Mikroökonomie – Rentierzucht

Ursula Länsman, 48, lebt mit ihrem Freund und dessen Sohn in Angeli, einem Dorf 400 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Zum nächsten Supermarkt sind es 50 Kilometer.





Nach einer Ausbildung zur Diplom-Kauffrau beschloss sie, als Rentierzüchterin das Geschäft ihres Vaters weiterzuführen. Länsman gehört zu den Samen, dem einzigen indigenen Volk Europas. Im Norden von Finnland leben rund 10 000 von ihnen. Länsman singt in einer Band, die die traditionelle Musik der Samen aufführt.

Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Länsman teilt sich das Geld ein, das sie einmal im Jahr bekommt, wenn sie ihre Tiere schlachten lässt und das Fleisch verkauft. Pro Monat hat sie knapp 1000 Euro. Wegen ihres geringen Einkommens zahlt sie nur 5,5 Prozent Steuern, die Krankenversicherung ist darin enthalten. Sie lebt in einem Haus, das ihre Großtante ihr vermacht hat. Für Essen gibt sie pro Monat 150 Euro aus, weitere 100 Euro für Benzin. Dazu kommen 150 Euro für Versicherungen, 35 Euro für ihr Handy und 50 Euro für Strom. Ihre mit Ohrmarken versehenen Rentiere, mehrere Hundert, weiden frei im Wald und in den Mooren. Kosten fallen an, wenn sie im Herbst mit Quads und Helikoptern zusammengetrieben werden.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Rentierzucht ist eine Lebensform, ich mache das nicht wegen des Geldes, bei einem Stundenlohn von zwei Euro. Daher arbeite ich daneben noch im Schlachthof oder in einem Restaurant. Manchmal treten wir auch mit unserer Band auf, da kommt noch ein wenig Geld rein.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Liebe. Nicht nur zu meinem Partner, ich meine das Verbundensein mit den Menschen und der Natur. Dazu kommt das starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Samen, das so wichtig ist, weil wir wenige sind und verstreut leben. Wir reparieren gegenseitig unsere Maschinen, wenn einer mal in den Ort fährt, macht er Erledigungen für die anderen – und es ist immer jemand zu Besuch da.

Was möchten Sie an Ihrem Leben verändern?

Ich wollte schon als Kind ein Junge sein. Das ist noch heute so – weil ich dann mehr Kraft hätte und die Arbeit leichter wäre, mit den Schlitten und mit den Tieren.

Welche sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Einmal ist unsere Sauna fast abgebrannt, und die Heizung ging nicht mehr. Manchmal wünsche ich mir einen Bürojob, wenn morgens minus 40 Grad sind und ich rausmuss zu den Tieren.

Was tun Sie, wenn Sie sich etwas Besonderes gönnen wollen?

Eigentlich gönne ich mir mit meiner Arbeit jeden Tag etwas. Ich lebe ja meinen Traum. ---

Einwohner: 5,5 Millionen
Währung: Euro
BIP pro Kopf: 45 000 Euro
Human Development Index: Platz 15 (Deutschland: 5 von 189)
1 Dose Bier, 0,33 Liter: 1,50 (0,89)
1 Liter Milch: 1,20 (0,78)
1 Liter Benzin: 1,65 (1,40)
1 Kilo Kaffee: 5 (14)
1 Mittagessen im Restaurant: ab 15 (ab 10)