Secondhand

Das Geschäft mit Secondhand-Mode boomt – vor allem im Internet. Wie kommt’s? Und wem bringt das was?





Maria Spilka liebt Mode und lebt von ihr: Auf ihrem Online-Marktplatz Mädchenflohmarkt kaufen und verkaufen Frauen gebrauchte Kleidung. Von Zara bis Chanel, von goldenen Hosen bis zu Turnschuhen. Sortiert und fotografiert wird die Ware im Lager in Stuttgart

• Die Schauspielerin Anne Hathaway erschien vor drei Jahren mal in einem 15-Dollar-Kleid vom Flohmarkt in einer Fernsehshow. Alle fanden es cool. Was früher nur arme Leute oder Hippies trugen, ist heute etwas für jeden.

Es geht schon lange nicht mehr um ein paar Muff-Läden. Im Jahr 2024 könnten Firmen mit Secondhand-Mode laut dem Datenanalyse-Unternehmen Global Data an die 54 Milliarden Euro umsetzen. Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass die Modeindustrie insgesamt 1293 Milliarden Euro erwirtschaftet, aber der Markt für gebrauchte Kleidung wächst 21-mal so schnell.

Da sind Luxushandtaschen von Hermès im Wert von vier neuen VW Golfs, die mit jedem Mal teurer weiterverkauft werden, T-Shirts von Zara, die bislang ungetragen in Kleiderschränken hingen und nur noch die Hälfte kosten, oder glitzernde Cocktailkleider, die man für einen Abend leihen kann.

Das neue Geschäft mit Secondhand hat auch einen neuen Namen: Preloved Fashion. Im Internet läuft es besonders gut. Plattformen wie Kleider- und Mamikreisel haben in Deutschland 7,5 Millionen Nutzer, bei Ebay hat sich das Angebot an getragenen Sachen in den vergangenen fünf Jahren verdreifacht, bei Momox ist das Segment 2019 um 61 Prozent gewachsen. Die App Depop aus London, die an Instagram erinnert, hat rund 15 Millionen Nutzer und ist vor allem bei Unter-26-Jährigen beliebt. Auf Menschen, die Luxusmode mögen, haben sich Firmen wie Vestiaire Collective, The Real Real (318 Millionen Dollar Umsatz) oder Rebelle spezialisiert.

Jeder will auf einmal dabei sein. Selbst Walmart, H&M, Asos oder Zalando.

Maria Spilka war eine der Ersten in Deutschland, die das, was man von Flohmärkten kennt, ins Internet übertragen hat. Sie ist Anfang 30, hat lange braune Haare und lacht viel und einnehmend, während sie am Bildschirm die Geschichte von Mädchenflohmarkt erzählt, ihrem Online-Marktplatz für gebrauchte Kleidung. Dort sind inzwischen mehr als 1,5 Millionen Frauen angemeldet, „Mädels“ sagt sie zu ihnen. Maria Spilka fühlt sich wie eine von ihnen, auch wenn sie hier die Unternehmerin ist.

Sie liebt Mode und kauft gern Klamotten. Nicht mehr so viele wie früher, da war sie ein Shopaholic, aber immer noch regelmäßig. Mal, weil eine andere Jahreszeit beginnt, am liebsten mag sie den Herbst, mal, weil sie eine bestimmte Tasche haben will, oder einfach zum Zeitvertreib, abends auf dem Sofa. Aber im Unterschied zu früher, als sie noch Neues trug, hat sie nun ein gutes Gewissen beim Shoppen.

Das wollen heute viele haben. Karl-Hendrik Magnus, Experte für die Modeindustrie bei McKinsey, sagt: „Mit Kreislaufwirtschaft beschäftigen sich schon so gut wie alle. Das wird in den kommenden zehn Jahren das Megathema in der Branche.“

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An ihrem ersten Abend stießen sie im McDonald’s mit Sekt an. Den hatten Maria Spilka, Thorsten Lückemeyer und Peter Ambrozy einfach mitgebracht, dazu Cheeseburger und Pommes. Die Tage davor hatten sie gebügelt, fotografiert und Texte in den Bildschirm getippt, Marke, Zustand, Preis, bis alle 500 Kleidungsstücke auf der Homepage zu sehen waren. Der glatt gebügelte Plisseerock, ein Versehen, war da schon wieder vergessen. Sie waren müde, aber auch aufgeregt.

Es war der 3. Juli 2012, ein bewölkter Sommertag in Stuttgart, als die drei ihr Experiment begannen. Damals gab es im Internet zwar schon Ebay und Kleiderkreisel (damals eher ein Chat-Forum), aber wer jung und cool sein wollte, schleppte noch Tüten aus New-Yorker- oder Zara-Filialen.

Sie warteten und hofften, dass es klappt. Denn auf einem Marktplatz müssen Angebot und Nachfrage gleich schnell wachsen. Es funktionierte. „Nach ein paar Tagen haben die ersten Mädels begonnen, ihre eigenen Klamotten einzustellen“, sagt Spilka. Heute werden jeden Tag ein paar Tausend Artikel gekauft und verkauft, von Zara bis Chanel.


Manche steigen im Wert: Designer-Handtaschen. Hier eine von Michael Kors

Durch das Internet ist es einfacher geworden, das eine Einzelteil mit der Person, die es haben möchte, zusammenzubringen. Außerdem sei der Einkauf angenehmer geworden, das habe die Akzeptanz erhöht, sagt Carl Tillessen, Trendforscher des Deutschen Mode-Instituts in Köln. „In Secondhand-Läden roch es oft nicht gut, die Kleidungsstücke waren nicht richtig sortiert, sodass man nur mit Glück etwas fand.“ In den Onlineshops für gebrauchte Kleidung kann man gezielt suchen, nach Produktart, Größe, Marke, Preis – und bei Zalando sogar wie üblich 100 Tage testen und kostenlos zurückschicken. So wie bei Neuware.

Die Grenze zwischen Alt und Neu verschwimmt gerade. Was früher alt war, hat heute nur einen anderen Besitzer. Das sei auch das Besondere am Secondhand-Trend im Gegensatz zu früheren Retro-Trends, sagt Tillessen. Es gebe kein Entweder-oder mehr. Alle Stile werden vermischt, alte und neue Kleidungsstücke miteinander kombiniert.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund für den Trend: Irgendwohin muss das ganze Zeug der Leute. Pro Jahr werden schätzungsweise 100 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt, davon kaufen die Deutschen pro Person durchschnittlich 60, jedes fünfte hängt ungetragen im Schrank. „Dafür haben wir eine der Lösungen“, sagt Maria Spilka.

Auf der Homepage und in sozialen Netzwerken wirbt ihre Firma mit Sätzen wie: „Mach Platz im Kleiderschrank und verdiene Geld“ – und bekommt per Post Umzugskartons voller Klamotten. Die schicken Kunden, die das, was sie aussortiert haben, nicht selbst fotografieren, beschreiben und verschicken wollen. Das nennt sich Concierge Service und kostet 40 Prozent Provision. Wer die Plattform nur für die Vermittlung nutzt, zahlt zehn Prozent vom Verkaufspreis.

Über Umsätze möchte Maria Spilka, die inzwischen mehr als 150 Mitarbeiter hat, nicht sprechen. Sie sagt nur so viel: Durchschnittlich werde für 50 bis 60 Euro eingekauft, 20 Prozent der Ware habe noch ein Etikett, und 40 Prozent sei neuwertig. „Fast Fashion ist definitiv ein Treiber für den Secondhand-Trend“, sagt sie. So heißt jenes Geschäftsmodell, bei dem Modefirmen in sehr kurzen Abständen immer wieder neue Kollektionen herausbringen, um Kunden in ihre Läden oder Onlineshops zu locken (siehe auch brand eins 12/2015: „Avanti! Avanti!“).

Auf Instagram postet Mädchenflohmarkt Bilder von perfekt gestylten Frauen, empfiehlt deren Angebote auf der Plattform („unser Lieblingskleiderschrank“) und teilt Sprüche wie „Life isn’t perfect. But your outfit can be“.

Über die Motive ihrer Kundinnen sagt Maria Spilka: Sie wollen Geld sparen und wieder neues Shopping-Budget verdienen, aussortieren und sich besser fühlen, endlich die lang ersehnte Chanel-Tasche bezahlen können, Menschen unterstützen statt große Konzerne, Dingen ein zweites Leben schenken.

„Natürlich wäre das Umweltschonendste gar kein Konsum“, sagt sie. „Aber die wenigsten haben die Disziplin dafür. Das ist wie eine Diät: hart.“

Shoppen sei für viele eben nach wie vor ein Hobby, das hätten etliche Mädels auch in ihren Nutzer-Profilen angegeben, und Kleidung ein Verbrauchsgut. Damit meint sie, dass ein Outfit nicht mehr ein Leben, sondern eine Party lang halten soll. „Wir wollen ein unendlicher Kleiderschrank sein“, sagt Maria Spilka. Alle tauschen sich untereinander aus.

Aber wie gut ist der unendliche Kleiderschrank für die Umwelt?


Sind die Schuhe wirklich von Gucci? Und die Tasche von Chanel? Johanna Eggers leitet die Abteilung Brand Check der Firma Rebelle in Hamburg. Mit ihren Kollegen prüft sie jedes Produkt, das verkauft werden soll, auf Echtheit

In dieser Folge spricht Maria Spilka, Gründerin von Mädchenflohmarkt über die neue Lust an Secondhand, über das Konzept „unendlicher Kleiderschrank“ und Kleidung als Gebrauchsgut.

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Die weltweite Bekleidungs- und Schuhindustrie verursacht rund 2,1 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr, das ist mehr als die Treibhausgas-Emissionen von Deutschland, Frankreich und Großbritannien zusammen. Kleidung wird zu 97 Prozent aus organischem Material wie Erdöl (Kunstfasern) und Baumwolle und zu drei Prozent aus recyceltem Material hergestellt. Außerdem können in der Produk-tion Tausende verschiedener Chemikalien verwendet werden. Und ziemlich viel Was- ser. Allein ein Baumwoll-T-Shirt braucht knapp 2500 Liter.

In den Jahren von 2000 bis 2015 hat sich die Zahl der produzierten Kleidungsstücke in etwa verdoppelt, ebenso ihre Verkäufe, die Dauer, wie lange die Textilien getragen werden, hat sich halbiert. 73 Prozent der produzierten Kleidung landet am Ende auf Mülldeponien oder wird verbrannt – bei Fast Fashion oft nach nur einem Jahr.

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace machen vor allem Konzerne wie Zara oder H&M dafür verantwortlich, dass Jeans und T-Shirts heute so schnell und selbstverständlich weggeschmissen werden. Firmen wie diese verkaufen bis zu 24 Kollektionen im Jahr, das Design ist meist modisch und so schnell überholt wie die Produkte verschlissen. Dafür sind sie auch günstig.

Laut der Ellen MacArthur Foundation, einer Stiftung zur Kreislaufwirtschaft, müsste die Modeindustrie nicht nur weniger Kleidung produzieren, um die immensen Schäden für die Umwelt zu verringern, sondern sich grundsätzlich wandeln. Schon bei der Produktion sollte darauf geachtet werden, dass Stoffe recycelbar sind, lange halten und beim Waschen kein Mikroplastik verlieren. Menschen könnten Hosen und Pullover länger tragen und später einem System zuführen, in dem sie wiederverwertet oder weitergegeben werden. Teile für bestimmte Anlässe oder für kurze Zeit wie bei Kindern könnte man leihen oder abonnieren. Zu diesem Kreislauf gehört auch der Wiederverkauf von getragener Kleidung.

Der Secondhand-Trend könnte also dazu beitragen, die Modeindustrie umweltfreundlicher zu machen. Zumindest in der Theorie. In der Realität könnte das Gegenteil passieren.

Jochen Strähle, Professor für Internationales Modemanagement an der Hochschule Reutlingen, sagt: „Nach unseren Erfahrungen führen niedrigere Preise zu mehr Konsum.“ Ökologisch nachhaltig sei Secondhand aber nur bei gleichbleibendem Konsum. Er beobachtet, dass viele junge Leute, wenn sie Gebrauchtes erwerben, eher mehr kaufen als sonst. Kostet ja nichts, zur Not wird man es wieder los, und für Social Media braucht man halt ständig neue Outfits.

Das würde den Konsum beschleunigen, denn damit der Kreislauf funktioniert, braucht es auch Neuware – kein T-Shirt hält ewig. Strähles Meinung: „Secondhand sollte nicht zu einem völlig enthemmten, unreflektierten Konsum führen. Das wäre eine Perversion von Fast Fashion.“

Es gibt viele Umfragen, bei denen Menschen angeben, dass sie gebrauchte Kleidung kaufen, weil sie etwas für die Umwelt tun wollen. „Es entspricht dem Zeitgeist, eine nachhaltige und konsumkritische Haltung an den Tag zu legen“, sagt Carl Tillessen vom Deutschen Mode-Institut, hält das aber für fragwürdig. Studien dazu, warum Konsumenten darauf verzichten, neue Produkte zu kaufen, gebe es bislang nur für die Sharing-Economy, und die seien desillusionierend. Es gehe vor allem darum, Geld zu sparen und häufig etwas anderes zu haben.


In diesem Sicherheitsraum lagern Taschen, die so viel kosten wie vier VW Golfs

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Johanna Eggers hat schon wieder ein Fake entdeckt. Sie hält eine kleine schwarze Handtasche in die Höhe. Louis Vuitton steht auf dem Schild, das an der Tasche hängt, und auf dem dazugehörigen orange-bräunlichen Karton. Das sei sie ganz sicher nicht. Auch kein Krokoleder. „Riechen Sie mal“, sagt sie. „Keller und Plastik!“

16 000 Euro will die Verkäuferin dafür haben. Eggers, Echtheitsprüferin und Head of Authenticity der Abteilung Brand Check bei Rebelle aus Hamburg, eine blonde Frau in dunkelblauer Stoffhose mit Céline-Gürtel, wird die Tasche zurückschicken. Bei ihnen wird sie ganz sicher nicht verkauft.

Johanna Eggers und ihr Team kennen alle Tricks. Sie wissen, wie eine Chanel-Tasche von 1985 aussehen muss, wie sich das Seidenfutter eines Dior-Mantels anfühlt, wenn er echt ist, wo welche Prägung im Leder einer Handtasche stehen sollte, und merken, wenn eine Tasche, die von Balenciaga sein soll, einen Givenchy-Zipper am Reißverschluss hat. Die Fälschungen werden immer besser, aber Eggers und ihre Kollegen auch.

Rebelle (eine Kombination aus „Re-Commerce“ und „Belle“) ist eine Firma mit 100 Mitarbeitern, die seit 2013 existiert, ihre Büro- und Lagerräume in der Speicherstadt in Hamburg verteilt hat, und auf den Onlineverkauf gebrauchter Luxusgegenstände spezialisiert ist. Die werden alle auf Echtheit geprüft.

Das Geschäft mit Luxuswaren läuft in der Online-Secondhand-Branche am besten. Taschen und Schmuck muss man nicht anprobieren, und Burberry-Mäntel verlieren nicht so schnell an Wert wie Übergangsjacken von H&M. Der Handel mit Gebrauchtem ist eines der am schnellsten wachsenden Segmente im Luxusgütermarkt, laut der Boston Consulting Group könnte er im Jahr 2021 etwa 36 Milliarden Dollar erwirtschaften. Das entspräche einem Anteil von neun Prozent am Gesamtmarkt. Für den Boom sorgen vor allem neue Shops im Internet.

Im Prinzip funktioniert Rebelle so wie Mädchenflohmarkt: Man kann selbst verkaufen oder verkaufen lassen und zahlt in beiden Fällen eine Provision – nur die Produkte sind teurer. Auf der Plattform sind zwei Millionen Frauen zwischen 25 und 65 aktiv, für Handtaschen geben sie im Durchschnitt 529 Euro aus, für Schmuck 299 Euro und für Kleidung 129 Euro. „Fast-Fashion-Produkte von geringer Qualität wollen wir nicht, damit lässt sich auch kein Geld verdienen“, sagt Cécile Wickmann, die Gründerin. Daher werden nur Designermarken akzeptiert.

Die Kundschaft sei inzwischen international, die Umsätze achtstellig, 40 Prozent davon machten Handtaschen und Lederwaren aus, vor allem von Hermès, Chanel und Louis Vuitton. Von denen gibt es zwar nicht so viele, dafür bringen sie umso mehr Geld. Wickmann erwähnt die Birkin Bags von Hermès, die teuersten Taschen der Welt: Die ersten Modelle im Jahr 1984 kosteten 2500 Euro, heute fangen sie bei 8750 Euro an und lassen sich sofort für mindestens 15 000 Euro weiterverkaufen.

Der Markt für teure Handtaschen ähnelt dem für Uhren und Oldtimer. Die Produkte werden oft als Wertanlagen gekauft. „Dass sich bestimmte Taschen sofort teurer weiterverkaufen lassen, liegt auch daran, dass Firmen wie Chanel und Hermès die Ware künstlich verknappen, um sie begehrter zu machen“, sagt Cécile Wickmann. Ein Beispiel: Im Mai 2017 wurde eine Birkin Bag aus mattweißem Krokodilleder mit 18-karätigem Weißgold und mehr als 200 Diamanten in Hongkong für 336 000 Euro versteigert. So etwas würde bei Rebelle im Tresor lagern.

Die Kundinnen seien meistens entweder Käuferinnen oder Verkäuferinnen und Letztere etwas älter und wohlhabender, sagt Wickmann. Das ist typisch für diesen Markt, denn laut der Boston Consulting Group können 71 Prozent derjenigen, die Luxusartikel gebraucht kaufen, sie sich neu nicht leisten.

Die Unternehmensberatung sieht darin eine Chance für die Marken, auf diesem Weg neue Kunden – auch mehr junge Menschen – zu gewinnen. Außerdem können sie ihr Image verbessern. Praktiken wie die von Burberry kommen heutzutage nämlich gar nicht mehr gut an: Jahrelang verbrannte die Firma lieber nicht verkaufte Produkte im Wert von insgesamt 90 Millionen Pfund, als zu riskieren, dass sie zu billig verkauft werden könnten.

Cécile Wickmann hat bisher noch nicht den Eindruck, dass sich viele Luxusmarken intensiv mit dem Thema beschäftigen. „Deren Geschäft ist es vor allem, ihre neuen Kollektionen auf den Markt zu bringen“, sagt sie. Aber sie glaubt, dass sich das ändert. Denn der Erwerb neuer Uhren oder Hermès-Taschen wird ja auch attraktiver, je mehr Möglichkeiten es gibt, sie gewinnbringend wieder loszuwerden.


Cécile Wickmann wollte nach dem Studium ihre Designer-Kleidung verkaufen. Weil sie das kompliziert fand, gründete sie Rebelle

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Diese Form des Secondhand-Geschäftes ist bislang vor allem ein Thema in Europa und in den USA. Weltweit gesehen, kaufen die Menschen nach wie vor lieber neue Jeans und T-Shirts. Allein in China und Indien sind es pro Jahr an die 46 Milliarden Kleidungsstücke. Weil das so ist und die Zahl der Menschen auf der Erde weiter steigt – und damit auch der Bedarf an Bekleidung –, werden die neuen Onlineshops allein keinen allzu großen Einfluss darauf haben, ob künftig weniger Textilien produziert werden.

Es könnte aber einen Einfluss auf die Mode an sich haben. Nicht nur, weil gebrauchte Mäntel oder Blusen einen anderen Wert, eine Geschichte, haben. In einer zirkulären Textilindustrie müssen Kleidungsstücke so beschaffen sein, dass Men- schen sie lange tragen können. Da ist das Material das eine, das andere ist das Design. Es muss zeitlos sein.

Aber was wird aus Mode, wenn sie nicht mehr modisch sein darf? ---

Die H&M-Gruppe betreibt inzwischen drei Onlineshops zum Wiederkauf von Kleidung. Auf Afound.com bietet der Konzern Secondhand- und Vintage-Mode an, außerdem alte Kollektionen und Restbestände eigener und fremder Marken. Am schwedischen Online-Secondhand-Shop Sellpy, seit Mitte des Jahres auch in Deutschland aktiv, ist das Unternehmen mit 70 Prozent beteiligt. Die konzerneigene Marke Cos hat im Internet ebenfalls seit Kurzem einen eigenen Secondhand-Shop.

H&M gibt Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft als wichtige Ziele an und investiert daher auch in die Entwicklung von Recycling-Technik und -Materialien. Aus dem sogenannten Sustainability Performance Report geht hervor, dass bislang allerdings erst etwas mehr als 0,5 Prozent des gesamten Sortiments wiederverwendet, gespendet oder recycelt wird.

Dem Greenpeace-Bericht „Die Modebranche am Scheideweg“ zufolge wird „ein Großteil des momentanen Recycling-Polyesters nicht aus Textilabfällen gewonnen, sondern aus PET-Flaschen“.

Zalando hat Ende September in seinen Onlineshops in Deutschland und Spanien die Kategorie „Pre-Owned“ eingeführt: Kunden können wenig getragene Kleidung an den Onlinehändler verkaufen, wofür sie Zalando-Gutscheine erhalten (außer sie wollen den Betrag spenden), oder diese dort kaufen. Wie für Neuware gilt, dass sie 100 Tage getestet und kostenlos zurückgeschickt werden kann. Erfahrungen mit Gebrauchtem hat das Unternehmen zuvor mit seiner Wardrobe-App (über die kann man Zalando Aussortiertes verkaufen) und dem Secondhand-Laden Zircle in Berlin gesammelt. „Mit dem neuen Angebot in unserem Shop wollen wir auch Kundengruppen abseits von Millennials und der Generation Z für pre-owned Mode begeistern“, sagt Torben Hansen, Leiter der Recommerce-Abteilung. Auch die Otto-Tochter About You will in das Geschäft einsteigen.

Vinted, 2008 in Litauen gegründet, ist der Mutterkonzern von Kleider- und Mamikreisel. Das Unternehmen hat 30 Millionen registrierte Kundinnen und Kunden auf Marktplätzen in elf europäischen Ländern. Das Kaufen und Verkaufen ist kostenlos, Kunden zahlen, wenn sie die Option „Käuferschutz“ wählen oder die eigene Ware in den Vordergrund rücken lassen. 2019 haben sie Ware im Wert von 1,3 Milliarden Euro gehandelt.

Zur 2004 gegründeten Momox GmbH gehört seit 2014 der Onlineshop Ubup für Secondhand-Mode. Die Firma kauft gebrauchte Kleidung in Deutschland an (durchschnittlich gibt es sieben Euro pro Teil) und liefert europaweit. 2019 setzte Momox 250 Millionen Euro um, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Am stärksten wächst das Modesegment.

Der Trend wirkt sich auch auf den Einzelhandel aus. Mädchenflohmarkt und Rebelle organisieren Veranstaltungen mit Modehäusern, bei denen man aussortierte Kleidung vorbeibringen kann und dafür Gutscheine für die Läden erhält. Die Kaufhauskette Selfridges hat in London 2019 ein Geschäft für gebrauchte Kleidung eröffnet, das von Vestiaire Collective geführt wird. Thredup, ebenfalls ein Onlinehändler für Secondhand-Mode, kooperiert in den USA mit den Warenhäusern Macy’s und J. C. Penney; die Onlineplattform The Real Real hat eigene Vintage-Boutiquen, etwa in New York City. 

Wer im Jahr 2019 Secondhand gekauft hat:

Generation Z (< 24 Jahre): 40 Prozent
Millennials (25 bis 37 Jahre): 30 Prozent
Generation X (38 bis 55 Jahre): 20 Prozent
Boomer (> 55 Jahre): 20 Prozent

Lieblingsluxusmarken der Deutschen nach Städten:

Hamburg – Chanel
Berlin – Prada
Düsseldorf – Gucci
München – Louis Vuitton

Marken mit dem höchsten Wiederverkaufswert:

1. Hermès
2. Chanel
3. Louis Vuitton
4. Gucci

Warum Menschen Luxusartikel verkaufen:

44 Prozent, um den Kleiderschrank zu leeren
21 Prozent, um neue Luxusprodukte zu finanzieren
17 Prozent, weil es nachhaltig sei

Immer beliebter wird außerdem das Mieten von Kleidung. Als Wegbereiter für den Trend gilt die 2009 gegründete Firma Rent a Runway aus den USA, die heute Designer-Outfits an sechs Millionen Amerikaner verleiht, 1200 Mitarbeiter und Umsätze von etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr hat. Inzwischen gibt es viele Firmen mit ähnlichen Angeboten, in Deutschland zum Beispiel Myonbelle aus Leichlingen bei Köln, wo um die 2000 Frauen regelmäßig neue Kleidung bestellen. Je nach Flatrate-Tarif (39 bis 59 Euro im Monat) erhalten sie eine Box mit neuer Kleidung und Accessoires.

Auch Marken wie Levi’s oder Urban Outfitters verleihen ihre Kleidung – beide Firmen allerdings noch nicht in Deutschland. Nike bietet in den USA seit 2019 Kinderturnschuh-Abonnements an. Wenn die Schuhe nicht mehr passen, werden sie zurückgeschickt und ärmeren Familien geschenkt oder recycelt.

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