Brave New Trade

Wie werden wir in Zukunft einkaufen? Sieben Ideen, die den Handel verändern könnten.





Wer im Internet Lebensmittel kaufen möchte, muss meist einen hohen Mindestbestellwert erreichen, bei Rewe etwa liegt dieser bei 50 Euro. Zudem müssen sich Kunden und Kundinnen gedulden, bis die Ware kommt, selbst beim Vorreiter Amazon Prime Now mindestens eine Stunde lang. Von dem Berliner Start-up Gorillas kann man sich ohne Mindestbestellwert versorgen lassen – und die Ware kommt innerhalb von zehn Minuten. Das versprechen Kağan Sümer, zuvor Unternehmensberater bei Bain & Company, und Jörg Kattner, ein ehemaliger Manager des Kochbox-Lieferdienstes Hello Fresh. In ihrer im März 2020 gegründeten Firma beschäftigen sie bereits 60 Mitarbeiter.

Gorillas’ Service ist bislang in den Stadtteilen Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain mit insgesamt rund 700 000 Einwohnern verfügbar, an weiteren Dependancen wird gearbeitet. Im App Store berichten Kunden erstaunt, ihre Bestellung tatsächlich innerhalb weniger Minuten erhalten zu haben. Wie schafft Gorillas das? Die Firma lagert ihre Produkte aktuell in jeweils einem Lagerhaus pro Stadtteil. In diesen sogenannten Dark Stores sammeln Mitarbeiter nach Bestellungseingang die gewünschten Artikel ein. Algorithmen geben die optimalen Routen vor – auch bei der anschließenden Lieferung per E-Bike.

Über die App können Kunden an sieben Tagen die Woche rund 1500 verschiedene Produkte bestellen, neben Getränken, Obst, Gemüse, Teigwaren sowie Milchprodukten auch Drogerieartikel. Für die Lieferung berechnet Gorillas 1,80 Euro – das sei „ziemlich knapp kalkuliert“, schreibt der Supermarkt-Experte Peer Schrader in seinem Blog. Das Konzept überzeugte Investoren dennoch: Mitte August 2020 wurde bekannt, dass mit Atlantic Food Labs ein Wagniskapitalgeber für innovative Foodkonzepte in die Firma investiert hat.

Die Gründer des Kölner Start-ups Vytal wollen den Abfall im Mitnahme- und Liefergeschäft der Gastronomie reduzieren. Sie haben eine Mehrwegschüssel entwickelt, die Kunden bei mehr als 200 Kooperationspartnern – darunter Restaurants, Kantinen und Lebensmittelhändler – per App ausleihen können. Im Gegensatz zu anderen Systemen wird kein Pfand für die Schüssel verlangt. Gibt man sie allerdings nicht innerhalb von 14 Tagen bei einem der Partner ab, drohen zehn Euro Strafe. So erreicht das Unternehmen nach eigenen Angaben eine Rückgabequote von 98 Prozent.

Es wirbt damit, dass seine Schüsseln mindestens 200-mal benutzt werden können und im Vergleich zu Einwegverpackungen bis zu 30 Kilogramm CO2 einsparen, bevor sie entsorgt, in diesem Fall recycelt werden. Tim Breker, Sven Witthöft und Fabian Barthel – alle ehemalige Berater bei der Boston Consulting Group – haben die Firma im Sommer 2019 gegründet, heute zählt sie laut Medienberichten zu den am schnellsten wachsenden Start-ups in Deutschland.

Wie auch Konsumgüterhersteller weniger Plastik verwenden könnten, erproben Konzerne wie Unilever derzeit mit dem Mehrweg-System „Loop“ (siehe auch brand eins 09/2020 „Der neue grüne Deal, Folge 05“). Produkte wie Eiscreme, Müsli oder Shampoo werden dafür in Behälter verpackt, die sich bis zu 100-mal wiederverwenden lassen sollen. Beim Kauf zahlen Kunden Pfand für die Verpackung, die sie bei einer Rückgabestation oder bei der nächsten Lieferung zurückgeben können. Bislang lassen sich die Loop-Produkte in Großbritannien, Frankreich und den USA online bestellen, bald sollen sie auch in Supermärkten verkauft werden. 2021 will Loop nach Deutschland, Kanada, Japan und Australien expandieren.

Wie wichtig es heute ist, Produkte nicht nur im Laden, sondern auch online anzubieten, hat Einzelhändlern spätestens die Corona-Krise vor Augen geführt. Eine Alternative zum eigenen Onlineshop ist der Verkauf über lokale Plattformen wie Locamo oder Sugartrends.

Die Brüder Kai Uwe und Markus Kapler gründeten Locamo im Jahr 2015. Sie werben mit dem „Komfort des Onlinekaufs“, der gleichzeitig Händler der eigenen Region unterstütze. Wer auf der Website seine Postleitzahl eingibt, kann sich im Sortiment der teilnehmenden Läden in der Umgebung umsehen. Gefällt ihm ein Produkt, kann er es direkt online kaufen oder reservieren und im Geschäft anschauen. Man kann aber auch in anderen Läden in ganz Deutschland bestellen.

Um ihre Waren auf Locamo präsentieren zu können, zahlen Händler eine monatliche Grundgebühr von maximal 39 Euro, beim Verkauf fällt eine Provision von drei bis neun Prozent an.

Höher ist diese bei der Kölner Plattform Sugartrends, die um die 20 Prozent verlangt. Dafür ist die Nutzung des Ladennetzwerks, das sich auf lokale Boutiquen mit ausgewählten Produkten spezialisiert hat, kostenlos. Die Gründer Christian Schwarzkopf und Tim Lagerpusch kamen im Jahr 2014 auf die Idee, Läden im Online-Wettbewerb unter die Arme zu greifen. Mit den Einnahmen aus dem Internetgeschäft, so der Gedanke, schlügen sich die Händler offline besser im Konkurrenzkampf mit den großen Ketten und blieben den Innenstädten erhalten. Mittlerweile bieten auf der Plattform mehr als 500 Läden aus rund 20 Ländern ihre Produkte an. Nach den coronabedingten Ladenschließungen hätten sich die Bestellungen dem Geschäftsführer Christian Schwarzkopf zufolge verdoppelt.

Das zurzeit diskutierte Lieferkettengesetz soll sicherstellen, dass Unternehmen und ihre Lieferanten nicht gegen Menschenrechte und Umweltstandards verstoßen. Laut einer repräsentativen Umfrage befürworten 75 Prozent der Menschen in Deutschland die Einführung. Doch viele Firmen sträuben sich, alle ihre Lieferanten offenzulegen. Zum einen weil sie diese oft selbst nicht kennen und es aufwendig und zeitintensiv ist, eine Übersicht zu erstellen. Zum anderen fürchten sie Wettbewerbsnachteile, wenn sie zu viele Details preisgeben.

Anders die Friedrichshafener Firma Followfood: Das Bio-Unternehmen entwickelte 2007 den weltweit ersten Online-Tracking-Code für Lebensmittel. Er ist mittlerweile auf mehr als 90 Produkten der Firma zu finden und informiert beispielsweise bei Thunfisch aus der Dose über Fanggebiet und -methode. Qualitätsstandards und Transparenz haben ihren Preis: Bei Rewe zahlen Kunden für eine Dose rund 50 Prozent mehr als für ein Produkt der Eigenmarke.

Dass Informationen über Produktionsbedingungen Menschen dazu bewegen können, mehr auszugeben, zeigt eine Studie des Massachusetts Institute of Technology – und der Blick in Followfoods Geschäftszahlen. Im Jahr 2019 erwirtschaftete die Firma mit mehr als 60 Millionen Euro das bislang beste Ergebnis. In der Corona-Krise stieg die Nachfrage nach ihren Produkten zusätzlich, vor allem Dosenthunfisch war beliebt. Das bescherte dem Unternehmen ein Wachstum von 40 Prozent im ersten Quartal 2020.

Zurzeit arbeitet Followfood daran, auf den Schiffen ihrer Fischerei-Geschäftspartner Radarsysteme zu installieren. So sollen Kunden in Zukunft online kontrollieren können, welche Route diese genau gefahren sind – und ob sie Meeresschutzgebiete geachtet und sich an Fangverbote gehalten haben.

Bumble Bee Foods, einer der größten US-amerikanischen Anbieter von haltbaren Fischprodukten, setzt hingegen auf eine Blockchain-Lösung: 2018 entwickelte die Firma mit dem Software-Unternehmen SAP eine Datenbank für die Lieferkette ihres Gelbflossen-Thunfisches. Dort wird jede Station, die der Fisch durchläuft, dokumentiert: wann und wo er gefangen wird, wohin er anschließend gelangt, wo er zertifiziert wird, wie lange sein Weg bis in den Supermarkt dauert. Jede Instanz, die an diesem Prozess beteiligt ist, kann Informationen hinzufügen, die vorhergehenden aber nicht verändern – das ermöglicht eine nahezu manipulationssichere Lieferhistorie. Die genauen Angaben helfen zudem dabei, Engpässen vorzubeugen und zu garantieren, dass ein Lebensmittel auf seinem Weg bis in den Supermarkt immer ausreichend gekühlt war. Kunden wiederum können mit einem QR-Code auf der Verpackung detaillierte Informationen über den Fisch abrufen.

Natalia Tomiyama, Fahad Khan und Sandro Rabbiosi haben einen Fahrradanhänger mit Elektroantrieb für den Transport von Waren in Städten entwickelt (siehe auch brand eins 09/2016 „Der kleine Verfolger“). Dieser kann bis zu 150 Kilogramm befördern und passt sich mit seiner patentierten Sensoren-Technik den Bewegungen des Radfahrers an: Bremst oder beschleunigt dieser, macht der Anhänger es ihm nach. Zudem kann der motorisierte Wagen auch abgekoppelt genutzt werden, beispielsweise um Waren in Fußgängerzonen oder innerhalb von Gebäuden zu transportieren.

Nüwiel, die Firma hinter den Anhängern, wurde 2016 gegründet und sitzt am Hamburger Billhafen. Ihr Produkt gibt es bislang in Belgien, Deutschland, Dänemark und in den Niederlanden. Einer der ersten Partner des Start-ups war das Logistikunternehmen UPS, das mit dem Fahrradwagen Pakete in der Hamburger City ausliefert. Zudem kooperieren die Gründer mit Ikea: Kunden können die Anhänger zum Beispiel in der Filiale in Hamburg-Altona ausleihen, um ihre Möbel nach Hause zu transportieren. 2021 will das Unternehmen, das 22 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus zehn Nationen zählt, mit der Serienproduktion beginnen.

Im Schnitt nutzen Menschen in Deutschland ihr Smartphone zwei bis drei Jahre, dann locken modernere Modelle – und das Gerät landet im schlechtesten Fall auf der Mülldeponie.

Dagegen möchte das Wiener Unternehmen Refurbed etwas tun. Kilian Kaminski, zuvor Leiter eines Programms zur Aufbereitung von Elektroartikeln bei Amazon, Peter Windischhofer und Jürgen Riedl gründeten die Firma im Sommer 2017. Auf ihrer Plattform können Kunden aufgearbeitete Technik kaufen. Dafür arbeiten die Unternehmer mit mehr als 70 Firmen zusammen, die die Produkte reinigen, deren Funktionsfähigkeit überprüfen und nicht oder schlecht funktionierende Komponenten wie beispielsweise den Akku austauschen. Der Preis für ein erneuertes Gerät liegt durchschnittlich 20 bis 40 Prozent unter dem eines neuen Exemplars, die Kunden erhalten mindestens zwölf Monate Garantie. Zudem spart man laut den Gründern im Vergleich zum Neukauf rund 70 Prozent CO2.

Bislang ist Refurbed in Deutschland, Österreich, Italien und Polen aktiv, weitere Länder sollen hinzukommen. 2019 hat sich der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr mehr als verfünffacht, 2020 soll er auf mindestens 120 Millionen Euro steigen. Am Anfang der Corona-Krise war der Andrang groß: Viele statteten ihr Home Office mit Secondhand-Geräten aus.

Wer am Schanghaier Hongqiao Flughafen den Supermarkt Cloudpick betreten möchte, muss zuvor die gleichnamige App installieren oder seine WeChat-App öffnen. Als Nächstes legt er sein Handy auf die Schranke am Eingang, die den QR-Code auf dem Display scannt und sich anschließend öffnet. Nachdem er die gewünschten Produkte aus den Regalen genommen hat, verlässt er den Laden wieder durch die Schranke. Sekunden später erscheint auf dem Smartphone die Rechnung, deren Betrag bereits vom Konto abgebucht wurde.

Cloudpick ist eines der wenigen Unternehmen, das sich im Wettbewerb um automatisierte Geschäfte behaupten konnte, nachdem Amazon 2016 den ersten kassenlosen Laden vorgestellt hatte. Die chinesische Firma wirbt mit einer „revolutionären Verringerung der Personalkosten“ und Öffnungszeiten rund um die Uhr. Ihre rund 100 Läden finden sich unter anderen in Japan, Korea und den USA. Noch in diesem Jahr will das Unternehmen nach Australien, Neuseeland und Europa expandieren. Ende Oktober 2020 soll auch ein Geschäft in Deutschland eröffnen, heißt es aus Insider-Kreisen.

Der Vorteil der Firma ist ihre patentierte Technik. Entwickelt hat sie ein Team aus ehemaligen Mitarbeitern von Digitalkonzernen wie Google, Alibaba und Amazon. Ein Algorithmus analysiert das Kaufverhalten der Kunden und kann so unter anderem herausfinden, welche Produkte diese bevorzugen. Außerdem überwacht das System akribisch den Laden: Selbst die Regale sind mit Sensoren ausgestattet, die beispielsweise erkennen, wenn etwas herausgenommen wird. Das macht es nahezu unmöglich zu stehlen, wie der Amerikaner Jerry Kowal – ein in China beliebter Youtuber – Ende 2019 in einem Video demonstrierte. Selbst ein Joghurt-Getränk, das er im Laden zu sich nahm und anschließend wieder zurück in den Kühlschrank stellte, wurde ihm berechnet. ---

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