Anas Aremeyaw Anas

In Ghana deckt der Journalist Anas Aremeyaw Anas immer wieder Missstände auf. Dazu stellt er den Mächtigen Fallen. Um sich vor ihrer Rache zu schützen, lebt er im Geheimen. Ein Besuch in seinem Versteck.




• Als ich im August 2019 um ein Treffen mit Anas Aremeyaw Anas bitte, bekomme ich eine Facebook-Nachricht von Kwesi, dass sich Ritchie bei mir melden werde. Ritchie sagt, er wisse von nichts, gibt mir aber die Telefonnummer von James, der offenbar auch nicht eingeweiht ist und mir eine weitere Nummer verrät, von jemandem, der „Direktor“ genannt wird. Ich möge ihm eine SMS schreiben und meinen Anruf ankündigen. „Wer sind Sie?“, fragt der Direktor, ich stelle mich vor. Er nennt mir einen Termin und sagt: „Nimm ein Taxi, gib dem Fahrer dein Handy, wir lotsen ihn dann zum Treffpunkt.“

Für das Versteckspiel gibt es einen guten Grund: Anas Aremeyaw Anas ist ein Star des afrikanischen Journalismus – und hochgefährdet. Dass er mich in Ghanas Hauptstadt Accra überhaupt empfängt, liegt daran, dass ich schon lange mit ihm in Kontakt stehe, Vertrauen aufgebaut und ihn vor zwei Jahren bereits einmal dort getroffen habe.

Die Menschen verehren Anas als Kämpfer für Gerechtigkeit. Er tritt zwar öffentlich auf, hält Reden und gibt Fernseh-Interviews, doch er gibt sich dabei nie zu erkennen. Um sich zu schützen, arbeitet er an geheimen Orten und versteckt sein Gesicht hinter Masken oder dem Perlenvorhang, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Das hat zur Legendenbildung beigetragen, manche schreiben ihm gar übersinnliche Kräfte zu. Einiges kann man jedoch mit Sicherheit über den Mann sagen: Er versteckte sich an der Grenze zur Elfenbeinküste in der Attrappe eines Felsbrockens, um Kakaoschmuggler zu filmen. Ließ sich als Patient in die Psychiatrie einweisen, um dort Missstände aufzudecken. Schürfte Gold in illegalen Minen, lebte als Obdachloser auf der Straße und schleuste sich in ein Bordell ein.

Bei öffentlichen Vorführungen und auf Youtube haben Millionen jene Dokumentation gesehen, in der er käufliche Richter outete: Gegen eine Ziege, ein paar Scheine oder Sex waren Freisprüche zu haben. 30 Richter wurden suspendiert.

James leitet den Taxifahrer über mein Handy zu einem Gebäude ohne Firmenschild und Hausnummer, wo wir uns treffen. Nach einiger Wartezeit bringt er mich auf das Flachdach des vierstöckigen Gebäudes. Dort steht ein gemauertes Häuschen mit Strohdach, eines der zahlreichen Verstecke von Anas. Die spartanische Einrichtung aus Bett, Badezimmer und einem Tisch mit drei Stühlen muss genügen. Anas erscheint, er trägt Kaftan und eine rote Kappe mit weiß-rotem Perlenvorhang. Als ich ihn vor zwei Jahren besucht habe, war sein Auftritt noch bizarrer: Nach mehreren Stunden Wartezeit erschienen drei Männer. Sie alle trugen Kappen, an denen goldene Vorhänge baumelten und die ihre Gesichter verdeckten. Der mit dem sanften Händedruck und der leisen, freundlichen Stimme gab sich als Anas zu erkennen.


Hier gibt es Waren aller Art – und erpresserische Aufseher, die Anas jagt: der Makola Markt in Accra


Ist er das? Auf den vorigen Seiten ist Anas mit Doppelgängern zu sehen. Nicht alle seine Unterschlüpfe sind so mondän eingerichtet wie dieser

„Ich verwende Doppelgänger und eine Menge Masken“, nuschelte er damals. „Kein Mensch weiß, wer sich dahinter verbirgt, nicht einmal meine Freunde und Familie. Das ist meine Lebensversicherung.“ In dem Büro, in dem wir uns 2017 trafen, zeigte er mir sein Equipment: Kugelschreiber, Wasserflaschen, Armbanduhren, alle mit winzigen Kameras versehen. „Meine Helfer und ich haben auch eine militärische Ausbildung und Waffen, denn wir erhalten täglich Morddrohungen. Es ist sehr schwer, mich einzuschüchtern, sehr schwer.“

Sein ghanaisches Englisch durch den Perlenvorhang hindurch zu verstehen ist auch bei diesem Treffen mühsam. Er kommt auf das Projekt „Marktleute“ zu sprechen. Anas kämpft derzeit für eine alte Frau, die in Accra unter freiem Himmel Haushaltswaren verkauft. Damit verdient sie wenig und wird auch noch um ihre kärglichen Einnahmen gebracht: Ausgerechnet die Marktaufseher, die für Ordnung sorgen sollen, nehmen sie ihr ab.

Ein scheinbar eher unspektakulärer Fall für Anas. Berühmt wurde er mit Skandal-Dokumentationen wie dieser: Das Video zeigt einen Herrn mit Halbglatze und eleganter Brille in einem Hotelzimmer. Kwesi Nyantakyi ist zu diesem Zeitpunkt noch Chef des nationalen Fußballverbandes und über Ghana hinaus bekannt. Als Vizepräsident des afrikanischen Fußballverbandes und Mitglied im Fifa-Rat tritt er stets seriös auf. Jetzt sieht man, wie eine Hand ins Bild kommt und sieben Stapel Dollarscheine vor ihm auf den Couchtisch legt. Aus dem Off hört man den Unbekannten sagen: „There is something for you, for shopping now.“ Nyantakyi stopft das Geld in eine schwarze Plastiktüte, grinst und sagt: „Oh, okay, thank you!“ Das Video wurde mit versteckter Kamera in Dubai aufgenommen.

60 Detektive arbeiten für den Reporter

Anas hatte insgesamt zwei Jahre lang über den weitverbreiteten Betrug im Fußballgeschäft recherchiert. 77 Schiedsrichter und 14 Funktionäre ließen sich von den Lockvögeln, die Anas losgeschickt hatte, bestechen: Sie sagten zu, gegen Bezahlung Entscheidungen zugunsten einer bestimmten Mannschaft zu treffen. Mit Nyantakyi ging Anas’ Team in Dubai der dickste Fisch ins Netz. Als Anas 2018 mit seiner Dokumentation an die Öffentlichkeit ging, löste er im fußballbegeisterten Ghana einen Sturm der Empörung aus. Der ertappte Fußballfunktionär verlor über Nacht alle Ämter.

Im Gespräch mit Anas wird klar, warum es für ihn kein großer Unterschied ist, ob er einen Fußballskandal aufdeckt, der weltweit Aufsehen erregt, oder ob er den Händlern auf dem Markt um die Ecke hilft. Er kam Ende der Siebzigerjahre in armen Verhältnissen in einem Dorf im Norden Ghanas auf die Welt. Als sein Vater eine Stelle beim Militär bekam, zog die Familie nach Accra, in einen Slum. Den schwierigen Verhältnissen zum Trotz schaffte Anas sein Jurastudium. Doch statt sich in der aufstrebenden Mittelschicht Ghanas einzurichten, zog es ihn in den Kampf um Gerechtigkeit – und vor allem gegen Bestechlichkeit.

„Korruption macht Arme noch ärmer“, sagt er. „Sie werden von der Polizei abkassiert. Gauner in der Verwaltung verlangen Gebühren für Leistungen, die jedem Bürger kostenlos zustehen.“ Oft bitten ihn Menschen in Not um Hilfe, so auch die alte Frau vom Markt.

Bei ihrem Feldzug gegen Missstände setzen er und seine Mitstreiter ihr Leben aufs Spiel. Am 16. Januar 2019 wurde Ahmed Hussein-Suale, einer von Anas’ engsten Kollegen, in der Nähe seines Hauses erschossen. Zuvor waren im Fernsehen sein Foto und seine Adresse mit der Aufforderung verbreitet worden: „If you meet him somewhere, slap him … beat him. Whatever happens, I’ll pay.“ Urheber war Kennedy Agyapong, Parlamentsmitglied der Regierungspartei New Patriotic Party (NPP) und Eigner des Fernsehsenders. Die Aufdeckung des Fußballskandals brachte den Politiker in Rage, auch Anas ging er hart an: „Hang him!“ Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sande.

Zwar stand Ghana auf dem Index für Pressefreiheit 2019 an dritter Stelle der afrikanischen Länder. Und auch auf dem Korruptionswahrnehmungsindex nimmt Ghana mit Platz 78 einen besseren Rang ein als die meisten Nationen auf dem Kontinent. Doch wer den Mächtigen dort in die Quere kommt, lebt gefährlich. Damit will Anas sich nicht abfinden. Menschen, die der Gesellschaft schaden, sollen verurteilt werden. „Name, shame and jail“, das ist sein Motto.

Sein in zwei Jahrzehnten perfektioniertes Vorgehen ist effektiv, aber auch umstritten. Ein Journalist dürfe sich nicht zum Richter aufschwingen, halten Gegner ihm vor. Manchmal stellt sich die Frage, ob Anas immer die Richtigen trifft. Wenn man in einem Video über den Fußballskandal sieht, wie sich naiv wirkende junge Männer in Hotelzimmern und Umkleideräumen über unerwarteten Geldsegen freuen, kann man fast Mitleid mit ihnen bekommen. Charles Bentum, ein prominenter Anwalt, sagt: „Sie wurden in eine Falle gelockt. Man kann nicht den Lockvogel freisprechen und das Opfer verurteilen.“

Anas hält dem entgegen: „Das hier ist Afrika, ich muss Verbrecher in Fallen locken und filmen, sonst winden sie sich heraus. Du musst Beweise vorlegen, sonst hast du vor Gericht keine Chance.“ Mit dem Fußballskandal verbindet Anas eine persönliche Geschichte: „2001 gab es ein großes Unglück in einem Stadion. 126 Menschen sind gestorben. Als junger Reporter war ich in der Leichenhalle. Der Schiedsrichter hatte eine zweifelhafte Entscheidung getroffen, irgendjemand warf einen Stuhl auf das Spielfeld, andere schmissen Steine. Die Polizei setzte Tränengas ein, die Leute hasteten zu den Ausgängen und drängten sich zu Tode. Ich fragte mich damals, ob der Schiedsrichter gekauft war. Jetzt endlich konnte ich die Zustände im Fußball aufdecken.“

Anas geht bei seinen Recherchen systematisch vor. Er hat die Privatdetektei „Tiger Eye Pi“ gegründet, die selbstverständlich keine Adresse hat. Auf Umwegen finden die Aufträge zu ihm, auch Unternehmen buchen ihn und einmal die Regierung. 2017 war das, es ging um illegalen Goldabbau. Die BBC und der arabische Fernsehsender Al-Jazeera haben ihn schon bei Recherchen unterstützt, auch finanziell. Das Geld, das er mit solchen Aufträgen verdient, steckt er in kostenintensive Recherchen.

Er arbeitet mit bis zu 60 Detektiven zusammen, die er selbst ausbildet und die einander nicht kennen. Der Journalist Anas lernte das journalistische Handwerk unter anderem bei einem Workshop in Hamburg mit dem deutschen Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff. „Er war auch in Ghana. Wir hatten sehr gute Gespräche, und er brachte mir einige Tricks bei, die ich immer wieder anwende.“

Es gibt sie noch, die guten alten Handys: Auslage auf dem Markt
Für Menschen wie ihn kämpft Anas: ein Schuhverkäufer
Schön präsentiert: eine Melonenverkäuferin mit ihrem Angebot
Bereue deine Sünden, heißt es auf dem Werbeplakat am Markt

Mal attackiert er die Polizei, mal kooperiert er

Dass Anas mit der Regierung und der Polizei zusammenarbeitet, entspricht nicht den westlichen Prinzipien von Journalismus. Er hat sich jedoch bewusst für diese Vorgehensweise entschieden: „Journalismus wurde definiert und entwickelt von Leuten aus dem Westen. Ich frage mich aber, ob diese Art von Journalismus der Gesellschaft hier in Afrika nutzt. Hier sind die Behörden arm, sie können nicht immer so wachsam sein wie meine Mitarbeiter und ich. Das heißt ja nicht, dass wir nicht darüber berichten würden, wenn die Polizei Fehler macht“, sagt Anas. „Ich bin der schlimmste Feind der Regierung. Ich greife sie ständig an. Gleichzeitig arbeite ich mit ihr zusammen.“

Zu den Ermittlungen auf dem Makola Markt in Accra darf ich eine seiner Mitarbeiterinnen begleiten. Adwoa ist Mitte 20, sie führt mich zu den Verkäufern von Textilien, Schuhen, Autoteilen, Lebensmitteln, Schmuck, Werkzeug: Einfach alles wird in mehrstöckigen Gebäuden, auf Treppen und in finsteren Gängen, draußen auf Gehsteigen und aus Autos heraus angeboten. Was nicht irgendwo liegt, wandert in großen Schüsseln oder Ballen auf den Köpfen von Händlerinnen durch das Gewühl. Nachdem Adwoa mich eine Weile kreuz und quer über den Markt geführt hat, bringt sie mich zu dem Platz, an dem sie drei Monate lang gesessen und Seife verkauft hat. Indem sie selbst zur Marktfrau wurde, konnte sie das Geschehen beobachten und Vertrauen zu den Händlern aufbauen.

„Diese Frau verkauft chinesische Schuhe. Immer wieder bin ich bei ihr vorbeigegangen, habe langsam mit ihr Bekanntschaft geschlossen, bis ich sie schließlich fragen konnte, ob sie mir einen Teil ihres Platzes für mein Seifengeschäft vermieten würde. Am Anfang war es sehr unangenehm, hier zu sitzen, ich musste ja auch schreien und meine Ware anbieten. Sonst kauft niemand etwas, und man fällt auf“, erzählt Adwoa. „Mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, es ist wie ein Langstreckenlauf.“

Am nächsten Tag suchen wir an einer anderen Ecke des Marktes nach Verkäufern, die bereit sind, über ihre Erfahrungen mit den städtischen Aufsehern zu sprechen. Adwoa beobachtet eine Frau, die auf einem Mäuerchen kauert, und spricht sie an. Die Frau ist froh, von ihrer schlimmen Lage erzählen zu können: „Früher habe ich für einen Großhändler Trinkwassersäckchen verkauft. 30 Stück kosten 4 Cedi (66 Cent), für 20 Pesewas (3 Cent) habe ich das Stück an Autofenstern verkauft. Den Aufsehern habe ich von meinen geringen Einnahmen einen Teil abgegeben, trotzdem haben sie mich geschlagen. Jetzt habe ich kein Geld mehr, um Ware zu besorgen.“


Eine der Verkäuferinnen, die Anas Leuten vertraut

Kein diebischer Aufseher soll vor ihm sicher sein

Ein anderer Händler bietet an einer Straßenecke vier Paar gebrauchte Schuhe an. Er hat sie für jeweils 7 bis 10 Cedi auf dem Chinesen-Markt gefunden. „Ich habe keinen festen Platz“, erzählt er, „wegen der Wachen ziehe ich oft um. Sie schlagen mich mit Stöcken, manchmal werde ich einen Tag lang in einen dunklen Raum gesperrt. Zum Schlafen habe ich nur einen Unterschlupf.“ An einem anderen Stand sehen wir, wie ein Wächter im Vorbeigehen die Hand aufhält. Vier Mitarbeiter aus der Detektei sitzen gerade als Verkäufer getarnt auf dem Markt und filmen die aufschlussreichen Szenen.

Einige der Erpresser hat Anas bereits bloßgestellt. „Sie werden eingesperrt“, hatte er auf dem Dach der Filmproduktion erzählt. „Doch es kommen neue Aufseher, und du hoffst, dass sie nicht auch zu Dieben werden. Sie sollen sich wenigstens fürchten. Keiner soll sich sicher sein, dass nicht einer meiner Leute kommt und Beweise gegen ihn sammelt.“

Mit jeder Recherche wächst der Einfluss des Mannes hinter dem Perlenvorhang. Inzwischen trainiert seine Detektei Journalisten in Nigeria. Die dort ansässige MacArthur Foundation hat 750 000 Dollar an Stipendien dafür bereitgestellt. „Meine Art von Journalismus breitet sich auf dem afrikanischen Kontinent aus“, sagt Anas. Millionen Menschen besuchen die kostenlosen öffentlichen Vorführungen der Enthüllungsvideos, viele tragen dabei aus Solidarität die typische Anas-Verkleidung. Nach dem Fußballskandal, als sein Mitarbeiter ermordet worden war und der Politiker Agyepong zur Hetzjagd auf Anas aufgerufen hatte, posteten seine Fans in ganz Afrika ihre Porträts unter dem Hashtag „I am Anas“. ---