Live Streaming

Live-Streaming schafft Nähe zwischen dem Protagonisten und seinem Publikum – und ein interessantes Werbeumfeld.





• Wenn Fabian S. Gülle abpumpt, schauen ihm bis zu 300 Leute zu. Seit rund zwei Jahren führt der 31-jährige Landwirt den elterlichen Hof. Seit gut einem Jahr lässt er Fremde daran teilhaben – per Live-Stream auf der Plattform Twitch. 12 bis 14 Stunden am Tag ist Fabian S. alias van_hinten88 auf Sendung. Da sein Publikum wechselt, manche Leute ab- und andere zuschalten, dürften es ein paar Tausend Menschen sein, die ihn im Laufe eines Tages bei einer Arbeit beobachten.

Mehr als 3,7 Millionen Menschen weltweit gehen über Twitch mindestens einmal im Monat auf Sendung. Die Zahl ihrer Zuschauer ist enorm: Jeden Tag wird die zu Amazon gehörende Plattform von durchschnittlich 1,2 Millionen Menschen aufgesucht.

Trendsetter war schon vor Jahren die Gamer-Szene. Videospielern live zuschauen zu können, um von ihnen zu lernen oder sich ein Spiel vor dem Kauf genauer anzusehen – damit gewann Twitch sein Publikum. Im Sommer 2014 erwarb Amazon die Plattform für 970 Millionen Dollar. Youtube konterte mit seinem Live-Streaming-Portal Youtube Gaming, und mit den Kanälen erlebte auch der E-Sport, bei dem Computer- und Videospieler gegeneinander antreten, einen großen Aufschwung. Die bekanntesten Live-Streamer, etwa der deutsche Gamer Marcel Thomas Andreas Eris, besser bekannt als MontanaBlack, verdienen durch Werbung, zahlende Abonnenten und Kooperationen mit Unternehmen inzwischen hohe fünfstellige Summen pro Monat.

Auch in anderen Kreisen wird Live-Streaming zunehmend populär. Twitch führte im Jahr 2018 neue Kategorien wie Art, Science & Technology oder Just Chatting ein. Letztere konnte innerhalb von 14 Monaten die Zuschauerzahlen von durchschnittlich 32.000 auf mehr als 88.000 Zuschauer pro Monat steigern. Das Interesse, Menschen zuzuschauen, wie sie Autos reparieren, Kehrmaschinen fahren oder Essen zubereiten, ist erstaunlich groß.

Eva Zander, in der Gamer-Szene für ihre „League of Legends“-Übertragungen unter dem Namen xxbloodynyuuxx bekannt, lässt ihre Fans mittlerweile zuschauen, wenn sie mit Mutti Kuchen backt. Die 27-jährige Pädagogin mit den langen blauen Haaren ist Vollzeit-Streamerin und verdient laut eigener Aussage gut. Eine nicht unwesentliche Rolle spielen Spenden. Viele Akteure auf Twitch werden von ihrer Fangemeinde unterstützt und bieten den Spendern als Gegenleistung etwa Zugang zu einem exklusiven Chat-Kanal. Zander hat von ihrem größten Fan inzwischen um die 15.000 Euro erhalten.

Der direkte Austausch zwischen Publikum und Protagonist und innerhalb der Fangemeinde unterscheidet das heutige Live-Streaming von den früheren Rund-um-die-Uhr-Webcam Übertragungen aus irgendwelchen Wohnzimmern.

Lagerfeuer-Atmosphäre, Voyeurismus und Vertrautheit gehen eine eigenartige Symbiose ein. „Wann immer ich Zeit habe, schalte ich die Kamera an“, sagt der Landwirt Fabian Schmälzle. Er schwätze eben gern.

Für Unternehmen ergeben sich dadurch ungeahnte Zugänge in spezielle Kreise. Agenturen wie WeHype oder HashtagLove helfen ihnen, passende Live-Streamer zu finden. Eva Zander erhält von einem Kooperations-Partner ein festes Gehalt, Fabian Schmälzle bekommt Werbe-Honorare. Derzeit kooperiert er mit zwei Herstellern von Computer- und Gaming-Zubehör, deren Logos, am Traktor klebend, im Stream nahezu durchgängig sichtbar sind. Eine zweiwöchige Promotion-Aktion, bei der er ein Produkt im Stream inklusive Rabatt-Code für die Zuschauer bewarb, brachte ihm kürzlich 1000 Euro ein.

Live-Streamer müssen wie Influencer Werbung als solche deklarieren, sind aber, weil ihre Inhalte schnell verschwinden, schwierig zu kontrollieren.

Wohin der Trend noch führen kann, zeigt sich in China. Dort gehört es bereits zum Tagesgeschäft von Händlern, ihre Produkte über Live-Stream-Apps anzupreisen und auch direkt zu verkaufen. Zudem gibt es Firmen, die rund um die Uhr Botschafter auf Sendung schicken. Die erzählen dann Witze, singen, tanzen, quatschen – pausenloses Content-Marketing also, und zwar live. ---

Martin Fehrensen ist Autor von Social Media Watchblog – einem Newsletter, der zweimal wöchentlich erscheint.