Cash Payment Solutions

Wie originell ist eigentlich die Start-up-Szene? Ein Gespräch mit dem Gründer und Investor Florian Swoboda.





• Im Jahr 2011 ruft Florian Swoboda – Anfang 20, seit wenigen Wochen Unternehmensgründer – einen Onlinehändler an, um ihm seine Geschäftsidee vorzustellen: Barzahlen im Internet. Die Reaktion am anderen Ende der Leitung? Schallendes Gelächter. Das sei die dümmste Idee, von der er je gehört habe, sagt der Mann und legt auf.

brand eins: Und dann, Herr Swoboda?

Florian Swoboda: Das hinterließ schon Eindruck. Nach dem ersten Frust aber fragt man sich nur noch, wie lange man warten sollte, bis man dort wieder anruft, einen Brief schreibt, ein Fax sendet oder einen anderen Ansprechpartner im Haus sucht. Wir haben es einfach immer wieder versucht, morgens, mittags, abends.

In einer Zeit, in der sich alles um Digitalisierung und E-Commerce dreht, klingt die Idee, die Barzahlung für Einkäufe im Internet anzubieten, tatsächlich abwegig. Die Investoren begeistern sich für digitale Bezahlsysteme – Swoboda und seine Mitgründer Achim Bönsch und Sebastian Seifert hingegen erzählen ihnen von den damals 70 Prozent der Deutschen, die keine Kreditkarte besitzen, den 50 Prozent, die kein Onlinebanking nutzen. Millionen Menschen würden deshalb im Internet nichts ordern.

Das Konzept ihrer Firma Cash Payment Solutions: Man kauft im Internet, geht auf die Website barzahlen.de, druckt einen Zahlschein mit Barcode aus und begleicht die Rechnung in einem Supermarkt oder einer Drogerie an der Kasse in bar. Von dort wird das Geld dann an den Verkäufer überwiesen.

brand eins: Sie wollten damals eine neue Idee durchsetzen. Etwas völlig anders zu machen ist der Anspruch vieler Gründer. Können Sie uns erklären, warum die Szene trotzdem so konform anmutet?

Swoboda: Ich würde nicht von Konformität, sondern eher von einer Art Best-Practice-Wissen sprechen. Mehr als früher weiß man heute, welche Dinge funktionieren und welche nicht. Aber wer wirklich erfolgreich sein will, der muss auch irgendetwas anders machen, sonst schafft er es nicht, aus der Masse herauszutreten. Sich abzuheben, anders sein zu wollen ist immer noch ein wichtiger Motor in der Gründerszene.

Die Kultur entstand auch als Gegenentwurf zur Old Economy, zu deren Hierarchie, Förmlichkeit und Trennung von Beruf und Privatem. Würden Sie der These zustimmen, dass der Drang, sich nach außen abzuheben, zu einer Vereinheitlichung innerhalb der Szene geführt hat?

In Teilen vielleicht. Home-Office, flexible Arbeitszeiten, tolle Snackboxen und schicke Kaffeemaschinen finden Sie bei vielen Start-ups, die um die besten Programmierer buhlen. Einfach weil die das erwarten. Die Gründerszene ist aber viel bunter als die ihr zugeschriebenen Klischees.

Wenn man die Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ schaut, bei der Gründer vor einer Jury aus Investoren ihr Geschäftsmodell präsentieren, oder Gründerkonferenzen besucht, erkennt man das nicht: Alle scheinen die Spielregeln zu kennen und sich daran zu halten.

Dieser Eindruck täuscht, weil Sie nicht die Gesamtheit sehen. Wer geht denn zu einer TV-Show oder Gründerkonferenz, wer lädt dort ein? Natürlich bedienen diese Personen alle Klischees eines Gründers, genau das wird ja bestellt.

Gormannstraße 14, Berlin – ein schickes Büro im Erdgeschoss. Vier junge Männer sitzen hinter Laptops. Das Start-up Habyt ist ein Anbieter von Co-Living: möblierte Apartments, die Zugereiste auch als WG kurzfristig mieten können. Florian Swoboda bietet Kaffee an, der sei hier immer gut, „der Gründer ist Italiener“. Er duzt alle Leute konsequent, trägt einen dunkelblauen Pulli und Dreitagebart. Man könte ihn für einen Mitarbeiter halten, dabei ist er Investor. Seit dem Ausstieg aus seinem Start-up im Jahr 2016 ist er mit seiner neuen Firma Liberty Ventures an 25 Unternehmen in Deutschland, den USA und Südamerika beteiligt – jeweils als Erstinvestor mit Summen im fünfstelligen Bereich.

brand eins: Worauf achten Sie heute, wenn Sie auf Gründer schauen?

Swoboda: Ich bin skeptisch, wenn der Lifestyle im Vordergrund steht, ein Gründer vor allem sein eigener Herr sein will. Spätestens in der ersten Krise ist es sehr unattraktiv, sein eigener Herr sein zu müssen. Ich suche Menschen mit Purpose. Als Gründer wollte ich Arbeitsplätze schaffen. Eine solche Motivation ist total wichtig, sie kann auch darin bestehen, dass man das Produkt oder den Service toll findet.

Haben Sie noch Kontakt zu den ersten Investoren von Cash Payment Solutions?

Ja, die Angel Investoren von damals sind gute Freunde, und die Venture Capital Fonds halten mit uns Ausschau nach Beteiligungen.

Ist die Gründerszene ein Freundeskreis?

Das stimmt bedingt. Ich investiere häufig mit Freunden in Start-ups von Freunden und ehemaligen Mitarbeitern, aber auch in die von Uni-Absolventen und Gründern, die mir aus unserem Netzwerk vorgestellt werden. Selbst hier in Berlin, wo die Szene rasant gewachsen und dabei auch erwachsen geworden ist, sprechen wir über einen sehr überschaubaren Kreis an Leuten. Man kennt sich, ja.

Was immer wieder auffällt, ist die Kleidung, die im Vergleich zu den Anzugträgern im Konzern unkonventionell daherkommt, aber doch nur wie eine andere Art Uniform erscheint.

Das sehe ich nicht so, ich kenne Gründer in Anzügen, Hoodies, im Firmenshirt oder in Trainingsanzug. Ich sehe keine Konformität, außer vielleicht, dass die Gründerszene immer noch männerdominiert ist.

Wie erklären Sie sich das?

Den Grund kenne ich nicht. Ich schätze, dass der Frauenanteil heute bei 20 Prozent liegt, das entspricht überhaupt nicht dem Geschlechterverhältnis bei den Hochschulabsolventen. Der Trend zeigt aber erfreulicherweise eindeutig nach oben, in den USA ist die Zahl der weiblichen Unicorn-Gründer so hoch wie nie.

Investieren Sie in von Frauen geführte Unternehmen?

Ja, wir sind an mehreren beteiligt.

Wenn Sie ein Drehbuchautor wären, wie würden Sie ein Start-up in Szene setzen?

Kein fancy Büro jedenfalls. Es zieht einfach jemand mit zwei Kisten Club Mate und einem Ikea-Tisch bei seinem Kumpel ein, und gemeinsam fangen sie an, an einer Idee zu arbeiten. Der Held macht eigentlich nichts anderes, als zu arbeiten. Weil es ihm Spaß macht.

Und wie spricht er? Die Szene hat ja auch eine eigene Sprache entwickelt.

Stimmt, die ist schon sehr speziell. Extrem viele Anglizismen, Contribution Margin statt Deckungsbeitrag, auch der Begriff Traction muss fallen, dabei weiß ich nicht einmal, wie man das genau übersetzt. Vielleicht als eine Art Marktresonanz. Es geht darum, ob sich der erste Spike in der Nachfrage schon erkennen lässt. Skalieren und Unit Economics dürfen auch nicht fehlen. Dann verwenden wir unzählige Abkürzungen: CAC – Costumer Acquisition Costs –, CM, USP, …

Was schreibt man eigentlich in die erste E-Mail an einen Investor?

Einen Satz über sich selbst, einen über das, was man macht, einen zu den Problemen, die sich mit der Idee lösen ließen – und natürlich alles per Du.

Auch wenn man sich gar nicht kennt?

Meist gab es ja schon ein Intro. Kaum jemand schreibt einen Investor kalt an. Diese Intros macht jeder in der Szene, die Gründer, Investoren, Mitarbeiter – einer hat eine Idee, ein anderer kennt einen, dem man sie vorstellen könnte. Das Wort Szene mag ich eigentlich gar nicht, das klingt künstlich hip – Gründer sind aber nicht cooler als Architekten oder Bankangestellte, meist ganz normale Leute eben.

Florian Swoboda ist Schüler, als er seine erste Gründer-Konferenz besucht, in Vallendar an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Dort steht plötzlich Michael Brehm neben ihm, der Geschäftsführer von StudiVZ, dem damals meistgenutzten sozialen Netz in Deutschland. Dass Brehm nur wenige Jahre älter als er selbst ist, beeindruckt Swoboda. Einige Tage später hält er im Unterricht ein Referat über Start-ups. Ein gutes Jahrzehnt später, im Spätsommer 2018, spricht er selbst in Vallendar bei der Veranstaltung. Er holt Gründer von Firmen, an denen er beteiligt ist, auf die Bühne, die haben alle wie er auch an der WHU studiert.

brand eins: Ahmt man diese Vorbilder nach?

Swoboda: Nein, man fragt vielleicht nach einem Rat, aber nachgeahmt haben wir sie nicht.

Bei welchen Fragen haben Sie sich einen Rat geholt?

Vor allem vor der Entscheidung, ob wir nach Berlin gehen sollten. Alle sagten uns, da müsst ihr hin. Da sind die Investoren, die Fachleute, die größte Szene – also haben wir das gemacht.

2011 begann Cash Payment Solutions in der Hauptstadt. Ein Büro können sich Swoboda und Co. nicht leisten – sie arbeiten in Cafés mit WLAN. Einmal spricht sie ein Gast an, er habe ihnen zugehört und finde die Idee gut, ob er investieren könne? Die Jungs packen eilig ihre Sachen zusammen, aus Angst, jemand klaue ihre Idee. Ein Professor der FU Berlin, der auch in Start-ups investiert, bietet den Gründern eine unbeheizte Dachkammer in seinem Haus als Büro an. Die Firma erhält zudem ein Stipendium.

In der ersten Finanzierungsrunde steigen einige Investoren ein, zwei davon sind die Gründer von kaufda.de, einem Onlineportal, das Einkaufsangebote in der Nähe des Nutzers anzeigt. Im Jahr 2012 gelingt eine zweite Finanzierungsrunde. Ein Jahr später meldet das Unternehmen die erste erfolgreich durchgeführte Transaktion: Am Alexanderplatz zahlen Freunde von Swoboda in einem dm-Markt die Rechnung für einen online bestellten Bilderrahmen in bar.

Die Zentrale der Drogeriemarkt-Kette hat die Gründer zuvor mehrfach abgewimmelt. Dann aber überzeugen sie Christoph Werner, der kurz zuvor in die Geschäftsführung eingetreten ist. Im Jahr 2013 kann man in mehr als 1300 dm-Geschäften in ganz Deutschland Online-käufe bar bezahlen. Es folgen Supermärkte wie Penny oder Rewe – und unerwartet auch Energieversorger, Inkassounternehmen und Onlinebanken, die ihren Kunden über die Plattform Barein- und -auszahlungen ermöglichen.

brand eins: Aus Ihrem Start-up ist ein erfolgreiches Unternehmen geworden. Warum sind Sie ausgestiegen?

Swoboda: Ich wollte wieder bei null anfangen. Ich mag es, wenn es jeden Tag ein neues Problem gibt. ---

Cash Payment Solutions GmbH

Mitarbeiter: 42

Eingesammeltes Wagniskapital, in Millionen Euro: 12,5

Zahl der Filialen, in denen Kunden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien Online-Einkäufe bar bezahlen können: 16 000

Zahl der Onlineshops, die diesen Service anbieten: 8000

Der Schwerpunkt des Unternehmens liegt heute auf Online Payment, Zahlung klassischer Rechnungen und Banking. Partner wie Amazon, Eon, die Bundesagentur für Arbeit, N26, DKB oder Vodafone nutzen die Plattform für das Ein- und Auszahlen von Bargeld.

Im Oktober 2019 übernimmt das japanische Unternehmen Glory – ein Hersteller von Bargeldsortiermaschinen – 53 Prozent der Anteile von Cash Payment Solutions. Die Japaner kaufen diese Anteile von Investoren wie dem Wagniskapitalgeber Alstin von Carsten Maschmeyer, Rewe Digital, Berlin Technologie Holding, mehreren Business Angels und dem ausgeschiedenen Gründer Florian Swoboda. Dessen Mitgründer Achim Bönsch und Sebastian Seifert behalten ihre Anteile, ebenso die Grenke Bank. Der neue Investor will mit dem Geschäft international expandieren, mehr als 22 Millionen Euro soll er für die Anteile bezahlt haben. Ob es eine Barzahlung war, ist nicht bekannt.