Modedesign

Lady Gaga und Beth Ditto sind Fans der Schöpfungen von Odély Teboul. Die Designerin macht vor, wie man in der Modewelt Erfolg haben kann, ohne sich anzupassen.




• Der Name eines der aufsehenerregendsten Labels Deutschlands klebt auf einem Pappschild über den Klingeln: Lou de Bètoly. Ein Wohnhaus in Berlin-Neukölln, hier lebt und arbeitet die Französin Odély Teboul. Sie öffnet die Tür, eine Frau Mitte 30 mit hohen Wangenknochen, dunklen Schatten um die Augen und einem verschmitzten Lachen, das ihr ganzes Gesicht einnimmt. Sie kann Deutsch, spricht aber lieber Englisch, mit französischem Akzent und dunkler Stimme.

Das Atelier, zwei Zimmer der Wohnung, ist vollgestopft mit Stoffen, Kleidungsstücken, Aktenordnern und dem, was Teboul „Materialien“ nennt. Fundstücke von Flohmärkten und Reisen um die Welt: ein Stück Spitze aus Indien, perlenbesetzte Häubchen, mit dem wohl Cabaret-Damen in den Zwanzigerjahren ihre Brust bedeckten. Odély Teboul zeichnet keine Entwürfe, sie lässt sich von ihren Rohstoffen inspirieren. Gerade arbeitet sie an einem Top aus Glasperlenketten, es hängt an einer Modepuppe mitten im Raum. Die bunten Ketten aus Indien webt sie mit Büscheln aus Plastikfäden zu einem netzartigen Oberteil, das auch nach Fertigstellung vor allem aus Löchern bestehen wird. Funktionalität heißt für Teboul, dass man ihre Kleidung auf einen Bügel hängen und anziehen kann, ohne dass sie auseinanderfällt. In erster Linie ist das Modemachen für sie eine Ausdrucksform.

brand eins: Wer soll Ihre Kleider anziehen?

Odély Teboul: Meine Kundinnen sind sicher Menschen, die sich einiges leisten können. Außerdem brauchen sie Selbstbewusstsein und eine gewisse Experimentierfreude.

Experimentierfreude ist gut: Ihre Kleider sind nicht gerade alltagstauglich.

Es gibt in meinen Kollektionen Stücke, die man tatsächlich kaum anziehen kann. Aber das sind auch Einzelstücke, ein kreatives i-Tüpfelchen. Andere Sachen sind zwar auffällig, aber durchaus tragbar:

der Pulli, in den ein paar Löcher geschnitten und Häkelpartien eingefügt sind, das Kleid mit Patchwork aus verschiedenen Spitzen und Stickereien. Leider gibt es ja kaum noch Gelegenheiten, sich opulent zu kleiden, nicht einmal mehr in der Oper. Es bleiben nur Hochzeiten.

Was ist mit Ihnen? Ziehen Sie Ihre Sachen an?

Selten. Meine Lust aufs Modemachen kam nie daher, dass ich Dinge herstellen wollte, die ich selbst anziehen kann. Mich faszinieren das Material, die Handwerkstechniken und Neues mit Altem zu verweben. Vielleicht würden mehr Leute meine Kleider tragen wollen, wenn ich mich daran orientieren würde, was ich selbst anziehen will.

Odély Teboul trägt zu einem schwarzen T-Shirt eine weite dunkle Hose mit kleinen weißen Zeichnungen, die an Aloepflanzen erinnern. Zum Arbeiten ziehe sie sich gern gemütlich an, sagt sie, sie brauche Bewegungsfreiheit. Manchmal vermisse sie es auch, sich herzurichten, um auswärts zu arbeiten. Aber sie spart sich lieber die Miete, um unabhängiger zu sein – experimentelle Mode bringt nicht verlässlich Geld, selbst wenn man Erfolg hat.

brand eins: Sie könnten sich Ihre eigenen Kleidungsstücke kaum leisten?

Teboul: Das ist eben so. In meinen Kreationen steckt viel Handarbeit, sie werden in sehr kleinen Stückzahlen produziert.

Sie kombinieren Luxus und Trash, zerschneiden Kleidung von Chanel und nähen sie mit Flicken zusammen. Das nennen Sie aristokratischen Punk. Ist Ihre Mode politisch?

Nein, menschlich. Es geht um unseren Hang zur Selbstzerstörung, darum, dass nichts schwarz oder weiß ist. Und ich will Spaß haben. Vielleicht weil ich Pariserin bin. Hier ist alles so korrekt, dort hinterfragen die Leute die Regeln mehr. Sie sind offener, aber auch fieser – und was die Mode angeht, etwas mutiger.

Aber Sie unterrichten einen Kurs in nachhaltiger Mode an der Akademie für Mode und Design Berlin – das ist doch politisch.

Man hat mich wohl engagiert, weil ich in manchen meiner Stücke Materialien upcycle. Das mache ich aber aus künstlerischer Motivation. Ich sehe das alles eher zynisch: Ich rette die Menschheit sicher nicht dadurch, dass ich sie anziehe. Der große Widerspruch in der Mode-Industrie bleibt: Sie basiert darauf, Leuten, die genug haben, immer wieder etwas Neues zu verkaufen.

Odély Teboul, geboren 1985 in Amiens, ausgebildet an der Pariser Modeschule Esmod und bei Jean Paul Gaultier, wurde durch das Label Augustin Teboul bekannt, das sie mit der Deutschen Annelie Augustin 2010 in Berlin gründete. Schon mit der ersten Kollektion hatten sie großen Erfolg. Madonna, Lady Gaga und Beth Ditto ließen sich in ihren Outfits fotografieren. Als ihre Mitgründerin 2016 das Modemachen beendete, gab Teboul das gemeinsame Label auf und machte, ermutigt von der deutschen »Vogue«-Chefredakteurin Christiane Arp, allein weiter.

Einen Abend mit gutem Rotwein habe es gebraucht, um aus ihrem Namen das Anagramm „Lou de Bètoly“ zu basteln – ein Spiel mit dem Klang von „deux bêtes au lit“, auf Deutsch: zwei Tiere im Bett. Teboul nutzte den Neuanfang, um ihren Stil noch unabhängiger zu verfolgen: zerschnittene, neu zusammengenähte Teile und Patchworks aus verschiedenen Stoffen. Eines ihrer Kleidungsstücke kostet zwischen 300 und 5000 Euro, der Preis hängt auch davon ab, wie aufwendig die Herstellung war. In den bestickten, drapierten und gehäkelten Stücken stecken viele Stunden Handarbeit – und Organisationsaufwand.

Teboul fertigt jedes Teil selbst und lässt es dann je nach Bedarf in Schneidereien in Osteuropa und Indien nachproduzieren, fünfmal, manchmal auch zwanzigmal. Über ihren Umsatz will sie nicht sprechen. Angestellte hat sie nicht. Derzeit machen zwei Modestudentinnen ein unbezahltes Praktikum bei ihr.

Ändert sich das durch die Fridays-for-Future-Generation?

Es gibt einen Wandel, und die Firmen reagieren. H&M hat einen tollen Spot gedreht, in dem auch Iggy Pop vorkam, mit der Botschaft: „Recycle your clothes.“ Das klingt toll, kommt gut an. Aber Recycling braucht auch Wasser und Energie. Sinnvoller wäre es, weniger zu produzieren und zu kaufen.

Das wäre nicht im Interesse der Modebranche.

Die Dinge könnten etwas teurer werden. Früher hat das doch auch funktioniert, bevor wir die Produktion komplett industrialisiert und ausgelagert haben.

Sie machen Luxusmode, also Kleidung für Leute, die davon schon mehr als genug haben. Nachhaltig kann man das nicht nennen.

Das stimmt, und das sage ich mir auch selbst. Die Massenmode-Industrie ist nicht nur unnütz, sie schadet dem Planeten. Aber ich produziere nur wenige Teile und frage mich, wie viel ich damit zu tun habe. Aber es ist schon egoistisch, so wie es auch egoistisch ist, Musik aufzunehmen und Gedichte zu schreiben. Andererseits will man ja auch nicht in einer nur auf Funktionalität ausgelegten Welt leben. Vielleicht hat meine Arbeit so gesehen einen Wert?

Als wir in eine Bar in der Nachbarschaft gehen, zieht Odély Teboul einen Blazer über, mit vielen kleinen Aloen darauf, wie auf der Hose, die in dieser Kombination nicht mehr gemütlich, sondern extravagant aussieht. Sie habe den Anzug schon lange, teuer sei er nicht gewesen. Modisch zu sein kostet nicht unbedingt viel.

In der Bar stehen Vintage-Polstermöbel, in einer Ecke flackert ein Kamin, im Hintergrund klimpern Soul-Akkorde. Hier trägt man Schlabberpullis und Sportsachen aus den Achtzigern. Die Männer haben gezwirbelte Schnurrbärte. Auf ihren Kleidungsstil angesprochen, betonen alle, dass sie weniger kaufen wollen, und wenn dann Gebrauchtes. Sie scherzen, dass man Hipster und Obdachlose an der Kleidung nicht auseinanderhalten könne. Sie sagen, ihre Kleidung sei der Spiegel ihrer Persönlichkeit. Dafür sehen alle ziemlich gleich aus.


Mal eben schnell zum Bäcker – dafür ist die neue Kollektion von Odély Teboul eher ungeeignet. Ihre Kleidungsstücke sind Avantgarde. Und keine Schnäppchen

brand eins: Was drücken wir aus, wenn wir uns anziehen – Individualität oder Zugehörigkeit?

Teboul: Der Mensch will auffallen, aber nicht zu stark. Konsum schafft Zugehörigkeit. Neulich habe ich eine Dokumentation über eine Insel gesehen, auf der Affen ausgesetzt und beobachtet wurden. Es bildeten sich Clans: friedliche und kampfeslustige Affen. Sie blieben unter sich – zwei Tiere aus verschiedenen Gruppen paarten sich nur im Geheimen, sonst hätte man sie verstoßen. Ich sah mir das an und dachte: ähnlich wie bei uns Menschen. Nur nutzen wir Kleidung, um zu zeigen, zu welchen Kreisen wir gehören oder gehören wollen.

Und für Ihre Kreationen geben Menschen Tausende Euro aus.

Es ist ein seltsames Geschäft. Beim Einnähen des Labels sagte eine Praktikantin neulich zu mir: Jetzt ist es wirklich ein Luxusprodukt.

Hatte sie damit nicht recht?

Doch, wie in der Kunst hängt in der Mode alles vom Kontext ab. Wenn die richtigen Personen etwas gut finden, wenn es am richtigen Ort verkauft wird, dann haben Dinge plötzlich einen anderen Wert. Deshalb wollen Labels in den schicksten Kaufhäusern vertreten sein, auch wenn sie fast nichts verkaufen – sie zahlen manchmal sogar für den Regalplatz.

Wie war das, als Sie erfuhren, dass Lady Gaga ein von Ihnen designtes Kleid trägt?

Es gibt nicht den einen Moment, der mir besonders viel bedeutet hätte. Letztlich fädeln so was Stylisten ein, PR-Leute, Verkäufer. Aber klar ist es toll, wenn man mitkriegt, dass Lady Gaga auf dem Titel des »V Magazine« das eigene Outfit trägt. Anerkennung tut gut, und Aufmerksamkeit ist gut fürs Geschäft.

Wer bestimmt, welches Avantgarde-Label Erfolg hat?

Das sind Stars, Medien oder Influencer. Instagram wird immer wichtiger. Die Mode demokratisiert sich, schon Studenten können auf ihre Arbeiten aufmerksam machen, wenn sie Instagram richtig nutzen.

Sie haben nicht mal 7000 Abonnenten, das ist nicht gerade viel.

Das Problem ist: Um auf Instagram Erfolg zu haben, müsste man den ganzen Tag dort verbringen, andere beobachten, selbst etwas produzieren, mit Influencern zusammenarbeiten. Ich sollte mich dort vielleicht mehr darstellen, aber ich habe keine Lust darauf. Mir hat das Leben mit meinem alten Nokia mehr Spaß gemacht.

Sie lästern über die Mode-Industrie, aber lassen sich in der »Vogue« featuren. Spielen Sie als Rebellin mit den Regeln der Branche?

Natürlich spiele ich das Spiel mit. Wer sich überhaupt nicht für die Regeln interessiert, wird gar nicht erst wahrgenommen. Aber wenn ich Dinge kritisiere, dann weil mich das persönlich beschäftigt, weil ich mich frage, wie es anders gehen könnte. Ich probiere andere Wege aus, kommuniziere das aber auch nicht groß, außer ich werde nach meiner Meinung gefragt, wie jetzt von Ihnen. ---