Sirplus

Immer mehr Gründer in Deutschland wollen mit ihren Unternehmen nicht nur Geld verdienen, sondern auch soziale Probleme lösen. Aber wer investiert in solche Vorhaben? Probleme und Lösungen am Beispiel des Berliner Unternehmens Sirplus, das Essen verkauft, das sonst in der Tonne gelandet wäre.





• Social Start-ups sind offensichtlich mehr als ein Trend. Zwar gibt es keine eindeutige Definition, was diese Gründungen von anderen unterscheidet. Doch nach einer Studie des Deutschen Start-up-Monitors haben sich mehr als 40 Prozent der Gründer unter „Social“ eingruppiert. Im Deutschen Social Entrepreneurship Monitor 2019 des Branchenverbands Send gaben 83,5 Prozent der befragten Sozialunternehmer an, dass gesellschaftliche Wirkung für sie wichtiger sei als finanzielle Rendite. Der Frauenanteil in dieser Gruppe liegt übrigens bei 46,7 Prozent, gegenüber 16 Prozent bei gewöhnlichen Start-ups.

Wie aber kommt ein Unternehmen, das ausdrücklich auf den guten Zweck setzt, an Startkapital? Wie überzeugt man Investoren, sich an der Rettung der Welt zu beteiligen?

Die Finanzierung ist ein großes Thema unter Gründern. Branchenübergreifend zeigt die Erhebung: 81 Prozent der Befragten setzen für die Finanzierung in der Frühphase auf eigene Ersparnisse, aber nur 40 Prozent bevorzugen diese Option auch. Während Start-ups im Durchschnitt 14,6 Prozent Wagniskapital bekommen, sind es bei Social Start-ups nur 2,4 Prozent. Business Angels investieren in 23 Prozent der Start-ups, bei den Social Start-ups sind es nur 8,5 Prozent.

Mit dieser Situation mussten auch die Gründer von Sirplus umgehen lernen, einer Firma, die angetreten ist, um die Verschwendung von Lebensmitteln zumindest zu reduzieren. Dazu hat Raphael Fellmer zunächst in Berlin vier Rettermärkte eröffnet, in denen Lebensmittel verkauft werden, die der Handel nicht wollte oder die etwa das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben. Die darf man in Deutschland in bestimmten Grenzen verkaufen, die Lebensmittelqualität muss allerdings regelmäßig geprüft werden. Dennoch fehlt es nicht an zu verkaufendem Gut, und Fellmer ist entschlossen, aus der guten Idee ein großes Unternehmen aufzubauen: Fünf Millionen Tonnen Lebensmittel wollen die Sirplus-Macher in den nächsten zehn Jahren retten, mit Märkten, ihrer Eigenmarke und Onlineshops in 15 Ländern – das ist der Plan. „Das ist gutes Wachstum, Wachstum mit einem positiven Impact. Und dafür brauchen wir Geld“, sagt Fellmer. Nur woher nehmen?


Oben: Gut und günstig – Raphael Fellmer (links) und Mitgründer Martin Schott verkaufen in ihrem Rettermarkt in Berlin-Steglitz Lebensmittel, die anderswo aussortiert werden

Ein Unternehmer aus der Solarbranche versorgte Sirplus mit den ersten 100 000 Euro. Er will anonym bleiben, war aber begeistert vom Potenzial und von der Erfahrung, die Fellmer und seine Kollegen über sieben Jahre mit Foodsharing-Plattformen gesammelt hatten. Dann setzte Fellmer auf Öffentlichkeit und stellte seine Idee in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ vor: Hier schauen jede Woche rund drei Millionen Menschen zu, die Themen schaffen es stets in die »Bild«-Zeitung. Bei den Investoren der Sendung fiel er mit seiner Idee zwar durch, dafür meldeten sich der Business Angel Tim Schumacher, der etwa auch in die ökologische Suchmaschine Ecosia investiert hat, Benjamin Otto aus der Versandhaus-Dynastie und der Juwi-Gründer Matthias Willenbacher. Sie investierten mehr als eine halbe Million Euro, die hauptsächlich in den Ausbau des Onlineshops fließen sollen.

Für Fellmers große Pläne war das noch nicht genug, und so startete er im Vorjahr auch noch eine Crowdfunding-Kampagne. Mehr als 2000 Menschen gaben innerhalb von zehn Wochen insgesamt mehr als 100 000 Euro, mit denen Sirplus auch fit für ein Franchise-Konzept gemacht werden sollte. Beim Crowdfunding geht es um das Unterstützen einer Idee, die den Geldgebern wichtig ist. Inzwischen läuft auf der Plattform Wiwin auch noch eine Crowdinvesting-Kampagne, bei der auch Privatpersonen schon ab 100 Euro investieren können. Etwa 450 000 Euro sind dort in den ersten zwei Monaten zusammengekommen, bis Ende Juni sollen es 900 000 Euro werden. Die Anleger sollen sechs Prozent Zinsen bekommen, die jährlich ausbezahlt werden. Die Anleihen müssen in vier Jahren, also Anfang 2024, zurückgezahlt werden. Das sei natürlich im Businessplan eingearbeitet, versichert Fellmer. Bis heute liegt die Höhe an Darlehen und Investorengeld bei insgesamt 1,7 Millionen Euro.

Das ist ein beachtliches Ergebnis, denn für Wagniskapital und Impact Investing sind die meisten Sozialunternehmen insbesondere in der frühen Phase uninteressant. Aber „es bewegt sich eine Menge“, sagt die Branchenkennerin Katrin Elsemann vom Netzwerk Send. Einige Banken öffneten sich, das Thema Nachhaltigkeit liege gerade im Trend. Im Vergleich zu Frankreich mit seinem milliardenschweren Impact Fonds habe Deutschland aber noch Nachholbedarf. So einen Fonds wünschte sich Elsemann auch für Deutschland.

Man könnte ihn zum Beispiel mit jenen geschätzt gut neun Milliarden Euro ausstatten, die auf den sogenannten nachrichtenlosen Konten liegen, Konten also, die niemandem zugeordnet werden können. Ein Antrag, der die Rahmenbedingungen für Social Entrepreneurship verbessern soll, liegt der Regierungskoalition zur Abstimmung vor.


Der Rettermarkt in Berlin-Steglitz

Für viele Sozialunternehmer fangen in Deutschland die Probleme allerdings schon bei der Rechtsform an. Unternehmen wie Quartiermeister etwa, die „soziale Biermarke“ aus Berlin, die zehn Cent pro Liter an Projekte in der Nachbarschaft spendet, ist ein Hybrid. Eine GmbH kümmert sich ums Unternehmerische, ein Verein um das Engagement. Denn die GmbH darf aus steuerlichen Gründen nicht gemeinnützig sein, ein Verein wiederum keine Gewinne erwirtschaften. Da könnte es die Politik den Sozialunternehmen leichter machen. Vorbilder gibt es, etwa die Community Interest Companies in Großbritannien, die gewinnorientiertes Wirtschaften und zugleich soziale Investitionen ermöglichen. Die Ausgabe an Shareholder ist bei dieser Unternehmensform auf einen bestimmten Prozentsatz der jährlichen Überschüsse begrenzt.

Über Gewinne muss sich Sirplus noch keine Gedanken machen. „Wir zahlen derzeit noch bei jedem Produkt, das wir verkaufen, drauf“, sagt Raphael Fellmer. Die Rettermärkte rentieren sich zwar, auch weil die Vermieter von Sirplus nicht durchweg marktübliche Preise verlangen. Insgesamt sei man aber noch nicht profitabel, sagt Fellmer. Immerhin seien die Momente Vergangenheit, in denen er Zweifel hatte, die nächsten Einkäufe bezahlen zu können. „Wir haben jetzt genügend Kapital von Impact-Investoren bekommen, um bald auf eigenen Füßen stehen zu können.“ Er ist zuversichtlich, dass Sirplus in Zukunft dank des Wachstums die Kosten senken und die Schulden abbezahlen kann und die Gewinne dann in den weiteren Ausbau des Unternehmens fließen. Dabei soll vor allem das Franchise-Konzept helfen.

Ende des Jahres könnte der erste Sirplus-Markt in einer anderen Stadt eröffnen. Weit mehr als 100 Anfragen gab es bereits für eine Franchise-Lizenz. 150 000 Euro, so schätzt Fellmer, müssten die Interessenten investieren. Eine Gebühr geht an Sirplus, dazu eine Umsatzbeteiligung, zudem müssten die Franchise-Nehmer einen Großteil der Waren über die Muttergesellschaft einkaufen. Ziel sei es, so Fellmer, ein in sich stabiles System aufzubauen, das den Partnern auch ermöglicht, Geld zu verdienen – wofür sie es dann einsetzen, bleibt ihnen überlassen. Fellmers Wunsch wäre, dass sie es in neue Rettermärkte investieren. Aber auch hier zeigen sich Parallelen zu klassischen Start-ups: Wer eine Firma schnell groß machen will, kann nicht alle Zügel in der Hand behalten.


„ Das ist gutes Wachstum, Wachstum mit einem positiven Impact. Und dafür brauchen wir Geld. “

Raphael Fellmer muss sich zudem oft die Frage stellen lassen, ob er mit seinem Unternehmen nicht den Tafeln die Lebensmittel für die wirklich Bedürftigen wegnehme, nur damit sich ein paar hippe Berliner gut fühlen können. Und Sirplus ist nicht das einzige Unternehmen, das mit geretteten Lebensmitteln Geschäfte macht: Matsmart aus Schweden will mit einem identischen Geschäftsmodell expandieren und hatte zuletzt in der Heimat einen Jahresumsatz von satten 37 Millionen Euro. Das Geld für die Expansion, zuletzt noch einmal 17 Millionen Euro, hatte Matsmart bei einem Investmentfonds eingesammelt, der unter anderem vom Groß- und Einzelhandelskonzern Metro finanziert wird. Metro spendet bislang jedes Jahr Lebensmittel im Wert mehrerer Millionen an die Tafeln.

Kommt es jetzt also zum Verteilungskampf um die Äpfel mit Schönheitsflecken und den Joghurt mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum? Etwa 125 000 Menschen im Monat nutzen allein in Berlin das Angebot der Tafeln, die in diesem Zeitraum 660 Tonnen Lebensmittel verteilen. Sabine Werth, die Gründerin der Berliner Tafeln, ist verhalten angesichts der neuen Konkurrenz: „Wir verteilen Lebensmittel an Bedürftige, diese Firmen aber verkaufen billig an alle.“ – „Wir sind keine Konkurrenz, wir sind eine Ergänzung“, hält Fellmer dagegen. Die Tafeln hätten immer Vorrang: „Wir retten nur, was die Tafel nicht abholen kann oder möchte“, sagt er. Doch Werth ist nicht überzeugt: „Zu viel gibt es für uns nicht. Wenn die Metro heute eine Tonne Zitronen über hat, dann nehmen wir die auch.“ Für sie funktioniert es nur, wenn sich Tafeln und kommerzielle Lebensmittelretter den Markt aufteilen. Bei einem der Metro-Märkte haben sie jetzt die Vereinbarung getroffen, dass Sirplus diesen nicht mehr anfährt.

Wer ist der bessere Sozialunternehmer, und woran können sich Geldgeber orientieren? Wie eigentlich immer: am Gründer oder dem Gründerteam. Raphael Fellmer macht da durchaus eine gute Figur: Er zahlte sich selbst in den ersten zwei Jahren ein Geschäftsführergehalt auf Mindestlohnniveau aus, mittlerweile hat er sein Gehalt angehoben. Aber seine Tage sind immer noch lang, Mails beantwortet er auch mal mitten in der Nacht, die Ziele bleiben ambitioniert: In diesem Jahr will er den Umsatz von Sirplus auf fünf Millionen Euro verdoppeln. In fünf Jahren sollen es mehr als 140 Millionen Euro Umsatz sein.

Er sagt also genau das, was sich Investoren wünschen. Nur ausgerechnet bei „Die Höhle der Löwen“ fiel er genau wegen solcher Wachstumsfantasien durch.

Aber vielleicht war den Löwen auch einfach nur die Idee einer sozialen Rendite suspekt. Bislang bevorzugen sie als Lohn ihrer Investments: Geld. ---