Strickerei Siegel

Eine neue Marke ist wie ein neues Leben – jedenfalls für die Strickerei Siegel in Stade.





• Der Chef testet potenzielle neue Produkte für die Marke Rymhart grundsätzlich selbst. Derzeit trägt Karl-Frank Siegel einen schlichten schwarzen Pullover ohne Bündchen. Darunter ein Woll-T-Shirt, das es bereits ins Sortiment geschafft hat – und das der 61-Jährige, wie er betont, trotz wochenlangen Gebrauchs noch nie gewaschen hat. Nicht nötig, da Wolle Gerüche und Schmutz nicht annimmt, lüften reicht.

Damit wären wir bei seinem Thema, über das er mäandernd bei Ingwertee und selbst gedrehten Zigaretten redet. Siegel hatte schon immer seinen eigenen Kopf. So blieb er als Jugendlicher nach einem Schüleraustausch einfach in den USA, bis die Polizei ihn aufgriff und in ein Flugzeug nach Deutschland setzte. Nach dem Abitur machte er eine Tischlerlehre, „weil Handarbeit cool ist“, schlug sich einige Jahre auf Korsika durch, bis er in die Strickerei des Vaters einstieg.

Der Betrieb beliefert den Fachhandel seit Jahrzehnten mit Pullis für ältere Damen, das Markenzeichen ist ein Seepferdchen. Die Zielgruppe schrumpft, das Geschäft sei tot, hieß es schon in den Achtzigerjahren – der Junior ließ sich dennoch darauf ein. Er trotzte dem Niedergang der Textilindustrie und stand auch eine Insolvenz durch. Stoffe made in Stade haben einen guten Ruf, zeitweise belieferte man sogar die Luxusmarke Hermès. Aber das Kerngeschäft wird immer schwieriger, weil der Fachhandel stirbt und Discounter Textilien zu Spottpreisen anbieten.

Der Ausweg ergab sich durch ein privates Experiment Siegels im Jahr 2007. Der leidenschaftliche Segler wollte für sich einen perfekten Troyer, also Seemannspullover, stricken: dick, warm, wasserabweisend. Allein einen Reißverschluss zu finden, der Salzwasser standhält, kostete ihn Wochen.

Als Siegel mit seinem Werk zufrieden war, bestürmten ihn Freunde und Verwandte: Den musst du verkaufen. Er ließ sich überzeugen und heuerte mit dem Architekten Sven Promer jemanden aus dem Bekanntenkreis an, der mit ihm die Marke Rymhart strickte. „Rüm hart“ heißt auf Friesisch weites Herz.

Die Troyer werden im eigenen Onlineshop für 199 Euro angeboten und mit einer Seriennummer versehen. Im Preis enthalten ist eine Auffrischung, man kann die Teile einsenden und bekommt sie gewaschen und fusselfrei zurück. Auch Reparaturen erledigen Siegels Leute und nehmen alte Ware sogar in Zahlung. Dieser Service ist ein Alleinstellungsmerkmal, das sich nur ein Betrieb, der selbst produziert, leisten kann. Mittlerweile sind rund 17 000 Troyer verkauft, das Sortiment wurde erweitert: Es gibt eine leichtere Variante des Seemannspullis, eine Jacke sowie T-Shirts aus Merinowolle. Alles made in Germany, alles öko.

„Der Troyer ist der Retter des Standortes“, sagt Siegel. Rymhart trägt in diesem Jahr bereits rund eine Million Euro zum Umsatz bei. Der Aufstieg der neuen Hipstermarke und der Abstieg der alten bedeuten eine Umstellung für viele Mitarbeiter. Sie haben nun auch mit Endkunden zu tun, Kommunikation spielt eine immer größere Rolle. Die Firma bei laufendem Betrieb neu zu organisieren ist eine Herkulesaufgabe. Aber dem Chef macht sie sichtlich Spaß; Abenteuer hat er schon immer gemocht. ---

Karl Siegel kommt in der Nachkriegszeit an zwei Handstrickmaschinen und stellt von 1948 an in Stade Kinderhemden aus Garnresten her. Dank der besseren Versorgung kann er ab 1951 eigene Kollektionen produzieren. Ende der Fünfzigerjahre stellt die Firma mit circa 50 Mitarbeitern rund 40.000 Teile jährlich her. 1959 wird das Seepferdchen ins Markenregister eingetragen. Karl-Frank Siegel übernimmt 1988 mit seiner Schwester Elke die Geschäftsleitung. 2004 wird die Firma insolvent, weil man die eigene Konfektion aufgibt – und, so Siegel, die Abfindungen für langjährige Mitarbeiter nicht zahlen kann. Der Betrieb läuft weiter. 2011 lanciert Siegel die Marke Rymhart. Das Unternehmen zählt zu den wenigen Überlebenden seiner Art.

Karl Siegel Vertriebs GmbH & Co

Mitarbeiter: 30; Umsatz (2018): rund 2,5 Mio. Euro, davon mit Rymhart: etwa 700.000 Euro