Mord ist nicht ihr Hobby

Zeitarbeitsfirmen haben nicht den besten Ruf, im Krimi sind sie gern die Bösen. Hanseteam dagegen zeigt: Man kann in der Branche auch als vorbildlicher Arbeitgeber Erfolg haben.




• Wer wissen will, wie es in Deutschland um Klischees und das Image unterschiedlicher Berufe bestellt ist, findet im Sonntagabend-Krimi der ARD reichlich Anschauungsmaterial. Zu Beginn des Jahres hat es im „Polizeiruf 110“ („Söhne Rostocks“) die Zeitarbeiter-Vermittler erwischt. Der Vertreter dieser Profession erweist sich im Krimi als windiger Betrüger, der wenig Skrupel kennt – moralisch zwischen Trickbetrüger und Zuhälter angesiedelt. Die Regie konnte sich darauf verlassen, dass die Zuschauer ihm Schandtaten zutrauen, denn seine Branche hat nicht den besten Ruf. Zum Beispiel, weil es immer wieder Berichte über den Missbrauch von Zeitarbeitern als Billigarbeitskräfte gibt, etwa in der Logistik.

Aber wer glaubt, dies sei die Regel, ist schlecht informiert. Denn spätestens seit der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes 2017 dürfen Leiharbeiter nicht mehr wie Arbeitskräfte zweiter Klasse behandelt werden. Nach einer Einarbeitungszeit müssen sie genauso viel verdienen wie die Kollegen aus der Kernbelegschaft. Stichwort: Equal Pay. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hat mit den Zeitarbeitsfirmen Tarifverträge abgeschlossen. Die verliehenen Arbeitskräfte sind also in der Regel nicht prekär beschäftigt, sondern sozialversicherungspflichtig bei ihren Vermittlern angestellt.

Weil sie nach Tarif bezahlt werden und die Leiharbeitsfirmen auch von etwas leben müssen, können sie deren Kunden pro Stunde mehr kosten als die Festangestellten. In der Pflege etwa verdienen Zeitarbeiter daher oft besser als das Stammpersonal. Das Angebot der Vermittler ist Flexibilität: Je nach Auslastung oder Auftragslage können Firmen mehr oder weniger Arbeitskräfte buchen. Der Bedarf danach ist groß, die Branche wächst seit Jahrzehnten.

Als Birgt Madsen vor knapp 31 Jahren Hanseteam gründete, saß sie allein in ihrem kleinen Hamburger Büro, mit Karteikarten, Telefon und den Gelben Seiten. Heute macht ihre Firma mit 800 Zeitarbeitern aus unterschiedlichen Berufen 30 Millionen Euro Umsatz im Jahr. In der Zentrale in bester Hamburger Innenstadtlage und den fünf Niederlassungen, vorwiegend im norddeutschen Raum, achten 30 interne Mitarbeiter auf reibungslose Abläufe. Madsen, eine freundliche Dänin, die auf formale Hierarchien nicht mehr Wert legt als nötig, ist bis heute alleinige Eigentümerin. Ihr Unternehmen ist aus eigener Kraft gewachsen, ohne Zukäufe oder externe Investoren – ein solider Mittelständler, aber weit entfernt von Branchenriesen wie Randstad Deutschland (Umsatz 2018: 2,4 Milliarden Euro, 46.800 Zeitarbeitnehmer) oder Adecco Germany (Umsatz 2018: 1,6 Milliarden Euro, 34 200 Zeitarbeitnehmer).


Der Mann für das operative Tagesgeschäft, im Büro: Peter Löw

Birgit Madsen, 59 Jahre alt, kennt beide Seiten: Firmen, für die Fairness selbstverständlich ist, und jene, die mit ihren Angeboten beim Preis so stark nach unten gehen, dass sie ihre Zeitarbeiter kaum angemessen bezahlen können, wenn sie keine roten Zahlen schreiben wollen. Sie selbst will mit Qualität punkten, mit Zuverlässigkeit und guten Mitarbeitern. „Bei vielen großen Unternehmen ist der Einspardruck enorm. Wir lehnen Aufträge ab, wenn der Preis nicht stimmt. Wir sehen, dass Wettbewerber solche Angebote annehmen. Das kann nicht funktionieren, wenn man die Mindestlöhne einhält.“ Madsen findet: „Das geht gar nicht.“

Die Konkurrenz ist groß, allein in Hamburg gebe es an die 800 Zeitarbeitsfirmen, schätzt Peter Löw, der Prokurist von Hanseteam. „Wir wollen jeden einzelnen Mitarbeiter kennen und verstehen“, sagt er. Die Verantwortlichen in den Niederlassungen sollen die individuelle Situation ihrer Zeitarbeiter im Blick haben und darauf Rücksicht nehmen. „Wir kommen ihnen entgegen, auch wenn ihre private Situation mal kompliziert ist“, sagt Madsen. Wenn Mitarbeiter sich weiterqualifizieren wollen, werde das unterstützt.

Wer gute Leute will, muss sie gut behandeln.

Eine Folge dieser Praxis: Die Fluktuation hält sich in Grenzen, einige Mitarbeiter sind schon seit 20 Jahren dabei – eher ungewöhnlich in der Branche. In Zeiten des Fachkräftemangels ein Wettbewerbsvorteil, denn die Zeitarbeitsfirmen konkurrieren nicht nur um Kunden, sondern auch um gute Mitarbeiter. Birgit Madsen ist es wichtig, diese dann auch vor einer respektlosen Behandlung in den Firmen der Kunden zu schützen. In der deutschen Niederlassung eines amerikanischen Versandhändlers, aber auch bei einigen großen und kleinen Logistikunternehmen seien Arbeitsdruck und Umgangston so gewesen, dass Hanseteam die Zusammenarbeit beendet habe.

Wenn Zeitarbeiter sich beschweren, „dann schauen wir uns das an und versuchen uns ein Bild zu machen“, sagt Peter Löw. Das hat mit Anstand zu tun, aber auch mit Eigeninteresse. „Wenn wir schlechte Kunden haben, kriegen wir auch unter den Mitarbeitern einen schlechten Ruf. Das können wir uns nicht leisten“, sagt Birgit Madsen. Und dann sagen die beiden Dinge, die man nicht unbedingt erwartet hätte. Zum Beispiel, dass sie bei Ausbildungsberufen für einen deutlich höheren Mindestlohn sind, schließlich brauche es „größere Anreize für junge Leute, eine Ausbildung zu machen“. Oder dass sie die detaillierten gesetzlichen Regelungen zur Leiharbeit und die Tarifbindung begrüßen, schon als Schutz vor unfairer Konkurrenz. Das Einzige, was Löw an den Vorgaben stört, ist, dass sie häufig nicht eindeutig formuliert sind. Der Begriff Equal Pay etwa ist bis heute rechtlich nicht abschließend definiert. Er wünscht sich klarere Vorschriften.


Zu Hause bei Birgit Madsen: bis heute alleinige Eigentümerin ihrer Firma

Michael Sennekowsky ist 51 Jahre alt, Ausrüstungsmechaniker im Flugzeugbau und seit zwei Jahren bei Hanseteam. Ein Mann, der nicht unnötig viele Worte macht. Über seinen Arbeitgeber sagt er: „Das passt einfach.“ Die Rahmenbedingungen sind klar: Bezahlung mindestens nach Tarif, Festanstellung mit den üblichen Sozialleistungen, Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Und wenn Hanseteam keine Aufträge für ihn hätte, wird er weiterbezahlt. Das Risiko hat die Zeitarbeitsfirma.

Nicht so selbstverständlich sind die Feinheiten: „Hier geht es persönlich zu, kurze Wege, das läuft alles unkompliziert.“ Auf seine Bewerbung erhielt er am selben Tag eine Antwort, „man hatte das Gefühl, wir reden auf Augenhöhe miteinander“. Als eine vorgeschriebene ärztliche Untersuchung zeitlich mit seinen Urlaubsplänen kollidierte, telefonierte jemand von Hanseteam so lange mit Arztpraxen, bis er kurzfristig einen anderen Termin bekam. Wenn ihm etwas auf der Lohnabrechnung seltsam vorkommt, ruft er einfach an. „Die kümmern sich dann und geben mir Bescheid. Ich muss nicht hinterherlaufen und bekomme sofort Feedback, wenn es mal eine Frage gibt.“ Um es für die Mitarbeiter möglichst unkompliziert zu machen, hat Hanseteam für solche Nachfragen eine Hotline eingerichtet, die bis 20 Uhr erreichbar ist. Es sind viele kleine Gesten, aber sie führen dazu, dass Michael Sennekowsky sich bei Hanseteam wohlfühlt.

Dafür, dass Bewerber noch am selben Tag eine Antwort bekommen, am besten persönlich und telefonisch, ist unter anderem Andreas Funk zuständig, 55 Jahre alt, seit knapp acht Jahren im Unternehmen. „Ein Drittel unserer Bewerber kommt durch Empfehlungen. Unsere Mitarbeiter machen die beste Werbung für uns als Arbeitgeber.“ Die Firma muss permanent dafür sorgen, dass sich genug Bewerber melden, auch weil immer wieder Mitarbeiter aus der Zeitarbeit in die Festanstellung bei Hanseteam-Kunden wechseln. Funk redet nicht drum herum: „Für viele ist Zeitarbeit Plan B.“

Etwa die Hälfte der Zeitarbeiter in der Firma sind Geringqualifizierte, das heiße aber gerade nicht, dass man sie wie eine verfügbare Masse behandeln und herumschubsen dürfe, sagt Funk. „Natürlich gibt es auch Bewerber mit ungewöhnlichen Biografien. Da muss man sich die Menschen genau ansehen, um die passende Stelle für sie zu finden.“

Die Feineinstellung, ideale Arbeitsplätze für die Mitarbeiter und ideale Mitarbeiter für die Kunden zu finden, das ist die eigentliche Dienstleistung und Kompetenz der Firma. Peter Löw nennt das ein „perfektes Match“. Es verlangt vor allem Geduld, Erfahrung und die Fähigkeit zuzuhören. Madsen und Löw beobachten, dass das in vielen Unternehmen verloren geht. „Heute läuft bei den Großkunden vieles digital. Oft entscheidet ein Computerprogramm, welcher Mitarbeiter genommen wird. Eigentlich ist das eine Katastrophe“, sagt Birgit Madsen. „Die ganzen persönlichen Eigenschaften werden ausgeblendet. Leiharbeit wird teilweise vom Einkauf bestellt und abgewickelt – als wären das nicht Menschen, sondern Maschinenteile oder Autoreifen.“

Peter Löw, sonst höflich und diplomatisch, wird etwas direkter: „Es gibt ein Fachkräfteproblem – vor allem in einigen Personalabteilungen.“ Er wundert sich, dass teilweise noch rekrutiert wird wie vor 30 Jahren: Man schaltet eine Anzeige und denkt, Bewerber sollten dankbar sein, eine Chance zu bekommen. Er erzählt von einem Beispiel: Ein Unternehmen suchte einen hoch spezialisierten Ingenieur. Hanseteam fand einen, der auch gern bei diesem Unternehmen angefangen hätte. Aber es dauerte acht Wochen, bis er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Bis dahin hatte er schon bei einer anderen Firma unterschrieben. „So kann man heute im Ernst nicht mehr arbeiten“, sagt Löw. Es ist nur ein Beispiel von vielen.

Er sieht keinen Mangel an fähigen Leuten, im Gegenteil. Das Problem sind seiner Meinung nach die Mitarbeiter in den Personalabteilungen, die Bewerber so mechanisch bewerten und aussortieren, dass die geeigneten Leute nicht gefunden werden. Verstärkt werde das durch Versuche, diese Prozesse zu automatisieren. Aber Soft Skills etwa könne man nicht mit Kennzahlen erfassen, sagt Andreas Funk, der Rekruter.

Hinzu kämen vage Stellenbeschreibungen. Oft werde jemand gesucht, der zugleich introvertiert und extrovertiert sei, konzentriert und kommunikativ, in seiner Arbeit sehr teamfähig, aber auch sehr selbstständig. Unternehmen, die nicht wissen, was sie wollen, und deshalb sicherheitshalber einfach alles verlangen, sollten sich nicht wundern, wenn sie ihre Stellen nicht adäquat besetzen, findet Löw. „Ich kann für einen Kunden nur dann den passenden Kandidaten finden, wenn ich die Firma gut kenne und wenn das Unternehmen weiß, welche Qualifikationen es wirklich benötigt.“

Offenbar wird die Fähigkeit, das „perfekte Match“ zu finden, seltener – und wertvoller. Für Birgit Madsen und Peter Löw ist das ein Vorteil, denn die Arbeit geht ihnen nicht aus. Derzeit überlegen sie, ob sie ihr Angebot erweitern und neben Zeitarbeit auch Personalvermittlung anbieten. ---

 

Zahl der Leiharbeitnehmer (gerundet) in Deutschland, im Jahr

1973 19.500
1980 33.200
1990 118.900
2000 337.800
2010 822.700
2018 1.000.500

 

Zahl der Zeitarbeitsunternehmen mit Schwerpunkt Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland:

11.556

Anteil der Beschäftigten in der Zeitarbeit an allen Beschäftigten in Deutschland:

2,6 Prozent

Anteil der Zeitarbeitskräfte, die von Kundenunternehmen übernommen werden: 

36,9 Prozent

Durchschnittliches Bruttoarbeitsentgelt
in der Zeitarbeit pro Monat in Deutschland: 

1928 Euro

 

Arbeitnehmer mit Berufsabschluss

insgesamt: 67 Prozent
in der Zeitarbeit: 59 Prozent

Arbeitnehmer ohne Berufsabschluss

insgesamt: 16 Prozent
in der Zeitarbeit: 31 Prozent

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, Statista. Alle Zahlen beziehen sich, falls nicht anders angegeben, auf das Jahr 2018