Dickköpfe

Nazi-Sticker abpulen oder Geflüchteten bei der Steuererklärung helfen. Zwei Frauen, die sich nicht aufhalten lassen.





Die Übermalerin

Gestern war Irmela Mensah-Schramm wieder unterwegs. Graue Haare, Brille, eine ältere Dame eben, in der Hand einen Jutebeutel. Wer ihr begegnet, denkt, die ist auf dem Weg zum Supermarkt, festkochende Kartoffeln kaufen. Ist sie aber nicht. Mensah-Schramm, geboren 1945, ist mit der S-Bahn nach Berlin-Friedrichshain gefahren, um den Bezirk nach rechten Hassbotschaften abzusuchen. Nazi-Sticker kratzt sie ab, Nazi-Graffiti übermalt sie. In ihrem Beutel stecken ein Ceranfeldschaber, ein Edding und eine Sprühdose, Farbe rot, denn Herzen sprüht sie am liebsten – und sei es am helllichten Tag. Die „Sprayer-Oma“, wie Mensah-Schramm oft genannt wird, fürchtet weder die Nazis noch die Polizei.

Wenn man sie fragt, was sie da tue, sagt sie: „Ich entferne geistigen Dreck.“ Oder auch: „Ich beschädige Sachbeschädigung.“ Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der Bundesregierung. Ihre erste Aktion liegt 33 Jahre zurück, 1986 war das, Mensah-Schramm war gerade ins bürgerliche Berlin-Zehlendorf gezogen. Auf dem Weg zur Arbeit entdeckte sie an der Bushaltestelle einen Sticker mit der Aufschrift „Freiheit für Rudolf Heß“. Hitlers Stellvertreter saß zu der Zeit in Spandau im Kriegsverbrechergefängnis.

Wie kann man für so einen die Freiheit fordern? „Ich war wie gelähmt“, erinnert sie sich. Den ganzen Tag über habe sie der Aufkleber beschäftigt, aber auch ihr Nichtstun. Mensah-Schramm arbeitete als Heilpädagogin an einer Schule für geistig behinderte Menschen. Als sie nach Dienstschluss aus dem Bus stieg, kratzte sie den Aufkleber ab, mit ihrem Schlüssel. Nachdem die Botschaft nicht mehr zu lesen war, habe sie Erleichterung gefühlt.

Über die Jahre ist Irmela Mensah-Schramm professioneller geworden. Sie hat eine Kamera dabei, um all die Hassbotschaften zu fotografieren, die sie aus dem Stadtbild entfernt. Aufkleber löst sie, wenn möglich, als Ganzes ab. 115 Ordner hat sie schon mit Belegen gefüllt, immer mit Ort und Datum. So ist ein Archiv chauvinistischer und rassistischer Feindseligkeiten entstanden, das auch andere Aktivisten gegen Rechts nutzen. Mensah-Schramm verwendet das Material zudem für Aufklärungsarbeit. Auf Einladung geht sie mit Schwarz-Weiß-Kopien ihrer Fotos in Schulklassen, um die Hassbotschaften zusammen mit den Kindern und vielen Buntstiften in friedliche Parolen zu verwandeln. Die Kreativität vieler Schüler beeindrucke sie, sagt sie.

Nicht alle Menschen sind auf ihrer Seite. Da sind auch jene, die sich insgeheim mit den rechten Slogans identifizieren, und jene, die das ganz offen tun. Manche rufen die Polizei, weil sie finden, dass niemand das Recht habe, mit Graffiti gegen Graffiti vorzugehen. Möglichen Konsequenzen sieht sie stoisch entgegen. Es wurden schon viele Anzeigen gegen sie erstattet, mehrere Verfahren eröffnet und wieder eingestellt. Im vergangenen Oktober wurde sie in Eisenach wegen Sachbeschädigung in vier Fällen zu einer Geldstrafe von 1050 Euro verurteilt.

Würde der Staat seine Pflicht erfüllen und Sprüche wie „Asylanten ins Gas“ konsequent entfernen, müsste sie es nicht tun, sagt Mensah-Schramm.

Eine Erklärung für ihre Unbeugsamkeit könnte so gehen: Als Kind ging Mensah-Schramm auf ein Internat. Dort habe ein Lehrer den Mädchen immer wieder an die Brüste gefasst, sagt sie. Eines Tages habe sich eines von ihnen gewehrt, woraufhin der Lehrer sie heftig geschlagen habe. „Ich war hilflos, wehrlos, wurde richtig krank darüber.“ Bis heute mache sie sich Vorwürfe, ihrer Klassenkameradin damals nicht zur Seite gesprungen zu sein. Genauso furchtbar fand sie die Reaktion ihrer Mutter, die ihre Schilderungen einfach ignoriert habe. Seitdem, sagt sie, könne sie Ungerechtigkeit einfach nicht mehr zulassen.

Gerade ist Irmela Mensah-Schramm 74 Jahre alt geworden. Ihre Touren strengten sie jetzt manchmal ganz schön an, sagt sie, vor allem im Winter. Morgen ist sie trotzdem wieder unterwegs. Vier Stunden braucht der Regionalzug in die vorpommersche Kleinstadt, wo jemand eine Reichskriegsflagge an ein stillgelegtes Bahnhofsgebäude gesprüht hat. Die Fotos hat sie im Netz gesehen. Aus der schwarz-weiß-roten Flagge will sie eine bunte machen. Blau und grün und gelb wird sie brauchen, vielleicht noch lila. Die Farben stecken schon in ihrem Beutel.

Die Gutgründerin

Als Bill Gates ihr im Oktober 2018 den Changemaker Award in Berlin überreichte, war Cornelia Röper mal wieder richtig aufgeregt. „Ich brauchte sogar einen Zettel“, sagt sie, die sonst ganz selbstverständlich auf Bühnen steht, um von ihren Projekten zu erzählen. Den Preis bekam sie für die von ihr entwickelte Plattform Wefugees, die Geflüchteten hilft, sich in Deutschland zurechtzufinden.

Das Projekt entstand 2015, in jenem Jahr, in dem besonders viele Menschen aus Krisengebieten ins Land kamen. Auf der Website können Geflüchtete Fragen stellen, außerdem werden sie mit Experten und freiwilligen Helfern zusammengebracht. Die Plattform verzeichnet mehr als 10 000 regelmäßige Nutzer pro Monat, darunter auch immer mehr Menschen, die schon länger hier sind und sich beispielsweise das erste Mal fragen, wie das geht, so eine deutsche Steuererklärung. Wefugees ist zu einer Institution geworden, seit Kurzem unterstützt das Deutsche Rote Kreuz die Arbeit des gemeinnützigen Unternehmens.

Was heute gut läuft, war in den Anfangsjahren schwierig. Ein paar Mal wusste Cornelia Röper nicht, wie es weitergehen sollte, nicht mal ob. Zum Beispiel, als sie erfuhr, dass gemeinnützige Unternehmen wie Wefugees von all den Förderungen ausgeschlossen waren, die sie aus der Start-up-Szene kannte. „Die Absage hat es uns echt schwer gemacht“, sagt sie. Plötzlich standen sie nicht nur ohne Geld da, sondern auch ohne Aussicht auf Geld. Die anfängliche Begeisterung ihres Vaters, „ein sehr strukturierter Betriebswirt“, für das Tun seiner Tochter verwandelte sich in Sorge. Zu jener Zeit beendete er jedes Telefonat mit der Frage: Wann suchst du dir einen richtigen Job? Ihre Antwort: Das ist ein richtiger Job, vor allem ein wichtiger.

Als Gründerin brauche man einen Dickkopf, sagt Röper. Als Gründerin eines gemeinnützigen Unternehmens einen noch dickeren. Um sich zu finanzieren, schulten Röper und ihre Mitgründerin andere Beratungsstellen in Sachen Digitalisierung. Außerdem warben sie Spenden ein. „Wir waren gezwungen, kreativ zu werden.“ Außerdem sparten sie, wo es nur ging, im Winter saßen sie in einem günstigen Coworking Space ohne Heizung und aßen beinahe jeden Tag Nudeln mit Tomatensoße.

Cornelia Röper ist 29 Jahre alt und stammt aus einem Dorf in der Pfalz. Ihr Vater arbeitet in der Logistik bei Daimler. Durch ihn habe sie die Zahlenwelt kennengelernt und sei zu der Überzeugung gekommen, dass unter dem Strich etwas übrig bleiben sollte. Ihre Mutter habe eher den sozialen Part übernommen. Die Grundschullehrerin blieb zu Hause, solange Röper und ihre drei jüngeren Geschwister klein waren. Später war sie in allen möglichen Elternbeiräten aktiv und Integrationshelferin für ein Mädchen mit Downsyndrom. „Ich bin wohl irgendwas dazwischen“, sagt Röper. Den Begriff Social Entrepreneur findet sie treffend. Sie wollte immer etwas tun, das der Gemeinschaft nützt. Ihr soziales Unternehmen sollte aber, wie jedes andere auch, finanziell auf sicheren Beinen stehen. Für den passenden Studiengang, Unternehmensmanagement an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, zog sie nach der Schule ins nahe gelegene Berlin.

Gut vier Jahre nach der Gründung von Wefugees steckt Röper mitten in einem anderen Projekt. Sie ist Geschäftsführerin einer GmbH, die die Vermittlungsplattform Mitpflegeleben auf die Beine gestellt hat. Die Website, die im Oktober 2019 online ging, ist eine Vergleichsplattform für ambulante Pflegedienste und Altenheime und soll die erste Anlaufstelle für Pflegebedürftige und deren Angehörige werden. Auch die Anbieter sollen profitieren, denn sie müssen keine Werbung schalten, um auf der Plattform vertreten zu sein. Zudem können sie darüber gegen eine monatliche Gebühr ihr Belegmanagement abwickeln. Hinter Mitpflegeleben stehen 16 Gesellschafter aus der Sozialwirtschaft, darunter die Caritas, die Johanniter und die Diakonie. Röper nennt die Plattform deshalb auch „das größte ökumenische Start-up Deutschlands“.

Bei der Umsetzung von Mitpflegeleben profitierte sie vom Wissen, das sie beim Aufbau von Wefugees gesammelt hatte. Viele an sich tolle Projekte für Migranten seien gescheitert, weil man sie an der Zielgruppe vorbeigeplant habe, sagt sie. Wiederkehrendes Feedback helfe, damit der Fokus klar bleibe und die richtige Motivation da sei. „Weil wir immer wieder die Leute sehen, für die wir das machen.“ Das Team von Mitpflegeleben ist bunt gemischt: ehemalige Start-up-Mitarbeiter, jahrelang auf Expansion getrimmt, klassische Unternehmer und natürlich die Leute aus der Wohlfahrt. Die wohl wichtigste Person in der Produktentwicklung sei eine Pflegedienstleiterin, die weiß, wie genau die Plattform später benutzt wird.

Was die Digitalisierung angeht, hinke die Sozialbranche selbst dem deutschen Mittelstand fünf Jahre hinterher, so Röper. Für eine junge Gründerin wie sie war das anfangs nicht einfach. Sie traf auf Vorstände großer Pflegedienstleister, die ihr mit verschränkten Armen gegenübersaßen und fragten, warum sie jetzt digital werden sollten. Ihre Häuser seien doch auch so immer voll. „Da sind Welten aufeinandergeprallt“, sagt Röper. Sie kann einige solcher Anekdoten erzählen. Von einer Institution in Stuttgart etwa, deren Internetleitung so langsam war, dass sie nicht mal SAP installieren konnten.

Wenn sie sich mit anderen Gründern treffe, denke sie manchmal: Wie simpel muss es sein, einfach etwas zu bauen und dieses Produkt dann zu verkaufen. Andererseits, sagt Cornelia Röper, könne sie sich gar nicht mehr vorstellen, für ein Unternehmen zu arbeiten, dessen einziges Ziel Gewinnmaximierung sei. Da müsse immer auch ein gesellschaftlicher Mehrwert sein, ein höheres Ziel. „Diese Denke kriege ich wohl nicht mehr raus.“ ---