Nachhaltige Kotbeutel

Für Hundehalter mögen die Kotbeutel aus Plastik praktisch sein – für die Umwelt sind sie eine Belastung. Eine Firma aus Niedersachsen bietet eine ökologische Alternative an.





• Was hat Hundekot mit der Erderwärmung zu tun? Eigentlich wenig – wären da nicht die Plastiktüten, in denen pflichtbewusste Halter die Hinterlassenschaften ihrer Tiere entsorgen. Rund 15 Millionen Haufen lassen Hunde jeden Tag in Deutschland zurück – vorsichtig hochgerechnet. Schätzungen zufolge geben deutsche Städte pro Jahr mehr als 500 Millionen Kotbeutel aus, damit zumindest ein Teil davon im Müll landet. Millionen privat gekaufter Plastiktüten kommen dazu. Werden die erdölhaltigen Beutel nach dem Wegwerfen verbrannt, entsteht klimaschädliches CO2. Das ließe sich vermeiden, sagt Christian Salzmann.

2017 saß der Betriebswirt aus Braunschweig mit zwei Bekannten nach einem Messetag in Berlin bei einem Bier zusammen. Dabei beobachteten sie einen Mann, der den Haufen seines Hundes aufsammelte. „Wir haben über die Massen an Tüten und deren Folgen für die Umwelt spekuliert“, erzählt Salzmann, der selbst auch mal einen Hund hatte. „So sind wir auf die Idee gekommen: Das muss doch auch ohne Plastik gehen.“ Stattdessen wollten sie es mit einer Schachtel aus Recyclingkarton probieren.

Ein knappes halbes Jahr tüftelten die drei an einer Konstruktion, mit der man den Kot möglichst einfach und sicher kontaktlos aufnehmen kann. Heraus kam eine Schachtel, die aufgefaltet und so zusammengesteckt wird, dass ihre beiden Hälften ähnlich wie die Greifer eines Baggers funktionieren. „Kniffelig war besonders die Entwicklung des Verschlusses“, sagt der 40-Jährige. „Der musste hundertprozentig abschließen und sicher halten.“ Zudem brauchte es mehrere Versuche, bis die richtige Zellstoffmischung gefunden war. „Reine Recylingpappe weicht schnell durch, deshalb haben wir ein Material aus 70 Prozent Altpapier und 30 Prozent Holzabfällen der Möbelindustrie gewählt. Die hält sogar bei Durchfall dicht.“ Mit Schokoladenpudding testeten die Entwickler immer wieder die Praxistauglichkeit ihrer Erfindung, bis diese schließlich marktreif war. Poopick tauften sie ihr Produkt.

Daraufhin gründete Salzmann im Mai 2018 die Firma Pick UG mit rund 65.000 Euro Startkapital, das zum Teil von einem Investor aus dem damaligen Kollegenkreis und dessen Frau zur Verfügung gestellt wurde. Mit seinen beiden Bekannten, die nicht als Teilhaber einstiegen, vereinbarte er eine Gewinnbeteiligung.

Vier Monate später stellte Salzmann die Poopick-Internetseite online – auf dem Weg in den Urlaub, als er im Auto auf dem Beifahrersitz saß, den Laptop auf den Knien, kurz vor der serbischen Grenze. „Wenige Meter weiter hatten wir keinen mobilen Internetzugang mehr“, sagt er. „Erst am nächsten Morgen im Hotel habe ich gesehen, dass die ersten Bestellungen eingegangen waren.“ Auf Instagram hatte er zuvor für sein Projekt geworben und eine Schar von Interessierten gewonnen.

Zunächst gab es nur eine Größe für Hunde bis 25 Kilogramm Gewicht, mittlerweile bietet Pick auch Pappschachteln an für kleine Tiere bis 10 und für große, die mehr als 25 Kilogramm wiegen. Mit 30 bis 34 Cent pro Stück sind diese drei Varianten deutlich teurer als die Plastiktüten, dafür können sie klimaneutral verbrannt werden. Zudem werden die Schachteln in Deutschland hergestellt, größtenteils in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in der Eifel.

Christian Salzmann kooperiert mit Kommunen und lokalen Initiativen. Bereits seit September 2018 werden auf der Nordseeinsel Wangerooge in der Touristeninformation sowie am Hundestrand Poopicks gratis verteilt. Vergangenes Jahr hat die Inselverwaltung 2000 Schachteln bestellt, 2019 waren es 7000. Die Aktion soll 2020 fortgesetzt werden.

„Mir gefällt das Produkt, weil es nachhaltig ist“, sagt Rieka Beewen, die Marketingleiterin der Inselverwaltung. „Wir verteilen es, um unsere Gäste für das Plastikproblem zu sensibilisieren und Alternativen aufzuzeigen. Allerdings geben wir aus Kostengründen auch noch Tüten aus.“ Sie selbst habe einen Labrador-Retriever und sei auf Poopicks umgestiegen. „Nur bei richtig schlechtem Wetter benutze ich noch eine Tüte, das ist dann angenehmer.“

Unter anderem in Stuttgart, Frankfurt am Main und Langenhagen haben weitere Kooperationspartner Spender in Parks aufgestellt, aus denen sich Hundehalter kostenlos bedienen können. Mit dem Berliner Bezirk Reinickendorf hat die Firma Pick jüngst einen Vertrag abgeschlossen. Salzmann: „Weitere Gespräche laufen, da geht es um bis zu 100 Spender – das wären wichtige Multiplikatoren.“

Im September 2018 hat Pick 48 Packungen à 25 Faltschachteln verkauft, ein Jahr später waren es bereits rund 650. Damit ist Salzmann noch weit entfernt von den – für das vierte Betriebsjahr angepeilten – 4000 Packungen pro Monat bei einem Jahresumsatz von etwa 380.000 Euro. „Die Firma ist längst noch nicht am Ziel“, sagt er. Irgendwann möchte er jedoch vom Verkauf der Poopicks leben können.

Im vergangenen Sommer hat der Gründer seinen Job bei einer Leasing-Firma gekündigt, jetzt arbeitet er erst einmal in einer Digitalagentur. Seine Teilhaber hat er ausgezahlt und Pick allein übernommen. Die Doppelbelastung sei mitunter anstrengend: „Etwas mehr Zeit für die Kinder zu haben und abends Netflix gucken, statt E-Mails zu beantworten – das wäre auch mal wieder ganz schön“, sagt Christian Salzmann. Aber der Einsatz in dem Einmannunternehmen lohne sich. „Das ist das beste Produkt, das ich jemals verkauft habe.“ ---