Architektur

Eitle Prestigebauten, urbaner Einheitsbrei – gibt es nichts dazwischen? Doch. Vor allem dort, wo gestalterischer Mut und Beharrlichkeit sich paaren, wird beispielhaftes Wohnen möglich. Manchmal sogar für wenig Geld.




• Es gibt eine reflexartige Antwort auf die Frage, was Eigensinn in der Architektur sei. Da es nur jene Bauten über die Aufmerksamkeitsschwelle der Medien schaffen, die nicht mehr aussehen wie Häuser, sondern eher wie Skulpturen, hat sich der öffentliche Eindruck verfestigt, Spektakel-Architektur sei Ausdruck modernen Eigensinns.

Dabei geht es meistens um Stil. Die vor drei Jahren verstorbene Zaha Hadid etwa war zwar als Person sehr speziell. Die teigförmigen Gebäude jedoch, die die irakisch-englische Star-Architektin weltweit für Bauherren mit tiefen Taschen errichtet hat, folgen allesamt dem Gesetz der Wiedererkennbarkeit. Zaha Hadids Formen waren unverwechselbar. Und das ist nichts anderes als ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Denn die angeblich originelle Künstlerarchitektur der Branchenstars folgt einem stringenten Markenbewusstsein. Ihre Bauten sind Produkte für einen modischen Zeitgeschmack, wenn auch für Kunden, die Privatjets und Uhrensammlungen zu ihren kleineren Ausgabeposten zählen. Ein paar Dutzend Entwerfer, meist aus Europa, manche aus den USA oder Japan, designen für arabische Ölscheichs und chinesische Konzerne, für reiche westliche Kommunen und korrupte Autokraten babylonische Hingucker, mit denen diese um internationale Aufmerksamkeit buhlen können. Selbst wenn jene Gebilde im Einzelfall außergewöhnliche Objekte sind, die das Stadtbild bereichern, geht es in dem gut geölten Skulpturen-Geschäft doch primär um Eitelkeit, nicht um Haltung.

Die wird an ganz anderer Stelle gebraucht. In dem Land der Deutschen-Industrie-Norm, wo experimentellem Geist eines der dicksten Bauregelwerke der Welt gegenübersteht, ist der Fluch der Standardlösungen überall präsent. Einförmige Stadtrandsiedlungen und monotone Bürostandorte, serielle Einfamilienhäuser und öde Gewerbegebiete, unpersönliche Wohnblocks und uniforme Spielplätze prägen die Neubautätigkeit in einem Land, das unter galoppierenden Mieten, Baupreisen und Wohnraumknappheit gleichzeitig stöhnt. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang?

„Es ist unglaublich, wie ergeben die Stadtverwaltungen dem Immobilienmarkt gegenüber in den vergangenen Jahrzehnten waren“, sagt Jörg Leeser. Der Kölner Architekt, der zusammen mit seiner Partnerin Anne-Julchen Bernhardt das Büro BeL Sozietät für Architektur betreibt, sieht einen wesentlichen Grund für den urbanen Einheitsbrei, der in Deutschland produziert wird, in der schwachen Haltung der Kommunen gegenüber den privaten Projektentwicklern. „An jeden, der mit einem S-Klasse-Mercedes vorbeifuhr, wurden städtische Grundstücke verscherbelt“, sagt Leeser und kritisiert damit Ämter, die sich lediglich als Genehmigungsbehörden und nicht mehr als Gestalter der städtischen Zukunft betätigt haben. Mit dem Ergebnis, dass Lebensraum heute eine Ware ist, die durch künstliche Verknappung immer teurer wird.

Selbstbau statt „Klötzchenplänen“

Bernhardt und Leeser entwickeln als Alternative Modelle der Eigeninitiative. Das bekannteste heißt „Grundbau und Siedler“ und ist inspiriert von der Praxis in südlichen Ländern. Rund um das Mittelmeer konnte man früher überall kleine Betonstrukturen sehen, in die halb fertige Wohnungen eingefügt waren. Die kreditunwürdigen Besitzer bauten immer dann weiter an ihrem Heim, wenn mal wieder etwas Geld dafür verdient war. Das führte zu einem oft bunten Fassaden-Patchwork aus Roh- und Fertigbau.

Dieses Prinzip, so dachten Bernhardt und Leeser, müsste sich in einem Land, in dem jährlich 18 Milliarden Euro in die Baumärkte getragen werden, doch irgendwie systematisieren lassen. Also entwickelten sie für die Internationale Bauaustellung (IBA) im Jahr 2013 ein eigensinniges Pilotprojekt, bei dem in Hamburg-Wilhelmsburg ein fünfgeschossiges Betonskelett, also lediglich der Grundbau, aufgestellt wurde. Den Wohnungsbau sollten Käufer und Mieter selbst erledigen – frei von ästhetischen Vorgaben.

Das Projekt wurde umgesetzt, nur erkennt man außen nichts von dem ungewöhnlichen Ansatz. „Es sieht wie ein relativ normales Gebäude aus“, sagt Anne-Julchen Bernhardt mit einer gewissen Enttäuschung. „Baurechtlich wäre alles dafür vorgesehen gewesen, dass jeder seinen Teil anders macht. Doch die Mieter wollten ihren Fassadenabschnitt nicht selbst entwerfen.“ Das könne man allerdings auch positiv werten, denn, so die Architektin, „die Fassade wird von allen als kollektive Oberfläche verstanden“.

Ein Scheitern, das man bei eigensinnigen Vorstößen stets einkalkulieren muss, sehen Bernhardt und Leeser deshalb auch weniger im äußeren Auftritt von „Grundbau und Siedler“. Sie bedauern vielmehr, dass ihr Konzept nicht zu weiteren Projekten dieser Art geführt hat, obwohl das Thema „Selbstbau“ bei Medien, Kommunen und Initiativen auf Interesse stoße. „Akademisch wird sich damit beschäftigt. Aber dann folgt nichts daraus.“

Trotzdem hat BeL für die Architektur-Biennale in Venedig 2016 noch ein weiteres, weltweit beachtetes Modell von Grundbau und Siedler entwickelt. Vor dem Hintergrund von Wohnungsnot und Flüchtlingszustrom visualisierten sie fünf Architekturcollagen zu deutschen Städten in einem riesigen blauen Schaumstoffmodell. Eine Kombination aus Umbau von leer stehenden Gebäuden und locker verteilten Neubauten sollte zeigen, wie nach dem Prinzip der Eigenumsetzung eine bezahlbare Stadt für eine wachsende Bevölkerung entstehen kann. Dieses optisch und konzeptionell starke Modell führte dann doch dazu, dass deutsche Verwaltungen bei BeL vorstellig wurden.

„Am meisten ist unser Eigensinn im Moment bei den Planungsabteilungen der Städte gefragt“, sagt Leeser. „Die wollen einfach keine Klötzchenpläne im Grünen mehr, keinen Städtebau von der Stange.“ In vielen Verwaltungen habe es lange große Angst vor dem „Unkontrollierbaren“ gegeben, vor den Akteuren der Zivilgesellschaft und deren Ideen. „Aber plötzlich“, ergänzt Anne-Julchen Bernhardt, „hören die Planungsämter auf, nur auf den großen Immobilienmessen wie der ExpoReal oder der Mipim nachzuschauen, wer etwas voranbringen kann. Stattdessen entwickeln sie neues Selbstbewusstsein.“ Und fragen nun nach „wilden Ideen“.

Wobei „wild“ es nur im Vergleich zu den bisherigen Standardsiedlungen trifft. Das Duo selbst findet sich nicht besonders radikal. „Wir haben große Wertschätzung für den Bestand und versuchen eigentlich immer, nichts abzureißen“, sagt Bernhardt. Aber: „Wir lieben das Experimentieren.“ BeL entwirft Stadtcollagen, bei denen sehr verschiedene Stil- und Funktionsmischungen erwünscht sind, um „dem Ort etwas Spezifisches zu geben.“ Man könnte es auch Charakter nennen, etwas, das die meisten Neubauviertel heute so schmerzlich vermissen lassen.

Und das liegt nicht nur an den monotonen und oft überdimensionierten neuen Quartieren, sondern auch an den einzelnen Gebäuden. Wenn Wohnungsbaugesellschaften und Investoren vor allem darauf achten, dass möglichst jeder Quadratmeter rentabel vermietet wird, dann ist das Resultat meist die serielle Kastenhaltung mit und ohne Balkon. Deswegen ist es kein Zufall, dass eine Genossenschaft, die Wohnungsbau einmal völlig anders denkt und umsetzt, Wagnisart heißt. Denn es sind Mut und Hartnäckigkeit nötig, um sich gegen das Diktat aus Normen, Kostenargumenten und Standardlösungen zu behaupten, das in Deutschland vorherrscht.

Fotos: © Goetz Wrage
Foto: © Veit Landwehr

Raum für eigene Gestaltung: Wohnbauprojekt „Grundbau und Siedler“ in Hamburg-Wilhelmsburg von Anne-Julchen Bernhardt und Jörg Leeser

90 Quadratmeter für 706 Euro – in München!

Schon allein, wenn man sich den Steckbrief der Anlage Domagkpark, der bekanntesten Wohnanlage dieser außergewöhnlichen Genossenschaft in München-Freimann, durchliest, kann einem schwindelig darüber werden, was anscheinend doch alles geht. 138 Wohnungen mit 138 unterschiedlichen Zuschnitten sind untergebracht in dem auffälligen Ensemble aus fünf vieleckigen Gebäuden. Dazu gehören neben Familien- und Single-Einheiten auch acht sogenannte Cluster-Wohnungen mit 53 Apartments für alternative Lebensformen – also Groß-WGs, wo jeder seinen Raum mit Nasszelle hat, aber Küche und Gemeinschaftsraum gemeinsam genutzt werden.

Das vielgesichtige Gebäude beherbergt Ateliers für Künstler, Praxisräume, Büros, ein Café, Veranstaltungsräume, Werkstätten, einen Raum zum Toben, eine Nähstube, Proberäume und Gäste-Apartments. Und wenn man dann noch den Clou dieser Architektur sieht, einen Boulevard von 150 Metern Länge, der die fünf Häuser auf verschiedenen Ebenen verbindet, als Gemeinschaftsterrasse inklusive Dachgärten für Obst und Gemüse – dann drängen sich zwei Fragen auf: Wohnen hier nur Reiche, die es sich leisten können? Oder verhindert der gemeine Wohnungsbau durch kapitale Fehlorganisation, dass alle Menschen so leben können wie bei Wagnisart?

Die erste Frage lässt sich relativ schnell beantworten: „Die Genossenschaft ist ein Wirtschaftsunternehmen, das sich der Spekulation entzieht und deshalb dauerhaft günstigen Wohnraum anbieten kann“, heißt es bei Wagnisart. „Unsere Mitglieder zahlen für ihren Wohnraum eine Nutzungsgebühr, die lediglich die Kosten deckt, nicht mehr.“ In dem völlig überhitzten Münchener Wohnungsmarkt bedeutet dieses Modell ohne Wertabschöpfung durch Geldgeber im günstigsten Fall, dass Bewohner bei einer Einlage von 16 000 Euro, die man beim Auszug zurückbekommt, eine 90-Quadratmeter-Wohnung für 706 Euro monatlich bewohnen können, inklusive Nebenkosten. Und für dieses kleine Geld, dass jedem Wohnungssuchenden in der bayerischen Hauptstadt die Tränen in die Augen treibt, durften die Genossinnen und Genossen ihre Immobilie noch mitbestimmen. Und zwar bei allem, vom Ökostandard über das Briefkasten-Design bis zur Fenstersetzung auf der Fassade.

Ja, das ist anstrengend, zeitaufwendig und konfliktträchtig, wenn 200 Leute alle Entscheidungen ausdiskutieren. Aber für Rainer Hofmann von Bogevischs Büro, die diesen Prozess gemeinsam mit Schindler Architekten begleitet und in architektonische Form gebracht haben, liegt darin „die Kraft des Projektes“. Beim Domagkpark, so Hofmann, „bestand unsere wesentliche Arbeit darin, einen strategischen Prozess für die Diskussion in der Genossenschaft zu entwickeln, dessen Ergebnis völlig offen war. Wenn das System für die Bedürfnisse der Benutzer funktioniert, dann hätten wir als Architekten auch ein hässliches Gebäude akzeptiert.“

Aber das war gar nicht nötig. Selbst im Vergleich zu hochpreisigen Privatimmobilien sticht der Entwurf von Bogevischs Büro heraus, gewann diverse Preise – und bietet mit dem Luftboulevard eine Gemeinschaftsfläche, wie man sie in der Architekturgeschichte so noch nicht kannte. Das beantwortet dann auch die zweite Frage: Ja, die großen Wohnungsbauunternehmen machen definitiv etwas falsch, wenn mit weniger Geld und mehr Gemeinschaftssinn so viel bessere Ergebnisse erzielt werden können.

Fotos: © Michael Heinrich
Fotos: © Michael Heinrich

138 unterschiedliche Wohnungen in fünf Gebäuden, die über Boulevard-Brücken verbunden sind: die Anlage Domagkpark in München-Freimann (aus der Vogelperspektive auch auf der ersten Doppelseite zu sehen)

Uniforme Eigenheime – es geht auch anders

Wie Originalität mit Individualeigentum zusammengeht, ist dagegen viel schwieriger zu beschreiben. Für fast ein Drittel der Deutschen bedeutet das eigene Häuschen im Grünen das Wohnideal, und man sollte meinen, dass sich dabei der schönste Individualismus zeigt. Denn hier entscheidet jeder Siedler tatsächlich individuell. Selbst im Rahmen von Bauverordnungen und dem normativen Druck, den jede Nachbarschaft aufbaut, können die Besitzerinnen und Besitzer von Häusern mit Garten doch relativ frei entscheiden, ob sie das Wappen ihres Lieblingsvereins aufs Garagentor malen, rostige Stahlskulpturen in ihren Garten stellen, exotische Pflanzen pflegen oder ihre Teekannensammlung auf Fensterbänken ausstellen. Doch trotz dieses hobbygetriebenen Gestaltungswillens, der in Einfamilienhaussiedlungen überall anzutreffen ist, gleichen sich die Behausungen doch sehr.

Deshalb braucht es Bauherren wie das Lehrerehepaar S. in Leer, das nicht namentlich genannt werden will. Der junge Familienvater ist ein Do-it-yourself-Typ und wollte sein Haus eigentlich von Grund auf selber bauen. Aber durch einen Artikel in der »Zeit« stieß er auf den Berliner Architekten Thomas Kröger, der bekannt dafür ist, dass er im Flachdachgeschäft der Gegenwartsarchitektur konsequent Spitzdächer baut. Der fuhr nach Ostfriesland und entwarf am Deich die moderne Version eines Gulfhauses. So nennt man die Bauernhäuser der Gegend aus dem 16. Jahrhundert mit ihren tief gezogenen Dachflächen.

„Wenn das Neue sich mit dem Vorgefundenen einlässt, entsteht daraus eine eigenständige und selbstbewusste Identität“, sagt der Berliner Architekt zu seinem Entwurf, den sein tatkräftiger Auftraggeber dann als sein eigener Bauleiter und Polier auf einem sehr langen, schmalen Grundstück umgesetzt hat – ein Traumhaus. Auffällige Setzungen wie die großen Glaskreise der Terrassenfenster oder die zweifarbige Kreuzbemalung der Türen verbinden sich in der äußeren Gestalt mit aufwendig in Fischgratmuster gesetzten Klinkern und vielen liebevollen Details zu einer wirklich künstlerischen Interpretation der uralten architektonischen Vorlage.

Innen dagegen ist das Gebäude als helle Loftwohnung mit eingehängten offenen Geschossen eher das Echo einer New Yorker Künstlerbehausung, hat dort also noch weniger gemein mit den Kataloghäusern nebenan. Und in diesem wirklich speziellen Miteinander wurde das außergewöhnliche Eigenheim in einer Prämierung des Deutschen Architekturmuseums und des Callwey Verlags in Frankfurt 2018 zum Haus des Jahres gewählt. Als stilles Spektakel im flachen Land fernab jeder eitlen Zurschaustellung haben Architekt und Bauherr in Leer ein Referenzmodell errichtet für diejenigen, die Alternativen suchen zu den Satteldachhorden, die alle Stadtkerne breit umlagern.

Je näher man dem Zentrum kommt, desto schwieriger wird es allerdings mit progressiven Konzepten, und das hat primär etwas mit den Bodenpreisen zu tun. Das Mantra der Immobilienbranche lautet bekanntlich „Lage, Lage, Lage“. Und wenn ein Gebäude so zentral liegt wie der „Golden Pudel Club“ in Hamburg und sich hartnäckig dem Geldvermehrungsprimat unserer Wirtschaftsordnung entzieht, dann muss er irgendwann um seine Existenz bangen. Denn der Platz in unmittelbarer Nähe zu den befriedeten Häusern der Hafenstraße auf St. Pauli mit Elbblick und bester Anbindung wäre sehr viel wert, wäre er frei zur Bebauung. Und so weckte es naheliegende Verdächtigungen, als diese Insel der Subkultur, betrieben von den Musikern Rocko Schamoni und Schorsch Kamerun, am 14. Februar 2016 plötzlich abbrannte.

Fotos: © Thomas Kröger Architekten / Jan Steenblock (Fotografie)

Architektonische Freiheit in Ostfriesland: ein Haus am Deich, das der Berliner Architekt Thomas Kröger entwarf

Fotos: © Thomas Kröger Architekten / Jan Steenblock (Fotografie)
Fotos: © Thomas Kröger Architekten / Jan Steenblock (Fotografie)

Hart errungen heißt: doppelt schön

Knapp vier Jahre später steht dort wieder ein Gebäude, das in seiner äußeren Erscheinung den dissidenten Geist seiner Eigner und Nutzer, aber auch ihren berühmten Humor widerspiegelt: ein paradiesvogelfarbiger Bretterverschlag mit einer Dachfensterkrone, errichtet im ökologischen Holzbau und mit Besonderheiten, etwa dass es kaum Fenster hin zur Elbphilharmonie gibt, die in der links-kulturellen Szene St. Paulis als Protzbau geschmäht wird. Aber solche Skurrilitäten sind nicht das eigentlich Bemerkenswerte. Sondern die Tatsache, dass man einen der potenziell teuersten und begehrtesten Bauplätze der Stadt für eine kollektiv geführte und gewinnfreie Kulturoase bewahrt.

„Dieser Neubau signalisiert, dass man auch unrealistische Projekte durchsetzen kann“, sagt der Architekt und Hochschulprofessor Jesko Fezer, der den neuen „Pudel“ in einem einjährigen Workshop-Verfahren mit dem Betreiberkollektiv entwickelt hat. „Denn dass ein Non-Profit-Club eines der tollsten Grundstücke der Stadt behält, eine Hälfte dazukaufen kann und dort bei aller Kostenknappheit ein fettes Haus darauf baut, das ist eigentlich extrem unrealistisch. Aber nur so entstehen Alternativen.“

Möglich wurde diese Konstruktion durch eine Zusammenarbeit der Betreiber mit Stiftungen, dem Bezirk und der Stadt, die an verschiedenen Punkten mit sechsstelligen Summen das Projekt gesichert haben. Und darin sieht Fezer etwas Modellhaftes: „Der Erfolg dieser Prozesse zeigt, dass die Notwendigkeit besteht, sich endlich grundsätzlich über Bodeneigentum zu unterhalten. Wie kann man über Stiftungen, Pacht, Vereinsstrukturen, Genossenschaften und mit dem Gedanken der Gemeinnützigkeit Bauprojekte strukturell anders umsetzen? Das ist eine basale Frage für die Zukunft.“

Tatsächlich führen dickköpfige Akteure mit ihrer besonderen Sensibilität und Auffassungsgabe zu vielen solchen grundsätzlichen Fragen, die aktuelle Debatten von der Baukultur bis zur Wohnraumfrage berühren. Allerdings geht das oft nur mit extremem Zeit- und Energieaufwand, mit geübter Konfliktfähigkeit und großzügiger Kompromissbereitschaft. Schorsch Kamerun beschreibt diese besondere Energieleistung so: „Wir sind ein Kollektiv, und wir waren nicht in allen, nicht mal in vielen Punkten einer Meinung. Das hat uns fast auseinandergehauen. Aber wir sind den Weg trotzdem gemeinsam gegangen, und am Ende haben wir jetzt einen Ort, der für die Ewigkeit gerettet und geschützt ist. Das finde ich dann doch sehr positiv.“

Was hart errungen ist, fühlt sich doppelt schön an. Das ist der Lohn. Doch diese Pionierleistung stiftet auch Sinn für die Allgemeinheit. Wahrer Eigensinn in der Architektur strebt zum Gemeinsinn. Und deswegen ist er so viel wertvoller als das teure Spektakel. ---

Foto: © picture alliance / Daniel Bockwoldt / dpa

Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit: der Golden Pudel Club in Hamburg mit neuem Aufbau