Wolf Lotter über Eigensinn

Der Eigensinn gilt als verwerflich. Dabei ist er der beste Freund des Fortschritts.





1. Das Lied der Partei

Im Herbst 1949 war der tschechische Kommunist und Schriftsteller Louis Fürnberg am Boden zerstört. Der Widerstandskämpfer jüdischer Herkunft hatte die Gestapogefängnisse Reinhard Heydrichs überlebt und konnte sich mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn 1941 in das unter britischem Mandat stehende Palästina retten. Gleich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Fürnberg nach Prag zurück, wo er zunächst als Diplomat Karriere machte.

Dann aber begann die antisemitische Säuberungswelle Stalins, die bald auch die damalige Tschechoslowakei erreichte. Louis Fürnberg, der verdiente Parteimann, wurde nicht zum kommunistischen Parteitag in Prag eingeladen. Die Jahre bis zu seinem Tod lebte er in ständiger Angst. In Schauprozessen wurde ein Genosse nach dem anderen schuldig gesprochen, zum Tode oder zu Arbeitslager und lebenslanger Haft verurteilt.

Um seine „Kränkung vor sich selbst zu rechtfertigen“, wie Fürnbergs Frau Lotte viele Jahre später sagte, schrieb der Dichter das „Lied der Partei“, ein Dokument der Selbstverleugnung, das so beginnt:
„Sie hat uns alles gegeben.
Sonne und Wind, und sie geizte nie.
Wo sie war, war das Leben.
Was wir sind, sind wir durch sie.
Sie hat uns niemals verlassen.
Fror auch die Welt, uns war warm.
Uns schützt die Mutter der Massen.
Uns trägt ihr mächtiger Arm.“

Es folgt der Satz: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht!“ Das Lied wurde zur offiziellen Hymne der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Wer in Fürnbergs Text eine Huldigung vergangener Tyrannei erkennt, unterschätzt die Lage. Denn die Mutter der Massen, das ist nicht nur die Partei, das sind nicht nur die Ideologien – es ist der Konformismus, und der Arm trägt auch das Hier und Jetzt. Und wer das nicht einsieht, den drückt der starke Arm eben unter Wasser, in Firmen, Gesellschaften, Gruppen und Gemeinschaften aller Art.

Konformismus, heißt es im Duden, beschreibt eine „Haltung, die durch Angleichung der eigenen Einstellung an die herrschende Meinung, durch Anpassung an die bestehenden Verhältnisse gekennzeichnet ist.“ Kommt das jemandem bekannt vor?

Tatsächlich ist Konformität die Ausschaltung des eigenen Denkens, der Kritikfähigkeit, das Saatgut des Populismus und das Betriebssystem der Identitären und Autoritären, ganz gleich, wofür sie sich sonst auch halten mögen. Konformismus steht aber auch für das alte industrialistische System. Und somit gegen die Wissensökonomie und die Zivilgesellschaft, gegen Fortschritt und Selbstbestimmung. Gegen jeden Einzelnen.

Das lässt sich im Kleinen wie im Großen lernen von der Geschichte des Louis Fürnberg, der den kollektiven Wahnsinn der untergehenden Mitmach-Ideologien auf den Punkt gebracht hat, bis ihn die Angst schließlich, acht Jahre nachdem er sein Lied schrieb, umbrachte.

2. Eigenheiten

Wer das Wort Eigen verwendet, macht sich immer ein wenig verdächtig. Eigenheit, Eigeninteresse, Eigennutz, Eigenmächtigkeit – die beiden Silben verweisen oft auf vermeintlich sozialschädliche Eigenschaften. Was zur Person gehört, ist schlecht. Was der Gemeinschaft, der Partei, dem Team gerecht wird, ist richtig. Das ist der Stoff, aus dem auch das Lied der Partei gemacht ist, mit allen Konsequenzen.

Eigen zu sein, also man selbst, gilt als soziale Störung. Wer so ist, ist verrückt. Kann man mit Verrückten vernünftig reden? Von diesem Wort aus ist es nur ein ideologischer Katzensprung zur Verdammung all jener Eigenschaften, die der Mensch braucht, um zu sein, wer er ist – und zu werden, was er will.

Wo man erst mal das Ich fertiggemacht hat, wächst auch keine Selbstbestimmung mehr. Wo man ständig auf das Ich mit dem Finger zeigt, macht man nicht nur die Person klein, sondern auch alles, was sie zu denken, zu bieten, zu leisten imstande ist. Der Kampf gegen Eigeninteressen ist damit immer auch ein Kampf gegen den Fortschritt und die positive Veränderung. Das ist die alte Welt, voller Kontrolle, voller Misstrauen, voller Missgunst und voller Verlogenheit – denn natürlich geht es bei all dem moralischen Gezeter nur um die Enteignung des Eigensinns. Die echten Egoisten sucht man am besten unter denen, die das Ich am stärksten diskreditieren.

Weit muss man ja heute dafür nicht gehen. Der Konformismus ist überall. Cass Robert Sunstein, der kluge Jurist, der einst den damaligen US-Präsidenten Barack Obama beriet und gemeinsam mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Richard Thaler den Bestseller „Nudge“ schrieb, ist das aufgefallen. „Conformity“ heißt sein im Frühjahr 2019 erschienenes neues Buch.

„Konformisten“, so schreibt Sunstein darin, „gelten meistens als Bewahrer und Beschützer sozialer Interessen, die sich für das Gemeinwohl und die Gruppe zurücknehmen, während Menschen mit eigener und abweichender Meinung als Egoisten gelten, die ihre eigenen Projekte voranbringen.“ Sehe man allerdings genauer hin, so Sunstein nach gründlicher Analyse, „ist das Gegenteil weit richtiger“. Das liege schon daran, dass sich der Eigensinn weit stärker beweisen und gegen die Mutter der Massen durchsetzen müsse.

Die Eigensinnigen haben sich Standpunkte erarbeitet, durch Versuch und Irrtum, Denken und Zweifeln, durch harte Wissensarbeit also. Eigensinnige unterwerfen sich nicht jeder Autorität, sie sind nicht gehorsam, sie parieren nicht. Eigensinnige werden deshalb für stur und unbelehrbar gehalten, eine Gefahr für alle, deren Leben und Karriere darauf bauen, dass alles bleibt, wie es ist. Eigensinnige haben Charakter, also eine unübersehbare Persönlichkeit, und sie verteidigen selbstbewusst und überzeugt, wofür sie stehen. Die Mächtigen fordert das zu Strafe und Gewalt heraus, die guten Leute hingegen zum Selberdenken. Dazu werden sie selbst Eigensinnige, und was Besseres kann uns nicht passieren, denn eine Gesellschaft voller Eigensinniger lässt sich kein X für ein U vormachen. Eigensinn ist eine zivilgesellschaftliche Grundtugend.

So bringt der Eigensinn alle voran, und eben nicht nur die, die ihn haben. Wer eigensinnig ist, ist nicht stur, sondern konsequent und darin leidenschaftlich. Eigensinn ist Innovation.

Und das bringt Dinge und Ideen hervor, die anderen nützen.

3. Stur

Die Mutter der Massen und ihre beschränkten Kinder sind die wahren Starrsinnigen, die echten Sturen, und bis sie das mal merken, kann es dauern, 359 Jahre zum Beispiel.

Im Herbst 1992 rehabilitierte Papst Johannes Paul II. den italienischen Gelehrten Galileo Galilei, der 359 Jahre zuvor auf die Shitlist der katholischen Kirche geraten war. Die Ursache dafür war, dass Galilei den Lehren des polnischen Astronomen Nikolaus Kopernikus folgte, nach denen sich die Erde um die Sonne bewegt – und nicht, wie es Aristoteles dachte, andersrum. Galilei gilt heute als sturer Hund und Vordenker der Aufklärung. Dass er noch im Abgang von der Inquisition, die ihn im Juni 1633 auf Leben und Tod zum Abschwören seiner Erkenntnisse zwang, halblaut „Und sie bewegt sich doch!“ gemurmelt haben soll, stimmt vielleicht nicht. Aber dass man es ihm zutraut, sagt mehr über ihn aus als die Authentizität des Zitats. Galileis Satz ist sozusagen seine Interpretation der Formel seines Kollegen René Descartes: „Ich denke, also bin ich“, dem Meistersatz der Aufklärung.

Das ist die Moderne. Daraus besteht Fortschritt und Demokratie. Hat sich aber noch nicht überall rumgesprochen.

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4. Klappe halten

Selber denken, eigensinnig sein, das erzürnte die Kirche und den Papst, und es bringt bis heute deren geistige Erben auf die Palme. Darunter sind viele Leute, die sich für ungeheuer fortschrittlich halten, sich aber mit alternativen Weltsichten ein wenig schwertun. Das mag an Dummheit und Verbohrtheit liegen, aber nicht nur: Rechthaberei und Machthaberei wachsen auf demselben Zweig. Die katholische Kirche fußte auf dem Aristotelischen (oder Ptolemäischen) Weltbild, bei dem die Erde im Mittelpunkt steht. Dabei geht es um mehr als die Frage, wer wen im Weltraum umkreist. Das Aristotelische Weltbild war (und ist) eine kompakte Gebrauchsanweisung für Gut und Böse, Richtig und Falsch, Person und Kollektiv. Das machte Kopernikus, Galilei und all die anderen Aufklärer so gefährlich. Auf den ersten Blick war die Frage, ob die Erde die Sonne umkreist oder umgekehrt, für den Alltag völlig unbedeutend. Doch im Zusammenhang mit dem herrschenden Weltbild bedeutete sie einen Stich ins Herz.

Der schlaue Papst Urban wusste das – und er sollte ja auch recht behalten. Das neue Weltbild ließ den Einfluss der größten Machtinstanz der alten Welt rapide schwinden. Da half keine Inquisition.

Neben dieser sachlichen Ebene gab es noch eine persönliche: Papst Urban VIII., mit bürgerlichem Namen Maffeo Barbe-rini, und Galilei kannten einander gut.

Barberini war als Kardinal Galileis wichtigster Fürsprecher und Förderer. Der künftige Papst hatte Galilei sogar immer wieder ermuntert, das Weltbild des Kopernikus auf seine Plausibilität hin zu untersuchen. Der Kirchenfürst wusste Bescheid.

Das Problem war nur, dass Galilei das Prinzip aller Macht und Politik nicht verstanden hatte: Wenn man etwas weiß, dann nutzt man es für sich – und hält die Klappe. Wer das nicht tat, war in den Augen der Machthaber nicht nur politisch dumm, sondern offensichtlich auch noch undankbar. Galileis Eigensinn wertete Barberini als Verrat, als Illoyalität. Gemeinsam verlogen, miteinander verschworen – das wäre gegangen. Man hätte weiterhin über die neue Wirklichkeit reden können, allerdings unter sich, versteht sich. Komplizenschaft steht über dem Eigensinn.

Aber das ist das Problem mit den Eigensinnigen: Sie können nicht die Klappe halten. Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass sie eben nicht für sich selbst, also an den eigenen Vorteil denken. Cass Sunstein hat schon recht: Unser Bild vom guten Konformisten ist falsch. Der hasst den Eigensinn, denn er stört seine Routinen und seine Macht. Wer anderer Meinung ist und mutig, will nicht unter seinesgleichen bleiben. Eigensinn ist Veränderung. Und das bereitet den Weg für die, die danach kommen. Das kann natürlich ganz schön nerven.

Das soll es auch.


Galileo Galilei Man verbrennt die Eigensinnigen nicht immer. Man grenzt sie aus Abbildungen S. 34/35: © Getty Images

5. Der Ritt auf dem Esel

Die Konformisten, die über Galileo Galilei richteten, versammelten sich in der römischen Kirche Santa Maria sopra Minerva, wo im Jahr 1600 Giordano Bruno – der wichtigste Kritiker des Aristotelischen Welt- und Machtbegriffs – als Ketzer verurteilt worden war. Galilei musste im schmutzigen Büßerhemd auf einem Esel zur Inquisition reiten. Der Esel galt als dummes, unbelehrbares Tier, dem man den Eigensinn austreiben und das, was man für Verstand hielt, einprügeln musste. Galileis Widerruf rettete ihm sein Leben, er musste, alt und halb blind, nur lebenslangen Hausarrest ertragen.

Doch der Eselsritt des Galileo Galilei wurde zum Anfang vom Ende seiner Richter. Der Riss zwischen den aufgeklärten Naturwissenschaften und der alten Autorität war nicht zu kitten. Die Klugen und Eigensinnigen, sie verließen nun die Einflusssphäre der katholischen Kirche. Italien, jahrhundertelanges Zentrum der Wissenschaft und Kunst, stieg ab. Descartes verließ Frankreich in Richtung Schweden, viele emigrierten in die liberalen Niederlande oder nach England. Wer den Eigensinn prügelt, verliert. Galileis Fall ist deshalb so paradigmatisch, weil der Konflikt zwischen Konformisten und Eigensinnigen immer wieder aufflammt. Es ist die alte Geschichte des unauflösbaren Widerspruchs zwischen Mitläufertum und Erkenntnis, Macht und Selbstbestimmung.

Und klar: Die Macht und ihre Inquisition haben dazugelernt. Man verbrennt die Esel nicht mehr, man grenzt sie aus. Versetzung, Kündigung, Zuteilung stupider Arbeit sollen dabei helfen, dass sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Wer Alternativen zum System denkt, gilt halt als egoistisch und unsolidarisch. Das alles ist zwar besser als der Scheiterhaufen, aber es ist immer noch die alte Denke. Es geht darum, den Eigensinn zu brechen. Der Hausarrest unserer Tage ist die innere Kündigung. Am Ende aber ist es wie einst bei Galilei: Die Inquisitoren bleiben unter sich, die Eigensinnigen ziehen weiter.

6. Unternehmer

Aus dieser Perspektive schrieb René Descartes die Eigensinnformel: „Der Zweifel ist der Weisheit Anfang.“ Der Zweifel gehört zum Eigensinn. Und mit ihm kann man sehr gut die echten Eigensinnigen von den Selbstgerechten unterscheiden. Wer einfach nur recht haben will, muss nicht kämpfen. Wer nur mitmachen statt selber machen will, auch nicht.

In der Wirtschaft kennt man das Gegenteil davon als Unternehmer. Wer diesen Namen verdiene, so hat es der Ökonom und Menschenkenner Joseph Schumpeter gesagt, müsse bereit sein, „ökonomisch, physisch, politisch für seine Fabrik und seine Kontrolle über sie zu kämpfen und wenn nötig auf ihrer Schwelle zu sterben“. Dahinter steckt weniger Pathos, als es scheint. Schumpeter ging es um den Eigensinn des Unternehmers in einem universellen Zusammenhang. Zu der Zeit, als Schumpeter das schrieb, Ende der Dreißigerjahre, war die Verwandlung des unternehmerischen Eigensinns in den von Managern dominierten Kapitalismus der leitenden Angestellten längst im Gang. Er beobachtete den damit einhergehenden Verlust von Identifikation der Menschen mit ihrem Unternehmen. Die Entfremdung war im Management angekommen. Schumpeters These wirft folgende Fragen auf: Gibt es noch Leute, die das, was sie tun, auch wirklich ernsthaft, zielstrebig, konsequent wollen? Auch wenn es mal nicht so schön läuft? Oder ist jetzt all das nicht mehr als ein Job, den man wechseln kann?

Diese Fragen, gut 70 Jahre alt, sind heute wieder sehr populär. Sinn, Purpose, New Work – all das hat mit Eigensinn zu tun. Wer über die Sinnlosigkeit von Arbeit und fehlende Ziele klagt, muss sich diese Fragen gefallen lassen: Wie weit gehst du selbst? Willst du das wirklich? Bist du selbst- oder fremdbestimmt? Ist der Sinn noch geliehen? Oder schon dein eigener?

Die Suchrichtung stimmt also, auch wenn dem Handeln manchmal noch Konsequenz fehlt. Eigensinn setzt voraus, dass man Risiken eingeht – und sich mit den Konformisten auseinandersetzen muss. Das sind Risiken, die man in den Wohlstandsgesellschaften ungern trägt.

Eigensinn verpflichtet. Zum Handeln. Zur Entscheidung. Schumpeter fand seine Helden nicht unter den Selbstdarstellern, sondern unter den ruhigen, konsequenten Arbeitern. Dort blüht nicht jener Gratismut, den sich viele selbst ernannte Querdenker und Systemkritiker heute gönnen. Es bleibt aber wahr: Eigensinn ist nicht dort, wo man klatscht, sondern wo er was kostet.

Können wir das? Haben wir gelernt, dem Gruppendruck standzuhalten und einer Kultur, die das Mitlaufen belohnt und den Eigensinn nach wie vor als Abweichlertum erkennt?

Das wird in der Wissensgesellschaft zunehmend zum Problem. Die Konformisten sind ein Auslaufmodell. Sie passten in eine Wirtschaft und Gesellschaft der Routine, in der das Besondere, Innovative, Originelle ein Störfaktor war. Doch die Wissensökonomie verlangt nach Selbstdenkern, und die sind ihrer Natur nach eigen-sinnig. Die Transformation von der alten zur neuen Welt läuft seit Jahrzehnten. Die alte Welt, die alle zu sturen Eseln erklärt, die was Neues wollen, ist noch nicht an ihrem Ende. Aber sie ist müde, ihre Kraft hat nachgelassen. Nirgendwo will die Einheit noch so recht gelingen. In Unternehmen, in Parteien, in der Kultur, überall tritt das Eigensinnige und Selbstbestimmte hervor. Mit einer Stimme sprechen – also schön konziliant sein –, das war gestern. Zum Glück, denn es spricht gegen die Vielfalt, gegen die Erschließung von Komplexität – und damit gegen die Grundlagen von Demokratie und Wohlstand. Die Widersprüche treten jeden Tag deutlicher zutage.


René Descartes Der Zweifel ist der Weisheit Anfang

7. Eigensinn-Erziehung

Die Autorin und Psychologin Ursula Nuber, viele Jahre Chefredakteurin des Magazins »Psychologie Heute«, hat darüber ein Buch geschrieben. „Eigensinn“ heißt es und lobt die Selbstbestimmung, kennt aber auch den Preis, wenn sie behindert wird: „Erschöpfung, Depression oder Burn-out sind mit die häufigsten Gründe für Krankschreibungen“, sagt Nuber. „Berufstätige gehen in die innere Kündigung, wenn sie keine Möglichkeit sehen, an ihrem Arbeitsplatz selbstbestimmt zu handeln, und ihre Ideen und Vorschläge nicht gehört werden. Sie machen dann, was man von ihnen verlangt, sehen jedoch für sich selbst wenig Sinn in ihrer Arbeit.“

Die Sinnsuche im Job, der Purpose, ist Teil einer tiefen Entfremdung, ausgelöst durch den Druck, sich den Verhältnissen anzupassen. Der Widerspruch, der zwischen dem Ich und dem Wir politisch immer wieder konstruiert wird, ist eine wesentliche Ursache dafür: „Gruppenzugehörigkeit war evolutionär immer und ist bis heute ein hohes Gut“, sagt Nuber, „keiner will gern Außenseiter sein. Aber: Eigensinnige schwimmen nun mal gegen den Strom. Das muss man aushalten können. Und darauf sind viele Menschen nicht vorbereitet.“ Denn es ist nichts, was uns beigebracht wird. Nuber: „Eigensinnig sein ist kein Erziehungsziel. Ich kenne jedenfalls keine Eltern, die stolz verkünden würden: Unser Kind ist eigensinnig, und das ist gut so!“

Dabei, so Nuber, ist es oft entscheidend, „in jungen Jahren zum Eigensinn ermutigt zu werden, um dem Gruppensog widerstehen zu können“. Wer gelernt hat, dass eine eigene Meinung etwas Gutes ist, wird auch Widerstand gegen Falsches leisten, selbstbewusst sein und wohl auch eindeutiger für sein Glück eintreten als Menschen, die nur immer zu Mitläufern erzogen wurden. Um den Widerspruch aufzulösen, empfiehlt Ursula Nuber den Kampf um „eigensinnige Freiräume“, etwa indem man „unsinnige Anweisungen hinterfragt und nicht Ja sagt, wenn man Nein sagen möchte“. Und wenn man „Grenzen zieht“.

Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung brauchen ein solides Fundament aus Eigensinn. Aber das Streben danach werde mit einem „Egoismus mit der Tendenz zum Narzissmus“ verwechselt, mit „Ellbogenmentalität und einer Kultur der Selbstoptimierung“, so Nuber. Doch damit haben echter Eigensinn, wahre Selbstbestimmung nichts zu tun. Selbstoptimierung, das Bestreben, immer besser zu werden, sei nichts weiter als eine subtile Form der Fremdbestimmung. Stattdessen gehe es darum, „das zu aktualisieren, was man an Möglichkeiten besitzt“. Eigensinn ist, wenn man lernt, wer man ist und was sich daraus machen lässt.

Eine Inventur in eigener Sache.

8. Modern-orthodox

Das muss man Eliyah Havemann nicht erzählen. Er kommt aus einer bemerkenswerten Dynastie. Sein Großvater mütterlicherseits war Robert Havemann, 1910 geboren, ein brillanter Chemiker am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, das vor dem Zweiten Weltkrieg zu den führenden Forschungseinrichtungen der Welt gehörte. Der hochbegabte Forscher wehrte den Anfängen schon vor 1933, sabotierte und bekämpfte die Nazis und wurde zum überzeugten Kommunisten und Widerstandskämpfer. Er gehörte der „Roten Kapelle“ an und fälschte Ariernachweise für Juden. Im Jahr 1943 verurteilte der Vorsitzende des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, ihn wegen Hochverrats zum Tode. Robert Havemann überlebte die Inquisition nur knapp und durch glückliche Zufälle.

Nach 1945 kümmerte er sich im Auftrag der Allierten um die Weiterführung der deutschen Spitzenforschung in Berlin, aber sein Eintreten gegen die Wasserstoffbombe, die die USA entwickelt hatten, führte 1950 zum Bruch mit dem Westen. Er ging nach Ostberlin. In der DDR war er zunächst hochgeehrt und brachte es bis zum Mitglied der Volkskammer. Doch dann, Anfang der Sechzigerjahre, begann der scheinbar so loyale SED-Genosse, das Regime der DDR zunehmend zu kritisieren. „Dialektik ohne Dogma?“ hieß eine seiner bekanntesten Veröffentlichungen.

Der Zweifel ist der Weisheit Anfang, und die Reaktion der Herrschenden darauf ist immer die gleiche: Gewalt. Nach den Amerikanern erteilten nun die Kommunisten Havemann Berufsverbot. Von 1965 bis zu seinem Tod im Jahr 1982 war er die Schlüsselfigur des Widerstands gegen das SED-Regime, eine Rolle, die er sich mit seinem Freund und Schwiegersohn Wolf Biermann teilte.

Der Poet und Liedermacher ist Eliyah Havemanns Vater. Wolf Biermanns Vater wiederum, Widerstandskämpfer in Hamburg, war von den Nazis 1943 in Auschwitz ermordet worden. Dagobert Biermann war Jude.

Vor diesem Hintergrund wuchs Eliyah Havemann, geboren 1975 in der DDR, 1977 mit seiner Mutter Sibylle Havemann in die BRD ausgereist, in Hamburg auf. Mit knapp 20 Jahren reiste er nach Israel, um für einige Zeit in einem Kibbuz zu arbeiten. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später konvertierte der IT-Spezialist zum Judentum und wanderte 2010 mit seiner Frau Jenny nach Israel aus. Er lebt dort seither als „Modern-Orthodoxer“, also nach den religiösen Regeln des Judentums, aber der Welt zugewandt.

Ein doppelter, mehrfacher Grenzgang, denn die Lager der Modernen und der Orthodoxen stehen sich nicht gerade freundlich gegenüber. „Mein Milieu war das Biermann-Havemann-Milieu – ein Großvater in Auschwitz ermordet, der andere von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als ,Gerechter unter den Völkern‘ geehrt – da war Jude sein oder werden total in Ordnung. Das eigentliche Problem für mein Milieu war aber die Religiosität“, sagt Havemann. Das haben seine Freunde und seine Familie zunächst nicht verstanden. „Das Bild des religiös Rückständigen gibt es ja bei vielen Menschen. In jeder Religion findet man solche Gruppierungen, die Tradition mit Vergangenheitskonservierung verwechseln“, sagt er, aber das seien eben überall nur kleine Gruppen, denen viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet werde.

Modern-orthodox bedeute für ihn, „die Gesetze der Tora auf sich nehmen und an die heutigen Gegebenheiten anpassen. Das war in der jüdischen Orthodoxie immer schon so und betrifft neben technischen Fortschritten auch gesellschaftliche Entwicklungen.“

Eigensinn ist eine Haltung, eine Einstellung. Und zwar eine, bei der man nicht blind ist für Neues und auch nicht jedem Trend nachläuft. Eigensinn heißt Selberdenken.

9. Der Stein der Weisen

„Eine Haltung kann man nur haben“, sagt Eliyah Havemann, „wenn man auch in der Lage ist, sie zu ändern. Mein Vater war ein eigensinniger, kämpferischer Kommunist und ist heute fest davon überzeugt, dass der Kommunismus ein Fehler war, der bitte nicht wiederholt werden soll. Er war kein Wendehals wie so viele nach dem Mauerfall, er ist aus gemachten Erfahrungen, die seiner ureigenen Überzeugung widersprachen, und nach reiflicher Überlegung klüger geworden.“

Menschen falle es schwer, Fehler einzugestehen – das sei menschlich, findet Havemann. „Aber eine echte Haltung muss sich der Kritik stellen, der inneren und äußeren. Und man muss seine Haltung verteidigen, mit Herzblut für sie einstehen, aber bereit sein, sie zu verwerfen, wenn man erkennt, dass man sich irrt. Sonst ist sie ideologischer Starrsinn, ganz gleich, aus welcher Richtung er kommt.“

Eigensinn heißt, sich eine Wahl zu verschaffen, selber entscheiden zu können.

Man kann das auch bei Albert Camus nachlesen, in „Der Mythos des Sisyphos“. Der antike Held schleppt einen Stein zum Gipfel, der, sobald er sein Ziel erreicht, wieder nach unten rollt, und Sisyphos beginnt von vorn. Sisyphos tut das aus freien Stücken, aus eigenem Sinn. „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, schreibt Camus. Eigensinn hat seinen Preis, aber auch einen Lohn: sein Ding zu machen.

Wer so auf die Welt sieht, der weiß: Sie bewegt sich doch. ---