Wirtschaftsgeschichte

Abgebrüht

Der Bestseller einer Köchin erschien im Dritten Reich unter dem Namen eines anderen Verfassers neu – weil sie Jüdin war. Warum die Autorin auch später nicht wieder genannt wurde, fragt jetzt ihre Enkelin.



Foto: © privat


• Alice Urbach hatte ein gutes Gespür für Marketing: Um für ihre Kochkurse Kundinnen zu gewinnen, stellte sie sich vor die feinsten Wiener Delikatessengeschäfte, in deren Schaufenstern „wunderschöne kulinarische Meisterwerke ausgestellt waren“. Davor hätten oft Frauen gestanden und diese bewundert, aber offenbar keine Ahnung gehabt, wie man so etwas zubereitet, schreibt Urbach in ihren Erinnerungen. „Sobald ich merkte, dass eine Frau wirklich interessiert war, gab ich ihr meine Visitenkarte … Und mit absoluter Sicherheit kam sie dann zu meinem Kochkurs.“ Oft mitsamt Freundinnen, Müttern und Schwiegermüttern.

Als Mädchen aus gutem Hause durfte Alice Urbach, geboren 1886, keine Lehre in einer Konditorei machen. Dafür setzte sie durch, dass sie bei einem französischen Edelkoch aus einem Wiener Hotel ein paar Stunden Unterricht nehmen konnte: „Dieser Cordon-bleu-Koch aus der Ringstraße brachte mir Dinge bei, die später mein Rettungsboot werden würden.“

1912 heiratete sie, wurde in der Ehe aber sehr unglücklich. Als ihr Mann sieben Jahre später starb, musste Alice Urbach die beiden Söhne allein großziehen. Der Mann hatte ihre Mitgift bei Glücksspielen verloren. Also ging sie in einen Laden für Gas- und Elektroherde, der eine Testküche hatte. Dort wolle sie Kurse geben, sagte sie dem Besitzer. Der war einverstanden, da er in den Schülerinnen potenzielle Kundinnen sah. Bald wurde Urbach zur Starköchin, 1935 erschien ihr Buch „So kocht man in Wien!“ und wurde zum Bestseller.

Trotzdem war sie als Verfasserin bald nicht mehr erwünscht. Denn Alice Urbach war Jüdin, und im Nationalsozialismus durfte kein „unerwünschtes Schrifttum“ verlegt werden, dazu zählten auch die Werke jüdischer Autoren. Da es wirtschaftlich jedoch einen großen Verlust bedeutet hätte, all diese Titel gar nicht mehr erscheinen zu lassen, behalfen sich manche Verlage offenbar damit, den jüdischen Autoren ihre Werke abzuerkennen und neue Verfasser einzusetzen – seien es reale oder fiktive Personen.

Der Ernst Reinhardt Verlag ließ das Buch „So kocht man in Wien!“ 1938 in leicht geänderter Form erscheinen, verfasst war es nun nicht mehr von Alice Urbach, sondern von einem Herrn namens Rudolf Rösch. Dieser Geschichte ist nun Karina Urbach nachgegangen, Historikerin und Enkelin der Kochbuch-Autorin. Sie erzählt sie in „Das Buch Alice“, das gerade erschienen ist.

Bekannt sind einzelne ähnliche Fälle, etwa die Geschichte des Juristen Max Friedlaender: Sein „Kommentar zur Rechtsanwaltsordnung“ verschwand aus dem Buchhandel, an dessen Stelle erschien ein verblüffend ähnlicher Titel von einem Nationalsozialisten. Unter Juristen wurde das Plagiat bald „Der kleine Friedlaender“ genannt. Offenbar handelte es sich nicht um Einzelfälle: „Bei den Recherchen für mein Buch habe ich erkannt, dass es eine systematische Arisierung von Sachbüchern gab“, sagt Karina Urbach.

Sie fand heraus, dass die Historikerin Angelika Königseder im Archiv des Wissenschaftsverlags de Gruyter weitere Beispiele für solche Enteignungen entdeckt hatte: 1933 bot der Verlag jüdischen Autoren an, sich ausbezahlen zu lassen, manchmal auch, anonym an ihren Buchprojekten weiterzuarbeiten. In einem Verlagsdokument aus dem Jahr 1939 heißt es im Protokollstil: „Bei nicht-arischen Büchern prüfen, wie weit Neuauflage von Ariern herausgebracht werden kann.“ Es existiere noch keine Schätzung zur Zahl der Betroffenen, sagt Urbach. „Das Thema muss erst noch erforscht werden.“

Sie erinnert sich, dass bei ihr zu Hause zwei Kochbücher im Regal standen, beide mit dem Titel „So kocht man in Wien!“, nur mit unterschiedlichen Autorennamen. Sie sei aber zu jung gewesen, als ihre Großmutter starb, deshalb habe sie nie mit ihr über die Geschichte gesprochen.

Im Buch gibt es einige Fotos. Darauf sind Hände zu sehen, die Teig mit Formen ausstechen oder mit dem Pinsel bestreichen. Es sind die Hände der Köchin Alice Urbach, auch in der Version, die nicht unter ihrem Namen erschien. Insgesamt seien etwa 60 Prozent der ursprünglichen Fassung in der neuen übernommen worden, schreibt die Enkelin Urbach.

Ersetzt wurde etwa das Vorwort. Alice Urbach schwärmt in ihrem davon, wie international die Wiener Küche sei, sie habe aus einem „bunten Volksgemisch“ schöpfen können – der Strudel ungarisch, die Knödel böhmisch. In der späteren Ausgabe lobt Rudolf Rösch stattdessen sich selbst für die „Kleinarbeit“, die er für das Buch habe leisten müssen. Ob er existierte, bleibt offen. Im Kochbuch wurde er vorgestellt als „Mitarbeiter des Reichsnährstandes“, dort fand Karina Urbach jedoch keinen Hinweis auf ihn.

Alice Urbach erfuhr erst nach dem Krieg, dass ihr Buch einen neuen Autor bekommen hatte. Sie hatte im Exil in England gelebt, dort konnte sie sich dank ihrer Kochkunst gut durchschlagen. Zurück in Wien, entdeckte sie das Buch im Schaufenster einer Buchhandlung, unter dem Namen Rudolf Rösch. Sie fuhr zum Sitz des Ernst Reinhardt Verlags nach Basel und suchte den Verleger Hermann Jungck auf.

Der beschreibt den Besuch in einer Festschrift aus dem Jahr 1974: „Sie machte geltend, daß sie dadurch, daß ihr Kochbuch unter anderem Namen weiter herausgebracht werde, wie sie erfahren hatte, einen Verlust erlitten habe, für den sie Schadenersatz verlangte.“ Er habe ihr vorgeschlagen, „daß weitere Auflagen unter dem Doppelnamen Urbach/Rösch herausgebracht würden“. Da sei Alice Urbach jedoch „mit Worten der Entrüstung“ abgezogen. Er nannte sie nicht wieder, sondern publizierte selbst in den Fünfzigerjahren noch eine neue Auflage. Autor: Rudolf Rösch.

Karina Urbach bat den Ernst Reinhardt Verlag um Zugang zu dessen Archiv, um den Fall ihrer Großmutter rekonstruieren zu können. Die Assistentin der Geschäftsleitung habe per Mail ihr Bedauern geäußert, dass es kein Archivmaterial mehr dazu gebe. Auf Nachfrage antwortet Hildegard Wehler, die Geschäftsführerin des Ernst Reinhardt Verlags, sie „kenne das Buch über Alice Urbach noch nicht“. Sie schickt einen Auszug aus der Festschrift von 1974 und verweist auf eine Stelle, an der der damalige Verleger Jungck einräumt: „Nach dem Anschluß Österreichs sah ich mich genötigt, für das Kochbuch einen neuen Verfasser zu suchen, da Alice Urbach Jüdin war und das Kochbuch sonst nicht mehr hätte vertrieben werden können.“ Diesen habe er in Rudolf Rösch gefunden.

„Dass der Verlag meiner Großmutter ihr Buch weggenommen hat, kann ich sogar noch nachvollziehen“, sagt Karina Urbach. „Aber warum er es ihr nach dem Krieg nicht zurückgegeben hat, begreife ich nicht.“ ---

Karina Urbach: Das Buch Alice, Propyläen, 25 Euro

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