Der Investitionsschub

Sparen ohne Ziel ist eine Verzweiflungstat. Investieren ohne Sinn auch. Wer Zukunft will, muss nachdenken.





Wenn Menschen sich in ihrer Haut nicht wohlfühlen, aber auch nicht aus ihr herauskönnen, dann machen sie merkwürdige Sachen. Sie bleiben beim Alten, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Wohlständige Städter wollen im Einklang mit der Natur leben, andere wieder besuchen einen der zahlreichen Mittelaltermärkte, die es in Deutschland gibt. Dort versuchen sie sich in eine Zeit zurückzuversetzen, die sie zum Glück nie erleben mussten, was aber erst recht dazu führt, dass sie glauben, damals sei es besonders gemütlich zugegangen. Der Wegweiser zum Holzweg ist aus Ahnungslosigkeit gemacht.

Das Mittelalter war eine Zeit, in der zahllose Kinder starben, bevor sie laufen gelernt hatten, und der Rest kam auch nicht viel weiter. Wer nicht durch Krieg oder Totschlag sein Ende fand, der starb an einer der zahlreichen Seuchen und Hungersnöte, die so vielfältig waren wie heute die Angebote in Supermärkten. Perspektiven waren Mangelware, das Leben war vorbestimmt, man landete entweder im Himmel oder in der Hölle. Das alles war, wie der englische Philosoph Thomas Hobbes es nannte, „einsam, armselig, schmutzig, brutal und kurz“, aber vor allem übersichtlich.

Nach neuer Einfachheit sehnen sich heute so viele, dass sie gar nicht wissen wollen, was deren Nebenwirkungen sind.

Es geht hier nicht gegen Leute, die ihre Freizeit in lustigen Kostümen verbringen. Der Spaß sei ihnen herzlichst vergönnt – vorausgesetzt, diese und viele ähnliche Veranstaltungen erfahren ein handfestes Gegengewicht in Form von Zukunftsmärkten. Und nein, damit sind nicht jene Shows gemeint, auf denen sich Trekkies und andere Science-Fiction-Fans in eine bessere Galaxie träumen, sondern Veranstaltungen von der Sorte, auf denen Menschen so realistisch wie machbar und mutig wie möglich darüber nachdenken, was sie künftig gern hätten. Diese Grundinvestition in den Verstand fragt also, welche Werkzeuge man braucht, welche Ideen, welche Systeme und dann vielleicht auch mal Methoden und Verfahren, um vom geistigen Mittelalter den Sprung in die Neuzeit zu wagen. Investoren in diesem Sinne sind also Leute, die wissen, dass man sich das Festklammern am Gestern sparen kann. Das sind die, die immer ein wenig nerven und fragen: Geht das anders, besser, schöner? Was ist möglich? Wie? Und wann?

Machen wir uns nichts vor. Die Zahl der Leute, die investieren, also die Zukunft gestalten, ist immer überschaubarer gewesen als die Zahl derjenigen, die lieber bei ihrem Stiefel blieben. Nur wenige machten Geschichte, indem sie sich mit den ihnen vorgegebenen Rollen nicht abfanden. Das waren die, die keine Angst vor der Auseinandersetzung mit der Gegenwart und den Gegenwärtigen hatten. Wer so Geschichte macht, schafft Zukunft. Investitionen sind Fortschritt. Kein Zurück, ein Vorwärts.

Der Kern des Sparens ist der Erhalt, die der Investition die Veränderung. Wer spart, will das, was er hat, bewahren, wer investiert, der will verändern. Dieser Unterschied ist so groß wie der zwischen Mittelalter und Neuzeit, und die dahintersteckenden Einstellungen scheinen sich nicht geändert zu haben. Wer glaubt, dass die alte Industriegesellschaft und ihre Realverfassung noch lange so bestehen werden, der versucht, die Auseinandersetzung mit der Transformation von sich zu weisen. Sparen ist in diesem Zusammenhang der Versuch, das Tempo der Entwicklung so stark zu drosseln, dass man die Folgen selber nicht mehr erleben muss. Man verlängert etwas, dessen Ende eigentlich absehbar ist.

Die meisten halten sich natürlich für aufgeschlossen, aber sind sie das auch? Wollen die Jungen wirklich etwas anderes als die Alten – oder einfach auch nur das, was diese hatten? Dass man die Dinge anders nennt, macht sie noch nicht besser. Das ist so, wie wenn man sich für besonders progressiv hält, weil man die Oper in Jeans und T-Shirt besucht.

Investieren bedeutet, die Konsequenzen der selbst gewählten Veränderung zu tragen. Ein Investment ist ein Versprechen. Und Sparen ist nicht selten eine Verlegenheitshandlung. Wer heute sparen sagt, der meint meist weglassen, ersparen im Sinne von vermeiden und reduzieren oder erst gar nicht mit etwas anfangen. Sparen um des Sparens willen ist ideen- und perspektivlos.

Das Sparziel lässt sich auch nicht durch Moral und Selbstgerechtigkeit ersetzen, nach dem heute so verbreiteten Motto: Weil ich das nicht brauche, kannst du dir das auch sparen. Reduktionismus bedeutet beschränkter Horizont. Es ist ein Mittelaltermarkt, den man ohne historisches Vorwissen besucht. Man sieht die hübschen Kleider, die schöne Burg, die Rösser und die Fachwerkhäuser und die lustigen Marktstände und all die Gaukler und Hofnarren, die in ihnen auftreten. Aber die Pest, die Gewalt, die sieht man nicht. Das aber gehört alles zusammen und zum Leben, das sogenannte Gute und das sogenannte Schlechte, das Ergebnis und der Preis dafür. Es ist nicht sozial, andere verzichten zu lassen und sich selbst nur ein bisschen Moral auf den Teller zu legen. Das gilt unter Nachbarn wie im Globalen, zwischen Unternehmen und Kunden, auf Märkten und in der Politik gleichermaßen. Solches Sparen mündet im Totalverlust.

Der Ökonom Thomas Straubhaar hat das Sparen (siehe auch brand eins 07/2006, „Spar dir das“) noch anders definiert, als „aufgeschobenen Konsum“. Man lässt heute etwas bleiben, damit es zu einem festgelegten Zeitpunkt in der Zukunft Früchte trägt. Die altgermanische Wurzel des Wortes ist „spar“, was die Online-Enzyklopädie Wikipedia mit „bewahren“ und „unversehrt erhalten“, aber auch „schonen“ und „aufschieben“ beschreibt. Gelegentlich sollte man, wenn man die Bedeutung des Wandels verstehen will, durchaus auch aufs Mittelalter hören. Es ist klar, was man vor dem Aufstieg der Geldwirtschaft mit sparen meinte: in den guten Monaten die Ernte zu Vorräten zu machen, die man dann im kalten Winter oder in Notzeiten verzehren konnte.

Sparen war keine Frage eines gelegentlichen Shopping-Verzichts, sondern eine Frage der Überlebensstrategie. Man sparte, weil es nicht anders ging.

Diese Jahrtausende der harten Schule des Sparens stecken unserer Kultur und damit uns selbst in den Knochen, auch wenn wir unsere Vorratskammern längst in die Supermärkte und Onlineshops ausgelagert haben. Aber Transformationen brauchen lange. Das Mittelalter wurde nicht an einem Stichtag ausgeknipst und die Neuzeit eingeschaltet. Maler und Bildhauer, Architekten und Wissenschaftler tasteten sich ganz langsam voran in eine neue Sicht der Wirklichkeit. Es brauchte Generationen, bis man sich an die neue Perspektive gewöhnt hatte. Vorkämpfern wie Leonardo da Vinci und Giotto di Bondone kam zugute, dass ihre Auftraggeber keine Geizhälse waren, nicht rumknapsten, sondern verschwenderisch mit ihren Gütern umgingen. Es galt als unmoralisch, seinen Reichtum nicht zu zeigen.

Bewahren, erhalten, das wollte man nur politisch. Aber wenn es um Investitionen ging, in Kunst und Ideen, dann waren die berühmten Renaissancefürsten das glatte Gegenteil der Controller-Ideologien, die heute als vorbildlich gelten.

Alles, was es an Entwicklung gab, war das Ergebnis eines Versuchs, ein Investment. Wir sind diesbezüglich vom Weg der Neuzeit abgekommen. Wer glaubt, er könne ein Problem dadurch lösen, dass er aufs Ausprobieren verzichtet, der ignoriert es schlicht. Das wichtigste Investmentwerkzeug ist Nachdenken. Erst das hat uns der Armut und dem Elend entrissen und die Notwendigkeit des alten Sparens überwunden. Schonen, Aufschieben, Bewahren ergeben keinen Sinn.

Dass aber alles darauf abgestellt ist, erfährt man jeden Tag. Wo man keine Zinsen für sein Geld bekommt und vielleicht für den Erhalt des Sparvermögens sogar bereit ist, Negativzinsen zu zahlen, ist das Bewahren zur Illusion geworden, von „unversehrt erhalten“ kann keine Rede mehr sein.

Unter solchen Bedingungen wäre es logisch, wenn die Leute ihr Geld auf den Putz hauten, also konsumierten statt zu sparen. Doch der vom Marktforschungsinstitut GfK erstellte Konsumklima-Index zeigt, dass das so nicht aufgeht. Im März 2020 liegt die Kauflaune der Deutschen mit 9,8 Indexpunkten knapp um einen Punkt unterm Vorjahr, recht durchschnittlich, wenn man das ganze Jahr betrachtet. Kein Kaufrausch, nirgends. Man könnte jetzt sagen: Sind die Leute blöd oder schon so übersättigt, dass sie nichts mehr runterkriegen? Sehen sie lieber zu, wie ihr Sparvermögen auf der Bank dahinschmilzt, als sich etwas zu gönnen? Dann gibt es noch die, die gerade darin den Beweis dafür zu erkennen glauben, dass das Vertrauen der Sparer in Staat und Finanzsystem so erschüttert nicht sein kann. Denn was sonst könnte das merkwürdige Verhalten rechtfertigen?

Vielleicht aber sind beide Sichtweisen falsch, und nichts weiter als blanke Ohnmacht bestimmt den Trend. Die Sparer wissen nicht, wofür sie ihr Geld ausgeben sollen. Und das gilt auch für Unternehmer. Langfristig Investitionswürdiges ist Mangelware. Sparen als aufgeschobener Konsum klappt beispielsweise bei Privaten nur, wenn man auf etwas hinspart, das einen gewissen Werterhalt sichert.

Bei rekordverdächtigen Immobilienpreisen ist das so eine Sache. Und beim Auto, einem der höchstpreisigen Konsum- güter überhaupt? Wo man täglich den Abgesang auf Verbrennungsmotor und Individualverkehr singt und unklar ist, ob das nächste Fahrzeug elektrisch, hybrid- oder besser wasserstoffgetrieben sein soll, da fällt die Entscheidung nicht nur schwer, sondern immer öfter gar nicht. Und nicht wenige verdienen gut oder haben viel geerbt. Für sie ist der Konsumverzicht ohnehin kaum ein Thema. Man erspart sich nichts, weil man nicht muss. Für die anderen gibt es das Easy Money, die billigen Kredite, die an jeder Ecke angeboten werden und mit denen all jene erreicht werden sollen, die alles brauchen außer neue Schulden. Bei jedem Elektro-Discounter wird heute an der ganz persönlichen Schulden-Krise gebastelt – Kleinkredite für riesige Flachbildschirme, Smartphones und alles, was der Mensch sonst noch braucht. Das ist nicht der aufgeschobene Konsum, also das Sparen für etwas mit Wert, von dem Straubharr spricht. Der findet immer seltener statt.

Nur sollte man das Kind auch beim Namen nennen: Warum sparen sagen, wenn Ohnmacht gemeint ist? Das gilt ja auch politisch. Sparen und Investieren haben eine wesentliche gemeinsame Voraussetzung: ein Ziel. Man muss etwas wollen. Sich für etwas entscheiden.

Nun sind wir beim eigentlichen Problem – der Ideenlosigkeit, dem Mangel an Innovationsfähigkeit und dem Interesse an einer gemeinsamen Zukunft. Also den Zusammenhängen, die wir brauchen, um der Ohnmacht zu entgehen.


Hannah Arendt sah die Menschen zwischen Arbeit und Konsum gefangen. Dadurch würden sie weltlos, wie sie es nannte. An Perspektivmangel erkrankt.

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt hat das schon in den Sechzigerjahren vorhergesehen. Die Menschen der späten Industriegesellschaft würden, so die Denkerin, zwischen Arbeit und Konsum gefangen sein. Dadurch würden sie weltlos, wie Arendt es nannte. Das klingt poetisch, hat aber in Wahrheit nichts Liebliches: Den Leuten „liegt nichts mehr daran, wie die Welt aussieht“, sagte sie in der Sendung „Zur Person“ im Jahr 1964 ihrem Gesprächspartner Günter Gaus. Man kümmert sich nicht mehr um andere, man erspart sich die Auseinandersetzung. Wer nur arbeite, um dann wieder zu konsumieren, der sei, so Arendt, „auf sich selbst zurückgeworfen“. Man wird selbst zum einzigen Maßstab. Das Nichts-wissen-Wollen von der Welt führe, so Arendt weiter, zu jener „eigentümlichen Verlassenheit“, die wir als Planlosigkeit von oben gut kennen. Das Leben verläuft in immergleichen Routinen. Nichts fängt an, nichts hört auf. Mit der Vorstellung, dass es da draußen nichts Interessantes mehr gibt, keine Ziele da sind, stirbt auch jedes Engagement, denn die Welt „als Raum, in dem man wohnt und der anständig aussehen muss“, sagt Arendt, geht dabei ebenfalls drauf.

Rausgehen, etwas lernen, etwas riskieren, Ziele haben, all das lohnt sich nicht mehr. Hannah Arendt hat uns gezeigt, was der Preis dafür ist, wenn man nichts mehr voneinander will: der Verlust der Hoffnung auf Besseres, also das, was man Zukunft nennt. Die Selbstbestimmung, das Recht auf eigene Entscheidungen im eigenen Leben, hängt davon ab. Weltlosigkeit ist Perspektivmangel.

Investieren ist genau das Gegenteil von einer „Wette auf die Zukunft“. Das Wort „investieren“ stammt vom mittellateinischen investire ab, womit ursprünglich das rituelle Einkleiden der Priester und Senatoren gemeint ist. Man zieht sich ganz bewusst für eine bestimmte Sache an, von Kopf bis Fuß, man hat etwas vor und rüstet sich dafür, so gut es geht. Das ist der Sinn des Wortes Investitionsklima: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Ein gelungenes Investment ist, bei allen Risiken, die jede Art von Zukunft bereithält, das Ergebnis guter Vorbereitung, die zu einer Entscheidung führt. Man sammelt Ideen, Bilder der Realität, Eindrücke, analysiert nüchtern, was ist, und überlegt, was sein könnte. Strategisches Denken ist ein gutes Gewand fürs Investment. Dabei nimmt man, wie die Künstler und Wissenschaftler der Renaissance, Maß an den eigenen Bedürfnissen und vergleicht das mit der Realität. Das ist eben keine Vision, keine Utopie, die nur von der eigenen Wunschvorstellung genährt wird und die Bedürfnisse anderer ignoriert. Echte Investoren wollen etwas von Menschen und ihren Sehnsüchten und Wünschen wissen. Sie folgen der Spur der Bedürfnisse. Investitionen sind nicht selbstreferenziell. Investitionen, Innovationen und Ideen gehören zusammen. Und um aus dem einen das andere werden zu lassen, muss man vor allen Dingen gelernt haben, eine Gelegenheit zu ergreifen.

Diese Phrase hat einen schlechten Beigeschmack, die meisten sehen habgierige Spekulanten vor ihrem geistigen Auge. Dabei könnte es sich aber auch um einen selbst handeln, im besten Sinne, und zwar dann, wenn man aufmerksam beobachtet, was die Leute brauchen – und was einem selbst fehlt. Das braucht Einübung und Bildung, bei der eine Kultur vermittelt wird, bei der es nicht mehr wie heute nur um Nachmachen geht, sondern um die Erschließung der Realität. Was wird gebraucht? Wie geht das besser? Das sind die Kernfragen. Und jetzt schauen wir, wie die meisten Technologien heute beworben werden, nämlich nicht praktisch, sondern symbolisch: Der Künstliche-Intelligenz-Zug fährt ab, und die Digitalisierung schreitet voran. Das macht man so, wenn man selbst nicht weiß, was man verkauft.

Die richtige Investitionsfrage aber lautet: Welche Informationstechnologien wollen Menschen wirklich? Wollen die einfach mehr künstliche Intelligenz und Digitalisierung, oder wollen sie gute und praktische Lösungen für Probleme und eine Verbesserung ihres Alltags? Der Schlachtruf „Digitalisiert euch!“ geht deshalb so oft ins Leere, weil er leer ist.

Wer die oft zitierte Verhaltenheit des deutschen Mittelstands bei der Digitalisierung beklagt, sollte vielleicht anfangen, den Begriff auf den Boden zu bringen, ihn verständlich machen mit guten Beispielen und praktikablen Lösungen. Die echte Digitalisierung fängt an, wenn man ihr Schlagwort gar nicht mehr braucht, weil an ihre Stelle etwas Konkretes getreten ist. Genau so verhält es sich auch mit der Energiewende, der Mobilitätswende und der Neuen Arbeit.

Investitionen sind handfeste Angelegenheiten. Gute Investoren sind Optimisten, weil sie an eine Zukunft glauben, von der sie auch was wissen wollen – die sie nicht nur erträumen, sondern die sie erarbeiten und damit zugänglich machen, Schritt für Schritt. Das heißt: nicht alles in den Erhalt zu stecken, aber auch nicht alles auf Rot. Es braucht eine Balance zwischen dem Erhalt der gegenwärtigen Infrastruktur und die aufrichtige Suche nach neuen Lösungen.

Es bringt deshalb nichts, zu sparen und dabei die Infrastruktur im Lande vergammeln zu lassen. Die schwarze Null, die keine Staatsschulden machen will, ist ehrenwert, aber sinnlos, wenn sie den künftigen Generationen einen Schrotthaufen hinterlässt. Das ist, wie die alte Volksweisheit weiß, Sparen – egal, was es kostet! Mehr Geld in alte Systeme zu pumpen ist aber auch keine Lösung. Wer Inlandsflüge doof findet, muss den Transrapid oder etwas Schnelleres und Besseres wollen.

Niemand muss Batteriefabriken lieben, aber solange wir keine Akkus aus dem Hut zaubern können, wird eine umweltfreundlichere Mobilität welche brauchen. Wie Baustellen für neue Bahntrassen. Und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer in den Städten. Wollen wir einen besseren öffentlichen Verkehr oder einfach die Deutsche Bahn erhalten? Das Ziel der Investition ist kein Weiter-so, kein Gerade-mal-ausreichend, kein Erhaltungszustand.

Doch wie sieht die Realität aus? Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean- Claude Juncker verkündete 2015 den nach ihm benannten „Juncker-Plan“, der bis zum Oktober vergangenen Jahres 439,4 Milliarden Euro „an zusätzlichen Investitionen mobilisieren dürfte“, so jedenfalls behauptete das die Europäische Kommission. Das Nachfolgeprogramm „InvestEU“ startet 2021 für weitere sechs Jahre – das Potenzial liegt bei 650 Milliarden Euro. Damit werden einige Vorzeigeprojekte finanziert, der größte Teil fließt allerdings in Bereiche wie Energie, Straßenbau und Industrie- Erhalt, in Ausgaben also, die ohnehin vorgesehen waren und – im Wortsinn – nur den Status quo zementieren. Für Bildungszwecke, die den harten Kern aller Investitionen in die Wissensgesellschaft ausmachen sollten, werden nur rund 1,6 Prozent der Summen ausgegeben.

Die EU verlässt sich augenscheinlich darauf, dass andere in die Zukunft investieren – die Unternehmer, deren Lebenselixier das ist.

Damit wäre eigentlich alles prima. Doch aus vielen Unternehmen sind Organisationen geworden, die in erster Linie auf ihren Erhalt, nicht auf ihre Entwicklung zielen. Solche Firmen vermeiden – wie die Menschen, die sie anziehen – Risiken. Sie meiden Innovationen. Sie provozieren die Investitionsprogramme wie den Juncker-Plan, die vor allen Dingen den Bürokraten nutzen und den anderen Besitzstandswahrern, aber Zukunfts- und damit Investitionsfähigkeit schaden.

Nun ist nichts daran falsch, wenn man vernünftig seine Risiken abwägt. Wenn das aber zum Hauptmotiv wird, läuft etwas falsch. Der Begriff Investitionssicherheit (oder: Planungssicherheit) bedeutet nicht mehr, dass man Elementarrisiken vermeidet, sondern eigentlich alle. Man verlangt eine präzise Route mit Ankunftsgarantie. Dafür sind Lobbys, Verbände, Konzerne und politische Institutionen aller Art gemacht. Sie verlangen für sich und die ihren einen Rundumschutz für alle Eventualitäten. Ohne Abwrack- oder Eintauschprämie oder steuerliche Bevorzugung bewegt sich in der Autoindustrie nichts mehr. Ohne Förderung, Subventionen, Entschädigungen und staatliche Garantien hält man hier besser die Füße still. Die investitionsarme Gesellschaft verzerrt den Wettbewerb und beseitigt die letzten Reste der Innovationsfähigkeit in Unternehmen.

Investition ist Aktion, Reaktion ist das Gegenteil. Auch das ist auf eine Art weltlos im Sinne Hannah Arendts, denn man kümmert sich nicht mehr darum, wie der Raum, in dem man lebt, anständig aussieht. Man vollzieht und folgt nur noch bürokratischen Regeln. Man wirtschaftet nach Vorschrift, entlang der Regeln und staatlichen Konditionen. Die betreute Ökonomie, die dabei entsteht, hat mit Marktwirtschaft wenig zu tun.

Was der Kunde will? Egal. Wen interessiert das schon, wenn die Rahmenbedingungen stimmen? Ob die Kunden in fünf oder zehn Jahren wollen, was Politik und Verbände heute ausgeknobelt haben, ist ungewiss, nein, sogar recht unwahrscheinlich. Das gilt nicht nur für politiknahe Konzerne, sondern auch für viele Start-ups, die erst aktiv werden, wenn es dafür Förderung gibt. Investitionssicherheit ist eine Innovationsbremse. Auch wenn oft anderes behauptet wird. Statt auf Scheinsicherheiten zu setzen, wäre es klüger, seine Energie und seine Mittel darauf zu verwenden, die richtige Kleidung mitzunehmen für jede wahrscheinliche Wetterlage. Organisationen so zu gestalten, dass sie Veränderungen aushalten.

Überraschungsfähigkeit heißt nicht Daueralarm, sondern Aufmerksamkeit, Interesse und Neugier an Menschen und Entwicklungen. Die einzig wahre Investitionssicherheit ist das Interesse an der Welt. Je mehr, desto besser. Das sind keine avantgardistischen Ideen, sondern altes Wissen. Man investiert in Dinge, die einem etwas bedeuten. Aktien eines Konzerns, dessen Geschäftsmodell man kaum kennt und dessen Angebote man nicht mag, kauft man nicht. Investiere in das, was dir wichtig ist. Erst diese Haltung haucht der Investition jenen Sinn ein, den man braucht, um langfristig und nachhaltig erfolgreich zu sein. Selbst Rückschläge sind so keine Totalverluste, sondern Lektionen, wie man es besser machen kann.


Investiert in Talente. Investiert in Beziehungen. Investiert in euch selbst. Also in die Dinge, die ihr liebt und die euch etwas bedeuten.

Die Wette auf die Zukunft braucht neben Sachkenntnis und Zielen auch unser ganzes Interesse, unsere Neugier, Selbstkritik, Beweglichkeit und guten Willen. Und nicht zu vergessen: Mut. Denn am Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft ist noch unklarer als sonst, welche Richtung einzuschlagen ist.

Was brauchen wir noch? Ein paar Werkzeuge, vielleicht, bessere Hilfsmittel wären nicht schlecht, findet Thomas Straubhaar. Der alte Kompass, sagt er, taugt nichts mehr, aber deshalb einfach nicht loszulaufen wäre ebenso falsch wie sich der Illusion hinzugeben, dass die Richtung so bleibt, wie sie war. Die Verunsicherung, so Straubhaar, könne man daran erkennen, „dass wir in Geld schwimmen – die EZB wirft uns ja das Geld hinterher. Wir schwimmen in Mitteln, aber leiden in Europa an Ideendefiziten.“ Straubhaar, Jahrgang 1957, ein Babyboomer, sieht seine eigene Generation als „eine Sicherheitsgeneration, die sich zu wenig zutraut, vor allen Dingen zu wenig Kreativität. Unsere Entscheidungen wurden in großem Wohlstand gefällt und fast alle unter den Bedingungen geringer Unsicherheit getroffen.“ Die Konsequenz daraus war aber nicht, zu sagen: Was kann uns schon passieren? Sondern: Bloß kein Risiko eingehen, wir müssen ja nicht.

Vielleicht ist Straubhaars selbstkritische Analyse gar keine Beschreibung einer Generation, sondern eine Wohlstandshaltung, die bereits in den Siebzigerjahren dafür sorgte, dass man in Europa einen weiten Bogen um die neue und damit riskante Computertechnologie machte – und diesen Fehler beim Internet wiederholte. Bei anderen Mobilitätsformen sieht es nicht besser aus, und das gilt auch für Denkmodelle der Wissensgesellschaft, die industrielle Kulturmuster längst ablösen sollten. „Investieren mit totaler Gewissheit ist eine Illusion“, sagt Straubhaar.

Als das Mittelalter zu Ende ging und sich in der Neuzeit verlor, veränderte sich auch das Bild der Welt. Sie wurde gegenständlicher, realistischer, handfester, löste sich von den alten Vorstellungen. Statt verklärten Heiligen war harter Realismus angesagt. Sogar dort, wo man noch immer, der Auftraggeber wegen, Heiligenbilder malte, drang die Wirklichkeit durch.

Nun wollte man die Welt so abbilden, wie sie wirklich aussah, raus aus den Blasen und abergläubischen Selbstgewissheiten, rein ins Leben und in das Experiment, das Lernen. Die Maler und die Handwerker und die Forscher sagten: Seht her, so sieht die neue Wirklichkeit aus.

Wer richtig investieren will, der muss heute radikaler Realist sein. Radikaler Realismus wendet sich den Menschen und ihren Fragen zu, ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten. Die Wirklichkeit der Wissensgesellschaft hat eine Kontur, die um vieles klarer ist als das, was unsere Vorfahren erkennen mussten. Es sind nicht mehr Güter, Gegenstände, Anlagen, Produkte und quantitativer Konsum, sondern Qualität und Menschen, in die wir investieren müssen.

Das Investitionsprogramm lautet:

Investiert in Talente.
Investiert in Beziehungen.
Investiert in euch selbst.

Also in die Dinge, die ihr liebt und die euch etwas bedeuten. Das sind Ziele. Und wer sie sich setzt, kommt vom Mittelalter in die Neuzeit. Vom betreuten Leben ins richtige. ---