Editorial

Nur Mut!

• Nein, es geht hier nicht um das Corona-Virus. Es geht um unübersichtliche Situationen – und die gab es lange, bevor Corona das öffentliche Leben lahmlegte und Freiberufler wie Unternehmer in Existenznot stürzte.

Foto: André Hemstedt & Tine Reimer


Schon im Dezember, als wir uns auf das ursprüngliche Schwerpunktthema „Sparen oder investieren?“ einigten, fühlte es sich an, als stapfte man mit schweren Schuhen durch fließenden Sand, und jeder ahnte, der Jahreswechsel würde daran nichts ändern. Die Zeiten sind ungewiss, nicht nur für den, der Autos oder Windräder baut.

Das zeigt sich am Investitionsstau der öffentlichen Hand ebenso wie an der hohen Sparquote oder den Aktienrückkäufen der Konzerne: Wer investiert, hat Vertrauen in die Zukunft, wo das abhanden gekommen ist, hält man sein Geld lieber zusammen (S. 34, 56, 60, 82).

Gründe für die Unsicherheit gibt es genug. Klimawandel, Digitalisierung, Wirtschaftskonflikte, Bürgerkriege und nun auch noch eine Pandemie. Wie soll man auf solch schwankendem Boden die Balance halten? Welches Kapital einsetzen? Und wofür?

Zum Beispiel für sich selbst. Gerade wenn das Tempo durch äußere Umstände gedrosselt wird, könnte Zeit bleiben, eigene Ziele zu überdenken und etwas dafür zu tun: Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die in die eigene Zukunft investieren, aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln. Johannes Kleske zum Beispiel hat seinen Master in Zukunftsforschung gemacht und dabei nicht nur für sich selbst gelernt (S. 70, 46).

Die Situation ist aber auch durchaus geeignet, ein paar Grundsätze zu überdenken. Haben wir, als die Konjunktur noch brummte und Corona nur ein Bier war, wirklich genug getan, um Lust auf Zukunft zu wecken? Der einstige Investmentbanker und heutige Professor Christian Kreiß hat da Zweifel. Mit dem Prinzip der Gewinnmaximierung, so seine These, wurde es salon- fähig, an Mitarbeitern, Umweltschutz und Produkten zu sparen. Die Entwicklung bei Boeing könnte ein Beleg für seine These sein. Und warum hat Deutschland zwar einen der größten Sozialetats – aber Finnland weit weniger Obdachlose auf der Straße (S. 84, 42, 110)?

Man muss etwas wollen, etwas können – und dann machen. So schlicht ist die Formel, die zu jeder Zeit und in jeder Krise gilt. Das weiß die Belegschaft des insolventen Spezialisten für Fotochemie ebenso wie der Zimmerermeister Stefan Frank, der seine Zukunft im Denkmalschutz sah und dafür konsequent in seine inzwischen 32 Mitarbeiter investierte. Und selbst wenn man wie die evangelische Stiftung ESPS über weitläufigen Besitz verfügt und auf Gott- vertrauen setzen könnte: Besser ist es, wenn man es nicht dabei belässt (S. 94, 64, 50).

Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Es ist noch nicht einmal klar, was Corona angerichtet haben wird, wenn diese Ausgabe am Kiosk liegt. Aber Panik ist darauf so wenig eine Antwort wie Resignation. Gerade wenn es schwierig wird, muss man sich Ziele setzen und dafür etwas tun – allein, gemeinsam oder als Gemeinwesen: Dass staatliche Investitionen die Wirtschaft nicht voranbringen, ist zum Beispiel auch eines jener Vorurteile, die zu überdenken sind (S. 78).

Also lassen Sie uns die Zeit nutzen, Pläne machen und revidieren, wenn es notwendig ist: Die brandeins-Zukunftskonferenz jedenfalls bleibt vorerst auf dem Plan (S. 87). Und beim Schwerpunktthema haben wir uns eindeutig fürs Investieren entschieden. ---

Gabriele Fischer, Chefredakteurin

gabriele_fischer@brandeins.de

Redaktion brand eins, Friesenweg 4 (Haus 1 – 3), 22763 Hamburg

Titelbild: Octavi Serra