Pack ma’s!

Weil ihre Mitarbeiter für sie das Wichtigste sind, tun Stefan Frank und Bernhard Kilmarx viel dafür, dass sie bleiben. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Zimmerei.





Bei ihnen kündigt nur sehr selten jemand: Stefan Frank (links) und Bernhard Kilmarx, die beiden Geschäftsführer der Zimmerei Frank

• Stefan Frank hat ein gutes Auge für die Talente seiner Mitarbeiter. Das sieht man an Bernhard Kilmarx, der als Geselle in die Firma kam und inzwischen zweiter Geschäftsführer und Teilhaber ist. Im Büro sitzen sie sich gegenüber, beide in der schwarzen Cordhose der Zimmerer. Frank, 42 Jahre alt, trägt eine schwarze Cordweste über dem roten Pullover, darauf das Logo der Zimmerei Frank.

Der Betrieb hat seinen Sitz in München-Allach, in einer Halle, die Frank von seinem besten Freund mietet, seinem „Spezi“, sagt er auf Bayerisch. Der Mietmarkt der Stadt ist auch für Handwerksbetriebe nicht einfach. Manche können sich nicht erweitern, weil sie keine geeigneten Flächen finden. So gesehen kann Frank sich glücklich schätzen, dass er überhaupt an Räume gekommen ist – auch wenn er die ortsübliche Miete zahlt.

Wer ihn in seiner Zimmerei besuchen will, geht auf der linken Seite durch die Halle, in der Maschinen und Werkzeuge stehen. Vor dem Büro hängt ein Schild mit rotem Pfeil, der auf die Tür zeigt. Es ist ein gemütlicher Raum: viel Holz, die Tische stehen eng beieinander, auf dem Boden ein paar Spuren von Schuhen, die auch auf Baustellen unterwegs sind.

Stefan Frank gründete seine Zimmerei im November 2004. Heute hat sie neben den beiden Chefs 32 Mitarbeiter und setzt im Jahr 6,5 Millionen Euro um. Das gelang, weil der Unternehmer vieles anders macht als seine Konkurrenten. So hat er sich einen Namen gemacht.

Im Stadtgebiet von München gibt es nach Angaben der Handwerkskammer für München und Oberbayern 40 Zimmereien, dazu zählen auch Einpersonenbetriebe. Vor 20 Jahren waren es noch um die 60. Es gebe immer weniger, dafür würden sie größer, sagt Günther Hartmann, Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesinnungsverband des Bayerischen Zimmererhandwerks. In der Regel hätten die Firmen in München etwa fünf bis sieben Mitarbeiter – die Zimmerei Frank zählt zu den größten.

Sie hat sich auf Denkmalschutz spezialisiert. Das sei eine Nische, sagt Hartmann, weil für diese Arbeiten spezielle Kenntnisse nötig seien. Die meisten Zimmereien sanieren Fassaden und Dächer gewöhnlicher Häuser, bauen Dächer aus oder stocken sie auf.

Schon als Kind mochte Stefan Frank Holz und Handwerken. In der sechsten Klasse baute er mit dem Freund, der ihm heute die Halle vermietet, einen Schafstall, ein wenig später half er in den Ferien in der Zimmerei in Allach aus.

Frank machte eine Ausbildung als Zimmerer und legte später die Meisterprüfung ab. Sein eigener Betrieb lebte vor allem von kleineren Aufträgen: Umbauarbeiten, Dachgauben, Pergolas. Er merkte schnell, dass der Markt sehr umkämpft ist und er eigentlich lieber etwas anderes machen würde – alte Stadthäuser sanieren und Kirchen restaurieren.

Im Jahr 2008 war es so weit: Ein befreundeter Architekt fragte ihn, ob er eine Kirche sanieren wolle, ein 500 000-Euro-Projekt. Sein Betrieb hatte zu dem Zeitpunkt schon acht Mitarbeiter, trotzdem dachte Frank: „Oje, wie soll ich denn das machen?“ Der Auftrag war zu groß für ihn. Er sprach mit seinem ehemaligen Lehrmeister, zu dem er noch guten Kontakt hatte – und beide entschieden, sich zusammenzutun. Sie bildeten mit ihren Zimmereien eine Arbeitsgemeinschaft, um das Projekt umzusetzen.

Den Gewinn investierte Frank in seine Firma. Die Autos, die im Hof stehen, sind nicht geleast, sondern gekauft. Als er 2011 den ersten Kran anschaffte, wusste er nicht, ob er ihn würde auslasten können. Heute hat seine Firma sechs Kräne. Der billigste kostete 100 000 Euro, der teuerste 350 000.

Stefan Frank nahm anfangs einen Kredit über 25 000 Euro auf, seitdem tut er das nur noch, um größere Anschaffungen wie die Baukräne zu finanzieren. Außerdem hat er ein Festgeldkonto für schlechte Zeiten angelegt. Mit dem Geld könnte er ein halbes Jahr lang Löhne zahlen und den Betrieb am Laufen halten.


Auf dem Gut Freiham im Westen der Stadt sanieren die Zimmerer mehrere Gebäude


Florian Platzer wollte weg aus München, aber weil er den Job so mag, ist er immer noch da

Der Aufsteiger

In den ersten Jahren arbeitete Stefan Frank selbst auf den Baustellen mit und kümmerte sich abends ums Büro. Seine Frau schrieb die Angebote und die Rechnungen. Als sie einen Unfall hatte und für längere Zeit in eine Reha-Klinik musste, begann er sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was wäre, wenn er einmal ausfiele. Schließlich lief bei ihm alles zusammen.

Ein Unternehmens-Coach riet ihm, noch jemanden in die Geschäftsführung zu holen. Frank sagt: „Erst mal habe ich gedacht: Was ist denn das für ein Schmarrn?“ Dann habe er ernsthaft darüber nachgedacht und schließlich gewusst, wer das Zeug dazu haben könnte: Bernhard Kilmarx.

Der war 2010 als Geselle in seine Firma gekommen und schnell zum Vorarbeiter aufgestiegen. Nach zwei Jahren entschied er sich, auf die Meisterschule zu gehen. 2018 machte Frank ihn zum zweiten Geschäftsführer. „Der Berni brennt genauso für das, was wir gemeinsam machen wollen“, sagt Frank. „Und er kann gut verkaufen.“

Er war überzeugt, dass der zehn Jahre jüngere Kilmarx alle Fähigkeiten hatte, um den Betrieb zu führen. Trotzdem war es für ihn eine große Umstellung, nicht mehr alle Entscheidungen allein zu treffen. „Am ersten Tag hatte ich Angst, dass der Stefan mir keine Arbeit abgibt und ich blöd auf meinem Stuhl rumhocke“, sagt Bernhard Kilmarx. „Doch die Angst war nach zwei Minuten vorbei. Dann hatte ich Arbeit, und das ist bis heute nicht anders.“

Beide verstehen sich als gleichberechtigte Inhaber des Betriebs. „Wir ergänzen uns und sind trotzdem zwei eigenständige Chefs“, sagt Kilmarx. Frank wusste, dass er ihm genug Freiheiten geben und Verantwortung übertragen musste. „Wenn du einen Guten nicht auch selbst machen lässt, dann geht er irgendwann und macht sich doch selbstständig.“

Viele Handwerksbetriebe finden keine Nachfolger oder können nicht wachsen, weil die Inhaber wichtige Entscheidungen zu lange allein treffen wollen. Als Stefan Frank entschied, Bernhard Kilmarx in die Geschäftsführung zu holen, hatte sein Betrieb bereits eine Größe erreicht, die er allein nicht mehr bewäl-tigen konnte. Zu zweit können sie nun größere Aufträge annehmen und die Umsätze steigern.

Die Zimmerei Frank beteiligte sich in München an der Sanierung der Theatinerkirche, setzte den Dachstuhl der Frauenkirche instand, restaurierte den der Kirche St. Michael. Parallel stockten die Handwerker Dächer auf, bauten Dachgeschosse aus und waren auf einem denkmalgeschützten Bauernhof tätig.

Gerade arbeiten sie auf dem Gut Freiham, ein Hof aus dem Mittelalter im Westen von München. Hier sanieren sie unter anderem den ehemaligen Hühnerstall, das Dach der Kutschenhalle und das der Fassmanufaktur. Den Kran sieht man schon von Weitem. Ein Mann schiebt ein Stück Bauzaun zur Seite, um einen hereinzulassen. „Ich bin der Platzer Flori.“ Es ist kalt und windig, er trägt eine Mütze. In einer Seitentasche seiner Zimmererhose steckt ein Zollstock, auf seiner Jacke ist das Logo der Zimmerei Frank aufgenäht. Sie stellt ihren Mitarbeitern die Arbeitskleidung zur Verfügung.

Nachdem Florian Platzer vor vielen Jahren die Meisterschule abgeschlossen hatte, saß er mit einem Freund im VW-Bus. Sie fuhren Richtung Heimat, die Möbel ihrer Wohnung hintendrin, bloß weg aus München. Platzer wollte auf dem Land als Zimmerer arbeiten. Dann aber bekam er ein Angebot bei Frank, und so kehrte er wieder in die Stadt zurück.

Inzwischen arbeitet Platzer dort seit 14 Jahren. Er ist geblieben, weil er sich wohlfühlt und ihm die Aufträge Spaß machen. Er hat die Arbeiten an der Frauenkirche geleitet. Was ihn da besonders freute: Der Baumeister, der ihre Errichtung vor mehr als 500 Jahren verantwortete, kam aus dem oberbayerischen Halsbach, so wie er.

„Was mich auch bei der Zimmerei Frank gehalten hat, ist die Möglichkeit der Weiterbildung“, sagt er. Platzer hat sich zum Restaurator im Zimmererhandwerk fortgebildet. Für seinen Arbeitgeber war das eine große Investition: Er zahlte die Kursgebühren und den Lohn eines Mitarbeiters, der nicht arbeitete. Aber dafür weiß Florian Platzer jetzt, wie er Proben nehmen kann, die sein Arbeitgeber an ein Labor schickt, um das Alter eines Holzstücks zu bestimmen. Oder wie er mit einem Bohrwiderstandsmessgerät feststellen kann, ob ein Balken von innen fault. Wenn Kunden die Zimmerei mit diesen Messungen beauftragen, hat das Unternehmen nun schon einen Fuß in der Tür, wenn der Auftrag für die Restaurierung vergeben wird. Es lohnt sich.

Die Fortbildungen der Mitarbeiter sind Teil eines größeren Plans. Es solle mehr Spezialisten im Team geben, sagt Kilmarx. Handwerker mit viel Know-how, vor allem wenn es um Denkmalschutz gehe. „Die einen Dachstuhl anschauen und aus Erfahrung wissen, was fehlen könnte.“

Stefan Frank sagt, es sei nicht leicht, gute Leute zu finden. Deshalb bildet die Zimmerei selbst aus, drei junge Menschen pro Jahr. Es gebe zum Glück genügend Bewerber, sagt er. „München hat 1,5 Millionen Einwohner. Davon wollen auch ein paar Zimmerer werden. Und so viele Zimmereien gibt’s nimmer.“ Was allerdings fehlt, sind weibliche Bewerber. Er würde sich über mehr Frauen in seiner Firma freuen. Bis auf seine Assistentin und seine Frau, die ein paar Aufgaben übernimmt, arbeiten bei ihm nur Männer. Aber es gebe nur wenige Frauen, die sich für den Beruf entscheiden, sagt er.

Die Zukunft

Damit die Zimmerei von ihren gut ausgebildeten Mitarbeitern profitieren kann, ist es wichtig, dass sie bleiben. Deshalb geben die beiden Chefs einiges Geld dafür aus, dass ihre Angestellten sich weiterentwickeln und an interessanten Projekten arbeiten können. Sie werden ernst genommen, können beispielsweise bei der Anschaffung neuen Werkzeugs mitbestimmen. „Wenn die Mitarbeiter neue Maschinen brauchen, dann suchen sie sie selbst aus“, sagt Frank. „Die müssen ja mit dem Ding arbeiten.“

Auch viele Zusatzleistungen – wie Tablets für die Bauleiter und Vorarbeiter, kostenlose Getränke oder der Kindergarten-Zuschuss – wurden auf Initiative der Mitarbeiter eingeführt.

Florian Platzer beschreibt Stefan Frank als sympathischen und ehrgeizigen Chef. „Freilich haben wir uns auch mal vom Dach zum Gerüst runter angeplärrt, so dass es halb Minga mitgekriegt hat“, sagt er. „Aber danach steht man zusammen in der Werkstatt und verträgt sich wieder.“

All das führt dazu, dass die Fluktuation der Mitarbeiter gering ist. „Pro Jahr geht maximal einer“, sagt Bernhard Kilmarx. Das geschehe nie aus Unzufriedenheit, sondern weil jemand umziehe oder studieren wolle.

Die Mitarbeiter seien das Wichtigste. Doch nur die Leute im Unternehmen zu halten reiche nicht aus, sagt Frank. „Wir müssen auch technisch vorne dran sein, damit wir überhaupt Aufträge bekommen.“ Vor etwa vier Jahren hat die Zimmerei daher ein Team geschaffen, in dem zwei Mitarbeiter die Baustellen am Computer vorplanen. Das Ausmessen der Gebäude geschieht mit einem 3D-Laser, den die Firma kürzlich angeschafft hat.

Frank und Kilmarx lassen es auf sich zukommen, wie groß ihr Betrieb noch werden kann. Sich Umsatzziele zu stecken finden sie seltsam. Wenn die Kunden ihnen größere Aufträge geben, dann stellen sie mehr Mitarbeiter ein – nicht umgekehrt.

Bis sie einen Nachfolger für ihre Zimmerei brauchen, dauert es zwar noch, aber sie machen sich darüber schon Gedanken. „Die richtigen Leute kommen nicht, wenn man sie braucht“, sagt Stefan Frank, „sondern dann, wenn sie da sind.“ Die beiden Chefs haben schon jemanden aus ihrem Team im Auge, der der dritte Geschäftsführer und ein möglicher Nachfolger sein könnte. ---