„Bargeld nehmen wir hier nicht mehr an“

Als China zu einer Wirtschaftsmacht aufstieg, galt das Land als Fabrikhalle der Welt und Meister des Plagiats. Inzwischen kommen die globalen Handels-Trends von dort.





• Den verdutzten Gesichtsausdruck der Bedienung kann ich trotz ihrer Maske deutlich ausmachen. Ihre Augen mustern meinen Geldschein mit dem roten Mao-Konterfei, als hätte ich soeben einen Revolver gezogen. „Bargeld nehmen wir hier nicht mehr an“, sagt die junge Chinesin mit der blauen Schürze und winkt abwehrend mit den Händen.

Im Hintergrund zischt eine Espressomaschine laut auf, die Schlange an ungeduldigen Büroangestellten in der Mittagspause wächst. Schließlich reicht die Frau ein Plastikschild, auf dem ein schwarz-weißer QR-Code prangt, über die Theke. Denn wer in Peking oder anderen Städten bei Luckin Coffee, Chinas Antwort auf Starbucks, einen Kaffee kaufen möchte, muss dies mit seiner Smartphone-App tun. Scannen, Pin eingeben und online zahlen – das gehört für den Großteil der 1,4 Milliarden Chinesen zum Alltag.

Auch Hotelbuchungen, Zug-Ticketkäufe oder Essenslieferungen lassen sich nur noch mit mobilen Zahldienstleistern tätigen. Online-Bezahlsysteme wie Wechat Pay sind unabdingbar, das Bargeld im Portemonnaie hingegen ist höchstens eine Reserve für den Fall, dass das Smartphone-Akku den Geist aufgibt. Selbst der Bettler in meiner Nachbarschaft hält Passanten seinen QR-Code unter die Nase.

Auf Außenstehende mag dies para-dox wirken: Ausgerechnet jenes China, in dem die Digitalisierung zu einer weitgehenden Einschränkung der persönlichen Freiheit geführt hat und weiterhin führt, ist gleichzeitig Pionier des digitalen Handels. Kein Land der Welt verfügt über einen größeren E-Commerce-Sektor, das Marktvolumen liegt bei rund 988 000 Millionen Euro, nirgendwo wuchs der mobile Zahlungsverkehr jährlich um etwa 30 Prozent – eine Entwicklung, die durch die Corona-Krise noch deutlich beschleunigt wurde.

Als zu Beginn des Jahres das Virus in Wuhan unkontrolliert wütete, verhängte die Zentralregierung auch in der Hauptstadt Peking einen strikten, mehrmonatigen Lockdown. Fast sämtliche Geschäfte blieben geschlossen, der morgendliche Pendlerverkehr kam zum Erliegen, und die verängstigten Bewohner verließen ihre Wohnungen nur noch in Ausnahmefällen. Wer sich in jenen Tagen dennoch auf die Straße wagte, konnte trotz der Ausgangssperre geschäftiges Treiben beobachten: Zu Tausenden schwirrten die Lieferkuriere auf ihren Elektro-Rollern durch die Pekinger Innenstadt.

Da die Wohnanlagen für Besucher geschlossen waren, hatten die Nachbarschaftskomitees provisorische Plastikregale auf die Bürgersteige gestellt. Dort entluden die Auslieferer Tag für Tag Berge an Lunch-Paketen, Supermarkteinkäufen und Medikamenten – auch weit nach Mitternacht im rekordverdächtigen Tempo von weniger als einer halben Stunde nach Bestellung. Nie zuvor trat so offen zutage, wie stark die Chinesen der wohlhabenden Ostküstenmetropolen von jenen Arbeitsmigranten abhängen, die auch in normalen Zeiten mit 14-Stunden-Schichten den wirtschaftlichen Kreislauf der Stadt aufrechterhalten.

Der Boom des Online-Geschäftes schlug sich schon bald in den offiziellen Statistiken nieder. Während die Wirtschaft der Volksrepublik im ersten Quartal mit 6,8 Prozent den einzigen Rückschlag seit Ende der Kulturrevolution erlitt, feierten die großen Onlinehändler Rekordergebnisse. Meituan Dianping, Chinas größtes Lieferunternehmen, erreicht aktuell eine Steigerung seines operativen Gewinns von 96 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die Handelsplattform Alibaba konnte ein sattes, 42-prozentiges Wachstum verzeichnen, während der stationäre Einzelhandel im ersten Halbjahr um 24 Prozent zurückging.

Nachdem bereits Restaurants, Taxiflotten oder Friseurläden in die großen Onlineplattformen integriert sind, investiert der Tech-Riese Alibaba derzeit in ein landesweites Netz aus kleinen Automobilwerkstätten, um die 260 Millionen Kraftfahrzeuge in China zu warten. Kunden können demnach künftig per Smartphone Einzelteile – etwa Ersatzreifen – ordern und sich per App einen Termin in der nächstgelegenen Werkstatt sichern.

Beim sogenannten Livestream-Shopping ist China ebenfalls führend. Das Konzept ähnelt konventionellem Teleshopping, wie es in Deutschland in den Neunzigerjahren durch Sender wie QVC verbreitet war. Nur ist die Online-Version deutlich aufgepeppt, wesentlich schriller und interaktiver: Junge Frauen und Männer präsentieren vor ihrer Handy-Kamera euphorisch die neueste Mode, sie probieren Kosmetikprodukte aus oder kosten Delikatessen. Meist benötigen die Influencer, deren Accounts von bis zu mehreren Millionen Nutzern gleichzeitig gesehen werden, dafür nichts als ein Smartphone, ein Stativ und Ringlicht. In Echtzeit preisen sie Produkte an, die vom Zuschauer am Handy umgehend gekauft werden können.

Einer der Stars der Szene, die chinesische Streamerin Viya, die hauptsächlich Mode verkauft, aber auch Kosmetikprodukte (Make-up-Sets und Cremes) und Lebensmittel (von Obstpaketen über Tütensuppen bis zu Meeresfrüchten), hat im Jahr 2019 für Schlagzeilen gesorgt, weil sie an einem Tag fast 350 Millionen Euro umsetzte.

Laut den jüngsten Daten der Regierung nutzen – Stand Juni 2020 – mehr als 309 Millionen Chinesen Livestreaming-Dienste für den Einkauf. Es ist die am schnellsten wachsende Internetanwendung der Volksrepublik: Mehr als 400 000 Händler verkaufen ihre Produkte per Livestreaming, im ersten Halbjahr 2020 haben sie damit 50 Milliarden Zuschauer erreicht.

Wie tief greifend der E-Commerce das Land umwälzt, lässt sich am besten in den ländlichen Provinzen beobachten – etwa im Möbelgeschäft von Ma Yi, einem klein gewachsenen Mann, der ein rot gestreiftes Hemd zum weit geschnittenen Sakko mit Rundkragen trägt.

Den heute 57-Jährigen treffe ich kurz vor der Virus-Pandemie in seinem Heimatdorf in Guizhou, einer abgelegenen Bergprovinz 2000 Kilometer südlich von Peking. Mit Stolz zeigt der Unternehmer auf die Holzstühle und -tische, die sich zu Dutzenden in dem fußballfeldgroßen Lager stapeln. Auf seinem Büroschreibtisch liegt zudem ein Besteck aus Drachen und roter China-Flagge: Es solle die Dankbarkeit an die Partei ausdrücken, die ihm ein besseres Leben ermöglicht habe. Noch vor wenigen Jahren, sagt Ma, hätte er sich nicht vorstellen können, jemals seinen Lebensunterhalt mit dem traditionellen Kunsthandwerk seiner Vorfahren bestreiten zu können.

Wenn der Chinese von seiner Jugend erzählt, dann klingt diese geradezu archetypisch für die Abermillionen Männer aus der ländlichen Provinz: Geboren in eine Bauernfamilie, endete die Bildung für Ma Yi mit der Grundschule. An ein Universitätsstudium sei gar nicht zu denken gewesen. Wie fast alle Jugendlichen aus dem Dorf zog er als Arbeitsmigrant in die großen Städte der Ostküste, um dort nach Arbeit zu suchen. Jahrelang heuerte Ma in etlichen Textilfabriken in Guangzhou an und schuftete sechs Tage die Woche. Nur zum chinesischen Neujahrsfest kehrte er für wenige Tage in seine Heimat zurück.

Doch in den 2000er-Jahren begann er schrittweise die Veränderungen zu sehen: Die Lokalregierung sorgte mit Investitionen in die Infrastruktur dafür, dass die Familien von ihren Lehmhütten in verputzte Häuser mit fließend Wasser und modernen Toiletten ziehen konnten. Dank der erstmals asphaltierten Straßen kamen allmählich auch Touristen in das verschlafene Dorf, das auf einmal eine wirtschaftliche Perspektive zu bieten schien.

Vor zehn Jahren kehrte Ma wie viele andere Arbeitsmigranten in seine Heimat zurück. Die meisten seiner Bekannten von früher seien heute Chefs kleinerer Firmen, erzählt er. Der Wendepunkt in seinem Leben kam mit dem mobilen Internet: Mittels Taobao, der Shopping-Plattform von Alibaba, begannen Landwirte, ihre Produk- te direkt an reiche Kunden in den Städten zu verkaufen. Eine regelrechte Goldgräberstimmung breitete sich aus: Viele Dorfbewohner konnten mit smarten Ideen über Nacht zu Unternehmern werden.

Ma Yi wollte an dem neuen Wohlstand teilhaben – und besann sich auf seinen Großvater, der in erntefreien Zeiten kunstvolle Einrichtungsgegenstände herstellte. Seit 2017 verkauft Ma Yi seine Möbel im ganzen Land. Er beschäftigt heute in seinem Unternehmen eine Handvoll Mitarbeiter und macht einen Jahresumsatz von umgerechnet einer halben Million Euro.

Für die Kommunistische Partei in Peking spielt E-Commerce bei der selbst propagierten Armutsbekämpfung eine zentrale Rolle; mit Stolz verweist sie auf Lebensgeschichten wie die von Herrn Ma.

Doch der Siegeszug des Digitalhandels lässt sich nicht ausschließlich als Erfolgsgeschichte erzählen. In China werden zwar bereits weit mehr als 80 Prozent aller Transaktionen über mobile Zahlsysteme wie Wechat Pay getätigt, doch gleichzeitig gibt es in dem autoritär regierten Land keine rechtsverbindlichen Datenschutzgesetze.

Der Staatsapparat arbeitet seit Jahren an einem allumfassenden sogenannten Sozialkredit-System, das aus europäischer Sicht dystopisch anmutet. Mit einem Punktesystem, das etwa Strafen für Steuervergehen, Verkehrsdelikte, aber auch regierungskritische Kommentare in sozialen Medien vorsieht, sollen die Chinesen mithilfe eines totalitären Überwachungsapparats zu „idealen Staatsbürgern“ erzogen werden. Bis Jahresende soll das System landesweit funktionieren. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass künftig Regimekritiker zum Beispiel kein Zugticket mehr kaufen können, weil sie dafür gesperrt worden sind.

Die Online-Überwachung wird in den kommenden Jahren noch deutlich steigen. Seit Frühjahr dieses Jahres testet die Regierung in vier Pilotstädten eine eigene Digitalwährung. Es ist weltweit der erste Versuch dieser Art. Der digitale Yuan lässt sich am ehesten als eine Art Anti-Bitcoin umschreiben: Er soll von der Zentralbank herausgegeben werden und jede Transaktion für die Behörden sichtbar machen.

Für den chinesischen Nutzer ändert sich zunächst einmal wenig: Er kann den digitalen Yuan auf einer Smartphone-App verwalten, die von der Nutzeroberfläche bereits bestehenden Systemen wie Wechat Pay oder Alipay ähneln. Doch die neue Währung kann als Instrument der Regierung eingesetzt werden, vor allem in Kombination mit bereits vorhandenen Überwachungsprogrammen und Gesichts- erkennungs-Technik, Big Data und künstlicher Intelligenz. Der chinesische Staat könnte damit Steuerhinterziehung oder Terrorfinanzierung de facto unmöglich machen, weil Kapitalflüsse vollständig überwacht würden.

Vor allem die USA werten den Vorstoß der chinesischen Zentralbank als Angriff auf die Hegemonie des Dollars. Laut dem amerikanischen Sicherheitsexperten Robert Murray vom Foreign Policy Research Institute mit Sitz in Philadelphia erlaubt die neue Währung der chinesischen Regierung, „Sanktionen, Waffen-Embargos und Geldwäschevorschriften zu umgehen, indem es eine Alternative zum dollarbasierten System für internationale Zahlungen bietet, das von westlichen Finanzinstitutionen überwacht wird“.

Dennoch könnte der digitale Yuan auch global Anhänger finden, vor allem in Entwicklungsländern. Die Vorteile des Zahlungsmittels liegen auf der Hand: Bislang dauern internationale Überweisungen mit herkömmlichen, veralteten Technologien wie Swift oder Fedwire nicht nur mehrere Tage, sondern kosten auch hohe Transaktionsgebühren. Mit dem digitalen Yuan hingegen können Überweisungen in Echtzeit getätigt werden und benötigen keine Bankinstitution mehr als Zwischenstation.

Die chinesische Zentralbank hat noch keinen Zeitplan zur Einführung der Digitalwährung ausgegeben, bislang wird sie lediglich in wenigen Testprojekten ausprobiert. In der ostchinesischen Stadt Suzhou etwa bekommen seit dem Frühjahr wenige Hundert Regierungsbeamte ihre Pendlerpauschale zur Hälfte in der neuen Währung ausgezahlt. Doch um ferne Zukunftsmusik handelt es sich keinesfalls: Die chinesische Investmentbank Citic Securities geht davon aus, dass der digitale Yuan noch bis Jahresende offiziell eingeführt wird.

Ein ehemaliger Präsident der chinesischen Zentralbank, Wang Yongli, hat im August per Wechat-Post gefordert: Das langfristige Ziel müsse sein, dass die Digitalwährung in China sämtlichen Geldverkehr ersetzt. ---

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