Was wäre, wenn …

… deutsche Supermärkte keine Lebensmittel mehr wegwerfen dürften?

Ein Szenario.





• Abgelaufener Joghurt, braun gepunktete Bananen – viele Lebensmittel landen in der Mülltonne, obwohl man sie noch essen könnte. Wollte man zum Beispiel die Welt mit ausschließlich biologisch angebauter Nahrung versorgen (siehe brand eins 05/2020 „Was wäre, wenn … es nur noch biologische Landwirtschaft gäbe?“), wäre einer der notwendigen Schritte, deutlich weniger Lebensmittel wegzuwerfen. Aber was wäre, wenn es wirklich ein Verbot gäbe? Wenn Supermärkte Lebensmittel nicht mehr wegschmeißen dürften?

Laut den Vereinten Nationen wird weltweit ungefähr ein Drittel der produzierten Nahrung verschwendet, das entspricht jährlich 1,3 Milliarden Tonnen. Während Menschen im Süden Afrikas und in Süd- und Südostasien im Schnitt pro Jahr sechs bis elf Kilogramm wegwerfen, sind es in Europa und Nordamerika 95 bis 115 Kilogramm.

In Deutschland fielen 2015 nach Erhebungen des Johann Heinrich von Thünen-Instituts 52 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel im Haushalt an, 18 Prozent im Prozess ihrer Verarbeitung und 14 Prozent in der Gastronomie. Landwirtschaft und Fischerei produzieren 12 Prozent der Abfälle, darauf folgen Supermärkte mit vier Prozent.

Letzteres erscheint wenig. Felicitas Schneider aber, die sich für das Thünen-Institut seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, sagt: „Dabei sind nicht die Waren eingerechnet, die vom Handel nicht angenommen werden.“ Wenn einem Supermarkt die Weintrauben nicht mehr knackig genug vorkommen und er sie an den Erzeuger zurückgehen lässt, werden sie nicht dem Handel zugerechnet.

Die WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ schätzt, dass 14 Prozent der Abfälle auf den Handel entfallen und 39 Prozent auf die Haushalte. Auch diese Zahlen legen nahe, dass ein Wegwerfverbot für Supermärkte allein das Abfallproblem nicht lösen könnte.

„Es ist trotzdem nicht falsch, bei den Supermärkten anzusetzen, da dort oft Lebensmittel vernichtet werden, die verpackt und somit gut transportiert und weitergegeben werden können“, sagt Schneider. „Abfälle, die in der Produktion oder Verarbeitung anfallen, kann man oft nur abpumpen und allenfalls kompostieren oder an Tiere verfüttern.“

In Frankreich gibt es seit 2016 ein Gesetz, das Supermärkten mit einer Ladenfläche von 400 Quadratmetern an verbietet, noch verzehrfähige Lebensmittel in den Müll zu werfen. Sie müssen entweder an wohltätige Organisationen gespendet oder – wenn die Qualität dafür nicht mehr ausreicht – zu Tierfutter oder Kompost verarbeitet werden. Seitdem bekommen Tafeln und andere wohltätige Organisationen rund 20 Prozent mehr Lebensmittel. Allerdings klagen sie nun auch darüber, dass die Qualität der Spenden nachgelassen habe.

„Es ist grundsätzlich heikel, wenn Supermarkt-Mitarbeiter bewerten sollen, was noch gut genug ist, um es an Bedürftige abzugeben“, sagt Felicitas Schneider. „Wenn dann noch Strafen drohen, kann es passieren, dass Lebensmittel gespendet werden, die eigentlich nicht mehr zumutbar sind.“

Für die Organisationen, die die Spenden erhalten, arbeiten viele Freiwillige. Mehr Lebensmittel bedeuten für sie also auch einen größeren Bedarf an Helfern, Lagerräumen, Fahrzeugen und Kraftstoff. „Für einen abgelegenen Supermarkt auf dem Land kann es sinnvoller sein, die Lebensmittel an den Bauern oder an eine Biogasanlage in der Nachbarschaft zu geben, als jemanden aus der Stadt zum Abholen für die Tafel vorbeizuschicken“, sagt Schneider.

Ein Spendenzwang könnte ihrer Meinung nach außerdem dazu führen, dass mehr Lebensmittel bei den Tafeln landen, als diese weitergeben können. „Brot ist jetzt schon oft zu viel vorhanden, in anderen Bereichen gibt es dagegen zu wenig.“ Dass Supermärkte zahlende Kunden verlieren könnten, wenn sie an die Tafeln sehr viele Lebensmittel gratis verteilen, befürchtet sie nicht.

Im Positiven könnte ein Wegwerfverbot bewirken, dass Supermärkte und Discounter sich stärker bemühen, Überschüsse erst gar nicht entstehen zu lassen. In Frankreich sind durch das Gesetz neue Dienstleister entstanden, die den Händlern helfen, besser zu berechnen, wann sie wie viel von welcher Ware vorrätig halten müssen. „Es ist sehr komplex, zwei bis drei Tage im Voraus präzise abzuschätzen, welche Waren sich wie gut verkaufen“, sagt Schneider. „Moderne Anwendungen, die Vorjahreszahlen, aber auch Wetterprognosen, Feiertage und Events wie Fußballspiele einbeziehen, können dabei helfen.“

Außerdem könnte ein solches Gesetz die Einführung digitaler Preisschilder beschleunigen – diese vereinfachen es, Überbestände durch kurzfristige Reduzierungen abzuverkaufen.

In Frankreich müssen Waren dem Gesetz zufolge zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen geräumt und gespendet werden. „Damit sendet man allerdings das Signal, dass dieses Datum der Termin ist, an dem die Lebensmittel verderben“, sagt Schneider. Das könne auch dazu führen, dass Menschen zu Hause Lebensmittel wegwerfen, obwohl sie diese noch essen könnten.

Die Verschwendung im Supermarkt zu reduzieren, um sie zu Hause zu fördern, ist natürlich nicht erstrebenswert. Vielleicht ist der italienische Weg deshalb der vielversprechendere: Dort werden Supermärkte unter anderem mit Steuererleichterungen zum Spenden ermutigt. ---

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