Banksy

Der britische Künstler Banksy versucht, sich den Gesetzen der Branche zu entziehen. Auch wenn es darum geht, Fälschungen zu entlarven.




• Als am 5. Oktober 2018 abends der Hammer des Sotheby’s-Auktionators bei einem Preis von 1,042 Millionen Pfund fiel, klappten den anwesenden Londoner Kunstsammlern die Kinnladen herunter: Vor ihren Augen begann sich das Werk „Girl With Balloon“ des britischen Künstlers Banksy selbst zu zerstören. Ein im Rahmen versteckter Schredder zerschnitt die Leinwand zur Hälfte in dünne Streifen, dann versagte der Mechanismus. „Ich denke, wir wurden gerade ge-banksy-t“, sagte Alex Branczik vom Auktionshaus Sotheby’s unmittelbar nach dem Vorfall. Die Käuferin akzeptierte das nun zur Hälfte aus dem Rahmen hängende Bild trotzdem. Eigentlich hätte es komplett vernichtet werden sollen, so legt es zumindest ein Video nahe, das Banksy wenige Tage nach dem Vorfall im Netz veröffentlichte – es zeigt Probeläufe. „Schade, sonst hat es immer geklappt“, so der Kommentar im Video.

Die aufsehenerregende Aktion ist nur ein Beispiel für die konstante Weigerung des britischen Künstlers, sich auf die Spielregeln der Kunstwelt einzulassen. Stattdessen versucht er, diese zu unterwandern. Bis heute ist der Öffentlichkeit nicht bekannt, wer Banksy ist. Seine – oder ihre – Werke tauchten erstmals Anfang der Neunzigerjahre als gesprühte Street-Art an den Hauswänden von Bristol auf. Später sah man sie vor allem in London. In seinen Bildern macht sich der mittlerweile berühmteste Graffiti-Künstler der Welt über Autoritäten lustig, wirft einen satirischen Blick auf die moderne Welt, prangert Ungerechtigkeit und Heuchelei an. Doch je mehr sich Banksy in den vergangenen Jahrzehnten jeder Vereinnahmung entzog, umso mehr stieg die Nachfrage nach seinen Werken, und desto teurer wurden sie.

Ein echter Banksy bei Ebay?

Berühmt ist er vor allem für seine mithilfe von Schablonen gesprühten Kunstwerke im öffentlichen Raum: das Mädchen mit dem Luftballon; der vermummte Demonstrant, der einen Blumenstrauß wirft; das Liebespaar, bei dem beide über die Schulter des anderen aufs Smartphone starren. Es sind limitierte Drucke dieser Street-Art-Motive, mit denen Banksy sein Geld verdient. Ein signierter Druck, meist in Editionen von je 150 Stück produziert, erzielt Preise zwischen 20 000 und 40 000 Euro. Manche Motive werden sogar mit mehr als 150 000 Euro gehandelt.

Solche Summen locken Fälscher an. Bei einer Suche auf Ebay werden Dutzende Kunstwerke angezeigt, die angeblich „original Banksy“ sind. Echte Schnäppchen? Oder betrügerische Fakes? Echtheitsnachweise sind in der Regel Sache der Galerien, die einen Künstler vertreten und dessen Werke verkaufen. Banksy besteht jedoch darauf, anonym zu bleiben. Er distanziert sich nicht nur in seiner Kunst von Institutionen und Autoritäten, sondern lässt sich auch in der Realität von keiner Galerie vertreten.

Da Fälschungen jedoch mit seiner zunehmenden Bekanntheit ein immer größeres Problem wurden, rief Banksy eine Non-Profit-Organisation namens Pest Control ins Leben. Der Name der 2008 gegründeten Firma – zu Deutsch „Schädlingsbekämpfung“ – kann als Anspielung auf die Ratte gesehen werden, die von Anfang an als Motiv in den Werken des Künstlers auftaucht. Ebenso gut kann man darin aber auch eine Kritik an all jenen lesen, die durch Fälschungen am Ruhm des Künstlers verdienen und gutgläubige Käufer um ihr Geld bringen wollen. Pest Control bestätigt seitdem, welche Banksy-Werke echt sind und welche nicht. Das geschieht allerdings nicht durch ein simples Zertifikat, denn wer ein Kunstwerk fälschen kann, schafft das auch bei einem Stempel oder einer Unterschrift.

Kunstvolle Verschlüsselung

Der Künstler hat sich mit seinem kleinen verschwiegenen Team eine Methode ausgedacht, die sich gleichermaßen beim Mittelalter wie bei moderner Verschlüsselungstechnik bedient. Wer einen Banksy über Pest Control authentifizieren lassen möchte, muss über eine schlicht gehaltene Website zahlreiche Angaben machen: Maße, Herkunft, Kaufpreis und -datum, Kaufnachweis, Hinweise zu Nummer und Auflage der Edition sowie hochauflösende Fotos des gesamten Kunstwerks, aber auch von Details wie der Signatur. Pest Control gleicht diese Informationen mit den Werken ab, die Banksy tatsächlich produziert hat, und stellt, wenn es sich um ein Original handelt, eine entsprechende Bescheinigung aus. Die sieht zunächst gewöhnlich aus: ein Schreiben, das Details des Kunstwerks auflistet und seine Echtheit bestätigt, unterzeichnet von einem Pest-Control-Mitarbeiter. Wirklich fälschungssicher soll das Dokument eine durchgerissene Zehn-Pfund-Note machen, auf die eine 20-stellige Zeichenfolge geschrieben wurde. Die rechte Hälfte mit dem halben Zahlencode ist auf das Zertifikat getackert. Die linke Hälfte verbleibt bei Pest Control. Wer ein Banksy-Werk gekauft hat, muss dort online einen „change of ownership“-Antrag stellen und diesem ein Foto des Werks sowie des Zertifikats hinzufügen.

Falls es sich um eine Fälschung handelt, fliegt sie wahrscheinlich in diesem Moment auf. Denn erstens muss der Rissverlauf exakt übereinstimmen. Zweitens muss das Zusammenfügen der Hälften wieder die ursprüngliche vollständige Zahlenfolge ergeben. Das ist eine entscheidende zusätzliche Sicherung, denn um den Rissverlauf zu kennen, muss ein potenzieller Fälscher nur eine Hälfte des Scheins gesehen haben, egal welche; bei der Zahlenfolge genügt das nicht. In einem letzten Schritt kontaktiert Pest Control den in ihrem Verzeichnis hinterlegten Besitzer des Kunstwerks. Nur wenn der einen Verkauf bestätigt, wird der Käufer als neuer Besitzer eingetragen.

„Es ist die Kombination aus beidem – dem Zertifikat und der Werkliste bei Pest Control –, die verhindert, dass der Markt mit gefälschten Banksys überschwemmt wird“, sagt der Kunsthistoriker Ulrich Blanché von der Universität Heidelberg, der sich auf Street-Art und besonders Banksy spezialisiert hat. „Manchmal ist die Wahrheitsfindung aber auch sehr aufwendig. Einerseits, weil in Banksys Anfangsjahren nicht akribisch Buch geführt wurde, wie viele Exemplare eines Kunstwerks die Werkstatt verließen. Andererseits, weil früher manche Galerien eigenmächtig eigene Echtheitszertifikate ausstellten, die nun nach und nach überprüft und vereinheitlicht werden.“

Ein ähnliches System wie bei Pest Control liegt auch sogenannten asymmetrischen Kryptoverfahren für E-Mails oder digitalen Signaturen zugrunde: Dabei wird ein Paar Schlüssel erzeugt, das aus einem öffentlichen (Geldscheinhälfte auf dem Zertifikat) und einem privaten (Geldscheinhälfte im Verzeichnis von Pest Control) besteht. Mit dem öffentlichen Schlüssel kann jeder Daten für den Besitzer des privaten codieren. Diese Daten lassen sich jedoch nur mit dem privaten Schlüssel wieder lesbar machen.

Der zerrissene Geldschein wiederum beruht auf einem Prinzip der Authentifizierung, die im Mittelalter unter dem Namen „Charta partita“ oder „Kerbzettel“ bekannt war. Dabei wurde eine Urkunde in einer unregelmäßigen Linie durchgeschnitten, sodass diese Schnittlinie mitten durch ein kunstvoll verziertes Wort (oft „Chirographum“, zu Deutsch „handschriftlich“) verlief. Alle beteiligten Parteien erhielten einen Teil dieser Urkunde. Die Echtheit ließ sich dadurch bezeugen, dass am Ende alle Teile zusammenpassten.

Seinen ganz eigenen Stempel drückte Banksy dem Authentifizierungssystem dadurch auf, dass Pest Control nicht irgendeine Banknote verwendet, sondern von ihm gefälschte Scheine mit dem Konterfei Lady Dianas sowie der Aufschrift „Banksy of England“. „Kann ein Informationssystem Kunst sein?“, fragt der australische Programmierer Clinton Freeman, der sich in einem Blog mit Pest Control beschäftigt hat. „Für mich ist dieser Authentifizierungsprozess mit Abstand mein liebstes Kunstwerk von Banksy.“

Die Mitarbeiter von Pest Control, die trotz mehrfacher Versuche keine Fragen zum Verifizierungsprozess beantworten wollten, bestätigen ausschließlich die Echtheit von Drucken, da nur diese für den Verkauf gedacht sind. Street-Art an Fassaden, Türen oder öffentlichen Flächen wird zwar manchmal abgetragen und zum Verkauf angeboten – Banksy will damit jedoch nichts zu tun haben. „Graffiti haben es als Kunstform schwer genug mit einer Stadtreinigung, die alles entfernen will, und Kindern, die Schnurrbärte draufmalen“, sagte er in einem seiner seltenen öffentlichen Statements. „Da müssen nicht noch Hedgefonds-Manager dazukommen, die sie rausmeißeln und über ihren Kamin hängen.“ Würde Pest Control auch Banksys Street-Art-Werke authentifizieren, könnte das außerdem rechtliche Konsequenzen haben, da Graffiti beispielsweise in Großbritannien als Vandalismus unter Strafe stehen.

Pest Control geht es nicht darum, Geld zu machen. Die 65 Pfund Bearbeitungsgebühr sind nur zu entrichten, wenn sich ein Kunstwerk als echt erweist. In manchen Fällen müssen Kunstliebhaber jedoch Geduld aufbringen: „Da viele Banksy-Stücke in einem bereits fortgeschrittenen Stadium des Rausches hergestellt werden, kann sich der Authentifizierungsprozess in manchen Fällen als langwierig und anspruchsvoll herausstellen“, heißt es auf der Pest-Control-Website. Trotzdem kommt an der Institution kaum jemand mehr vorbei: Fast alle großen Händler oder Auktionshäuser verlangen mittlerweile den Nachweis mit der halben Lady-Di-Banknote, bevor sie Werke ankaufen oder versteigern.

Banksys Sticheleien gegen die kommerzielle Kunstwelt gehen derweil weiter. Sein neuester Streich: GrossDomesticProduct, ein Webshop, auf dem es limitierte Editionen von Banksy-Readymades gibt. Diese reichen von einem Baby-Mobile aus Überwachungskameras über Kaffeetassen mit Rattenmotiv bis zu Fußmatten. In Letztere ist der Schriftzug „Welcome“ aus den Fasern der billigen, oft funktionslosen Rettungswesten eingestickt, die Migranten von ihren Schleppern erhalten.

„Art irritates life“ – so lautet der Slogan des Shops, in Abwandlung des Spruches von der Kunst, die das Leben imitiert.

Wer unter den vielen Bewerbern ausgewählt wird und eines der Kunstwerke kaufen darf, erhält einen Echtheitsnachweis – allerdings erst zwei Jahre nach dem Kauf. So will der Künstler verhindern, dass jemand allein aus Spekulationszwecken zuschlägt. ---