Immer schön ruhig bleiben

Der deutsche Atomfonds ist der erste deutsche Staatsfonds. Seine Vorstandsvorsitzende Anja Mikus hat ein großes Ziel: aus 24 mehr als 130 Milliarden Euro zu machen.





Anja Mikus, 61,
begann ihre berufliche Laufbahn als Diplomkauffrau in der Finanzierung und Buchhaltung. 1988 ging sie zur Allianz, wo sie zur Leiterin des Portfolio- managements und später zur Geschäftsführerin aufstieg. Im Jahr 2000 wechselte sie in die Geschäftsführung bei Allianz Pimco Asset Management und kurz darauf zu Union Investment, wo sie das Portfoliomanagement verantwortete. Seit 2015 ist sie Aufsichtsrätin der Commerzbank und setzt sich bei der Initiative „Fondsfrauen“ für die Förderung von Frauen in der Investmentfondsbranche ein.

• Am 3. Juli 2017 geschieht, worauf Anja Mikus und ihre beiden Vorstandskollegen gewartet haben: Auf den Konten, die sie verwalten, gehen 24,1 Milliarden Euro ein. Das Geld haben 25 Betreiber von Atomkraftwerken in Deutschland überwiesen. In den nächsten Jahren werden die Anlagen abgeschaltet, der atomare Müll kommt in Zwischen- und Endlager. Für diesen Zweck ist die Summe gedacht. Sie ist groß, aber zu klein, um alle Kosten zu decken. Die Aufgabe von Anja Mikus, der Vorstandsvorsitzenden des Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo), ist daher, aus den gut 24 Milliarden Euro in den kommenden 80 Jahren mindestens 132 Milliarden zu machen. Das sind die Kosten, die Experten erwarten. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, ist aktuell eine jährliche Rendite von durchschnittlich etwa 3,5 Prozent nötig.

Mikus arbeitet seit mehr als 30 Jahren in der Finanzbranche und leitet mit diesem Job ein bisher einmaliges Experiment. Denn der Atomfonds ist Deutschlands erster Staatsfonds.

Timm Bönke, Professor an der Freien Universität Berlin, beschäftigt sich seit Jahren mit Staatsfonds. Er befürwortet das Instrument, wenn es kommende Generationen entlastet. „Das ist beim Atomfonds sehr gut umgesetzt“, sagt er. Wichtig sei darüber hinaus: Gibt es parlamentarische Kontrolle? Ist das Geld zweck- gebunden? Kann der Fonds von der aktuellen Politik unabhängig agieren?

Der Atomfonds ist eine Stiftung: Alltägliches entscheidet der Vorstand, die große Linie legt das Kuratorium fest, das je zur Hälfte aus Vertretern der Bundesregierung und Bundestagsmitgliedern besteht. Aktuell hat das Kuratorium 18 Mitglieder, die einfache Mehrheit bestimmt.

Die bedeutsamste Entscheidung war, dass die Regierung Mikus und andere hochrangige Experten aus der Privatwirtschaft engagierte, um den Fonds zu managen. Profis mit reichlich Erfahrung in der Finanzwelt. „Ein so großes Vermögen kann man nicht ohne Fachkenntnisse investieren“, sagt Mikus.

Am Anfang sei die Arbeit wie in einem Start-up gewesen, sagt die 64-Jährige. Man habe Mitarbeiter eingestellt, Konten eröffnet, Büromaterial gekauft. Und sei auf ungewohnte Schwierigkeiten gestoßen – zum Beispiel beim Versuch, die 24 Milliarden Euro weiterzuleiten. „Beim Ausfüllen des Überweisungsträgers haben wir gemerkt, dass der Platz für einen Milliardenbetrag mit Nachkommastellen nicht ausreicht.“ Also überwiesen sie das Geld schrittweise.

Zurzeit haben Mikus und ihr Team rund 50 Prozent des Geldes angelegt, zu zwei Dritteln in risikoreicheren Anlagen wie Aktien, Hochzins- oder Unternehmensanleihen, zu einem Drittel in risikoarmen wie Pfandbriefen oder Staatsanleihen. Das ist die Strategie. Laut den Berechnungen stehen die Chancen gut, die 24 Milliarden Euro so mehr als zu verfünffachen. Aber Gewissheit habe man als Investor nie, sagt Mikus. Man müsse sich auf Einschätzungen verlassen, dass diese oder jene Entscheidung eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Erfolg habe.

Neben Risiko und Rendite achten die Manager des Atomfonds auf die Nachhaltigkeit der Geldanlagen und investieren grundsätzlich nur in die nach ESG-Kriterien besten 75 Prozent einer Branche. ESG steht für Environmental, Social und Governance – Kriterien, die sicherstellen sollen, nicht in „schmutzige“ Firmen zu investieren. Vor Kurzem ist der Fonds der Net Zero Asset Owner Alliance beigetreten, einer internationalen Gruppe institutioneller Anleger, die sich zum Ziel gesetzt hat, die CO2-Emissionen ihrer Anlageportfolios bis zum Jahr 2050 auf netto null zu reduzieren.

Welche Aktien oder Anleihen der Atomfonds hält, entscheiden nicht die Vorstandsmitglieder, sondern 14 hochrangige Vermögensverwalter aus verschiedenen Teilen der Welt. Sie managen zum Beispiel Schwellenländer-Aktien oder Hochzinsanleihen und erhalten vom Kenfo quartalsweise anteilig Geld, das sie gestückelt anlegen.

Die Vermögensverwalter entscheiden selbst, was sie mit dem Geld machen und wie sie die vorgeschriebenen Renditen erzielen. Mikus und ihre beiden Kollegen im Vorstand korrigieren den Kurs, wenn sie es für nötig halten.

Bislang läuft es gut: 2019 erzielte der Atomfonds – mit mittlerweile 24 Mitarbeitern und einem eigenen Büro in Berlin – eine Rendite von 6,5 Prozent und einen Überschuss in Höhe von 576 Millionen Euro. Aber im Gegensatz zu vielen Privatanlegern zählt für den Vorstand nur der langfristige Erfolg. „Wir haben einen klaren Plan“, sagt Anja Mikus.

Das gilt insbesondere für Krisenzeiten. Wenn Aktionärs-Newsletter und Experten vor dem Crash warnen und wegen des Coronavirus weltweit die Kurse fallen, muss Mikus ruhig bleiben. „Über Krisen sollte sich ein Investor vorher Gedanken machen. Die meisten problematischen Anlageentscheidungen werden in Krisen getroffen.“ Etwa weil das eigene Portfolio so aufgebaut sei, dass man plötzlich verkaufen müsse, wenn die Aktien im Keller seien, dann aber verpasse, wieder einzusteigen. Ihre Krisenstrategie besteht darin, nichts zu tun und ruhig zu bleiben.

Was jedoch auch dem ersten deutschen Staatsfonds zu schaffen macht, ist die Nullzinspolitik. Der europäische Leitzins liegt bei 0 Prozent, und auch der amerikanische Leitzins befindet sich auf Talfahrt: Am 3. März 2020 hat ihn die US-Notenbank auf 1,25 Prozent gesenkt. Wenn sich das nicht ändere, so Mikus, fielen perspektivisch die sicheren Staatsanleihen als Anlagesegment weg. „Die werfen einfach keine Rendite mehr ab.“

Verrückt machen lässt sie sich aber nicht, man sei gut auf Kurs, außerdem habe man noch viele Jahre Zeit. „Egal wie es wirtschaftlich läuft“, sagt Mikus, „wir müssen Politik und Öffentlichkeit unser Geschäft und unsere Strategie erklären. Warum wir was machen – und warum das klug ist.“ ---

Wie alles begann
Nach der Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl im April 1986 ist der Reaktorunfall in Fukushima im März 2011 die zweite große Atomkatastrophe. Im selben Jahr beschließt die deutsche Bundesregierung das Ende der Atomkraft. Die Kraftwerksbetreiber sind erzürnt, es beginnt ein Kampf darum, wer wie viel Geld zahlen muss, um den Ausstieg sowie die End- und Zwischenlagerung des Atommülls zu bezahlen. Nach zähen Verhandlungen steht ein Kompromiss. Ein wichtiger Teil der Vereinbarung ist der Staatsfonds.

Ein Staatsfonds entsteht
Ende 2016 wird darauf aufbauend das „Gesetz zur Neuordnung der Verantwortung in der kerntechnischen Entsorgung“ erlassen. Fast alle Kraftwerksbetreiber ziehen ihre noch offenen Klagen zurück, und der Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo) wird am 16. Juni 2017 als öffentlich-rechtliche Stiftung errichtet. Drei Tage später setzt sich das Kuratorium erstmals zusammen, bestellt den dreiköpfigen Vorstand und verabschiedet die Satzung. Am 3. Juli erhält der Fonds auf seinen Konten bei der Bundesbank 24,1 Milliarden Euro von den Betreibern deutscher Atomkraftwerke.