Was Menschen bewegt

Zwei Frauen, die alles verloren haben, gründen gemeinsam eine Ziegenfarm und versöhnen, wenigstens auf ihrem Hof, den Westen mit dem Osten der Ukraine.




• Es ist ein Morgen Anfang Januar, erstes Tageslicht vertreibt die Nebelschwaden, die über dem schneebedeckten Tal im Südwesten der Ukraine hängen, als Katerina Lisowa eine ihrer Ziegen am Strick aus dem Stall zieht, einen Gang entlangführt und sanft in einen Raum hineindrückt. „Chod sjudi“, sagt sie auf Ukrainisch, „na komm schon.“ Ihr Atem dampft in die kalte Luft.

Nebenan kräht ein Hahn, draußen bellt Marat, der Schäferhund. Lisowa setzt sich auf einen kleinen Hocker, streicht über das Ziegenfell, zupft Heu und Erdklumpen heraus. „Ja, ist ja gut“, sagt sie. Dann wischt sie mit einem Lappen über das Euter, befestigt Plastikschläuche an den beiden Zitzen, die Melkmaschine brummt los, erstickt Hundegebell und Stallgeräusche, bis der Ton irgendwann monoton wird und Milch in gleichmäßigen Schüben, tscht-tscht-tscht, in einen Bottich gepumpt wird.

November 2013: Auf dem Majdan in Kiew beginnen Bürgerproteste. Die Demonstranten fordern die Absetzung des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, weil er offenbar auf Druck Russlands das geplante EU-Assoziierungsabkommen kurzfristig auf Eis gelegt hat. Er flieht im Februar 2014.
März 2014: Russland annektiert die ukrainische Halbinsel Krim.
Seit Februar 2014: Im Osten der Ukraine, in den Gebieten Donezk und Luhansk, kämpfen russische Truppen und pro-russische Milizen gegen ukrainische Truppen und Freiwilligenmilizen.

Als der Fluss schwächer wird, nimmt sie die Schläuche ab und melkt mit den Händen weiter. Jeder Handgriff sitzt, ist fast mechanisch, als hätte Lisowa nie etwas anderes gemacht. Dabei ist die kleine Frau mit den kurzen grauen Haaren und den feinen Händen keine klassische Bäuerin. Ihre erste Ziege hat sie vor vier Jahren gemolken. Da war sie bereits 57 Jahre alt, Mutter, Großmutter, verwitwet, hatte ein Unternehmen gegründet, es wieder verloren, einen Überfall und einen Krieg überlebt.

Dass ihr Leben nun vor allem aus Ziegenfüttern und Melken besteht, das verdankt sie auch Katerina Ilkiw, genannt Katja, ihrer Geschäftspartnerin, die gerade auf der anderen Seite des Gebäudes ihre erste Zigarette raucht und gleich die Suppe für das Mittagessen vorbereiten wird. Jener Frau mit den kräftigen Armen und dem schüchternen Blick, die von Lisowa manchmal „umnitschka“ genannt wird, Russisch für „gutes Mädchen“.

Tuchlia, ein Dorf in den Karpaten, Westukraine, umringt von dunklen Tannenwäldern und weißen Bergspitzen, knapp zwei Stunden Fahrt von Lwiw und nur wenige Kilometer bis zur polnischen Grenze. Ein typisches ukrainisches Bergdorf mit 2000 Einwohnern, bunten Holzhäusern, einer Kirche, einer Dorfdisko und einer ungewissen Zukunft. Mit Menschen, die wegziehen, um in Polen oder Tschechien zu arbeiten, und zwei Frauen, die sich hier gern zu Hause fühlen würden.

Inmitten dieses Dorfes steht ein beleuchtetes Tor mit der Aufschrift „Ziegenfarm Zwei Katerinas. Geöffnet 24/7“, dahinter das Gebäude einer ehemaligen Kolchose, einem sowjetischen Landwirtschaftsbetrieb, der an eine vergangene Zeit erinnert. Seit zwei Jahren leben hier zwei Frauen zusammen mit vierzig Ziegen, vier Schafen, einem Pferd, einigen Hühnern und Truthähnen. Sie melken, stellen sieben Sorten Ziegenkäse nach eigenen Rezepten her, bieten eine Exkursion auf ihrem Hof mit Verkostung für 150 Hrywnja, etwa 5,60 Euro, an. Aus der ganzen Ukraine und aus dem Ausland kommen Touristen, um Milch und Käse zu probieren und die beiden Frauen kennenzulernen.

Zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Katerina Lisowa, 61, gelernte Ingenieurin und Marketingökonomin, Kriegsflüchtling aus der Ostukraine, eine Frau, die Gesetzestexte zitiert und Businesspläne schreibt, und Katja Ilkiw, 33, gelernte Krankenschwester aus Oriw, einem Dorf etwa 50 Kilometer entfernt von Tuchlia, die ungern Fragen zu ihrem Leben beantwortet und die, wenn sie es doch tut, 20 Jahre älter erscheint. Zwei Frauen, die, als sie sich kennenlernten, nichts mehr besaßen und die mit ihrem Käse inzwischen zu einer „Marke“ geworden sind, wie Lisowa es nennt.


Das westukrainische Dorf Tuchlia, in dem jeder jeden kennt – und in dem Zugezogene es nicht leicht haben

Lob vom Käse-Sommelier

Im Sommer halten fast stündlich Touristen vor der Farm, die Nachfrage nach dem Käse ist viel höher als das, was die beiden Frauen mit durchschnittlich 30 bis 40 Litern Milch pro Tag produzieren können, das Fernsehen war hier, sogar die Landwirtschaftsministerin aus der Regionalvertretung in Lwiw, die Katerinas haben vier Zuschüsse und einige Zertifikate erhalten, und erst kürzlich nannte ein Käse-Sommelier aus Lwiw ihren Räucherkäse „einzigartig in der Ukraine“.

Eine Erfolgsgeschichte, könnte man denken. Doch im Dorf gibt es Konflikte. Die Bewohner verfolgen die Katerinas mit misstrauischen, mit neidischen Blicken. Es stinke von der Farm, sagen die Nachbarn, das sei peinlich. Man müsse die Frauen vertreiben, fordern sie. Wenn sie arbeiten wollten, könnten sie ja nach Polen oder Deutschland gehen, wie andere auch. „Separatistin“ nennen manche Lisowa, ein Schimpfwort für Menschen aus der Ostukraine, das zeigen soll: Wir trauen dir nicht.

Dann ist da das Problem mit dem Land. Um Profit zu machen, bräuchten die Frauen mindestens 40 Ziegen, die Milch geben. Im Moment haben sie zwar genügend Tiere, aber nur die Hälfte gibt Milch. Für mehr haben sie keinen Platz. Die Preise für den Käse liegen bei 18 bis 25 Euro das Kilo. In der Saison von April bis Oktober machen sie damit gerade mal 4000 bis 6000 Euro Umsatz. Davon gehen mehr als 2000 Euro für Miete, Strom, Gas und Materialkosten ab. Im Winter kommen nur sehr wenige Touristen, dafür sind die Ausgaben höher, weil die Frauen dann Heu zukaufen müssen. Zurücklegen können sie nichts.

Laut Gesetz stehen jedem Bürger der Ukraine bis zu zwei Hektar Land zur landwirtschaftlichen Nutzung zu. Durchgesetzt wird die Regel jedoch selten, der bürokratische Prozess ist schleppend. Meistens profitieren Veteranen. Der Bürgermeister hat den beiden Katerinas inzwischen ein Grundstück angeboten, 1,7 Hektar. Damit wollen sie sich aber nicht zufriedengeben. „Uns wird gesagt: Tut uns leid, aber in der Ukraine funktioniert das nicht“, sagt Lisowa. „Sie geben uns nicht mehr, weil wir nicht von hier sind“, glaubt Ilkiw. „Vielleicht auch, weil ich ein Flüchtling bin“, sagt sich Lisowa manchmal.

Fragt man ebenjenen Bürgermeister von Tuchlia, Andrij Tkatschyk, einen Mann mit tiefen Stirnfalten und Glatze, sagt der, er habe in seinen vier Jahren im Amt wenigen Menschen Land zugeteilt, nur ein paar Veteranen und jungen Familien. Er macht klar, dass er die Farm nicht gutheißt. „Dort herrscht ein schrecklicher Dreck“, sagt er in seinem Büro im Stadthaus, hinter ihm die ukrainische Flagge und ein Bild von Sachar Berkut, der hier im 13. Jahrhundert die Mongolen aufgehalten haben soll. „Ich weiß nicht, wie Menschen diesen Käse essen können.“

Man könnte sich Tkatschyk leicht als einen Verwalter des Stillstands vorstellen. Doch das wird ihm nicht gerecht. Auch er wünscht sich eine bessere Zukunft für sein Land, war bei den Protesten auf dem Majdan in Kiew im Winter 2013. Als wenig später der Krieg in der Ostukraine begann, ging er freiwillig an die Front. Schließlich kandidierte er als Bürgermeister – weil er etwas verändern wollte. Warum legt er den beiden Frauen Steine in den Weg? Sie hätten die Ziegen nur, um an ein Grundstück zu kommen, sagt er. Vielleicht verunsichert ihn ihre Beharrlichkeit, vielleicht spiegeln sie ihm die eigene Machtlosigkeit.


Katerina Lisowa bereitet eine Verkostung vor. Touristen, die den Hof besuchen, sind bislang die einzigen Kunden


Sieben Sorten Käse stellen die zwei Katerinas her. Unten: Andrij Tkatschyk, der Bürgermeister von Tuchlia, in seinem Büro

Spuren eines entfernten Krieges

Natürlich ist Tuchlia auch einfach nur ein Dorf wie andere Dörfer, eines, in dem jeder jeden kennt oder jeder denkt, jeden zu kennen. In dem man weiß, wer am Sonntag in der Kirche war und wer nicht. In dem eine informelle Bürgergruppe sicherstellt, dass sich die Bewohner an die lokalen Gepflogenheiten halten. In dem zwischen „mjestne“ (einheimisch) und „njemjestne“ (zugezogen) unterschieden wird. Und da Lisowa und Ilkiw „njemjestne“ sind und nicht in die Kirche gehen, wird bei ihnen besonders genau hingeschaut.

Auch die Besonderheit der Region spielt eine Rolle. Früher als Teil Galiziens unter polnischer Herrschaft, später unter österreichisch-ungarischer, dann unter deutscher Besatzung hat sich hier, mit Lwiw als nationalem Zentrum, eine eigene Kultur gebildet, die sich dem Westen Europas näher sieht. Viele wollten mit dem Ende der Sowjetunion kein Russisch mehr lernen, während im Osten des Landes Russisch gängig ist. So kommt es, dass Katerina Ilkiw nur Ukrainisch spricht und Katerina Lisowa beide Sprachen beherrscht. Doch dass Lisowa inzwischen selbst mit den Ziegen Ukrainisch spricht, macht sie für die Dorfbewohner noch lange nicht zu einer von ihnen.

Die kulturelle Spaltung wurde durch die Ereignisse auf dem Majdan in Kiew noch einmal deutlicher: Ein Großteil der Menschen, die gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch protestierten, kam aus der Westukraine. Der Krieg im Osten des Landes hat ihre Hoffnung auf schnelle Veränderungen enttäuscht. Auch deshalb gibt es Vorurteile gegenüber den geschätzten 1,5 Millionen Binnenflücht- lingen aus der Region, aus der Katerina Lisowa stammt.

Und so lässt sich auch diese Geschichte nicht erzählen ohne den Krieg, der zwar mehr als 1000 Kilometer entfernt wütet, der aber auch in Tuchlia Biografien umschreibt, der Bürgermeister Tkatschyk zum Kriegsbegeisterten und dann zum Rückkehrer machte. Ein Krieg, der auch dafür verantwortlich ist, dass zwei Frauen mit ihrer Ziegenfarm auf der einen Seite Aufmerksamkeit und Anerkennung erfahren und auf der anderen Ablehnung und Anfeindungen.

Als im April 2014, nachdem Russland die Krim besetzt hatte, prorussische Milizen in den Gebieten Donezk und Luhansk Referenden über die Abspaltung der Region forderten, war Lisowa direkt betroffen. Sie war in Altschewsk aufgewachsen, einer Industriestadt in der Region Luhansk, damals noch Teil der Sowjetunion, und hatte einen Abschluss als Diplomingenieurin gemacht. Danach arbeitete sie für verschiedene Industrieunternehmen, wurde Abteilungsleiterin, später Direktorin.

2004 gründete Lisowa ihr erstes Unternehmen, das mit getrockneten Pilzen handelte. Die Sowjetunion war da lange Geschichte. Kriminelle Banden arbeiteten mit Polizei und Justiz zusammen. Es zählte, wen man kennt und wen man bezahlt. Lisowa sagt, sie habe sich immer geweigert, Schmiergeld zu zahlen. Sie war trotzdem erfolgreich, hatte nach wenigen Jahren mehr als 30 Angestellte. So erfolgreich, dass die Konkurrenz auf sie aufmerksam wurde und sie unter Druck zu setzen begann – so erzählt sie es. Zwischen 2009 und 2010 sei es zu mehreren Steuerprüfungen und Geldstrafen durch die Behörden gekommen. „Sie haben mich stillgelegt“, sagt sie.

Das war erst der Anfang. Kurz darauf habe sie der Vermieter rausgeworfen, auf zwei ihrer Grundstücke habe es gebrannt. Eines Abends sei sie auf dem Weg zur Apotheke bewusstlos geschlagen worden. Sie ist sich sicher, dass ihre damaligen Konkurrenten die Auftraggeber waren. Ein halbes Jahr habe sie im Krankenhaus gelegen. Ihr Unternehmen sei verfallen, sie habe eine Anzeige wegen Umweltverschmutzung bekommen und mehrere Tausend Euro Schulden gemacht. „Ich hatte nichts mehr, und dann kam der Krieg“, sagt sie. 2011 gab sie ihr Unternehmen auf.

Foto: © Ullstein Bild - Willmann

Irena, 7, die jüngste Tochter von Katja Ilkiw, wächst mit Ziegen auf. Wenn sie Durst hat, melkt sie sich manchmal etwas Milch. Rechts: Katerina Lisowa, 61, und Katja Ilkiw, 33, auf ihrem Hof

Ein guter Ort für einen Neustart

Wenn Lisowa heute von dieser Zeit erzählt, kommt alles wieder hoch. Das Leid, die Angst, die Verzweiflung. Dann streicht ihr Partner Viktor Borisow, der aus Lwiw zu Besuch ist, über die Hände und fragt, ob sie wirklich darüber reden will. Seit dem Überfall leidet Lisowa an Epilepsie. Erst vor zwei Tagen hatte sie wieder einen Anfall, als sie ein krankes Ziegenbaby töten mussten. Plötzlich kippte sie einfach zur Seite. Viktor konnte seinen Fuß gerade noch unter ihren Kopf schieben, sonst wäre der auf den Küchenboden geschlagen.

Und trotzdem steht sie am nächsten Morgen wieder in dem Teil des Gebäudes, den sie „Verkostungssaal“ nennen, und erklärt bei Minusgraden zwei belarussischen Touristen die verschiedenen Käsesorten. Den Raum haben sie mit altertümlichen Landwirtschaftsgeräten, traditionellen Kleidungsstücken und einigen Zertifikaten dekoriert. Bis jetzt leben sie nur vom Verkauf an Touristen. Läden in Lwiw sind zwar interessiert, aber das Geschäft mit ihnen wäre nicht profitabel. „Sie würden uns nur 300 Hrywnja pro Kilo zahlen, hier verkaufen wir für 500“, sagt Lisowa, und man sieht die Unternehmerin vor sich.

Als im April 2014 der Krieg begann, wohnte sie bei ihrem Sohn in der Region Donezk, um auf ihre Enkelkinder aufzupassen. Ukrainische Spezialeinheiten standen prorussischen Separatisten gegenüber. Lisowa sah noch, wie Splitterbomben und Raketen auf die Stadt niederhagelten, die nächsten Tage verbrachte sie in einem Keller. Spätestens als die Separatisten die Kontrolle über die Stadt gewannen, fürchtete sie, dass sie den Krieg nicht überleben würde.

Mithilfe ihres Sohnes konnte Lisowa fliehen. Nach einem Anfall verbrachte sie mehrere Monate im Krankenhaus. Anschließend kehrte sie noch einmal zurück, um ihre Kinder zu sehen. Doch da hatte sie bereits entschieden, ihre Heimat zu verlassen. In Oriw, einem Dorf in den Karpaten, 1400 Kilometer entfernt, fand sie Anfang 2015 eine Hütte, gelegen auf einer Anhöhe mit Blick über Berge und Wälder. Dorfleben, Ruhe, ein Ort, um den Krieg zu vergessen. Ein Ort für einen Neustart.

Den wünschte sich auch Katerina Ilkiw, die damals mit ihren drei Kindern, ihren Eltern und einem Bruder im Haus nebenan wohnte.

Jetzt stapft sie durch den kniehohen Schnee, die Jacke über der Schulter, Schweißperlen auf der Stirn, knickt Tannenzweige zur Seite, bis sie eine Anhöhe mit Blick über das Tal erreicht. Unten glänzt der goldene Kirchturm von Tuchlia in der Sonne, schlängelt sich ein Fluss durch den Ort. Ilkiw zündet sich eine Zigarette an. Diesen Winter sei sie erst das zweite Mal hier, sagt sie, selten finde sie mal die Zeit. Früher sei sie oft mit ihren Kindern hierhergekommen. Ihr ältester Sohn ist inzwischen in die Stadt gezogen, um eine Ausbildung zu machen, die Tochter und der jüngere Sohn wohnen bei ihr.

Ilkiw ist hier in den Karpaten aufgewachsen. Nach der Schule wollte sie weg und zog für einige Jahre ins 1000 Kilometer entfernte Poltawa in der Zentralukraine, um eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Sie heiratete, doch es geschah ein Unglück: Ihr Mann kam bei einem Autounfall ums Leben. Was dieses Erlebnis mit ihr gemacht hat, sagt sie nicht. Man kann es aber ahnen, wenn sie ganz sachlich weiter ihren Lebenslauf erzählt: Sie musste danach ihre Ausbildung zur Krankenschwester abbrechen, denn sie konnte kein Blut mehr sehen.

Danach jobbte sie als Barkeeperin, bei der Post, was sich eben so ergab. Sie heiratete erneut und erlebte wieder eine Katastrophe. Ihr zweiter Mann wurde von einem psychisch kranken Nachbarn erschossen. 2009, nach der Beerdigung, kehrte sie mit 23 Jahren und ohne Perspektive nach Oriw zurück. All das erzählt sie nur zögernd und mit unsicherem Blick, sie zuckt mit den Schultern, als wollte sie sagen: Was soll’s, das Leben muss schließlich weitergehen.

Diese Einstellung hat auch Katerina Lisowa, die sich im Februar 2015 im Nachbarhaus in Oriw einrichtete. Die beiden Frauen unterhielten sich anfangs gelegentlich, Ilkiw kümmerte sich um Lisowa, wenn es ihr schlecht ging. Sie wusste, was zu tun ist, wenn Lisowa einen Anfall bekommt. Die Frauen stellten fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben. Beide zeichnen gern, lieben Musik, vor allem Klassik und Rammstein. Beide sind verwitwet. Und beide wünschen sich ein besseres Leben.

Lisowa gewöhnte sich schnell an das Landleben. Die Dorfbewohner waren zunächst hilfsbereit, erzählt sie, sie schenkten ihr Geschirr und Möbel. Ilkiw zeigte Lisowa, wo die besten Beeren wachsen, Lisowa erklärte Ilkiw, wie man ein Unternehmen gründet. Ilkiw sagt, mit den anderen Frauen im Dorf sei ihr langweilig gewesen, weil die nur über andere gesprochen hätten. Mit Katerina sei ihr nie langweilig gewesen.

Anfang 2016 schenkte Ilkiws Großmutter Lisowa eine Ziege. Die war zunächst wenig interessiert. Was sollte sie schon mit einer alten Ziege? Doch dann zeigte ihr Ilkiw, wie man sie mit der Hand melkt, und Lisowa machte ihren ersten Feta.

„Und dann im April“, sagt Katerina Lisowa, „ist Katjas Haus abgebrannt.“

Wenn die Frauen davon erzählen, ist dieses Ereignis Teil einer Aufzählung, die sie schon so oft wiederholt haben, dass dabei keine Gefühle mehr hochkommen. Es ging ja auch weiter, auch dieses Mal. Lisowa nahm die Familie bei sich auf.

Damals las sie von einer Förderung für Binnenflüchtlinge, die Unternehmen gründen wollen. Umgerechnet 2000 Euro, nicht viel für eine Firmengründung, aber besser als nichts, also schrieb sie einen Businessplan. Die Antwort der Jury kam einige Tage später: Man würde sie gern unterstützen, aber sie habe ja nur eine einzige Ziege. Also kratzte Lisowa ihre Rente zusammen, sammelte Geld und kaufte sechs Ziegen für sich und sechs für Ilkiw, die inzwischen ein Haus für sich und die Kinder gefunden hatte. Sie machten den ersten Räucherkäse, schickten Fotos an die Jury und erhielten tatsächlich ihre erste Förderung. Von dem Geld kauften sie zwei Kühlschränke und einen Ziegenbock. Am 18. Oktober 2016 ließ Lisowa das Unternehmen „Ziegenfarm Zwei Katerinas“ registrieren.

Sie bekamen weitere Förderung, seit Februar 2018 leben sie hier in der ehemaligen Kolchose. Die ersten zwei Monate mussten sie ohne Strom und fließend Wasser auskommen, weil der Vermieter nicht glaubte, dass sie wirklich in das verfallene Gebäude einziehen würden, und die Rechnungen nicht bezahlt hatte. Erst seit einigen Wochen haben sie einen Ofen, davor stellten sie auch bei Minusgraden Käse her.

„Ich verstehe nicht, warum sie uns das Leben so schwer machen“, sagt Ilkiw einmal, Lisowa fügt hinzu: „Man nennt uns ‚schlechte Menschen‘, weil wir versuchen, alles auf legalem Weg zu machen.“ Manchmal habe sie Angst, die Erfahrung mit ihrem ersten Unternehmen könnte sich wiederholen. Doch solche Momente sind selten. Was die beiden Frauen verbindet, ist das Kämpferische, das Nach-vorn-Schauen. Und so melken sie weiter Ziegen, machen Käse und empfangen Touristen.


Böcke werden auf dem Hof meist nicht alt, während die weiblichen Tiere ein langes Leben haben.

Der Bürgermeister Andrij Tkatschyk rät eben diesen Touristen weiterhin von der Farm ab und zeigt ihnen stattdessen sein Privatmuseum, das sich eigentlich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, in dem aber auch seine Uniform aus dem Krieg im Donbass ausgestellt ist.

Kürzlich bekamen die beiden Katerinas einen unerwarteten Anruf. Der stellvertretende Gouverneur in Lwiw lud sie zu einem Treffen ein und sagte, dass er ihre Bewerbung für ein größeres Grundstück unterstütze. Er wolle nun „kleine Initiativen mit guten Händen“ fördern. ---

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