Carl Louis Hempel

Während andere Auswanderer in Amerika ihr Glück fanden, erlebte der deutsche Bäcker Carl Louis Hempel dort ein Abenteuer, das er nur knapp überstand.





• „Nun kam für mich eine Zeit, wie solche ich Gott Lob in meinem Leben niemals wieder durchzumachen hatte“, schrieb Carl Louis Hempel in seinen Erinnerungen. Als Bäckergeselle war er 1854 nach New York ausgewandert, um dort auf die Schnelle Geld zu verdienen. Damit wollte er zurückkehren und in der Heimat eine Bäckerei aufmachen.

Am Tiefpunkt seiner Zeit in der Neuen Welt schlief er acht Nächte lang auf einer Bank in einem Park. „Man nannte diesen Platz das größte Hotel New Yorks, weil hier alle die nächtigen, die kein Geld hatten und deren gab es ja so viele.“ Es wurde sehr kalt, Winterkleidung hatte er nicht. „Ich mußte mit Armen und Beinen schlagen, um das Blut besser in Zirkulation zu bringen und freute mich, als der Tag zu grauen anfing.“

In seinem Elend verfluchte Hempel die Agenten, die für Auswanderer die Überfahrt organisierten und an ihnen verdienten. „Und mit dem stärksten Galgenhumor lachte ich über die kolossale Dummheit aller der Menschen, die auf solche Lockungen hineinfallen! Ich erkannte, daß ich das Paradies, die Heimat, geopfert hatte, um einem Phantom nachzulaufen, einem Irrlicht, das mich in einen Sumpf geführt hat.“

Carl Louis Hempel war damals 21 Jahre alt. Schon mit zwölf hatte er in der Backstube seines Vaters im sächsischen Neustadt geholfen, als Bäckergeselle war er durch Ostdeutschland gewandert. In seinen Erinnerungen, die er 1897 verfasste, schilderte er seine Reise. Nachkommen schenkten das Dokument dem Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen, wo es seitdem verwahrt wird.

„Man war allgemein der Ansicht: Amerika sei das Land der Zukunft“, schrieb Hempel über die Stimmung in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts. Er führte das auch auf die politische Situation zurück – nach der gescheiterten Revolution von 1848 war die Repression besonders stark, „weshalb überall Agenten auftauchten, welche Amerika als das goldene Land der Freiheit priesen und die uns zur Auswanderung ermunterten“.

Anfangs hätten die Lobeshymnen wenig Eindruck auf ihn gemacht, doch dann ließ er sich von der Aufbruchstimmung anstecken. Als er den Hamburger Hafen erreichte, staunte er, wie viele Menschen dort zusammenströmten: „Mir kam es vor, als ob das ganze deutsche Volk nach der neuen Welt auswandern wollte.“ Die meisten träumten davon, Land zu erwerben und Gutsbesitzer zu werden. „Sie alle waren fröhlich und guten Mutes: Sie schwärmten von Freiheit, gutem Verdienst und besseren Zeiten.“

Schon im 18. Jahrhundert waren Deutsche nach Amerika ausgewandert. Viele wollten dort ihre Religion frei leben, in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 waren demokratische Prinzipien und Menschenrechte bereits garantiert. 1854, als Hempel auswanderte, lebten bereits um die 200.000 Deutsche in den USA.

In New York lief es anfangs gut. Hempel hatte einen Kontakt zu einem Bekannten der Familie namens Kästner, der dort ein Zigarrengeschäft besaß. Mit dessen Hilfe fand er eine Anstellung in einer Bäckerei, gewöhnte sich an die Arbeit („die Hefen machten wir uns selbst und die Backöfen wurden mit Hobelspänen geheizt“). Er war jedoch unzufrieden damit, dass er als Geselle Arbeiten verrichten musste, die in Deutschland Aufgabe der Lehrlinge waren: Bleche putzen, Stube kehren, Ware in Körben austragen. Außerdem merkte er, dass er mit seinem Lohn „auf einen grünen Zweig nicht kommen“ würde, und bat den Meister um eine Erhöhung von sieben auf acht Dollar im Monat. Der lehnte ab, und Hempel kündigte, was er später sehr bereute.

Es begann eine wilde Zeit. Einmal musste Hempel Backwaren „mit einem blinden Schimmel stundenweit zu den Kunden fahren“. Einmal lieh er einem deutschen Besucher Geld für dessen Geschäftsidee – und sah weder das Geld noch den Bekannten wieder. Die Getreidepreise stiegen, die Geschäfte für Bäcker liefen folglich schlechter. Hempel arbeitete inzwischen bei einem Meister außerhalb von New York City. Da die Tischlereien weniger Aufträge hatten, fielen weniger Späne, die Bäcker konnten ihre Öfen nicht mehr heizen. So suchte Hempel in den Wäldern nach Reisig.

Der Meister konnte ihn nicht mehr bezahlen, also zog Hempel im Januar 1855 in ein Kost- und Logierhaus. Er fand jedoch keine Arbeit, musste ausziehen und landete auf der Straße.

Hempel überlebte den Winter. Im Frühjahr stellte ihn ein Gutsbesitzer als Bauernknecht ein, er fütterte Kühe und Pferde, mistete aus und lernte melken. Als er wieder entlassen wurde, fuhr er mit einem Dampfschiff über den Hudson in die Innenstadt und besuchte Kästner, den Zigarrenhändler. Der überreichte ihm einen Brief seiner Eltern, der ihn – kurz – glauben ließ, seine Geschichte habe ein glückliches Ende gefunden: Der Vater schrieb, er habe seine Bäckerei an die Mutter verkauft (die Eltern lebten getrennt) und dafür eine andere Bäckerei am Ort gekauft. Carl Louis solle nach Hause kommen und die Bäckerei der Mutter übernehmen. Er habe ihm schon die „50 Thaler“ für die Rückfahrt zukommen lassen.

Letzte Station: Schuften im Eisenbahnbau

Auslandsüberweisungen waren jedoch eine komplizierte Sache im 19. Jahrhundert. Es war kein Geld angekommen. Dem Vater dies mitzuteilen hätte Wochen gedauert, also beschloss Hempel, das Geld für die Rückreise selbst zu verdienen. Er schuftete als Eisenbahnarbeiter. Viele Kollegen dort waren Auswanderer wie er, „die es sich früher nicht hatten träumen lassen, dereinst so niedere und doch so schwere Arbeit in dem gelobten Lande leisten zu müssen; ich lernte unter den Deutschen viele ehemalige Beamte, Kaufleute und sogar einige Offiziere kennen, Letztere nur nicht in Uniform, sondern in womöglich noch abgenützterer Kleidung wie es die meine war.“

Als Hempel Monate später das Geld beisammen hatte, fuhr er auf einem Segelschiff nach Bremerhaven. Mit Zügen und zu Fuß schaffte er es bis in seinen Heimatort Neustadt. Er übernahm die Bäckerei, wurde Meister, führte eine glückliche Ehe, bekam fünf Kinder.
Sein Abenteuer in der Neuen Welt behielt er viele Jahre für sich, aus Scham erzählte er selbst der engsten Familie nur wenig darüber. Als er 50 Jahre lang Bäcker war, nahm er das Jubiläum zum Anlass, seine Erlebnisse aufzuschreiben. ---