Kultur-Unternehmer

Freiheit kann bedeuten: einfach immer weitermachen. Mit oder ohne Geld. Die Geschichte eines Jazzmusikers, zweier Videotheken-Betreiber und einer Verlegerin.





• Es gibt Geschäftsmodelle, die betriebswirtschaftlich der helle Wahnsinn sind. Zum Beispiel eine Videothek, deren Archiv fast zehnmal so groß ist wie das Angebot von Netflix in Deutschland. Ein anarchistischer Kleinverlag. Oder ein Leben als Jazzmusiker. Was den Musiker aus Leipzig, die Verlegerin aus Hamburg und die Videotheken-Betreiber aus Berlin verbindet: Sie spielen nach ihren eigenen Regeln. Und sie haben durchgehalten – über 30, 40, 60 Jahre. Wer sie trifft, begegnet Menschen, die genau das mit ihrem Leben gemacht haben, was sie wollten, ohne auf Altersvorsorge oder Karriereplanung Rücksicht zu nehmen.

1. Aus Liebe zum Film: Christine Pursch und Karsten Rodemann, die Videodrom-Betreiber

Wer in Zeiten von Streaming-Diensten eine Videothek mit dem Ehrgeiz betreibt, möglichst die gesamte Filmgeschichte anzubieten, muss verrückt sein. Oder das, was er macht, sehr lieben. Karsten Rodemann, 54, und Christine Pursch, 52, zwei der drei Betreiber des unter Filmkennern legendären Berliner Videodroms, sind offenkundig leicht besessen. Er arbeitet seit 36 Jahren in der Videothek, seit 32 Jahren als Geschäftsführer. Sie weiß noch genau, wann sie das Videodrom zum ersten Mal betreten hat: im November 1993, einige Tage nach dem Tod des Schauspielers River Phoenix, auf der Suche nach ihren Lieblingsfilmen mit ihm. Drei Jahre später fing Pursch an, dort zu arbeiten.


Kaufen auch Filme an, die nur einmal im Jahr ausgeliehen werden: Christine Pursch und Karsten Rodemann

Karsten Rodemann, der Geschäftsführer, hat in seinem Leben schon vieles gemacht. Um Geld ging es dabei nie. Zum Beispiel, als er in der Westberliner Subkultur der Achtzigerjahre obskure Experimentalmusik aufnahm. Oder bei »Splatting Image« arbeitete, einem „Magazin für unterschlagene Filme“, das er mit Freunden herausgab. Der Titel ist ein Wortspiel aus Splitting Image, dem auf der Leinwand geteilten Bild, und Splatter, einem besonders blutigen Horror-Genre, dem sich die Zeitschrift mit liebevoller Detailfreude widmete. Die Arbeit im Videodrom ist somit die Fortsetzung dieses Film-Fantums, dieser Leidenschaft für Filme.

Das Ziel war immer, jeden interessanten Film im Verleih zu haben: alte und neue Blockbuster genauso wie das Universum des erlesenen Trashs, eigenwillige Italo-Western und psychedelische Science-Fiction, koreanisches Underground-Kino, osteuropäische Kinderfilme aus den Siebziger- oder japanisches Godzilla-Kino aus den Fünfzigerjahren und Experimentalfilme von Andy Warhol.

„Wir kaufen Filme auch, wenn wir wissen, dass die DVD vielleicht nur einmal im Jahr ausgeliehen wird. Betriebswirtschaftlich kann man sagen: Das macht keinen Sinn“, sagt Rodemann. „Bestimmte Filme, die ihren Einkaufspreis nie erwirtschaften, wollen wir trotzdem im Programm haben, ,Shoah‘ von Claude Lanzmann zum Beispiel. Oder Underground-Klassiker wie die des brasilianischen Regisseurs Glauber Rocha. Das sind einfach filmhistorisch wichtige Werke.“ Das gilt erst recht für die Heroen der Filmgeschichte. Von Buñuel oder Hitchcock etwa „wollen wir natürlich alles, von den ersten Stummfilmen bis zu Nebenwerken“, sagt Christine Pursch. So ein Komplettangebot der Filmklassiker kann kein Streaming-Dienst leisten – nicht nur, weil es sich kommerziell nicht lohnt, sondern auch, weil die Rechte- und Lizenzlage viel zu kompliziert wäre.

Die Nerds am Verleihtresen kennen fast alles. „Wir schauen viel. Aber die Zeit reicht nicht, um alles zu sehen, was wir gern sehen würden“, seufzt Christine Pursch. Dass für den Ankauf von Import-DVDs zum Teil aufwendige Recherchen nötig sind, dass die DVD-Cover bei Filmen aus Israel, Indonesien oder Korea eingescannt und übersetzt werden, gehört zur Kinoliebe. Der aktuelle Filmstock: etwa 37 000 DVDs mit Kinofilmen, Dokumentationen, Serien. Im Keller lagern 19 000 VHS-Kassetten. Zum Vergleich: Bei Netflix sind in Deutschland derzeit nach Unternehmensangaben gut 1300 Serien und 2800 Filme im Angebot, ein Bruchteil des Videodrom-Filmlagers.

Derzeit dürfte es das größte, frei zugängliche Filmarchiv des Landes sein, eine privat betriebene Cinemathek ohne jede öffentliche Förderung. Wer sich intensiv für Film interessiert, landet irgendwann dort. Tom Tykwer, Wim Wenders, Sophie Rois, Christoph Schlingensief waren Stammkunden. Auch Quentin Tarantino ließ sich, als er in Deutschland drehte, im Videodrom Filme besorgen.

Wirtschaftlich ist das ein Abenteuer, denn die gesamte Branche ist ein Auslaufmodell. 2008 gab es noch fast 3000 Videotheken in Deutschland, zehn Jahre später waren es nach Angaben des Interessenverbandes des Videofachhandels nur noch 440. Die Zahl der Videothekennutzer ist nach Beobachtung der Gesellschaft für Konsumforschung im Zeitraum von 2000 (14,5 Millionen Kunden) bis 2018 (1,3 Millionen) um fast 90 Prozent gesunken. Entsprechend sind die Umsätze zurückgegangen, allein von 2016 (121 Millionen Euro) auf 2018 (51 Millionen Euro) um fast 60 Prozent. Und auch im Videodrom schwinden die Umsätze bedrohlich.

In guten Zeiten konnten die Film-Nerds etwa 4000 Euro im Monat für Ankäufe ausgeben, heute sind es noch rund 1000 Euro. Und auch das geht nur, weil sie sich sehr bescheidene Gehälter auszahlen und sich mit Nebenjobs wie Seminaren zu verschiedenen Film-Genres über Wasser halten. Bei DVD-Ankaufspreisen zwischen 10 und 60 Euro, zum Beispiel für Importe aus Japan, und Fixkosten von gut 7000 Euro im Monat für Miete, Versicherungen und Gehälter ist ihr Geschäft alles andere als leicht. „Wir hangeln uns von Monat zu Monat“, sagt Christine Pursch. „Egal, es geht immer weiter“, grinst ihr Kompagnon Karsten Rodemann.

Die in guten Zeiten zurückgelegten Reserven sind längst aufgebraucht. Als es vor zwei Jahren eng wurde, haben sie lange überlegt, ob sie ihre Situation öffentlich machen sollen. Vor einiger Zeit machten sie dann doch einen kleinen Hilferuf publik, daraufhin schauten viele Altkunden wieder öfter vorbei. Die Filmregisseure Dominik Graf und Caroline Link meldeten sich, sie wollen das Videodrom unterstützen. Und der Regisseur Detlev Buck abonnierte eine Flatrate, 25 Euro im Monat. Jetzt müssen ihm nur noch 200 oder besser gleich 1000 Kinokenner folgen, um dem Videodrom eine Perspektive zu ermöglichen.

2. Aus Liebe zum Jazz: Der Musiker Rolf Kühn

Vor einigen Monaten ist Rolf Kühn 90 geworden. Aber der Jazzmusiker probt noch immer mindestens zwei Stunden am Tag. Heute spielt er, wie er findet, „viel freier als früher“. Als Klarinettist ist er einer der wenigen international renommierten deutschen Jazzmusiker. Sein musikalisches Spektrum ist so atemberaubend wie die Liste der Musiker, mit denen er gespielt hat. Ende der Fünfzigerjahre war er in der Band des Swing-Stars Benny Goodman, ein halbes Jahrhundert später nahm er CDs mit der Freejazz-Legende Ornette Coleman auf: „Jeder hat die Freiheit, den musikalischen Rahmen zu verlassen. Dann beginnt man zu fliegen.“ In den vergangenen Jahrzehnten hat Kühn so ziemlich alles gemacht, was im Jazz interessant ist – von sehr lässigen Platten in den frühen Sechzigern, die noch heute so modern klingen, dass man kaum glaubt, sie seien in Deutschland aufgenommen worden, bis zu heftigen Freejazz-Rock-Experimenten in den Siebzigern oder den offenen Improvisationen, die er heute mit viel jüngeren Musikern spielt.


Der Klarinettist Rolf Kühn trat mit Jazzlegenden wie Benny Goodman und Chet Baker auf und findet, er spiele heute mit 90 Jahren „viel freier als früher“ Foto: © Harald Hoffmann

Kühn, ein höflicher Gentleman, erzählt trocken, wie er im New York der Fünfzigerjahre in Jazzclubs aufgetreten ist, die von Kriminellen betrieben wurden, „offenbar mochten sie die Musik“. Während eines seiner Konzerte im berühmten „Birdland“ wurde im Hinterzimmer ein Mann erstochen, Kühn sah den Toten nach seinem Auftritt auf dem Weg zur Garderobe.

Als er mit Chet Baker auf einer Ostküsten-Tournee spielte, „leider nur acht Tage“, wurde Baker vor einem Konzert in Philadelphia verhaftet, weil man Heroin bei ihm fand. Seine Bandmitglieder mussten sich vor den Polizisten komplett entkleiden und wurden auf Einstiche untersucht. Kühn erzählt das ungerührt, wie eine der lästigen, nicht weiter wichtigen Begleitumstände im Leben eines Jazzmusikers.

Kühn ist schwierige Umstände gewohnt. Während des Nationalsozialismus durfte er als Sohn einer jüdischen Mutter nicht zum Musikunterricht. Der Klarinettist des Leipziger Gewandhausorchesters unterrichtete den Zwölfjährigen trotzdem, „vielleicht hatte er das Gefühl, dass ich Talent habe“. Das ihn ständig begleitende Gefühl in dieser Zeit: Angst. „Natürlich war die Musik auch ein Halt.“ Sein Lehrer hätte ihn am liebsten in einem klassischen Orchester gesehen, „aber das war nicht mein Ding“.

Nach dem Krieg spielte er Tanzmusik und entdeckte im zerstörten Nachkriegs-Leipzig den Jazz. Eine Freundin schenkte ihm eine Platte von Benny Goodman, er hörte sie, bis er jeden Ton auswendig kannte. Mit 17 Jahren war er Profi und spielte im Rundfunk-Tanzorchester Leipzig. Viele seiner damaligen Kollegen blieben dort 30, 40 Jahre. „Wie langweilig“, spottet Kühn. Ihm wurden das Orchester, Leipzig und die DDR bald zu klein, er nahm ein Engagement in einem Nachtclub auf Sylt an und wechselte 1950 zum Rias-Tanzorchester nach Westberlin, eigentlich ein Traumjob.

1956, mit 27 Jahren, wurde Kühn auch das zu öde, er ging nach New York, so gut wie ohne Kontakte, ohne Vertrag, ohne Jobangebote, ohne jede Sicherheit. Auf eigenes Risiko, zu einer Zeit, in der Musiker aus Europa von amerikanischen Jazzmusikern höchstens müde belächelt wurden. „In Berlin haben sie mich für wahnsinnig gehalten, weil ich meinen sicheren, gut bezahlten Job aufgab“, sagt er. Aber er wollte da sein, wo der interessante Jazz gespielt wird, er wollte die Musiker, die er von Platten kannte, live erleben und mit ihnen arbeiten.

Nach drei Monaten in New York war er pleite. Die Mitgliedskarte der Musikergewerkschaft, ohne die er nicht auftreten durfte, sollte er erst nach sechs Monaten bekommen. „Die Stadt war knallhart“, erinnert sich Kühn. „Die Musikergewerkschaft in New York hatte 30 000 Mitglieder, 20 000 waren fast immer ohne Arbeit. Ich war die ganzen sechs Jahre in New York nicht krankenversichert.“ Wie alle strampelte Kühn im „rat race“, dem Rattenrennen um Jobs, Auftritte, Geld. Er machte Jingles für TV-Werbung und ging jede Nacht zu Jam-Sessions, spielte, wo immer er spielen konnte, einfach damit andere Musiker ihn hörten. Auf der Straße traf er zufällig den Pianisten Friedrich Gulda, damals ein Weltstar der klassischen Musik – und ein großer Jazz-Fan. Sie kannten sich aus Berlin, nach seinen Konzerten mit den Berliner Philharmonikern spielte Gulda oft in den Jazzclubs der Stadt, auch gemeinsam mit Kühn. In New York war Gulda bestens vernetzt. Mit seiner Hilfe konnte Rolf Kühn einem einflussreichen Impresario vorspielen. Dessen Kom- mentar: „I like what I hear.“

Durch ihn bekam Kühn erste Jobs, ein Jahr später spielte er in der Big Band seines Jugendidols Benny Goodman, auch das: eine harte Schule. Er tourte mit einem eigenen Quartett, trat in den wichtigen Clubs auf. „New York, das war die inspirierendste Zeit“, sagt er. Nach sechs Jahren hatte er genug vom rat race: „In Europa gab es mehr Möglichkeiten, auch für experimentellere Musik.“

Rolf Kühn machte immer weiter und blieb sich treu, indem er jeden neuen Stil ausprobierte, der ihn interessierte. Zwischendurch machte er gut bezahlte Filmmusik oder arbeitete als Orchesterleiter im Berliner Musical-Theater des Westens. Kühn lebt gut, die Grenzen zwischen E und U, ernster Musik und leichter Unterhaltung, sind ihm völlig egal. Auf die Frage, worauf er noch neugierig sei, antwortet er: „Auf meine übernächste CD.“ Die nächste nimmt er dieses Jahr auf.


Für sie war die Gründung des Verlags Edition Nautilus ein „politisches Projekt“: Hanna Mittelstädt

3. Aus Liebe zur Anarchie: Die Verlegerin der Edition Nautilus, Hanna Mittelstädt

Als Hanna Mittelstädt und ihr Freund Lutz Schulenburg ihren Verlag gründeten, waren sie Anfang 20 und hatten nicht die geringste Ahnung vom Geschäft. Keine Buchhandelslehre, kein Kapital und erst recht keinen Businessplan. Die wichtigste Ausbildung in den Nachwehen der 68er: lange Nächte im Hamburger „Anarchistenkeller“, einer Kneipe, in der sich die jungen Radikalen trafen. 45 Jahre später ist die Edition Nautilus ein angesehener politisch-literarischer Verlag mit einem Jahresumsatz von 590 000 Euro (2018), der gut 1000 Titel veröffentlicht, einige Bestseller produziert und wichtige Preise der Branche erhalten hat.

„Wir haben den Verlag als politisches Projekt gegründet, wir wollten Texte der Anarchisten verfügbar machen“, sagt Mittelstädt, die inzwischen 68 Jahre alt ist. Wenn sie über die Jahrzehnte im Geschäft spricht, fallen Worte wie „Abenteuer“, „Offenheit“ und, ganz wichtig: „Spiel“. Es sei mehr als ein Verlagsprogramm, es sei ein Lebensentwurf gewesen. „Es ging nicht nur darum, Bücher zu verkaufen, sondern auch um das Spiel“, sagt Mittelstädt. „Das schafft Distanz und Beweglichkeit.“ Anfang vergangenen Jahres hat sie die Edition Nautilus an die Mitarbeiter verschenkt. Ihr Lebensgefährte Lutz Schulenburg, neben ihr der prägende Programmmacher, starb vor sieben Jahren nach kurzer Krankheit.

Verlagsgründungen aus der linken Subkultur gab es Anfang der Siebzigerjahre viele. Die meisten Firmen haben nicht lange überlebt. Der Preis der Zähigkeit, mit der sich Mittelstädt, Schulenburg und ihre Mitstreiter über vier Jahrzehnte von Buch zu Buch hangelten, war Selbstausbeutung: lange Arbeitstage bei einer Bezahlung am Existenzminimum. Hanna Mittelstädt, eigentlich zuständig für Programm und Lektorat, arbeitete das Tagesgeschäft ab, zum Lesen kam sie oft nur abends oder am Wochenende.

Begegnete man den Verlegern in den Neunzigerjahren, wunderte man sich, wie sie es schafften, sich von der prekären Situation nicht die Laune verderben zu lassen. Stattdessen fand man großzügige Offenheit und Freude an den eigenen Entdeckungen: zum Beispiel die 14-bändige Werkausgabe des vergessenen Expressionisten, Dadaisten, Anarchisten, Abenteurers, Schiffsentführers und Börsenjournalisten Franz Jung. Alle Beteiligten arbeiteten unbezahlt daran mit, die Leidenschaft der Verleger war offenbar ansteckend. Die Anerkennung war groß, aber nur ein überschaubarer Teil der optimistisch kalkulierten ersten (und letzten) Auflage von 2000 Exemplaren fand Käufer. Mittelstädt ist bis heute dennoch stolz auf diese Unternehmung.

Die Lust am Spiel und die anarchistische Prägung verhinderten die dogmatischen Verhärtungen, mit denen kommunistische Splittergruppen und Kaderparteien sich und anderen seit den Siebzigerjahren das Leben schwer machten. In der Edition Nautilus erschienen stattdessen unbekannte Texte der Dadaisten und Surrealisten der Zwanzigerjahre.

Mit seinen Entdeckungen war der Verlag der Zeit oft weit voraus: Übersetzungen von Texten der Situationisten zum Beispiel – einer Gruppe um den Franzosen Guy Debord, die in den frühen Sechzigern Kunst, Anti-Kunst und Anarchismus miteinander verwoben – gehörten zu den ersten Veröffentlichungen. Jahrzehnte später widmeten Institutionen wie das Berliner Haus der Kulturen oder das Pariser Centre Pompidou der Gruppe große Ausstellungen.

Weil Mittelstädt und Schulenburg ein Paar waren, ließen sich Privatleben und Arbeit kaum trennen. Im Rückblick sagt sie: „Wir haben superbescheiden gelebt, über Geld haben wir uns eigentlich keine großen Gedanken gemacht. Die Mieten waren extrem billig. Für uns gehörte Alltagsleben, Politik und Poesie zusammen.“

Zur Poesie gehörten schlecht verkäufliche Gedichtbände. Der Schriftsteller Frank Witzel zum Beispiel veröffentlichte seine ersten Gedichtbände bei Nautilus. 2015 erhielt er den Deutschen Buchpreis für sein Werk „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Das erschien zwar in einem anderen Verlag, Mittelstädt freut sich trotzdem über den späten Erfolg. Ironischerweise lohnten sich besonders solche Entdeckungen, die nicht zum Kerngebiet des Verlags gehörten. Die Idee, den Silvester-Fernseh-Klassiker „Dinner for one“ als Buch zu drucken, sorgt seit Jahren dank einer fünfstelligen Auflage für einen beruhigenden Geldfluss.

Dass Mittelstädt heute trotz einer Rente von 400 Euro das Leben genießen kann, verdankt sie unter anderem dem Krimidebüt einer zuvor unbekannten Autorin. Nach 32 Jahren Durchwursteln bescherte der Krimi „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel dem Verlag 2006 einen Bestseller mit rund einer Million verkauften Exemplaren. „Wir haben den Titel gegen den Ratschlag der Vertriebsprofis der Branche gemacht“, sagt sie. Einen Teil des unerwarteten Geldsegens haben die Verleger an ihre Mitarbeiter verteilt, vom Rest haben sie ein Hinterhaus in Hamburg-Altona gekauft. Ganz oben wohnt Hanna Mittelstädt, in der Mitte Katharina Picandet, die heutige Geschäftsführerin des Verlages. Und im Erdgeschoss wird an neuen Büchern für eine andere Welt gearbeitet. ---