Parfumdreams

Viele Gründer arbeiten von Anfang an auf eines hin: den Exit. Anders Kai Renchen, Inhaber des Onlineshops Parfumdreams – das Übernahme-Angebot von Douglas kam für ihn überraschend. Und er will auch nicht von seiner Firma lassen.




• Kai Renchen hat einen schönen Heimweg. Von Pfedelbach führt die Landstraße durch freundliches Hügelland, bis zum Horizont sieht der 36-Jährige Felder, Wälder und Wiesen. Staus gibt es hier nicht. Nach einem Kilometer kommt ein Kreisverkehr, dann ist er auch schon in Öhringen. In diesem Städtchen im Nordosten Baden-Württembergs wohnt der Geschäftsführer der Online-Parfümerie Parfumdreams. Wenn es schlecht läuft, braucht er eine Viertelstunde bis nach Hause.

Vor zwei Jahren war der Weg häufiger zu kurz: „Ein paarmal bin ich am Kreisverkehr eine Extrarunde gefahren“, sagt Renchen. Er brauchte Zeit, um Gedanken und Gefühle zu sortieren. Douglas wollte seine Familienfirma übernehmen: „Die Nummer eins, an der wir uns seit mehr als 20 Jahren orientiert haben, hat Interesse an uns – das musste ich erst mal sacken lassen.“

Seine Mutter hatte 1995 in der Fußgängerzone von Öhringen die Parfümerie Akzente eröffnet. Daraus wurde eine kleine Kette mit 26 Filialen, die nördlichste liegt auf Sylt. Kai Renchen, der älteste Sohn, studierte Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg. 2004 gründete er den Onlineshop Parfumdreams. Der entwickelte sich zur Nummer fünf auf dem deutschen Markt und geriet irgendwann ins Visier von Douglas.

Mit der Neuerwerbung wollte Douglas seine Marktstellung gegen schnell wachsende Onliner wie Notino oder Flaconi verteidigen. Und das Interesse war groß genug, um ein Angebot für 80 Prozent der gesamten Akzente GmbH zu machen. Im August 2018 war alles ausgehandelt, und die Mehrheit für 52 Millionen Euro verkauft. Im vergangenen Jahr folgte eine weitere Akquisition: Douglas übernahm 51 Prozent an Niche Beauty, einem Online-Shop für exklusive Kosmetik.


Gelegen in der prosperierenden Provinz: die Firmenzentrale in Pfedelbach (oben). Kai Renchen mit dem neuen Rollband (Fotos linke Seite). Und ein Produkt der Eigenmarke „Glamfume“

Der Hauptsitz der Parfümerie Akzente befindet sich in einem kleinen Industriegebiet in Pfedelbach, Ortsteil Windischenbach. Vor fünf Jahren kauften die Renchens das Gebäude eines Metall verarbeitenden Betriebs. Seitdem haben sie mehrmals angebaut. Heute lagern auf verschiedenen Etagen mehr als 40.000 Artikel für den Onlineshop und die Parfümerien. 230 Menschen arbeiten hier, insgesamt hat die Firma 450 Mitarbeiter. Vor dem Eingang steht ein stilisiertes a aus schwarz poliertem Granit.

Kai Renchen trägt ein dunkles Slimfit-Sakko, weißes T-Shirt und schwarze Sneakers. Wenn er überlegt, legt er den Kopf zur Seite. Gern benutzt er das Wort „bodenständig“, um sich und seine Familie zu beschreiben. Er ist das älteste von drei Kindern. Als Schüler hat er Zeitungen ausgetragen und bei McDonald’s gejobbt. Vom Konfirmandengeld hat er sich die Teile gekauft, aus denen er seinen eigenen Computer baute. Wenn er im Gymnasium Mittagspause hatte, ging er in die Parfümerie seiner Mutter und kümmerte sich um die IT, das war sein Reich.

Als das Unternehmen wuchs, stieg die ganze Familie ein: Der Vater machte den Einkauf, der Bruder kümmerte sich um die angeschlossenen Friseursalons, die Schwester schuf eine eigene, Glamfume genannte Duftlinie. „Wir konnten machen, was wir wollten“, sagt Kai Renchen. Er besetzte die entscheidenden Positionen seines Start-ups mit langjährigen Vertrauten: Alexander Neutz kümmerte sich um das Personal, Timo Ziegerer um die IT, Daniel Lang um das Marketing.

Die Geschäftsführung teilte er sich mit seinen Eltern. „Egal wie stressig das Weihnachtsgeschäft war – an Heiligabend haben wir immer gemeinsam bei den Eltern gefeiert, das kenne ich nicht anders“, sagt er. „Als das Angebot von Douglas kam, waren die Beratungen in der Familie für mich am wichtigsten. Letztlich ging es um eine Frage: Wollen wir ein innovatives, erfolgreiches Unternehmen verkaufen – ja oder nein?“

Die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt Ende 50. Der Sohn sagt: „Wenn sie jetzt nicht abgesprungen wären – wann dann? Aber ich habe ihnen die Entscheidung nicht abgenommen. Und ich habe sie hinterher nicht gefragt, ob sie schwer war.“ Im August 2018 schieden die Eltern aus der Geschäftsführung aus. Die Geschwister behielten ihre Funktionen. Und Kai Renchen blieb Geschäftsführer, bekam allerdings eine Co-Chefin aus Düsseldorf an seine Seite: Vanessa Stützle. Sie ist bei Douglas mit mehr als hundert Mitarbeitern für das digitale Geschäft verantwortlich. Stützle ist fünf Jahre älter als Renchen. Sie sieht ihn als Partner, mit dem sie sich produktiv austauschen kann: „Wir waren schnell per Du“, sagt sie. „Die Leidenschaft für E-Commerce und digitale Themen vereint uns. Nach einem Meeting gehen wir oft gemeinsam essen.“

Über den Sinn der Übernahme für ihren Arbeitgeber sagt sie: „Durch den Kauf von Parfumdreams haben wir die Nummer-eins-Position im Onlinehandel deutlich ausgebaut und neue Zielgruppen dazugewonnen. Außerdem konnten wir unser Sortiment erweitern – Parfumdreams hat zum Beispiel ein sehr umfassendes Angebot für Haarpflege, das unser Portfolio ideal ergänzt.“

Während der Übernahmeverhandlungen hielt sich Renchen eisern an die Verschwiegenheitspflicht. Als der Vertrag unterzeichnet war, bat er die Mitarbeiter in den Aufenthaltsraum: „Das war schon eine Überraschung für die Leute. Sie haben gefragt: warum?“

Bei Akzente gibt es keinen Betriebsrat. „Wir haben dort ein paar Einzelmitglieder“, sagt Katharina Kaupp, die Bezirksgeschäftsführerin von Verdi, „aber von denen kam beim Betriebsübergang keine Bitte um Unterstützung.“


So viele Düfte: Das Geschäft mit Parfüms floriert – besonders online

Nach der Übernahme durch Douglas war die Fluktuation gering. Keiner von Renchens Vertrauten aus der Kernmannschaft hat gekündigt. Er sagt: „So erfolgreich wie wir kann man nur sein, wenn die Mitarbeiter sich wohlfühlen.“ Nach wie vor bekommen sie 13 Monatsgehälter. Von den Büros im Obergeschoss haben sie Zugang zu einer großzügigen Freiluft-Lounge, die auf dem Dach des Lagers angelegt wurde. Neben großen Sonnenschirmen weht Wollgras im Wind, der Blick schweift über die Hohenloher Hügel. Für solche Annehmlichkeiten gibt es auch gute betriebswirtschaftliche Gründe: Pfedelbach liegt zwar in der Provinz, aber in einer prosperierenden. Ringsum gibt es viele gut bezahlte Jobs, etwa beim Schraubenkonzern Würth.

Den Kommissionierern brachte der Einstieg des Groß-konzerns eine Verbesserung: Ein Rollband wurde angeschafft. Es rattert den ganzen Tag, transportiert Parfümpackungen, Cremes und Lippenstifte durch die Hallen zu den Plätzen, wo die Päckchen für Onlinekunden in 14 Ländern gepackt werden. Wie viel das Rollband gekostet hat, verrät Renchen nicht. Er ist überhaupt zugeknöpft, wenn es um Zahlen geht. Zur Übernahme verrät er nur so viel: „Meine Eltern und ich haben ein Payout bekommen für das, was wir geleistet haben.“ Und sein neuer Geschäftsführervertrag sei nicht wesentlich besser als sein vorheriger.

Vor ungebetenen Ratgebern bewahrt die Zurückhaltung nicht: Im Jahr 2017 machte das Familienunternehmen Akzente einen Umsatz von 75 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2018 / 2019 trug es zum Umsatz von Douglas bei, der lag bei 3,5 Milliarden Euro. Klar war: Die Renchens haben jetzt viel Geld. Deshalb bekam Kai Renchen viele lästige Anrufe. „Mindestens 20 in einer Woche. Jeder wollte mir ein Investment anbieten. Aber die können doch gar nicht alle gut sein.“

Eine moderne Kaligrafie schmückt den Besprechungsraum, ein Motto im Großformat: „Be humble“ – sei demütig. Auch mit einem Konzern im Rücken will Renchen der schwäbische Familienunternehmer bleiben. Durch den Kreisverkehr fährt er noch immer mit seinem Audi A 6 – „das ist ein regionales Produkt, wird in Neckarsulm hergestellt“. Landesuntypisch hat er kein Haus gebaut, sondern wohnt weiterhin zur Miete. Und verspricht: „An meinem Lifestyle wird sich nichts ändern.“

Über weitergehende Pläne für seine Firma will Renchen nicht reden. Die Preise von Douglas im digitalen Geschäft gehören nicht zu den niedrigsten. Branchenkenner vermuten, dass der Konzern Parfumdreams auch gekauft hat, um der aggressiven Konkurrenz im Netz etwas entgegenzusetzen. Renchen sagt: „Wir werden nicht das Billig-Label des Konzerns auf dem Onlinemarkt. Wer nur die Preise senkt, denkt kurzfristig. Wir sprechen eine andere Zielgruppe an als Douglas. Die richtige zu finden – das ist Kunst, das ist Magie.“


Der Bodenständige: Kai Renchen


Dieses Fließband transportiert Kartons hoch in das Warenlager

Nach der Übernahme hat Douglas in Pfedelbach das Controlling eingeführt. „Das wurde bei uns widerstandslos angenommen, weil alle die Notwendigkeit eingesehen haben“, sagt Renchen. „Düsseldorf arbeitet hier extrem datenaffin, und das hilft mir. Wenn ich entscheiden muss, welches Produkt in die Werbung kommt, habe ich jetzt viel mehr Fakten als Grundlage und muss weniger Bauchentscheidungen treffen.“

Renchen zeigt sich überhaupt zufrieden mit seinem neuen Mehrheitsgesellschafter: „Mit 80 Prozent könnte Douglas uns alles diktieren. Aber unser Standort wird respektiert. Es ist ungewöhnlich, nach einer Übernahme so viele Freiheiten zu behalten. Wir machen immer noch das, was wir für richtig halten.“ Seine Schwester bringt weiterhin eigene Düfte auf den Markt, ihr neuester heißt White Heaven Beach.

Kai Renchen hat im Jahr nach der Übernahme geheiratet. Für eine Hochzeitsreise fand er noch keine Zeit. Der Unternehmer steht dazu, ein Junge vom Land zu sein. Von der Stammparfümerie in Öhringen sind es nur ein paar Schritte zum gepflasterten Marktplatz mit der spätgotischen Stiftskirche. An das Residenzschloss der Grafen von Hohenlohe schließt sich der 300 Jahre alte Hofgarten an, heute ein öffentlicher Park.

Einmal im Monat muss Renchen nach Düsseldorf. Er genieße die Fahrten zur Zentrale in die Großstadt: „In Düsseldorf lasse ich mir von den Kollegen Lokale empfehlen – unglaublich, diese Auswahl.“ Es könnte sein, dass irgendwann weniger angenehme Themen anstehen und Renchen nicht mehr so schalten und walten kannn, wie er will. Aber darüber zerbricht er sich heute nicht den Kopf, sondern gibt sich optimistisch: „Wenn zwei Internetpioniere sich zusammentun, die beide ihren Job verstehen, geht es weiter mit zweistelligen Zuwachsraten.“ ---


 

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