Social Media

Wenn Gerüchte viral gehen

In der Corona-Krise offenbart sich das Problem der gezielten Desinformation in der digitalen Öffentlichkeit.





• Geschiebe und Gedränge. Hunderte Menschen, dicht an dicht vor einer Aldi-Filiale. Das Video hat auf Facebook und TikTok Hunderttausende Zuschauer erreicht. Im Begleittext heißt es: „Heute in Herten NRW #corona“. Der kurze Film suggeriert, dass die Menschen Hamsterkäufe tätigen. Eine Lüge.

Es kursieren unzählige auf den Social-Media-Plattformen: Manche fabulieren von angeblicher Alternativmedizin wie etwa Bleichmittel, das man trinken soll, um das Virus abzutöten, oder Essig, der, in die Nasenlöcher eingeführt, eine Ansteckung vermeiden könne. Alles Unsinn. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), erklärte schon Mitte Februar, dass die Welt nicht nur die Epidemie, sondern auch die Infodemie bekämpfen müsse. Mit eigenen Posts stemmt sich die WHO gegen die Flut an Falschinformationen. Eines ihrer TikTok-Videos wurde mehr als 30 Millionen Mal geklickt – was die Bedeutung von Social Media als Informationsquelle deutlich macht.

Die weite Verbreitung gezielter Falschinformationen setzt die Plattform-Betreiber unter Druck. Besonders Mark Zuckerberg steht in der Kritik, seit Facebook 2016 rund um die US-Präsidentenwahl für groß angelegte Kampagnen aus Russland missbraucht wurde. Lange hat er die Verantwortung für die Verbreitung von Lügen und Hassreden abgelehnt. Das ist jetzt anders. Anfang März kündigte er an, keine falschen Informationen und Ver- schwörungstheorien über das Coronavirus zuzulassen. Zusätzlich bekomme die WHO bei Facebook so viel kostenlosen Anzeigenplatz wie benötigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass das soziale Netz gegen Desinformation vorgeht. Im September 2018 hatte sich der Konzern ebenso wie andere Plattform-Betreiber einen Verhaltenskodex als Selbstverpflichtung auferlegt. Es wurde vereinbart, dass enttarnte Fake Accounts zügig entfernt und jenen, die bewusst Lügen verbreiten, die Werbeeinnahmen entzogen werden sollen.

Für deren Identifizierung beauftragt Facebook seit ein paar Jahren externe Faktenprüfer. In Deutschland konnte es dafür das stiftungsfinanzierte Recherche-Netz Correctiv sowie die Nachrichtenagentur DPA gewinnen. Beide Namen stehen für Seriosität. Facebook müht sich, um im Kampf gegen Falschinformationen engagiert zu wirken. Selbstregulierung aber konnte das Problem bislang nicht eindämmen, geschweige denn lösen.

Bei der DPA überprüfen gerade mal acht, bei Correctiv nur vier Journalisten die Posts von Facebook- und Instagram-Mitgliedern. Sie fanden unter anderem heraus, dass der Ansturm auf die Aldi-Filiale nichts mit dem Coronavirus zu tun hat. Die Menschen hatten es auf einen billigen Laptop abgesehen, und zwar im Jahr 2011. In solchen Fällen reduziert Facebook die Reichweite und Sichtbarkeit des Posts. Die Correctiv-Mitarbeiterin Alice Echtermann bestätigt: „Wenn wir einen Post auf Facebook als falsch eingestuft haben, wird er meist nicht weiter verbreitet oder zumindest langsamer.“

Dass den Faktenprüfern nur ein Bruchteil der Lügenstorys auffällt, dürfte angesichts der Masse an Posts klar sein. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat zudem einen negativen Effekt des Fakten-Checks ausgemacht. Viele Menschen vertrauen – völlig zu Unrecht – den nicht als falsch gebrandmarkten Posts.

Zu einem großen Teil der kursierenden Lügenstorys haben die Faktenprüfer zudem keinen Zugang: Menschen kommunizieren zunehmend in geschlossenen Gruppen, etwa auf Facebook oder Whatsapp. Sie freuten sich immer sehr, wenn von Lesern Hinweise auf Desinformation kämen, sagt die Correctiv-Journalistin. „Wir schicken unseren Fakten-Check den Personen, die uns kontaktiert haben, in der Regel als Link zu – natürlich in der Hoffnung, dass sie den Artikel auch an ihre Whatsapp-Kontakte weitergeben.“

Man darf die Schuld nicht bei Correctiv suchen: Aber nach einer Strategie, die selbstbestimmte Meinungsbildung auf Grundlage vertrauenswürdiger Informationen in der digitalen Öffentlichkeit zu fördern, klingt das nicht. ---

Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.