanteil in vielen Fachbereichen längst höher als 50 Prozent, Mädchen bekommen bessere Noten als Jungen und machen häufiger Abitur.

„Es ist ein Mythos, dass immer die objektiv beste Person für eine Stelle oder eine Beförderung ausgewählt wird“, sagt Katharina Wrohlich, Leiterin der Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen dazu neigen, Menschen auszuwählen, die ihnen ähnlich sind. Das passiert unbewusst und liegt unter anderem am ,unconscious bias‘, einer unbewussten Wahrnehmungsverzerrung, die dazu führt, dass wir Personen allein aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Fähigkeiten zuschreiben.“

Eine Quote könnte diese „nicht wahrnehmbare Befangenheit“ überwinden und den Kreislauf aus Männern, die Männer in Führungspositionen befördern, durchbrechen.

Welche Auswirkungen die 50-Prozent-Quote hätte, hinge davon ab, wie viel Zeit die Firmen bekämen, sie zu verwirklichen. Je kürzer die Übergangsphase, desto stärker wären die kurzfristigen Folgen für den Arbeitsmarkt. „Auch weil das bedeuten würde, dass in einigen Bereichen erst mal lange kein Mann mehr befördert werden könnte, bis Ausgeglichenheit herrscht“, sagt Wrohlich. Das kann dazu führen, dass sich junge Männer gegen gewisse Branchen entscheiden – falls absehbar ist, dass sie dort nicht mehr zum Zug kommen. Langfristig führe die Quote aber zu einer Gesellschaft, „in der es völlig normal ist, dass Frauen und Männer Führungsaufgaben gleichermaßen übernehmen können. Je mehr sichtbare Vorbilder es für Frauen gibt, umso mehr Vorurteile werden abgebaut.“ Diese gebe es auch unter Frauen, die einander oft weniger zutrauten.

Wie würde sich eine Quote auf die Firmen und ihre Wirtschaftsleistung auswirken? In Italien führte die Einführung einer 33-Prozent-Quote dazu, dass Frauen, die daraufhin in Spitzenpositionen landeten, bessere Qualifikationen aufwiesen als ihre Vorgänger. Der Aktienkurs von Firmen mit mehr weiblichen Vorstandsmitgliedern stieg; Umsatz, Gewinn oder Kapitalrendite blieben jedoch unverändert. Für Frankreich zeigte eine Studie positive Effekte der Frauenquote auf die Unternehmensleistung. In Norwegen gibt es seit 2006 eine 40-Prozent-Quote, deren Einhaltung streng kontrolliert wird. Zwei Studien zufolge wirkt sie sich negativ auf den wirtschaftlichen Erfolg von Firmen aus, eine dritte Studie stellte keine messbaren Folgen fest. Untersuchungen von McKinsey (2007) und Credit Suisse (2019) haben wiederum herausgefunden, dass Firmen mit Frauen in Führungspositionen denen mit ausschließlich männlichen Managern in puncto wirtschaftlicher Leistung und Börsenkurs über- legen sind.

„Selbst wenn sich ein Zusammenhang zwischen weiblichen Führungskräften und besserer Performance zeigt, wäre ich vorsichtig, das als Kausalität zu interpretieren“, sagt Katharina Wrohlich vom DIW. „Ursache und Wirkung könnten auch genau andersherum sein: Firmen, denen es gut geht, können sich eventuell mehr um Gleichstellung kümmern und sind für Frauen als Arbeitgeber attraktiver.“

Welche Folgen eine Quotenregelung in der Politik haben kann, haben 2017 Forscher der London School of Economics and Political Science anhand der schwedischen Sozialdemokraten analysiert. Diese hatten 1993 eine strikte 50-Prozent-Quote in ihren kommunalen Wahllisten eingeführt. Das Ergebnis der Studie: Die Quote steigerte das Kompetenzniveau insgesamt – vor allem weil es die Zahl mäßig begabter Männer reduzierte.

Die Forscher fanden starke Indizien für „gemütliche Absprachen“ vor Einführung der Quote: Dabei wählen mittelmäßige Führungspersonen mittelmäßige Anhänger aus – statt beispielsweise Talente zu fördern, die ihre eigene Position bedrohen könnten. Eine um zehn Prozentpunkte erhöhte Frauenquote habe den Anteil an kompetenten Männern um drei Prozentpunkte erhöht, heißt es in der Studie. Ihr Titel lautet passenderweise: „Frauenquoten und die Krise des mittelmäßigen Mannes“. ---