Das geht

Dialyse im Wohnzimmer

Wenn die Nieren nicht richtig arbeiten, muss eine Maschine das Blut reinigen. Bislang funktionierte das meist nur in speziellen Zentren. Mit einem neuen Gerät können Patienten zu Hause bleiben – und sogar verreisen.





• Zwei Jahre lang hatte Ayse Öztürk für die Maschine gekämpft: Sie ist kompakt und handlich wie ein Picknickkorb – und sie wäscht ihr Blut. Die Nieren der 23-Jährigen arbeiten seit ihrer Geburt nur eingeschränkt. Für Öztürk bedeutete das jahrelang: um sieben Uhr aufstehen, eine Stunde mit dem Taxi fahren, fünf Stunden Dialyse und „völlig erschöpft wieder im Taxi nach Hause“. Dreimal die Woche. Das war der Puls ihres Lebens.

Mit dem neuen Gerät namens Nx Stage System One kann Öztürk ihr Blut zu Hause waschen. Das dauert zweieinhalb Stunden, sie könne dabei schlafen oder mit Freunden einen Film schauen, erzählt sie. Oder die 33 Kilogramm schwere Maschine in den Kofferraum laden und zu ihren Verwandten fahren. Ohne dass sie sich Wochen vorher in einem Dialysezentrum in der Nähe anmelden und hoffen muss, dass dort ein Platz frei ist.

Die junge Frau hatte Glück: Sie wurde als Probandin für ein Pilotprojekt ausgewählt. Seit 2019 testet das Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation (KfH), ein gemeinnütziger Dialyse-Anbieter, das Produkt mit derzeit zwölf Patienten und Patientinnen. Ziel des KfH ist es, die Heimdialyse zu fördern. Bisher war diese zwar möglich, aber nicht mit einem kompakten und mobilen Gerät. „Deshalb erproben wir jetzt diese neue Technik“, sagt Benno Kitsche, 62, Facharzt für Nierenkrankheiten in Köln und verantwortlich für das Projekt. „Als die Dialyse aufkam, ging es um Leben oder Tod. Heute fragen die Patienten: Wie passt das in mein Leben?“


Als die Dialyse aufkam, ging es um Leben oder Tod. Heute fragen die Patienten: Wie passt das in mein Leben?

In Deutschland sind etwa 90.000 Menschen auf die Dialyse angewiesen. Rund 93 Prozent von ihnen begeben sich alle zwei Tage in eines der mehr als tausend Zentren hierzulande. Viele von ihnen könnten künftig auf die mobile Blutwäsche umstellen: Weltweit nutzen bereits 15.000 Menschen System One. Das Dialysegerät ist in Großbritannien, den USA und anderen Ländern erhältlich und wird derzeit auf dem deutschen Markt eingeführt.

„Die Patienten wollen arbeiten, ins Wochenendhaus oder einfach unterwegs sein“, sagt Jeffrey Burbank, 58, der die Maschine entwickelt hat. 1998 gründete der US-Amerikaner die Firma Nx Stage im Bundesstaat Massachusetts. 2017 erteilte die für Arzneimittel zuständige Behörde, die Food and Drug Administration (FDA), seinem Heimdialysegerät die finale Zulassung. Rund 300 Millionen Dollar seien in die Entwicklung geflossen, schätzt Burbank. Wichtig seien die wirtschaftlichen Vorgaben des Gesundheitssystems gewesen: „Wenn das Gerät zu groß ist und ein Servicetechniker nach Hause kommen muss, ist es nicht rentabel. Es muss so klein sein, damit man es einschicken kann wie einen defekten Drucker.“

Mittlerweile arbeitet Burbank für Fresenius Medical Care, das im vergangenen Jahr 17,5 Milliarden Euro mit Dialyseprodukten und -dienstleistungen umgesetzt hat und damit zu einem der größten Anbieter zählt. Fresenius übernahm seine Firma im Jahr 2019 für 1,7 Milliarden Euro. Damals beschäftigte Burbank 3800 Mitarbeiter und erzielte einen jährlichen Umsatz von rund 400 Millionen Dollar.

Immer wieder hatten Firmen versucht, Systeme für die mobile Dialyse zu entwickeln – und waren gescheitert. Eine der größten Hürden: Keime im Gerät. Diese können durch alte Blutreste entstehen. Das Blut, das gereinigt werden soll, darf auf keinen Fall mit solchen Krankheitserregern kontaminiert werden. System One löst das Problem mit einer Kassette, in die das Blut fließt. Nach jedem Gebrauch wird diese entsorgt wie eine benutzte Spritze. Die sogenannte Dialyseeinheit, die dem Blut Giftstoffe entzieht und frische Flüssigkeit zuführt, wird nicht vom Blut durchströmt. Sie sitzt, abgeschirmt durch eine Plastikmembran, in dem Gerät.

Ein weiteres Problem: Für die Blutwäsche eines Patienten benötigt man im Dialysezentrum 1000 Liter hochreines Wasser pro Woche. Burbanks Team fand heraus, dass 100 Liter Wasser pro Woche ausreichen, wenn dieses langsamer strömt. Zudem muss das hochreine Wasser nicht extra geliefert werden – die Patienten können es mit einem weiteren Gerät selbst herstellen. Dieses filtert Leitungswasser so lange, bis dieses, versetzt mit zwei Litern Elektrolyten, in den Blutkreislauf eingeführt werden kann.

Die bisherigen Erfahrungen aus den USA sprechen für die neue Form der Blutwäsche: Die Patienten sterben seltener an ihrem Leiden, und die Lebensqualität steigt deutlich, das ergaben verschiedene Studien. Auch der Nierenarzt Kitsche berichtet von positiven Ergebnissen: „Die Patienten haben genauso gute Blutwerte, wir brauchen sogar etwas weniger Blutverdünner. Und sie sind nicht so erschöpft, weil sie häufiger, dafür aber kurz dialysieren.“ Ayse Öztürk bestätigt das. Sie fühle sich fitter, seit sie ihr Blut zu Hause wasche und könne sogar Sport treiben.

In den USA hat ein regelrechter Boom der Heimdialyse eingesetzt: Dort ist die Zahl der Nx-Stage-Geräte von 5000 im Jahr 2017 auf mehr als 12 000 gestiegen. 2019 kündigte der US-Präsident Donald Trump ein Dekret für den Kampf gegen Nierenversagen an. Unter anderem sollen mehr Patienten ihr Blut daheim waschen. Ziel ist wohl, die Gesundheitskosten zu senken: Die staatliche Krankenversicherung Medicare gebe mehr als 110 Milliarden Dollar für die Behandlung von Nierenerkrankungen aus, hieß es aus dem Weißen Haus. Ab 2021 soll die Vergütungspauschale für die Heimdialyse um 30 Prozent steigen. „Das wird der Entwicklung dort noch mal einen enormen Schub geben“, sagt Benno Kitsche.

Aktuell befinden sich in den USA zwei weitere kompakte Dialysesysteme im Zulassungsprozess, darunter eine Maschine der Firma Quanta Dialysis Technologies aus Großbritannien. In Deutschland sind diese Produkte noch nicht verfügbar.

Wie viel das Blutwaschen mit dem Gerät von Fresenius Medical Care hierzulande kosten wird, werde derzeit verhandelt, teilt der Konzern mit. Eine Größenordnung möchte man nicht nennen. Nur dass sowohl ein Miet- als auch ein Kaufmodell möglich seien und die Dialyse zu Hause mittelfristig billiger als im Zentrum sein soll.

Tatsächlich scheint es nicht ganz einfach zu sein, mit Dialyse ein Geschäft zu machen: Die Krankenkassen zahlen den Dialysezentren eine Pauschale pro Patient. Diese wurde seit Jahren nicht mehr angehoben. Das mobile Gerät soll zwar billiger in der Anschaffung sein als die Systeme, die in Zentren eingesetzt werden. Aber die Kassetten, in die das Blut fließt, könnten System One teurer im Gebrauch machen.

Für Ayse Öztürk ist die Neuerung ein enormer Fortschritt. Sie denkt nun das erste Mal über eine Ausbildung nach: „Ich möchte Dialyseschwester werden.“ ---

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