„Keine europäische Stadt hat ein Verkehrsproblem wegen Paketzustellern “

Der niederländische Logistikexperte Walther Ploos van Amstel beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Warenverkehr in unseren Städten. Ein Gespräch über Alternativen zum Lieferwagen und zu viel Luft in den Paketen.





brand eins: Herr Ploos van Amstel, in den Städten sieht man ständig Lieferfahrzeuge von DHL, UPS, DPD oder Hermes. Wären alle Verkehrsprobleme gelöst, wenn wir einfach weniger im Internet bestellen würden?

Walther Ploos van Amstel (lacht): Leider nicht. Liefer- und Lastkraftwagen sind tatsächlich für sehr viel Verkehr in unseren Städten verantwortlich. Wir schaffen es vielerorts nach und nach, die Zahl der Pkw zu reduzieren, aber mit den Lkw klappt es leider nicht. Aber keine Sorge: Die Schuhe, die Sie im Internet bestellt haben, sind nicht das Problem.

Warum nicht?

Nehmen wir meine Heimatstadt Amsterdam: Logistik ist dort für jedes fünfte Fahrzeug verantwortlich, das in der Stadt unterwegs ist. In anderen Städten sind die Zahlen ähnlich. 33 Prozent dieser Logistikfahrzeuge liefern jedoch keine Pakete aus, sondern steuern Baustellen an, bringen und holen Material, Gerüste oder Maschinen. 25 Prozent der Fahrzeuge beliefern Restaurants, 20 Prozent den Handel, zum Beispiel mit Lebensmitteln. Nur 7 Prozent des gesamten Logistikverkehrs entstehen durch Paketzustellung. Und zwei Drittel dieser Lieferungen gehen an Geschäftskunden. Die Bestellungen von Privatleuten sind lediglich für ein Drittel verantwortlich.

Wir ziehen also die falschen Schlüsse, wenn wir uns über zu viel Lieferverkehr ärgern?

Genau. Letztlich machen Transporter, die Ihnen beispielsweise Ihre Schuhe bringen, weniger als ein Prozent aller Fahrzeuge aus. Man sieht diese zwar dauernd am Straßenrand stehen, weshalb wir das Gefühl haben, unsere Städte seien voll davon. Aber keine europäische Stadt hat ein Verkehrsproblem wegen Paketzustellern. Zwar bestellen wir jedes Jahr ungefähr 25 Prozent mehr im Internet als im Vorjahr, aber die Zahl der Paketfahrzeuge nimmt jährlich nur um etwa drei bis fünf Prozent zu.

Wie kommt das?

Zum einen wird die Zustellung effizienter organisiert. Zum anderen benötigt man keine weiteren Paketfahrzeuge, wenn die, die bislang fahren, nicht voll beladen sind. Und das ist der Fall. Denn ein einzelner Fahrer kann in der Stadt pro Schicht nicht mehr als etwa 200 bis 240 Pakete zustellen. Das entspricht ungefähr zwei Kubikmetern an Päckchen, damit sind die meisten Lieferwagen nicht ausgelastet. Manche Firmen gehen deshalb inzwischen dazu über, ein Fahrzeug mit mehreren Zustellern zu besetzen.

So schickt in London eine Firma mittlerweile einen großen, möglichst gut gefüllten Lkw in die Stadt – und vier Mitarbeiter verteilen dann dessen Ladung. Wenn man nun noch die Luft aus den Paketen lassen würde, könnte man den Transport noch effizienter und mit kleineren Fahrzeugen organisieren – mit Lastenfahrrädern, E-Rollern oder kleinen Elektroautos. Man müsste die Händler dazu bewegen, nicht jedes kleine Teil in einer riesigen Box zu verschicken.

Stichwort Effizienz: In den meisten Städten bringt der Postbote einmal am Tag die komplette Briefpost. Wäre es nicht sinnvoller, wenn es bei den Paketen genauso wäre – also ein einziger Dienstleister alle Pakete brächte? Dann würden nicht länger mehrere Zusteller von unterschiedlichen Lieferdiensten im selben Wohnblock jeweils ein oder zwei Päckchen zustellen.

Das stimmt. Was aber viele nicht wissen: Von den 2,50 bis drei Euro Transportkosten fließen nur 80 bis 100 Cent in die berühmte letzte Meile. Der Rest geht in die Lagerhäuser, in die Sortierung und in den Transport bis vor die Stadt. Wenn die Firmen also bei der Zustellung kooperieren würden, könnten sie gar nicht so wahnsinnig viel Geld sparen.

Wie ließe sich das ändern?

Wenn man es wie London viel teurer macht, mit einem Lieferwagen in die Stadt zu fahren, wird es für die Unternehmen rentabler, sich zusammenzutun. Eine ähnliche Chance bieten Zeitfenster: In Amsterdam dürfen Geschäfte in Einkaufsstraßen nur zwischen 9 und 11 Uhr vormittags beliefert werden. Das hat zu ersten Kooperationen der verschiedenen Zusteller geführt. Langfristig wird es international aber nur noch ein paar große Player wie Amazon und DHL geben. Doch auf der lokalen Ebene, auf der wirklich letzten Meile, werden viele kleine Anbieter überleben oder neu dazukommen.

Wird es den klassischen Paketfahrer irgendwann vielleicht gar nicht mehr geben?

Nicht mehr in dem Maße wie heute. Die individuelle Zustellung wird zunehmend von Paketstationen ersetzt werden. Auch weil Lieferfahrzeuge extrem unsicher sind. Der durchschnittliche Paketfahrer hat vier Unfälle im Jahr.

Aber was ist die Alternative?

Wir sehen derzeit schon einige Handwerker, die mit Lastenfahrrädern statt mit Lieferwagen unterwegs sind und damit ihr Material und Werkzeug transportieren. Solche Räder könnten eine Alternative für Paketzusteller sein. Vor allem wenn immer mehr Innenstädte autofrei werden – oder es zumindest immer teurer wird, mit einem Auto in die Stadt zu fahren. Was ebenfalls zunehmen wird, sind Lösungen, wie sie das Unternehmen Parcls anbietet: örtliche Paketannahme- und Zustelldienste.

Wie funktionieren die?

Die niederländische Firma ist bisher erst an drei Standorten in Amsterdam aktiv. Aber dort, wo sie antritt, verarbeitet sie bereits ein Drittel aller Pakete. Der Kunde lässt alle seine Pakete an Parcls zustellen – egal von welchem Händler, egal mit welchem Versender. So muss er nicht mehr fünf verschiedene Paketshops abklappern, sondern kann alle Lieferungen auf einmal abholen. Ungefähr die Hälfte der Parcls-Kunden macht das einmal die Woche, häufig am Wochenende. Die andere Hälfte lässt sich ihre Sendungen gegen einen kleinen Aufpreis nach Hause schicken. Das geschieht per Lastenfahrrad, und die Ware kommt innerhalb eines verabredeten Zeitraums.

Ein großer Zustelldienst hat in einer Studie festgestellt, dass in innerstädtischen Wohngebieten von Amsterdam die Menschen bei 60 Prozent der ersten Zustellversuche nicht zu Hause sind. Eine Zeit lang haben sich deshalb viele Menschen ihre Bestellungen an den Arbeitsplatz liefern lassen. Aber immer mehr Firmen verbieten ihren Mitarbeitern inzwischen, Pakete im Büro in Empfang zu nehmen.

Wir haben bis jetzt nur von Lieferungen durch klassische Transporter auf der Straße gesprochen. Welche weiteren Möglichkeiten gäbe es?

In Städten mit Wasserwegen müssten diese viel stärker für den Warenverkehr genutzt werden. Flüsse und Kanäle eignen sich sehr gut dafür, zum Beispiel morgens, wenn noch keine Boote mit Sightseeing-Touristen unterwegs sind. All diese Veränderungen erfordern einen gewissen politischen Willen, aber sie sind nicht unmöglich.

Die Zustellung per Drohne ist ja immer wieder als die Zukunft des Paketversands im Gespräch. Wann werden wir das flächendeckend im Einsatz erleben?

Ich bin da sehr skeptisch. Bei Drohnen ist der Energiebedarf extrem hoch. Außerdem bräuchte man wahnsinnig viele davon. In einer Großstadt werden täglich Hunderttausende Pakete zugestellt, dafür müsste jedes Mal eine einzelne Drohne losfliegen. Das ist nicht effizient. Eine Lieferung per Drohne kann beispielsweise bei medizinischen Notfällen sinnvoll sein oder bei ein paar anderen sehr spezifischen Anwendungsfällen. Beim normalen Paktversand ergibt sie keinen Sinn. ---

Walther Ploos van Amstel ist Professor für Stadtlogistik an der Technischen Fakultät der Universität Amsterdam. Der 58-Jährige war mehr als 25 Jahre als Unternehmensberater für Logistik, Lieferkettenmanagement und internationalen Vertrieb tätig. Seine Schwerpunkte sind Prozessinnovation, Kooperation in Logistikketten und -netzwerken sowie emissionsfreie Stadtlogistik.

Abonnieren Sie unseren Newsletter um Artikel aus den Magazinen und Neuigkeiten aus dem Hause brand eins zu erhalten. Wir geben Einblicke in unsere Redaktion – inklusive Empfehlungen von Kolleginnen und Kollegen.
 

Ich habe die Informationen zum Datenschutz gelesen und bin damit einverstanden, dass die brand eins Medien AG mich künftig per E-Mail über interessante Medien- und Produktangebote ihrer Marken informiert. Der Nutzung meiner Daten kann ich jederzeit widersprechen.