Blick in die Bilanz – Netflix

Der Streamingdienst Netflix ist hoch verschuldet. Nun bekommt er durch Disney und Apple finanzkräftige Konkurrenz. Kann der Marktführer sich behaupten?





• Die ersten neun Monate dieses Jahres liefen für Netflix gut. Der Umsatz stieg um 26,5 Prozent auf 14,7 Milliarden Dollar. Der Gewinn vor Steuern legte von 1,1 auf 1,9 Milliarden Dollar zu, ein Plus von 72 Prozent. Letzteres ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass Netflix seit Anfang 2019 die Preise in den USA erhöht hat – um knapp 20 Prozent beim Standardpaket, das nun 12,99 Dollar im Monat kostet. Und diese Preiserhöhung schreckte die Zuschauer offenbar nicht ab: Die Zahl der Kunden stieg auf mehr als 60 Millionen. Weltweit haben mittlerweile 158 Millionen Menschen Netflix abonniert.

Das klingt, als müsse sich das Unternehmen trotz der Markteintritte von Disney oder Apple im Herbst dieses Jahres keine Sorgen machen. Doch Netflix hat eine Schwachstelle: Es ist hoch verschuldet. Das liegt an den enormen Ausgaben für den kontinuierlichen Ausbau des weltweiten Angebots an Filmen und Serien, seien es Fremd- oder Eigenproduktionen. 2019 betrug das Budget dafür rund 10 Milliarden Dollar. Der Zufluss an Barmitteln aus dem operativen Geschäft ist aber unterm Strich negativ (daher heißt es: net cash „used in“ und nicht „provided by“ operating activities), also muss das Unternehmen sich Geld leihen. Die Verschuldung stieg deswegen allein seit Anfang des Jahres um 16 Prozent auf 24 Milliarden Dollar.

Dass Netflix trotzdem Gewinn macht, ist nur möglich, weil Filme buchhalterisch wie Investitionen in Fabriken oder Maschinen behandelt werden: Die Kosten für ihre Produktion oder die Ausstrahlungsrechte werden nicht auf einen Schlag verbucht. Sie werden mit Beginn der Ausstrahlung aktiviert, gehen als Vermögenswerte in die Bilanz ein (Current und Non-Current Content Assets) und werden über die Dauer ihrer Verfügbarkeit abgeschrieben. Nur diese Abschreibungen werden in den Cost of Revenues erfasst. Damit sich die hohen Investitionen rechnen, ist also weiteres Wachstum unerlässlich. Und genau das wird mit dem Eintritt neuer Konkurrenten mit tiefen Taschen unsicherer. Sowohl Disney als auch Apple sind mit einem monatlichen Abo-Preis von 4,99 Dollar (Apple) und 6,99 Dollar (Disney) deutlich günstiger als Netflix: Der Pionier wächst zwar, aber zuletzt deutlich langsamer als geplant. Im dritten Quartal hatte Netflix 800 000 Netto-Neukunden (Neukunden abzüglich Kündigungen) in den USA erwartet, es wurden dann aber nur gut 500 000 – im Vergleich zu knapp einer Million im Vorjahreszeitraum.

Der Firma bleibt nichts anderes übrig, als weiter zu investieren, um ihre Alleinstellung auszubauen: das Vollsortiment. Kein anderer Streamingdienst bedient so viele Interessen – von der Serie für Horror-Fans bis zur Tier-Doku –, und das in rund 190 Ländern von Tschechien bis Vietnam, zunehmend in der jeweiligen Landessprache. Dafür setzt Netflix auf hochwertige Eigenproduktionen, sortiert gnadenlos aus, was beim Publikum nicht ankommt – und investiert enorm viel Geld. Von den 23,2 Milliarden Dollar an verfilmtem Vermögen, das die Amerikaner aktuell in der Bilanz ausweisen, entfallen 37 Prozent auf Eigenproduktionen, und ihr Anteil steigt. Mittlerweile gehören dazu nicht mehr nur Serien, sondern auch Blockbuster-Formate wie „The Irishman“ mit Robert de Niro, mit 175 Millionen Dollar Produktionskosten der bislang teuerste Netflix-Film.

Die Folge: Es drücken besagte 24 Milliarden Dollar Schulden, für die allein in den ersten neun Monaten 2019 knapp 450 Millionen Dollar an Zinsen fällig wurden. Die Eigenkapitalquote liegt bei nur 22 Prozent. Disney bringt es auf 48 Prozent, Apple auf 27 Prozent. Allein, Netflix ficht das alles nicht an. Apple und Disney, so die offizielle Auskunft, seien gar nicht die eigentliche Konkurrenz. In Wahrheit gehe es darum, dem immer noch viel verbreiteteren Fernsehen Zuschauer abzujagen, und davon gebe es noch viele Hundert Millionen auf der Welt. Also genug für alle. ---

Netflix wurde im Jahr 1997 von Reed Hastings und Marc Randolph in Kalifornien gegründet. Hastings führt die Firma bis heute. Sie begann als Online-Videothek, die Filme versandte. Nach zehn Jahren stieg Netflix ins Video-on-demand-Geschäft ein. Im Mai 2002 ging das Unternehmen an die Börse. 2010 expandierte der Streamingdienst erstmals ins Ausland – zuerst nach Kanada. Er hat seinen Sitz im kalifornischen Los Gatos und beschäftigt weltweit rund 7100 Mitarbeiter.