Stern Pinball

Als seine Konkurrenten aufgaben, erkannte Gary Stern, dass die goldene Zeit des Flipperns gerade erst begann.





Der Glamour des Flipperns erschließt sich erst auf den zweiten Blick


Lebende Legende: Gary Stern im Kreis seiner Vertrauten

• Der Reporter war völlig entgeistert. Man hatte ihn tatsächlich in den Design Room hineingelassen, das Heiligtum der Firma Stern Pinball. Hier entwickelten Mitarbeiter die neuesten Flipper-Modelle – normalerweise streng geheim. Ob ein Hersteller als Nächstes einen Automaten in Star-Wars-Optik, mit Indiana Jones oder Guns N’ Roses darauf herausbringen wollte, durfte keiner erfahren. Die Branche sei berüchtigt dafür, Entwürfe mit aller Macht zu verbergen und zugleich die Konkurrenz auszuspähen und rücksichtslos anzugreifen, schrieb der Reporter, es sei „der Stoff für Spionageromane“.

Doch im Jahr 1999, als der Artikel im »Chicago Tribune« erschien, war plötzlich alles anders: Gary Stern, Urgestein des Flipper-Business und Inhaber der Firma Stern Pinball, hatte keine Konkurrenten mehr. Geschäftsgeheimnisse konnte er freimütig ausplaudern, da ihm niemand mehr in die Quere kommen würde. Weil dort keiner mehr war.

Die Firma hat ihren Sitz in Chicago, der Hochburg des Flipperns. Mit 350 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist Stern Pinball heute der größte Hersteller weltweit. Lange war er der einzige. Inzwischen sind ein paar kleinere Konkurrenten aufgetaucht, aber Stern Pinball produziert immer noch mehr als 90 Prozent aller Automaten. Es lebt sich gut als Monopolist in der Nische.

Gary Stern ist 75 Jahre alt, hat weißes halblanges Haar, fährt Harley, und Flipper sind sein Leben. Seit einigen Jahren werden die Spielautomaten wieder beliebter, wovon Stern zusätzlich profitiert. 2015 bezog sein Unternehmen einen neuen Firmensitz, mit 10 000 Quadratmetern fast dreimal so groß wie der vorige. Auch die Produktion ist seitdem um 80 Prozent gewachsen. Drei neue Modelle bringt Stern Pinball pro Jahr heraus.


Deckel für die Automaten – hier das Modell Avengers Infinity Quest – in der Fabrik von Stern Pinball

Was in der Produktionshalle deutlich zu erkennen ist: Ein Flipperautomat besteht – auch wenn die neueren Geräte mittlerweile mit Mikroprozessoren und digitalen Bildschirmen ausgestattet sind – immer noch vor allem aus Mechanik: Unter dem handbemalten hölzernen Spielfeld verstecken sich mehr als 3500 winzige Teile, verbunden durch mehr als 400 Meter Kupferdraht. In Reichweite der Arbeiter von Stern Pinball aufgehängt, sieht dieses Innenleben aus wie eine komplizierte Weihnachtsbaumbeleuchtung.

Schon Garys Vater Sam Stern prägte die Branche. Anfangs stellte er Automaten in Kneipen auf, wartete sie und leerte die Münzen, später arbeitete er sich hoch zum Großhändler. In den Vierzigerjahren wurde er Teilhaber bei der Firma Williams, einem der ersten Flipperhersteller.

Anfang der Sechzigerjahre begann auch Gary Stern, der Sohn, sich für die Herstellung der Automaten zu interessieren: Als Schüler jobbte er bei Williams. Allerdings witzelt er gern, er sei in Wirklichkeit bereits im Alter von zwei Jahren ins Geschäft eingestiegen – sein Vater brachte ihm die Faszination des Flipperns offenbar schon früh nahe.

In den Siebzigerjahren hatten die Spielautomaten ihre große Zeit: In Kneipen und Spielhallen klingelte, schepperte und blinkte es, die Band The Who sang über den Pinball Wizard, den Zauberer an der Kugel. Gary Stern und sein Vater nutzten die Welle und produzierten von 1976 an selbst Flipper-Automaten, unter dem Namen Stern Electronics. 1986 gründete Gary Stern die Firma Data East, da war sein Vater schon gestorben.

Nach und nach begannen Videospiele die Flipper aus den Spielhallen zu verdrängen – und infiltrierten dazu noch die Wohnzimmer: 1976 verkaufte die US-Firma Atari 150 000 Stück der Heimkonsole „Pong“, etwa so viele Geräte wie alle Flipperhersteller zusammen. Da Flipperfirmen wie Midway oder Chicago Coin auch Videospiele produzierten, bedeutete der Angriff für sie vorerst keine Bedrohung. Aber ihr Kerngeschäft schrumpfte immer weiter.

Gary Stern bekam die Krise zu spüren: Anfang der Neunzigerjahre übernahm der japanische Spielehersteller Sega seine Firma Data East. Stern blieb Geschäftsführer, während die Branche immer weiter schrumpfte. 1996 verschwand Gottlieb, einer der größten Hersteller, von der Bildfläche. Und als sich 1999 WMS Industries, Eigner der bei Fans beliebten Marken Midway-Bally und Williams, komplett aus dem Flippermarkt zurückzog, um sich auf Glücksspielautomaten zu konzentrieren, war auch der letzte verbliebene Gegner verschwunden.

Als sich andeutete, dass auch Sega seine Flippersparte dichtmachen könnte, traf Gary Stern eine weitreichende Entscheidung: Er hätte sich um einen anderen Posten bei dem Konzern bemühen können, hätte mit seiner Erfahrung in den Massenmarkt der Videospiele einsteigen können, doch stattdessen kaufte er dem Konzern Sega seine frühere Firma wieder ab – die Geburtsstunde von Stern Pinball, für die darauffolgenden zwölf Jahre der einzige Flipperhersteller der Welt. Gary Stern hatte eine Nische gefunden, die ihm allein gehörte. Es begann die Zeit, in der er keine Geheimnisse mehr hüten musste.

„Stern Pinball war vorher nicht unbedingt die beliebteste Firma der Flipper-Community gewesen, aber als sich 1999 abzeichnete, dass es womöglich keinen einzigen Hersteller mehr geben könnte, hielten alle den Atem an“, sagt Andreas Bernard, Kulturwissenschaftler an der Leuphana Universität Lüneburg und selbst passionierter Spieler auf Platz 86 der deutschen Rangliste. „Heute wird Gary Stern dafür gefeiert, dass er die Branche gewissermaßen im Alleingang rettete.“

Von der Mythenbildung profitiert Stern noch heute, Flipper-Fans mögen Helden. Zu denen gehört auch Roger Sharpe, der andere Retter in der Geschichte des Flipperns. Von Anfang an hatte es Kritiker der Spielautomaten gegeben. Ende der Dreißigerjahre erklärten mehrere Städte, darunter Los Angeles und Chicago, den Flipperautomaten den Krieg: Die bunten, blinkenden Münzfresser seien kinderverführendes Glücksspiel. 1942 ließ New Yorks Bürgermeister in einer Razzia 2000 Geräte abtransportieren. Einige zertrümmerte er vor Fotografen mit dem Hammer, bevor er die Maschinen im Meer versenken ließ.

In manchen Städten fand man Flipperautomaten nur noch in Hinterzimmern und dunkelsten Kneipenecken. Das machte die Sache für manch einen nur attraktiver, so auch für Roger Sharpe. Anfang der Siebzigerjahre arbeitete er als junger Werbetexter in New York. Seine Mittagspausen verbrachte er in einem Sexshop, in den ihn vertraute Geräusche gelockt hatten: Hinter den verdunkelten Scheiben des Geschäftes standen vier Flipper.

1976 bat die Vereinigung der New Yorker Automatenbetreiber Roger Sharpe um Hilfe. Durch seine Artikel über Pinball in der »New York Times« und »GQ« war er als Insider und Ausnahmespieler bekannt geworden. Nun wollten die Betreiber das Flippern rehabilitieren. Sharpe sollte demonstrieren, dass es sich eben nicht um ein Glücksspiel handelt, sondern dass die silberne Kugel sich durch Geschicklichkeit lenken lässt. Also spielte er – vor Gericht.

Zwei Modelle des Herstellers Gottlieb wurden im Gerichtssaal aufgebaut: „El Dorado“ und „Bank Shot“. Unter den Blicken des New Yorker Stadtrats begann Roger Sharpe die Partie, die ihn berühmt machen sollte: Die Finger am Drücker, sagte er jede Bewegung der Kugel voraus. Als er diese zum dritten Mal ins Spiel schoss, prophezeite er sogar, durch welchen der fünf Kanäle am oberen Ende des Spielfelds diese herunterrollen würde: „Durch den mittleren.“ Genau so kam es.

„Glück? Können? Vermutlich beides“, sagt Sharpe heute. Sein damaliger Auftritt wurde jedenfalls als Beweis dafür gewertet, dass Flippern Geschicklichkeit erfordert. Am 1. August 1976 wurde es in New York wieder erlaubt, später auch in Chicago und anderen amerikanischen Städten.


In einem Automaten befinden sich etwa 3500 Teile, die sorgfältig angebracht werden


Das komplizierte Innenleben garantiert, dass es hier nicht um Glück geht


„Avengers“: nett, aber das meistverkaufte Modell bleibt „Addams Family“

Heute erlebt das Flippern ein Comeback. In amerikanischen Städten sieht man immer häufiger sogenannte Barcades, Mischungen aus familienfreundlicher Kneipe und Flipperbude. Wo Ladenflächen frei werden, entstehen Spielotheken mit harmlosen Spaßmaschinen. Der von Roger Sharpe mitgegründete Spieler-Verband International Flipper Pinball Association (IFPA) wächst, international ebenso wie in Deutschland. Unter den Neuzugängen sind mittlerweile so viele Frauen, dass die IFPA 2017 für diese ein eigenes Rangsystem einführte.

Neben dem Charme der Legenden ist wohl der Retro-Trend verantwortlich für die Wiederauferstehung. Ähnlich wie Vinylschallplatten in Zeiten von Streaming Teile ihrer zwischenzeitlich verlorenen Fangemeinde zurückerobern konnten, ist es auch beim Flippern das Analoge in einer digitalisierten Welt, das den Reiz ausmacht.

Inzwischen hat Gary Stern wieder ein paar kleinere Konkurrenten – „Hobby-Hersteller“ nennt er sie –, die zusammen aber auf nicht mehr als zehn Prozent Marktanteil kommen. Und Stern Pinball wächst weiter: „Seit 2015 steigern wir den Umsatz jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent.“ Fast die Hälfte davon sind Exporte: In Europa ist Frankreich der größte Markt, gefolgt von Italien. Deutschland entwickle sich gut, sagt Stern. Generell sei Platz aber ein Problem auf dem europäischen Markt: „Es gibt weniger Einfamilienhäuser als in den USA und damit weniger Keller.“ Und in die Keller will er.

Mit den Flippern für „Rec Room Buyer“, die sich eines oder auch mehrere der Geräte in den Hobbyraum stellen, macht er mittlerweile genauso viel Umsatz wie mit Flippern für den Betrieb in Bars oder Spielhallen. „Seit 2013 verwandeln wir uns zunehmend in eine Lifestyle-Marke.“ Neben Flipperautomaten verkauft Stern Pinball nun auch Fan-Bekleidung und Mitgliedschaften im „Stern Insider Club“, der über Neuheiten und Events informiert.

Sein Vorbild sei Harley-Davidson, sagt Gary Stern, der selbst drei Motorräder der Marke besitzt. Ein passender Vergleich: Wie die Harley ist der Flipper ein uramerikanisches Produkt – und schwer aufzuheben, wenn er mal umgefallen ist. Doch während die Harley-Fahrer langsam aussterben, wird die Flipper-Szene nach und nach wieder größer. ---

Die Geschichte des Flipperns

18. und 19. Jahrhundert
In Europa und den USA entsteht „Bagatelle“, eine abgespeckte Version des Billardspiels für den Tisch. 1871 lässt sich der britische Erfinder Montague Redgrave einige Neuerungen für das Spiel patentieren, darunter das gekippte Spielfeld und den „Plunger“, mit dem man die Kugel ins Spiel schießt.

1930Inzwischen gibt es rund 150 Hersteller sogenannter „Pin Games“ in den USA, die meisten davon in Chicago. Sie profitieren dort von der nahen Holz- und Metallindustrie und der günstigen Lage der Stadt im Verkehrsnetz der USA. Ihr Geschäft sind Tischspiele aus Holz mit Metallstiften – englisch: Pin – als Hindernisse. Spieler müssen die Geräte schütteln oder anheben, um den Ball von seiner zufälligen Bahn abzubringen.

1932Manche dieser Spiele haben bereits einen Münzeinwurf. So auch das den heutigen Flippern schon recht ähnliche „Baffle Ball“ des US-Herstellers D. Gottlieb and Company. In der Hochphase verkauft dieser etwa 400 dieser mechanischen Geräte pro Tag. Das nach demselben Prinzip aufgebaute Spiel „Ballyhoo“, das Raymond T. Moloney 1932 auf den Markt bringt, ist mit etwa 50 000 verkauften Exemplaren so erfolgreich, dass dieser seine Firma in Bally umbenennt.

1933Der Ingenieur Harry Williams erfindet den „Tilt“. Bis heute ist dieser Mechanismus, der zu starke Erschütterungen mit einem kurzen Aussetzer oder Warnsignal bestraft, Standard in Flippergeräten.

1947„Humpty Dumpty“ kommt auf den Markt, das erste Gerät mit eingebauten Schlägern – genannt Flipper.

1969Die britische Rockgruppe The Who veröffentlicht ihr Konzeptalbum „Tommy“, eine Rockoper über einen blinden, tauben und stummen Jungen, der zum Flipper-Guru wird.

1975Mit „Spirit of 76“ bringt der Hersteller Micro Games den ersten Flipper auf den Markt, der mit einem Mikroprozessor ausgestattet ist. Die neue Technik macht die Geräte schneller, bunter und weniger wartungsintensiv.

1992Roger Sharpe, mittlerweile bei Bally angestellt, kauft die Lizenz für das Modell „Addams Family“ ein. Das Gerät ist bis heute der meistverkaufte Flipper aller Zeiten.

2011Nachdem Stern Pinball zwölf Jahre lang der letzte verbliebene Flipperhersteller weltweit war, gründet Jack Guarnieri in Lakewood, New Jersey, die Firma Jersey Jack Pinball.

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