„Bevor ich das deutsche Beteiligungssystem erklärt habe, hat der Entwickler schon dreimal bei der internationalen Konkurrenz unterschrieben “

Der Lobbyist Christian Miele und eine Reihe prominenter Gründer machen Druck auf die Politik: Sie fordern einfachere Regeln für Start-ups, die ihren Mitarbeitern Unternehmensanteile überschreiben.





Christian Miele, 32,
ist seit Dezember 2019 Präsident des Bundesverbands Deutsche Start-ups. Außerdem ist er Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Eventures. Zuvor arbeitete er bei der Bertelsmann AG und gründete die Ticketplattform Todaystickets. Sein Urgroßvater Carl gründete vor mehr als 120 Jahren den Haushaltsgerätehersteller Miele.

brand eins: Herr Miele, Sie beklagen, dass deutsche Start-ups gern mehr in ihre Mitarbeiter investieren würden, der Staat ihnen das aber sehr schwer macht. Wo ist das Problem?

Christian Miele: Große und etablierte Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern hohe Gehälter und Zusatzleistungen. Start-ups können sich das nicht leisten. Sie müssen andere Mittel finden, um in ihre Mitarbeiter zu investieren. Sinnvoll ist es, eine Beteiligung am Unternehmenskapital und am zukünftigen Erfolg anzubieten. Aber: Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind dafür in Deutschland so schlecht wie in kaum einem anderen Land.

Könnten junge Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht durch eine klassische Bonuszahlung am Erfolg beteiligen? Warum müssen es Unternehmensanteile sein?

Durch einen Bonus erreicht man nicht die gleiche Identifikation mit dem Arbeitgeber wie durch echte Unternehmensanteile. Mitarbeiter fordern heute viel mehr als früher ein, an den Erfolgen ihrer Arbeit zu partizipieren. Eine Beteiligung kann dieses Bedürfnis befriedigen, Identifikation stiften und die Motivation steigern. Eben darum ist die Mitarbeiterbeteiligung an allen wichtigen internationalen Start-up-Standorten längst Standard. Nur bei uns nicht.

Wenn Firmen beispielsweise im Silicon Valley oder in Tel Aviv ihren Mitarbeitern Aktienpakete anbieten, steckt dahinter vor allem das Versprechen: Ihr verdient mit, wenn wir beim Börsengang oder Verkauf des Unternehmens reich werden. Es geht also nicht um eine langfristige Bindung ans Unternehmen, sondern darum, dass alle bis zum Exit durchhalten und dabei helfen, den Unternehmenswert kurzfristig zu maximieren. Ist das ein nachhaltiges, wünschenswertes Anreizsystem für junge Unternehmen, das wir in Deutschland übernehmen sollten?

Richtig ist: Mitarbeiterbeteiligungen ergeben immer dann Sinn, wenn ein Unternehmen glaubhaft vermittelt, dass es wachsen kann. Nur dann gewinnen die ausgegebenen Anteile oder Optionen an Wert. Und eine Beteiligung ist für die meisten Mitarbeiter tatsächlich nur dann finanziell attraktiv, wenn es ein glaubhaftes Exit-Szenario gibt. Denn nur dann können sie die Optionen oder Anteile einfach verkaufen. Wenn man ins Silicon Valley schaut, sieht man, dass dieser Ansatz absolut nachhaltig sein kann.

Was genau ist daran nachhaltig?

Diese Strategie führt mittel- und langfristig zu höheren Investitionen im gesamten Start-up-Ökosystem und zu einer breiteren Vermögensverteilung. Bereits einige der frühen Gründer im Silicon Valley haben ihre Mitarbeiter beteiligt. Als deren Unternehmen verkauft wurden oder an die Börse gingen, sind dadurch nicht nur einzelne Gründer, sondern auch viele Mitarbeiter zu relevantem Vermögen gekommen. Die hatten dann das Know-how und die Beziehungen, vor allem aber auch das nötige Kapital, um in eigene, neue Unternehmen zu investieren und andere Gründer zu unterstützen. Ein Beispiel ist die sogenannte Paypal-Mafia. Das ist eine Gruppe ehemaliger Paypal-Mitarbeiter, die – ermöglicht durch großzügige Mitarbeiterbeteiligungen – nach dem Börsengang der Firma selbst Technologieunternehmen wie Linkedin, Youtube oder Yelp mitgegründet und entwickelt haben.

Vergleichbar große Exits gibt es in Deutschland kaum. Könnte das nicht der eigentliche Grund dafür sein, dass Start-ups ihren Mitarbeitern hierzulande so gut wie nie echte Unternehmensanteile anbieten?

Das glaube ich nicht. Denn selbst wenn es kein Exit-Szenario gibt und die Unternehmen das auch nicht anstreben, kann eine Beteiligung der Mitarbeiter sehr viel Sinn ergeben. Es besteht dann zwar kein direkter monetärer Vorteil, aber die Mitarbeiter sind dennoch Mit-Unternehmer. Gerade wir europäischen Gründerinnen und Gründer wollen unsere Mitarbeiter nicht nur am Erfolg des Unternehmens teilhaben lassen, sondern auch an den Entscheidungen, die zu diesem Erfolg führen. Vor allem die Gründer-Generation der vergangenen Jahre pflegt eine sehr partizipative Unternehmenskultur. Es ist für sie der nächste logische Schritt, dass sie die Mitarbeiter nun auch finanziell beteiligen. Aber die Gesetzgebung steht dem im Weg.

Inwiefern?

Zum einen zahlen Mitarbeiter einen höheren Steuersatz als externe Investoren. Sie müssen die Anteile mit ihrem individuellen Einkommensteuersatz versteuern statt mit dem niedrigeren Steuersatz für Kapitalerträge wie überall sonst auf der Welt. Außerdem müssen sie schon zum Zeitpunkt der Zuteilung eines Anteils Steuern zahlen. Also noch bevor ihnen auch nur ein Cent durch einen Verkauf dieses Anteils zugeht. Wenn jetzt das Unternehmen doch nicht so erfolgreich wird wie erwartet, haben sie Steuern auf einen Gewinn gezahlt, den sie nie erhalten. Das Geld bekommen sie auch nicht wieder.

Viele Start-ups umgehen diese Probleme, indem sie sogenannte virtuelle Mitarbeiterbeteiligungen ausgeben – damit versprechen sie ihren Mitarbeitern, sie im Fall eines Exits zu beteiligen. Dann zahlen sie die Steuern erst beim tatsächlichen Verkauf der Anteile. Das ist doch eine einfache und pragmatische Lösung, oder?

Das ist alles andere als einfach. Es geht um sehr komplexe und teure Verträge. Eine virtuelle Beteiligung rechtssicher hinzubekommen ist schwierig. Und am Ende ist es nur ein umständlicher und bürokratischer Workaround, um echte Anteile zu imitieren. Dennoch ist das de facto die einzige Art der Unternehmensbeteiligung, die derzeit für Start-ups funktioniert. Viele Gründer tun im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes, um für die Mitarbeiter attraktive Pakete zu schnüren. Im internationalen Kontext haben sie damit aber keine Chance. Bevor ich das deutsche Beteiligungssystem erklärt habe, hat der Entwickler schon dreimal bei der internationalen Konkurrenz unterschrieben. ---

Echte Anteile
Bei dieser Form der Beteiligung erhalten Mitarbeiter Anteile am Firmenkapital, etwa in Form von Aktien oder Aktienoptionen, die ihnen ihr Arbeitgeber vergünstigt oder umsonst anbietet. Ein Notar muss die Übertragung bestätigen. Mitarbeiter erwerben damit den Anspruch auf Gewinnausschüttungen, sowohl bei der Verteilung des Jahresüberschusses als auch im Fall eines Verkaufs oder Börsengangs des Unternehmens.

Sie müssen die Firmenanteile doppelt versteuern: einmal den geldwerten Vorteil zum Zeitpunkt der Zuteilung und noch einmal, wenn sie die Anteile gewinnbringend verkaufen.

Virtuelle Anteile
Um diese doppelte Steuerlast zu vermeiden, geben Start-ups in der Regel lieber virtuelle Firmenanteile aus, sogenannte Phantomaktien. Sie versprechen dabei den Mitarbeitern, ihnen zum Zeitpunkt des Exits eine bestimmte Zahl von Anteilen zuzuteilen. So werden erst zum Zeitpunkt des Börsengangs oder Verkaufs Steuern fällig.

Wie verbreitet sind Mitarbeiterbeteiligungen in Deutschland?
Nur wenige Tausend Unternehmen bieten sie an. Der Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung schätzt, dass rund 1,3 Millionen Mitarbeiter der börsennotierten Unternehmen über Belegschaftsaktien an ihrem Arbeitgeber beteiligt sind. Sie kaufen die Aktien, meist mit einem Rabatt auf den aktuellen Kurswert. Weitere rund 900 000 Beschäftigte mittelständischer Betriebe haben Genussrechte oder stille Beteiligungen. Auch dabei investieren die Mitarbeiter eigenes Kapital, sind an Gewinn und Verlust der Firma beteiligt und erhalten regelmäßige Ausschüttungen – sie haben aber in der Regel keine Mitspracherechte. Insgesamt sind rund fünf Prozent der deutschen Erwerbstätigen finanziell an Kapital und Erfolg ihres Unternehmens beteiligt.

Warum ist die Gesetzeslage so kompliziert?
Die Gewerkschaften und auch viele Politiker haben Kapitalbeteiligungen lange kritisch gesehen. Sie fürchteten, dass eine unsichere Gewinnbeteiligung zunehmend ein sicheres Gehalt ersetzen würde – und dass Mitarbeiter ein unternehmerisches Risiko mittragen müssten, ohne selbst mitentscheiden zu dürfen. Zudem sollten Beteiligungsprogramme nicht in Konkurrenz zur betrieblichen Altersvorsorge treten.

Ist Mitarbeiterbeteiligung nur etwas für Großunternehmen?
Die Beteiligungsregeln sind auf etablierte Unternehmen und langfristige Beteiligungen zugeschnitten. Sie sorgen dafür, dass es für Mitarbeiter attraktiv ist, ihre Beteiligungen möglichst lange zu halten. Und für Firmen, ihre Mitarbeiter möglichst lange als Angestellte und Anteilseigner zu binden.

Warum tun sich Start-ups mit der Gesetzeslage schwer?
Jungen Start-up-Mitarbeitern fehlen meist Geld und die Motivation, um sich an der Firma zu beteiligen. Immerhin wird nur eine von zehn Gründungen richtig erfolgreich. Das Risiko, die Kapitaleinlage zu verlieren, ist nicht gerade gering.

Was ändert sich jetzt?
Die große Koalition hat sich bislang nicht zu einer grundsätzlichen Ausnahmeregelung für Start-ups durchringen können. Bislang wird nur eine Erhöhung der Steuerfreibeträge für Mitarbeiteranteile um ein paar Hundert Euro diskutiert.

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