Okay Google, was ist los?

Lange Zeit galt der Internetkonzern als traumhafter Arbeitgeber. Doch seit einiger Zeit mehrt sich die Kritik der Angestellten an ihrem Unternehmen. Woran liegt das?





• In den Rankings der beliebtesten Arbeitgeber schien Google jahrelang ein Abo auf die vordersten Platzierungen zu haben. Ob die „100 Best Companies To Work For“ des »Fortune Magazine« oder die „Best Places to Work“ der Bewertungsplattform Glassdoor: In den Zehnerjahren stand Google – der als Suchmaschine gestartete Internetkonzern aus dem kalifornischen Mountain View – in derlei Ranglisten meist auf Platz 1. Rund zwei Millionen Bewerbungen gingen pro Jahr bei dem Unternehmen ein, so hieß es. Dort einen Job zu bekommen sei schwieriger, als einen Studienplatz in Harvard zu ergattern.

Doch seit einiger Zeit kriselt es zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Bei den Rankings musste Google die Krone des beliebtesten Arbeitgebers an Unternehmen wie die Hotelkette Hilton oder die Beratungsfirma Bain abgeben. Immer mehr Angestellte äußerten sich kritisch über den Kurs der Firma, zuerst intern, dann zunehmend öffentlich.

Zum großen Krach kam es schließlich im November 2018, als mehr als 20 000 der etwa 100.000 Mitarbeiter der Google-Mutter Alphabet bei „Walkouts“ in Mountain View und vor Büros des Unternehmens in aller Welt demonstrierten. Auslöser für die Proteste waren unter anderem die millionenschweren Abfindungen gewesen, die Google-Manager laut Berichten der »New York Times« erhalten hatten, obwohl sie die Firma wegen sexueller Belästigung hatten verlassen müssen. Auch bei ethischen Fragen zu künstlicher Intelligenz, Aufträgen für das US-Verteidigungs- oder Heimatschutzministerium oder Googles Engagement in China scheinen Unternehmensführung und Mitarbeiter immer häufiger auf unterschiedlichen Seiten zu stehen.

Dabei galt Google lange Zeit als der ideale Platz für Freigeister und besonders anspruchsvolle Menschen. Neben der meist überdurchschnittlichen Bezahlung lag das zum einen an den „Perks“, den Zusatzangeboten, die anfangs zum Beispiel von Deutschland aus mit großen Augen bestaunt wurden: kostenlose Mahlzeiten im „Googleplex“, Wäscheservice und Fitnessstudios, WLAN in den Shuttlebussen, die die Angestellten von ihrem Wohnort ins Büro brachten, knallbunte Fahrräder, die jedem auf dem Firmencampus zur Verfügung standen, und vieles mehr, was vor zehn oder zwanzig Jahren für traditionelle Firmen unvorstellbar war – und inzwischen zum Standardprogramm vieler Unternehmen geworden ist.

Google hatte früh verstanden, dass gerade im Silicon Valley ein Kampf um die besten Software-Entwickler entbrannt und beinahe kein Preis zu hoch war, um die Besten der Besten an sich zu binden (siehe auch „Die Zukunft gehört den Geeks“, brand eins 06/2015). Neben Nettigkeiten wie Freibier oder Häppchen zum wöchentlichen „All-Hands“-Firmenmeeting gab es deshalb auch Handfestes wie für US-Verhältnisse großzügige 18 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub. Oder die Regelung, dass die Familie eines Google-Mitarbeiters in dessen Todesfall zehn Jahre lang die Hälfte des Gehalts erhält und Google die Ausbildung der Kinder finanziell unterstützt. Legendär war – zumindest in den früheren Google-Zeiten – auch die sogenannte 20-Prozent-Politik des Konzerns: Ein Fünftel ihrer Arbeitszeit, so wurde berichtet, konnten Mitarbeiter eigenen Projekten widmen. Vorhaben, aus denen in manchen Fällen erfolgreiche Produkte wie Gmail oder Google News wurden.

Wie lange diese Regelung galt und ob wirklich alle Angestellten davon Gebrauch machen durften, ist umstritten. „Ich muss euch ein kleines schmutziges Geheimnis über Googles 20-Prozent-Regelung verraten“, sagte Marissa Mayer, nachdem sie von Google zu Yahoo gewechselt war. „Es ist in Wirklichkeit eine 120-Prozent-Regelung.“ Selbst wenn: Google zeigte in seiner Frühphase alles in allem eindrucksvoll, was eine Firma für ihre Mitarbeiter tun kann, wenn sie sich Gedanken und Mühe macht.

Woran also entzündet sich die Kritik aus den eigenen Reihen, mit denen sich Google in den vergangenen ein bis zwei Jahren immer häufiger konfrontiert sieht? Ein Streitthema sind Rüstungsaufträge: Google finanziert sich immer noch hauptsächlich aus Werbeeinahmen. Das lukrative Cloud-Computing ist ein naheliegendes Geschäft, in dem allerdings Amazon und Microsoft bereits stark sind. Große Aufträge vergeben das Pentagon, die CIA und andere US-Behörden wie das Heimatschutzministerium. Doch das Militär ist auch an heikleren Leistungen interessiert. Als herauskam, dass Google im Rahmen des „Maven“-Projektes Bilderkennungssoftware für Militärdrohnen geliefert hatte, protestierten Mitarbeiter vehement. Mit Erfolg: Google zog sich aus dem Projekt zurück und trat gar nicht erst bei der Vergabe des Jedi-Projektes an, bei dem die digitale Infrastruktur des US-Verteidigungsministeriums modernisiert werden sollte. Der Zehn-Milliarden-Dollar-Deal ging im Oktober 2019 an Microsoft – und wurde im Februar nach einer Klage von Amazon vorläufig gestoppt.

Einen ähnlichen Aufschrei gab es, als bekannt wurde, dass Google, das sich 2010 aus China zurückgezogen hatte, an einer zensurfreundlichen Version seiner Suchmaschine arbeitete, die dem dortigen Regime genehm gewesen wäre und eine Rückkehr auf den lukrativen Markt erlaubt hätte. Auch hier gab die Firmenleitung offenbar nach und beerdigte das Projekt „Dragonfly“. „Teile der Belegschaft befinden sich in einem Zustand, der einer offenen Rebellion gleicht“, schrieben daraufhin die US-Journalisten Joshua Brustein und Mark Bergen über die Stimmung in den Google-Büros und fragten sich, wie lange es sich die Unternehmensführung noch würde leisten können, auf solche lukrativen, aber fragwürdigen Aufträge zu verzichten. Auch in anderen Unternehmen gibt es zwar immer wieder Proteste gegen solche Projekte, aber bislang ließ sich dadurch weder Amazon von seiner Gesichtserkennungssoftware für Ermittlungsbehörden noch Microsoft von seiner Entwicklung von Augmented-Reality-Headsets für Soldaten abbringen.

Bei anderen Streitfragen scheint auch Google bislang nicht nachzugeben: Die Walkout-Proteste von 2018 richteten sich explizit auch gegen die Zweiklassengesellschaft bei Google. Denn seit 2018 ist Berichten zufolge mehr als die Hälfte der Google-Belegschaft nicht fest angestellt, sondern besteht aus Subunternehmern, Freiberuflern und Zeitarbeitskräften. Diese TVC (Temps, Vendors and Contractors) genannte Gruppe trägt rote statt weiße Mitarbeiterausweise, verrichtet aber oft dieselben Aufgaben wie reguläre Angestellte. Im Gegensatz zu diesen erhalten sie aber meist weder die Leistungen, die Google einst so attraktiv machten, noch Aktienoptionen und sind in manchen Fällen nicht einmal über das Unternehmen krankenversichert. „Sie programmieren, tätigen Vertriebsanrufe, rekrutieren neue Mitarbeiter, prüfen Youtube-Videos, testen selbstfahrende Autos und managen teilweise ganze Teams“, schreibt das Wirtschaftsmagazin »Bloomberg« in einem Bericht über Googles „Schattenarmee“. „Ein Meer qualifizierter Arbeitskräfte, die die 795 Milliarden Dollar schwere Firma am Laufen halten, aber kaum etwas von den Vorteilen und Möglichkeiten bekommen, die den regulären Angestellten zur Verfügung stehen.“ Viele der Google-Mitarbeiter, die im November 2018 auf die Straße gingen, forderten eine Gleichbehandlung.

Doch nicht nur in öffentlichen Protesten wurde die Kritik immer lauter: Auch in internen Dokumenten und Umfragen zeigt sich, dass längst nicht mehr alle Mitarbeiter mit dem Kurs des Konzerns glücklich sind. Eine jährliche Umfrage, intern „Googlegeist“ genannt, evaluiert regelmäßig die Stimmung im Unternehmen. Als 2019 gefragt wurde, ob sich die Mitarbeiter von der Zukunftsvision des Vorstandsvorsitzenden Sundar Pichai inspiriert fühlten, antworteten 78 Prozent mit Ja, 10 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Auf die Frage, ob sie zuversichtlich seien, dass Pichai und sein Führungsteam Google gut in die Zukunft führen könnten, stimmten 74 Prozent zu, 18 Prozentpunkte weniger als noch 2018. Zudem wurde gefragt, ob Google schnell und verlässlich auf nachgewiesene Fälle von Fehlverhalten reagiere. Nur 53 Prozent der Teilnehmer stimmten zu. Auf die Frage, ob sie verstünden, wie genau sich ihr Gehalt zusammensetzt, konnten nur 56 Prozent mit Ja antworten.

Die neueste Welle der Kritik brach über Google dann ausgerechnet wegen des Umgangs mit denjenigen Mitarbeitern herein, die es wagen, unliebsame Fragen zu stellen. In mehreren Fällen beklagen Mitarbeiter, die beispielsweise an der Organisation der Walkouts beteiligt waren, das Unternehmen habe sie wenig später bestraft. Claire Stapleton und Meredith Whittaker sind zwei prominentere Fälle. „Acht Wochen nach den Walkouts wurde ich von meiner Vorgesetzten auf einen niedrigeren Job zurückgestuft“, beschreibt die langjährige Google-Mitarbeiterin Claire Stapleton ihre Erfahrung, die letztlich darin mündete, dass sie die Firma frustriert verließ: „Jede Woche wurde es schlimmer und verrückter, bis schließlich die Message von oben klar war: Meine Zeit war abgelaufen.“

In anderen Fällen wurde den Mitarbeitern oder Mitarbeiterinnen von Google gekündigt, begründet mit Verstößen gegen Datenschutzregelungen. Später wurde bekannt, dass Google im November 2019 mit IRI Consultants eine Beratungsfirma beauftragt hatte, die auf Anti-Gewerkschaftsarbeit spezialisiert ist. Und jüngst machte der Fall von Ross LaJeunesse die Runde: Der ehemalige Leiter der Abteilung internationale Beziehungen sagt, Google habe ihn ausgebremst, nachdem er sich gegen Diskriminierung engagiert habe. „Mich für Frauen, die LGBTQ-Community, People of color und Menschenrechte einzusetzen hat mich meine Karriere gekostet“, schreibt er in einem offenen Brief vom Januar 2020. Obwohl 90 Positionen im betreffenden Team unbesetzt gewesen seien, habe man ihm gesagt, es sei keine Stelle für ihn mehr verfügbar. „Wir haben Ross eine neue Position auf demselben Level und mit derselben Bezahlung angeboten, die er nicht annehmen wollte“, sagt hingegen ein Google-Sprecher. „Wir wünschen Ross das Beste für seine politische Zukunft.“ LaJeunesse kandidiert aktuell für einen Senatorenposten im US-Bundesstaat Maine. Kritiker werfen ihm vor, er habe die Missstände erst dann angeklagt, als es für ihn im Wahlkampf opportun gewesen sei.

In vielen Firmen gibt es unzufriedene Angestellte und welche, die mit dem Kurs der Unternehmensführung nicht einverstanden sind. Doch Google hat selbst dafür gesorgt, dass die Belegschaft das Unternehmen mit besonders strengen Maßstäben misst. „Don’t be evil“, die legendäre Selbstverpflichtung (siehe auch „Das Böse ist immer und überall“ in brand eins 02/2019), steht immer noch im Google-Verhaltenskodex – entgegen vielen anderslautenden Berichten. Vielleicht ist das der Grund, warum das Unternehmen für Dinge kritisiert wird, mit denen andere Firmen durchkommen – ob es Pentagon-Aufträge sind, schlechte Bedingungen für Zeitarbeitskräfte oder Aktivitäten in China. Vieles deutet darauf hin, dass Google beabsichtigt, in Zukunft härter durchzugreifen und sich bei seinen Geschäften nicht mehr von skeptischen Mitarbeitern bremsen zu lassen.

Dass dadurch der besondere Geist auf der Strecke bleibt, der Google so lange für die besten Köpfe der Digitalbranche so attraktiv gemacht hat, ist eine reale Gefahr. „Google ist kein gewöhnliches Unternehmen“, schrieben die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergej Brin 2004 in einem Brief an potenzielle Investoren. „Und wir wollen auch keines werden.“ Bei allem, was sie mit Google erreicht haben, ist den beiden genau das vielleicht am Ende nicht gelungen. Im Dezember 2019 gab die Holding Alphabet bekannt, dass Page und Brin sich aus dem operativen Geschäft zurückziehen. ---