Was Marken nützt

Bretter, die die Welt erbeuten

Es ist nicht einfach, dem überbordenden Angebot an Küchenutensilien noch etwas Nützliches hinzuzufügen – und überdies clever zu vermarkten. Zwei Brüdern ist das mit dem Frankfurter Brett gelungen.





• Joseph und Johannes Schreiter, beide 38, residieren mit ihrer Firma in einem pittoresken Hinterhof nahe des Offenbacher Hauptbahnhofs. In der Nachbarschaft befinden sich unter anderem ein Bordell sowie ein Waffenhandel. Herzstück ihres Unternehmens ist eine Küche im Vintage-Stil, die schon kennt, wer eines der Videos gesehen hat, mit denen die beiden im Netz auf ihr Frankfurter Brett aufmerksam machen. „Zwanzig Sekunden Produkterklärung, zwei Minuten und zehn Sekunden Foodporn“, sagt Joseph Schreiter über das Marketingrezept. Das Produkt ist ein Schneidebrett mit ausziehbaren Bügeln, in die man ringsherum lückenlos Behälter hängen kann, um dort Gewürze und Küchenutensilien aufzubewahren oder Schnittgut und Abfälle mit einer Handbewegung hineinzubefördern. Eine Art Werkbank für die Küche, die das Arbeiten erleichtert und für Ordnung sorgt.

Auf die Idee kam Johannes Schreiter, der, nachdem er seinen Beruf als Maurermeister aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben hatte, in der Gastronomie arbeitete. Dort beobachtete er 2012 einen Kollegen, der beim Gemüseschneiden mit der Hüfte einen Behälter zwischen sich und der Arbeitsplatte fixierte. Das müsste man doch eleganter lösen könne, dachte er sich und ging das Projekt gemeinsam mit seinem Bruder an, der damals an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Produktdesign studierte. Johannes wollte es ihm gleichtun – wurde aber mit seiner Mappe, in der er die Brett-Idee vorstellte, abgewiesen.

Ironischerweise saßen einige der Professoren später in der Jury des German Design Awards, mit dem das Frankfurter Brett im Jahr 2017 ausgezeichnet wurde. Joseph Schreiter gibt allerdings zu bedenken, dass die Absage damals weniger an der Produktidee als an der Performance seines Bruders beim Bewerbungsgespräch gelegen haben könnte. Die beiden arbeiten zwar in enger Symbiose, sind aber nicht immer einer Meinung.

Von der Absage ließen sich die Zwillinge nicht entmutigen. Johannes arbeitete weiter in der Küche und tüftelte mit seinem Bruder nach Feierabend an dem Produkt. 2015 gründeten die Schreiters in ihrer Wohngemeinschaft ihre Firma und sammelten über Kickstarter rund 500 bezahlte Vorbestellungen für das seinerzeit 499 Euro teure Brett ein. Damals peilten sie ausschließlich solvente Kunden an. Sieben Monate später stand ihr Unternehmen vor der Pleite: Trotz des hohen Preises waren die Margen zu gering, und es gab nicht genügend neue Bestellungen. In höchster Not half ihnen ein Banker mit einem zinslosen Kredit aus der Patsche, und die Schreiters setzten mit einer neuen Kickstarter-Kampagne und einem billigeren Brett noch einmal neu an.

Dieses Mal kam das Unternehmen in Schwung. Die Gründer nutzen vor allem Facebook fürs Marketing, in ihrem mittlerweile ebenfalls preisgekrönten Onlineshop gibt es vier Brett-Varianten (ab 129 Euro) sowie einiges Zubehör. Und sie haben noch Großes vor: „Ich sehe keine Grenzen des Wachstums“, sagt Johannes Schreiter. So denke man unter anderem darüber nach, eine billigere Version für den Einzelhandel zu konstruieren; derzeit ist das Frankfurter Brett in einer Variante für 349 Euro lediglich im Versandhaus Manufactum vertreten. Umsatz und Zahl der Mitarbeiter sollen sich 2020 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppeln.

Bleibt die Frage, wieso ein Produkt aus dem rauen Offenbach nach der benachbarten Bankenmetropole benannt wurde. „Offenbacher Brett hätte nach Schlägerei geklungen“, sagt Johannes Schreiter. Sein Bruder Joseph war erst anderer Meinung, ließ sich aber auch deshalb überzeugen, weil es mit der Frankfurter Küche – dem Urtyp der Einbauküche aus den Zwanzigerjahren – eine durchaus passende Verbindung gibt. ---

Frankfurter Brett GmbH
Mitarbeiter (2019): zwölf; Umsatz: ca. 6,5 Mio. Euro; Marketingaufwendungen: 25 Prozent vom Umsatz