Wirtschaftsgeschichte

Tagebuch aus der Munitionsfabrik

Im Ersten Weltkrieg dokumentierte eine Fabrikpflegerin, wie sie sich für die Arbeiterinnen einsetzte.





• Als Lina Neuhaus sich in der Fabrik umsah, traf sie auf Arbeiterinnen, deren Haare und Gesichter gelb geworden waren. Die Begegnung muss sie beeindruckt haben, denn in ihrem Tagebuch schreibt sie in den ersten Einträgen immer wieder darüber. Ihre Aufgabe war es, in der Fabrik für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Erstaunlich ist, dass die Frauen offenbar nicht einmal verlangten, vor dem färbenden Stoff geschützt zu werden. Sie baten lediglich um Handschuhe, da sich die Substanz nicht abwaschen ließ und ihre Pausenbrote bitter schmeckten, wenn sie diese anfassten.

Das Unternehmen Hoffmann in Eiserfeld bei Siegen war vor dem Ersten Weltkrieg eine kleine Maschinenfabrik gewesen. Als Munition gebraucht wurde, stellte die Firma sich darauf um und erweiterte die Produktionsstätten in kurzer Zeit um provisorisch aufgestellte Hallen für etwa 1500 Arbeiter. Während die Männer an der Front kämpften, produzierten vorwiegend Frauen in Fabriken wie dieser Munition. In einer Abteilung füllten die Arbeiterinnen einen Sprengstoff namens Pikrinsäure in Granaten. Heute weiß man, dass die Substanz nicht nur hochexplosiv, sondern auch giftig ist. Damals konnte man es wohl ahnen, wenn man den Frauen in die gelben Gesichter sah.

1917 trat Neuhaus ihre Stelle als Fabrikpflegerin an, eine Art betriebliche Sozialarbeiterin. In dieser Funktion vermittelte sie zwischen Arbeiterinnen und Fabrikleitung. Sie setzte sich dafür ein, dass die Frauen Lebensmittelmarken bekamen, da Essen knapp war. Sie engagierte sich, wenn der ohnehin geringe Lohn wieder einmal gekürzt worden war. Und sie besuchte die Frauen zu Hause, wenn sie sich bei der Arbeit verletzt hatten.

In ihrem Tagebuch hat sie ihren Alltag in der Fabrik festgehalten. Später gab sie das Buch ihrer Tochter. Als diese starb, fand es deren Neffe Otto Neuhaus, der Enkel der Autorin. Er recherchierte die Firmengeschichte und rekonstruierte die Arbeitsabläufe in der Fabrik. Das ergänzte Dokument überließ er dem Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen.

Als Lina Neuhaus ihre neue Stelle antrat, war sie 29 Jahre alt und bereits verwitwet, ihr erster Mann war 1915 in Frankreich gefallen. Ihren Job musste sie erst lernen. „Ich hatte ja selbst noch eine recht unklare Vorstellung von meiner Tätigkeit, Erfahrungen besaß ich ja keine“, schrieb sie. Ihre Einträge wirken, als sei sie die Aufgabe beherzt angegangen.

6. Juli 1917

„Heute Morgen habe ich versucht, durch persönliche Vorsprache bei dem zuständigen Herrn auf dem Landratsamt die Brotmarkenfrage etwas schneller zu erledigen. (…) Unsere Arbeiterinnen wollten keine Nachtschicht mehr machen, wenn die Zusatzmarken nicht sofort verteilt würden.

Im Pikrinraum wurde heute über schlechte Luft geklagt. Die Pikrinsäure hat einen scharfen, durchdringenden Geruch, der sich bei hoher Außentemperatur doppelt unangenehm bemerkbar macht.“

10. Juli 1917

„Heute traten einige ältere Frauen mit der Bitte an mich heran, ob es mir nicht möglich sei, ihnen zu einer längeren Frühstückspause zu verhelfen. Eine Viertelstunde ist ja etwas knapp.“ Besonders die älteren Frauen würden so schnell nicht mit ihrem Brot fertig. „Herr Hoffmann war aber nicht dafür.“

19. Juli 1917

„Es ist ein Elend mit den Zusatzbrotmarken. (…) Ich hinterließ den Bescheid, daß ich mich sofort mit einer Beschwerde an das Kriegsamt wenden würde, wenn uns am nächsten Morgen nicht die Marken ausgehändigt würden. Das hatte nun endlich Erfolg.“

Oft ging es um minimale Verbesserungen: In der Dreherei flogen den Frauen bei der Herstellung der Granaten heiße Späne in die Augen. Sie baten darum, ein Schutzblech anzubringen.

Nach der Spätschicht gingen viele zu Fuß zurück in den Nachbarort. Der Weg sei mit Steinen und Ästen übersät, sodass sie im Dunkeln leicht stürzten, klagten die Arbeiterinnen. Lina Neuhaus lief den Weg selbst ab und bewegte den Ortsvorsteher dazu, ihn instand zu setzen.

Kinder blieben oft unbeaufsichtigt zu Hause, was nicht immer gut ging. Einmal warf der Sohn einer Arbeiterin im Streit mit einer Schere nach seiner Schwester und verletzte sie. Neuhaus setzte durch, dass ein Kinderhort eingerichtet wurde.

Angesichts der Widrigkeiten des Alltags trat das eigentlich Unerträgliche in den Hintergrund: Die deutschen Frauen stellten Munition her, Frauen in anderen Ländern taten das Gleiche, und an der Front töteten sich ihre Männer gegenseitig damit. Immer wieder erwähnte Lina Neuhaus, dass Arbeiterinnen zu ihr kamen, weil ihre Männer gefallen waren. Sie beschrieb dann eher sachlich, wie sie ihnen etwa bei Behördengängen half. Einmal, bei einer Weihnachtsfeier, schien sie nachdenklicher: „Es war eine eigenartige Feier, in dem Raum, wo sonst die Verderben bringenden Geschosse gearbeitet wurden, klangen nun weihnachtliche Lieder und das ,Friede auf Erden‘.“

Etwa seit 1900 stellten Firmen Fabrikpflegerinnen ein, darunter Bayer, Krupp und Siemens. Die Frauen sollten dafür sorgen, dass die Arbeiterinnen reibungslos produzierten. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs wurden in Deutschland etwa 700 Fabrikpflegerinnen beschäftigt.

Ihr Handlungsspielraum sei gering gewesen, schreibt Ute Daniel, Historikerin an der Technischen Universität Braunschweig, in ihrem Buch „Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft: Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg“. Die Gewerkschaften hätten die Fabrikpflegerinnen abgelehnt, „wegen der engen Verbindung zur Unternehmensleitung“ und „wegen des klassenpolitischen Beigeschmacks der Institution – die eingestellten Frauen stammten fast durchweg aus (klein-)bürgerlichen Kreisen“.

Lina Neuhaus konnte einigen Frauen die Arbeit ein wenig erleichtern, im Pikrinraum erreichte sie jedoch nicht viel. An den Anblick schien sie sich zu gewöhnen, später schrieb sie mütterlich über „meine Gelben“. Immerhin setzte sie durch, dass die Frauen Mützen bekamen. Und Handschuhe, wegen der Pausenbrote. ---