Was tun mit all den Milliarden?

Firmen auf der ganzen Welt nehmen gerade so viele Kredite auf wie nie zuvor. Was passiert mit dem Geld? Wenig Sinnvolles, fürchtet Tobias Adrian, Finanzmarktchef beim Internationalen Währungsfonds.




Tobias Adrian, 48,
ist seit 2017 Direktor der Abteilung Geld- und Kapitalmärkte beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Der im Taunus geborene Deutsch-Amerikaner gilt als einflussreicher Ökonom. Sein Team erstellt den jährlichen Finanzstabilitätsbericht, in dem der IWF auf Risiken an den weltweiten Finanzmärkten hinweist. Adrian hat in Frankfurt /Main, London und Paris studiert und am Massachusetts Institute of Technology in Boston promoviert. Vor seiner Tätigkeit beim IWF arbeitete er bei der Federal Reserve Bank in New York.

brand eins: Herr Adrian, Sie und Ihr Team warnen davor, dass sich Unternehmen weltweit immer stärker verschulden – oft so massiv, dass sie die Schulden mittelfristig nur schwer zurückzahlen können. Gleichzeitig klagen viele Ökonomen darüber, dass die Firmen zu wenig investieren. Wie passt das zusammen?

Tobias Adrian: Die Ursachen für die hohe Unternehmensverschuldung sind zunächst die gleichen wie bei den ebenfalls steigenden Schulden der Staaten und der privaten Haushalte: Das Zinsniveau sinkt seit langer Zeit, und Investoren sind davon überzeugt, dass es auch noch sehr lange sehr niedrig bleiben wird. Es ist also günstig, sich zu verschulden. Selbst riskante Unternehmensanleihen werden inzwischen zu sehr niedrigen, teils sogar zu negativen Zinsen ausgegeben. Geld aus Krediten und Anleihen ist für Unternehmen fast kostenlos zu haben, also erscheint es ihnen sinnvoll, sich zu verschulden.

Aber wenn den Unternehmen so viel Ka-pital zur Verfügung steht, warum steigen dann die Investitionen nicht? Wofür geben sie das Geld aus?

Das ist eine Entwicklung, die wir mit Sorge beobachten. Ein großer Teil der Schulden fließt tatsächlich nicht in reale Investitionen, sondern in sogenanntes Financial Engineering – also in die Optimierung von Unternehmensbilanzen und Aktienkursen. Die Unternehmen kaufen mit dem über Anleihen oder Kredite aufgenommenen Geld zum Beispiel eigene Aktien zurück.


der Finanzmarkt-Experte Tobias Adrian in seinem Büro beim IWF in Washington

Woran liegt das?

Unternehmen investieren nicht unbedingt in neue Maschinen, neues Personal oder in Forschung und Entwicklung, wenn die Zinsen niedrig sind. Sondern dann, wenn sie Wachstums- und Produktivitätsstei-gerungen erwarten. Das ist zurzeit aber nicht der Fall. Denn Gründe für die anhaltend niedrigen Zinsen sind sowohl die in den vergangenen Jahren insgesamt sinkende Produktivität in der Weltwirtschaft als auch die Alterung der Gesellschaft. Solange sich dieser Trend nicht umkehrt und die Wachstumsperspektiven sich nicht verbessern, werden die Unternehmen nicht mehr investieren – da können die Zinsen noch so niedrig sein.

Wenn das Geld nur in den Unternehmensbilanzen hin und her geschoben wird, warum beunruhigt Sie der Anstieg der Verschuldung dann überhaupt?

Er bringt gesamtwirtschaftliche Risiken mit sich. Zum einen verschulden sich vor allem Unternehmen, die nicht solide finanziert sind. Im Finanzstabilitätsbericht vom Oktober 2019 haben wir gezeigt, dass knapp 40 Prozent der gesamten Unternehmensschulden auf solche Firmen entfallen, die eher wenige liquide Mittel und wenig Eigenkapital haben. Zum anderen steigen die Schulden vor allem in einigen wenigen Ländern, darunter China, die USA und Großbritannien. Kommt es dort zu einem Wirtschaftsabschwung oder zu einem externen Schock, dann sind Zahlungsausfälle bei den Unternehmen wahrscheinlich.

Wer wäre davon betroffen?

Das würde Investoren aus aller Welt betreffen, die Geld in diese Unternehmensanleihen gesteckt haben: Banken, aber vor allem auch Pensionsfonds, Versicherungen, Vermögensverwalter und private Anleger, die zuletzt zu wichtigen Investoren besonders für riskante Unternehmensanleihen geworden sind. Der Vertrauensverlust bei Zahlungsausfällen in einzelnen Ländern oder Sektoren könnte einen weltweiten Wirtschaftsabschwung auslösen oder verstärken.

Wie lässt sich ein solches Szenario verhindern?

Kurzfristig, indem die Aufsichtsbehörden in den betroffenen Regionen und Ländern hoch verschuldete Unternehmen und Investoren jenseits des Bankensektors stärker regulieren. Mittel- und langfristig, indem Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Produktivität und Wirtschaftswachstum wieder deutlich erhöhen. Dann würden mittelfristig auch die Zinsen wieder steigen – und damit sänke das Risiko, dass sich Unternehmen, Privathaushalte und Staaten zu hoch verschulden. Sinnvoll könnten daher staatliche Investitionen sein, die Wachstumsimpulse setzen und die Produktivität der Volkswirtschaften erhöhen. Zum Beispiel Investitionen in Bildung und Forschung, die Infrastruktur oder auch in den Klimaschutz.

Ein solches Eingreifen der Finanzpolitik fordern auch Vertreter der sogenannten neuen Geldtheorie namens Modern Monetary Theory. Sie sind überzeugt, dass Staaten wie die USA, die über eine eigene starke Währung verfügen, für Investitionen Staatsschulden in beliebiger Höhe aufnehmen können. Wenn es hart auf hart kommt, kauft die Notenbank die Schulden einfach auf. Sind kreditfinanzierte Investitionsprogramme zumindest für diese Länder die Lösung?

So einfach ist es nicht. Eine hohe Verschuldung ist immer riskant – sowohl für das einzelne Land als auch für die Weltwirtschaft. Es besteht nicht nur das Risiko, dass die Zinsen doch wieder steigen und der Schuldendienst dann sehr teuer wird. Auch wenn einfach nur ein Abschwung kommt, machen hohe Schulden Staaten und Branchen verwundbar und können durch die vernetzten Investitionsflüsse auf die gesamte globale Wirtschaft destabilisierend wirken. Grenzenlose Staatsverschuldung ist daher nicht die Lösung.

Viele Länder, unter anderem Deutschland, könnten aber durchaus mehr investieren, ohne dabei eine zu hohe Schuldenlast aufzunehmen, und dadurch die Unternehmen wieder zu höheren produktiven Investitionen motivieren. In Europa ist der geplante Green New Deal ein interessantes Projekt, das viel bewegen könnte. ---