Start-ups: Vielfalt

Plötzlich gefragt

Schwarze Gründer finden in den USA nur selten Geldgeber. Seit dort vehement gegen Rassismus protestiert wird, ändert sich das.





• „Ich dachte immer, es sei schwer für mich, an Kapital zu kommen“, sagt James Norman. „Dann begriff ich: Es ist unmöglich.“ Der amerikanische Unternehmer gründete mit 16 Jahren seine erste Firma. Seitdem entwickelte er seine Geschäfte immer weiter, und doch schien er besonders viele Hindernisse überwinden zu müssen. Heute bietet er mit seinem kalifornischen Unternehmen Pilotly Marktforschungs-Tools an, die etwa von großen Streaming-Anbietern genutzt werden.

Selbst als Norman schon Aufträge hatte und belegen konnte, dass seine Idee Geld bringt, wollte niemand in sein Unternehmen investieren. Als das Gefühl stärker wurde, dass dies an seiner Hautfarbe liegen könnte, holte er einen Freund mit ins Unternehmen, um bei Finanzierungsrunden besser dazustehen – einen weißen Freund, der offenbar genau der Typ war, den Risikokapitalgeber suchen.

Der Freund half nicht nur durch sein Auftreten, er wurde auch zum Coach für Norman: „Er konnte den Raum lesen. Er wusste, wann jemand eine Frage stellt, nur um zu sehen, wie man reagiert. Und er war vertraut mit Formulierungen, die nur ein Absolvent der Ivy-League-Unis kennt.“ Zu diesen Elite-Universitäten zählen Princeton, Harvard und Cornell.

Mithilfe des Freundes gelang es James Norman, sich in der Welt der weißen Investoren zurechtzufinden. Die Finanzierung bekam er trotzdem nicht von diesen Risikokapital-Firmen, sondern von einer aus dem Silicon Valley, die gezielt in nicht weiße Unternehmer investiert.

Viele Gründerinnen und Gründer erzählen ähnliche Geschichten. Auch Zahlen zeigen, dass James Normans Erfahrung kein Einzelfall ist: Weniger als ein Prozent der gut 130 Milliarden Dollar Risikokapital gingen 2018 in den USA an schwarze Firmengründer. Etwa ein Viertel des Geldes bekamen Absolventen der Elite-Hochschulen.

Jetzt scheint sich etwas zu ändern: Durch die Proteste gegen Rassismus in den USA ist offenbar Druck entstanden, auch auf die Finanzwelt. Fast ausschließlich auf weiße junge Männer aus der Oberschicht zu setzen ist schwieriger geworden in Zeiten, in denen Vielfalt und Chancengleichheit brennende Themen sind.

Etliche Investoren wollen plötzlich nicht weiße Unternehmer beim Gründen unterstützen. Die SoftBank Group kündigte im Juni an, sie wolle mit einem Fonds in Höhe von 100 Millionen Dollar „visionäre Unternehmer fördern, die schwarz sind, lateinamerikanisch oder native american“, da diese „mit unfairen Hindernissen“ konfrontiert seien. Die Risikokapital-Gesellschaft Andreessen Horowitz lobte einen millionenschweren „Talent x Opportunity Fund“ aus. Dieser sei für Gründer gedacht, „die das Talent, den Antrieb und die Ideen haben, großartige Unternehmen aufzubauen, denen aber der typische Hintergrund und die Ressourcen fehlen“. Auch Apple stellte eine 100-Millionen-Dollar-Initiative für „Rassengerechtigkeit“ vor, mit der das Unternehmen Schwarzen unter anderem bessere Bildung ermöglichen will.

Seit George Floyd im Mai dieses Jahres von einem Polizisten getötet wurde, bekommt Dan Kihanya täglich Anfragen. „Das ist der größte Bürgerrechtsprotest in der Geschichte“, sagt der Investor und Aktivist, dessen Vater aus Kenia stammt, die Mutter ist englischer und schottischer Abstammung. Er blickt auf mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Start-up-Welt Seattles zurück und ist Partner bei einer Private-Equity-Firma. „Es gibt ein regelrechtes Erwachen in der Szene.“

Die Anfragen kommen von großen und kleinen Unternehmen, von Headhuntern und Talentscouts der großen Risikokapital-Akteure. Manche wollen einfach ihre Solidarität ausdrücken, manche suchen Hilfe, weil sie finden, dass ihre Belegschaft vielfältiger werden sollte. Und andere bieten Dan Kihanya direkt einen Job an. Die Botschaft ist immer die gleiche: „Wir wissen, dass wir ein Problem mit der Vielfalt haben – können Sie uns helfen?“

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet der Unternehmer James Norman: „Ich arbeite mit einigen Gründern zusammen, die gerade jetzt eine erstaunliche Zugkraft bei ihren Finanzierungsrunden erleben.“ Diesen Effekt versucht er nun zu verstärken – in einem so sachlichen wie fulminanten offenen Brief hat er kürzlich Kapitalgeber an die Lebensrealität der Schwarzen in den USA erinnert und da-zu aufgerufen, in schwarze Gründer zu investieren.

In dem Brief versucht er, Missverständnisse aufzuklären: Als schwarzer Gründer erlebe man so viele Hindernisse, dass man diesen Weg nur mit viel Selbstvertrauen und Ehrgeiz schaffe, schreibt er. Bei Treffen mit möglichen Geldgebern seien die schwarzen Gründer, so hat es Norman erlebt, heute oft so gut vorbereitet und offensiv, dass es manche Weiße verschrecke. Das solle man nicht missverstehen als „Arroganz, Ego oder Ignoranz. Das ist Beharrlichkeit.“ Und die sei nötig, denn „als Schwarze in Amerika leben wir jeden Tag in einer weißen Welt. Wir feilen ständig daran, wie wir uns in der Welt bewegen und kommunizieren, um systematische Barrieren zu umgehen und erfolgreich zu sein.“

Foto: © Kezia Silver

Dan Kihanya beobachtet ein „regelrechtes Erwachen in der Szene“


Schaffte es auch ohne Fremdkapital: Cherae Robinson

Cherae Robinson hat selbst erlebt, wie es ist, von weißen Investoren unterschätzt zu werden. Sie hat sich auf Kulturaustausch spezialisiert. Ihr Unternehmen Tastemakers Africa will durch Reisen und ein weltweites Netzwerk Bindeglied sein zwischen Menschen mit afrikanischen Wurzeln überall auf der Welt und dem Kontinent Afrika. Weil Reisen momentan kaum möglich sind, konzentriert sich Robinson nun auf die Community. Wer Mitglied wird für 199 Dollar im Jahr, kann das Netzwerk für Kontakte nutzen.

Die Unternehmerin Robinson kennt viele schwarze Kolleginnen, die – ähnlich wie James Norman – weiße Männer mit zu Finanzierungsrunden nehmen, um ihre Chancen auf Kapital zu erhöhen. Die Männer sind einfach nur dabei, obwohl sie gar nichts mit den Unternehmen zu tun haben. „Dazu war ich zu stolz“, sagt Robinson – obwohl sie bei potenziellen Geldgebern regelmäßig scheiterte. Die 600 000 Dollar, die sie gern eingenommen hätte, bekam sie nicht, stattdessen sammelte sie über die Jahre kleinere Beträge ein.

Ihr Unternehmen wuchs auch so, nur langsamer. Es war ein langer Weg, auch weil ihr die Beziehungen fehlten und sie nicht einfach in der Familie oder dem Freundeskreis die ersten 100 000 Dollar zugeschossen bekam, wie sie das bei man- chen weißen Gründern beobachtete.

Cherae Robinson will mit Tastemakers Africa auch Vorurteile abbauen. Sie ist überzeugt, dass jetzt die beste Zeit für ihr Vorhaben ist – eine Zeit, in der viele „African Americans“ ihre Wurzeln erforschen wollen. Es ist aber auch eine Zeit, in der viele Weiße – durch die Pandemie mit ihren ungleich verteilten wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen und die immer deutlicher sichtbare Gewalt gegen Schwarze – ihre eigene Rolle und die ihres Unternehmens verändern wollen. Die Gründerin glaubt, dass die aktuellen Entwicklungen andauern werden: „Die bislang unterrepräsentierten Gruppen werden in Führungsebenen aufrücken, und dann wird es endlich Role Models geben, die den Weg nach oben vorzeichnen.“ Sie glaube, dass die wirtschaftliche Kraft der schwarzen Bevölkerung jetzt bemerkt wird.

Dafür kämpft auch der schwarze Investor Dan Kihanya, der im vergangenen Jahr mit seinem Podcast „Founders Unfound“ begann. Er habe es nicht mehr ausgehalten, dass so viele Unternehmer nicht an Risikokapital kommen. Im Podcast stellt er nun unentdeckte Talente vor. „Diese Gründer sind Superhelden“, sagt Kihanya. Sie hätten schon so viel überwunden, bevor sie ihre unternehmerische Reise überhaupt begonnen hätten. Indem er die Gründer öffentlich bekannt macht, will er ihnen auch den Zugang zu Geldgebern erleichtern.

Haben all die Investoren, die nun die schwarze Gründerszene fördern wollen, auf einmal ihren Sinn für Gerechtigkeit entdeckt? Oder ist die Dominanz der weißen Elite womöglich so sehr zum Makel geworden, dass viele sich mit den Gründern schmücken wollen? James Norman ist tatsächlich skeptisch, was die Motivation einiger Geldgeber angeht. „Aber ich bin optimistisch in Bezug auf das Ergebnis“, sagt er. Falls auf diesem Weg die schwarzen Gründer mit mehr Kapital versorgt würden und schwarze Experten an wichtige Stellen im Geschäft mit dem Risikokapital gelangten – dann nütze das der Sache.

„Aus welchem Beweggrund die Investoren Schwarze fördern, ist mir dann ehrlich gesagt egal“, sagt James Norman. „Denn das Einzige, was den Schwarzen in Amerika Handlungsfähigkeit, Freiheit und Gleichberechtigung ermöglicht, ist wirtschaftlicher Aufstieg.“ ---

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