Der beste Freund der Firma

Die Rolle des Staates als Investor ist seit je umstritten, gilt er doch als müdes Bürokratiemonster. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.




• Es war eine Offenbarung. Ein Gerät mit Internetzugang, der Möglichkeit, Musik abzuspielen, und mit einem Multi-Touch-Display. „Wie Zauberei“, sagte Steve Jobs damals, 2007, bei der Vorstellung des iPhones.

Spätestens seit dieser Präsentation gilt Jobs bei den Jüngern des Apple-Konzerns als Genie und Schöpfer einer ganz neuen Produktkategorie. Doch nicht Steve Jobs ist es, den sie hätten feiern müssen an diesem Tag, zumindest nicht ausschließlich. Einen ebenso großen Anteil am Erfolg hatte der Staat dank seiner Investitionen.

Das iPhone, das Apple heute für mehr als 1000 Euro an die Leute bringt, gibt es nur, weil Regierungen weltweit viel Geld investiert und bahnbrechende Entdeckungen gefördert haben. Das GPS, das die Nutzer heute durch die Städte und quer über den Globus führt: ein Projekt des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Das Internet: ein Forschungsprojekt der Behörde Advanced Research Projects Agency (Arpa) in den USA, weiterentwickelt und für die Öffentlichkeit nutzbar gemacht durch Tim-Berners Lee am europäischen Forschungs- zentrum Cern. Musik, gepresst in eine MP3-Datei: eine Entwicklung des deutschen Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen und der Universität Erlangen-Nürnberg. Und mit der Übernahme der US-Firma Finger Works hatte Apple 2003 jenes bedeutende Patent für das Multi-Touch-Display erworben, das auf die Arbeit eines Professors und seines Doktoranden an der Universität Delaware zurückgeht.

All das hätte Apple kaum selbst finanzieren können. Der Erfolg beruht auf den Investitionen staatlicher Organisationen – das ist die These der Ökonomin Mariana Mazzucato von der Universität von Sussex. In ihrem Buch „Das Kapital des Staates – Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum“ stellt sie fest, dass die Genialität des Steve Jobs allenfalls im Design bestehe.

Dieses Beispiel ist nur eines von vielen, denn nicht nur das iPhone hätte es ohne staatliche Investitionen wohl nicht gegeben, auch Musik würden wir ohne die Entwicklung des MP3-Standards heute vermutlich anders konsumieren, ganze Branchen verdanken ihm ihre Existenz. Der Staat ersticke also „keineswegs Innovationen oder ist ein Klotz am Bein der Wirtschaft“, schreibt Mazzucato, sondern habe „in vielen modernen Branchen Innovation und Dynamik gefördert, während die Privatwirtschaft zuschaute“.

Gerade in der Frühphase bestehe eine große Unsicherheit, man wisse nicht, ob und wann eine Idee oder ein Produkt Rendite bringe, und genau dort, in der Grundlagenforschung in den Vereinigten Staaten, so schreibt sie, liege der Anteil staatlicher Förderung bei 57 Prozent – an der gesamten Forschung und Entwicklung dagegen nur bei 26 Prozent. Für Mazzucato ist das folgerichtig: Denn der Staat sei, anders als Unternehmen, nicht auf schnellen Erfolg angewiesen und deshalb eher bereit, sich auf Unsicherheiten einzulassen und neue Märkte zu schaffen.

Beispiel Deutschland: Mitte der Neunzigerjahre investierte die Bundesregierung rund 90 Millionen Euro in den Aufbau einzelner Biotech-Regionen, allein 25 Mil- lionen Euro flossen Richtung München, wo heute eines der wichtigsten Zentren Europas dafür steht. In der Mitte dieses Clusters sitzen gleich drei Max-Planck- Institute und zwei Universitäten, zusätzlich entstand in jenen Jahren unter an- derem das ebenfalls mit öffentlichen Geldern arbeitende Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie (IZB) in Martinsried und Weihenstephan.

Das IZB, eine Tochter des Freistaats Bayern, bietet Biotech-Gründern Büroräume und Unterstützung an. Mit gut 78 Millionen Euro hat der Freistaat das Institut unterstützt, 600 Arbeitsplätze in fast 60 Biotech-Firmen wurden so nach eigenen Angaben geschaffen. Insgesamt sollen in und rund um das Münchener Cluster 250 Unternehmen entstanden sein, davon mehr als die Hälfte kleine und mittelständische. In ganz Deutschland beliefen sich die staatlichen Investitionen in den Sektor zwischen 2000 und 2014 auf mehr als vier Milliarden Euro, wovon rund 75 Prozent an Forschungseinrichtungen und Hochschulen flossen. Im Jahr 2017 zählte das Bundeswirtschaftsministerium fast 650 Biotech-Firmen. Der Staat, so kann man sagen, hat mit seinen Frühphasen-Investments eine ganze Branche aus der Taufe gehoben.

Nikolaus Franke, Leiter des Instituts für Entrepreneurship & Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien, ist überzeugt, dass solche Investitionen allen nützen, wie das Beispiel Apple zeige. Denn auch wenn die hauseigenen Smartphones heute in Asien montiert werden, habe der Hype um das Produkt und sein Betriebssystem iOS viele neue Jobs in der Entwicklerbranche geschaffen, etwa bei der Programmierung von Apps. „Von den Steuern, die alle diese hochbezahlten Menschen abführen, profitiert der Staat viel stärker, als er zuvor investiert hat“, sagt der Wiener Professor. „Der Nutzen der Gesellschaft wird nicht kleiner, weil Apple oder ein anderes Unternehmen Gewinn machen“ – egal von wem die Technologie ursprünglich stamme.

Die Rolle des Staates als Investor hat allerdings Grenzen. Und die beginnen, wo die Frühphase endet. Ein Extrembeispiel ist Finnland: Der 5,5-Millionen-Einwohner-Staat im nördlichsten Osten Europas schaffte es Anfang der Neunziger auch dank staatlicher Hilfe, die heimische Industrie weg von Branchen wie Holz und Papier und hin zur Zukunftsbranche mobile Telekommunikation zu bewegen.Schon 1981 hatten die skandinavischen Staaten ein Mobilfunknetz geschaffen, rund 15 Firmen waren in den späten Achtzigern auf den nordischen Märkten aktiv. In Finnland gehörte dazu unter anderem Nokia-Mobira, 1979 gegründet. Die Firma dominierte in der Folge zunehmend den finnischen Telekommunikationsmarkt, 1987 waren alle wichtigen Konkurrenten geschluckt.

Zur internationalen Konkurrenzfähigkeit des Hardware-Herstellers fehlte aber noch einiges. Hier sprang der Staat ein. Als Reaktion auf die schwere Wirtschaftskrise, die Finnland mit dem Ende der Sowjetunion, des wichtigsten Handelspartners, erlebte, strich die damalige Regierung erst mal alle Ausgaben zusammen – insgesamt um knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts –, stockte aber zugleich die Förderung für Forschung und Entwicklung auf: von 924,8 Millionen Euro im Jahr 1989 auf 1,37 Milliarden Euro 1995.

Das Geld wurde von nun an nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern an einzelne Standorte und Unternehmen. So förderte der Staat etwa die Universität in Oulu, dem Sitz des Hauptforschungszentrums von Nokia. Ein Großteil des Geldes floss direkt an Unternehmen, insgesamt zwei Drittel der jährlichen Ausgaben des Staates für Forschung und Entwicklung. In den Neunzigerjahren finanzierte der finnische Staat über seine Agentur Tekes 26 Prozent der Nokia-Ent-wicklungsprojekte. Was folgte, war zunächst eine Erfolgsgeschichte.

Die massiven Investitionen führten dazu, dass Nokia zum absoluten Marktführer bei Mobiltelefonen wurde. Im Jahr 2000 stammte jedes dritte Handy weltweit von den Finnen. Die Firma und ihr Produkt wurden ein Nationalsymbol. Der Telekommunikationssektor war 1999 für 21 Prozent der nationalen Wertschöpfung verantwortlich. Der finnische Staat und Nokia lebten in enger Symbiose. Noch 2010 bekam der damals neue Nokia-Chef, der Kanadier Stephen Elop, neben einem großzügigen Gehalt als Ausländer eine bevorzugte Behandlung durch die Steuerbehörden.

Doch zu jenem Zeitpunkt war Nokia bereits auf dem absteigenden Ast. Obwohl sie selbst frühzeitig auf dem Markt aktiv war, wurde die Firma 2007 vom Aufstieg des Smartphones überrollt. Mit dem schicken iPhone aus den USA konnte man nicht mithalten. In den folgenden Jahren geriet das Unternehmen in eine Abwärtsspirale, die 2013 schließlich mit dem Verkauf der Mobilfunksparte an Microsoft endete. Da Nokia zwischenzeitlich 23 Prozent aller Unternehmenssteuern in Finnland zahlte, geriet die eigene Wirtschaft ebenfalls ins Trudeln, noch befeuert durch die Finanzkrise 2008. Der Staat schritt erneut ein. Das jährliche Budget von Tekes wurde aufgestockt, dieses Mal mit der Maßgabe, die Investitionen breiter zu streuen und vorrangig kleinere Unternehmen zu fördern.

Finnland hat aus den Fehlern gelernt: Alexander Stubb, der damalige Außenhandels- und Europaminister und spätere Ministerpräsident sagte 2013: „Ich will nicht ein neues Nokia, ich möchte hundert neue Nokias.“

Für Nikolaus Franke ist das ein Lehrstück: „Staatliche Investitionen in ein einzelnes Unternehmen oder die Subvention einer einzelnen Branche bedeutet ein gefährliches Glücksspiel mit Steuergeld“, sagt er und erteilt damit auch den Plänen des Wirtschaftsministeriums eine Absage, sich bei „sensiblen und hochrelevanten“ Technologien notfalls befristet an Firmen zu beteiligen. Der Staat solle seine Investitionen lieber darauf beschränken, Innovationen im Bereich der Grundlagenforschung, der Infrastruktur und der Entwicklung neuer Märkte zu fördern.

Michael Fritsch, der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena seit Jahren zur Rolle des Staates als Investor forscht, hält dies nicht für eine Option, sondern für eine Pflicht: „Diese Aufgaben muss der Staat übernehmen, da Grundlagenforschung für viele Unternehmen zu risikoreich ist“, sagt er. Lediglich die größten Konzerne könnten sich eigene Grundlagenforschung leisten: „Der Staat gleicht also ein Marktversagen aus.“ ---

Das deutsche Modell
Der deutsche Staat fördert Grundlagenforschung, etwa durch die Max-Planck-Institute, aber auch angewandte Forschung, etwa durch die Unterstützung der Fraunhofer-Institute. Für Fritsch ist das ein guter Weg: „Der Staat kann die Ergebnisse der Grundlagenforschung so aufbereiten, dass sie markttauglich sind.“ Wenn es aber um die kommerzielle Vermarktung gehe, könne er nicht mehr mithalten. „Da hat ein Unternehmer einfach das bessere Gespür“, so Fritsch, was sich auch bei MP3 gezeigt habe. Allerdings kann es passieren, dass das große Geschäft anderswo gemacht wird: „Wir haben im Verlauf der MP3-Entwicklung mit sehr vielen deutschen Unternehmen zusammengearbeitet, die viele innovative Produktideen hatten, aber leider keinen langen Atem oder kein großes Budget für Werbekampagnen“, erinnert sich der MP3-Mitentwickler Harald Popp. Erst als die Technik bereits ein Erfolg war, kam Apple.