Keine Raketenwissenschaft

Bezahlung: mittelmäßig. Jobs: meist befristet. Bürokratie: ein allgegenwärtiges Ärgernis. Frauenquote: niedrig. Wieso schneidet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) dennoch als Arbeitgeber so gut ab? Die Antwort ist erstaunlich einfach.




• „Ich wusste am allerersten Tag: Hey, das ist toll. Hier willst du bleiben.“ Daniela Tirsch ist Geologin und Geografin. Seit sie vor 14 Jahren ihren ersten Job als Doktorandin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin angetreten hat, ist sie außerdem Planetenforscherin. Ihr Lieblingsthema: die dunklen Dünen auf dem Mars. Tirsch analysiert dafür unter anderem Satellitenbilder, die eine vom DLR entwickelte Spezialkamera aus der Mars-Umlaufbahn auf die Erde funkt. Ein Projekt, das es so zuvor noch nie gegeben hat. Die spektakulären Bilder und Erkenntnisse aus dem All sorgen weltweit immer wieder für Aufsehen. Unendliche Weiten, bahnbrechende Entdeckungen – Tirsch liebt ihren Job.

Als das DLR, eine der größten Forschungseinrichtungen Europas, sich vor etwas mehr als zehn Jahren erstmals Gedanken über seine Vorzüge als Arbeitgeber machte, war schnell klar: Die Faszination Weltraum ist das Pfund, mit dem man wuchern und Wissenschaftlerinnen wie Tirsch für sich gewinnen kann.

Pionierarbeit in der Forschung, Raumfahrt und außergewöhnliche Versuchsanlagen, die kein anderes Institut hat: „Mit diesen Themen können wir viele Menschen für einen Job bei uns begeistern“, sagt Klaus Hamacher, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Einrichtung. Seit den Achtzigerjahren kümmert sich der Betriebswirt um die irdischen Belange der Weltraumforscher.

Vor 14 Jahren stieg er in den Vorstand auf, der in Köln sitzt, einem von 27 Standorten des Forschungsinstituts in Deutschland. Hamacher und seine Kollegen sorgen dafür, dass genug Geld, politische Unterstützung und geeignetes Personal für alle Tätigkeitsfelder vorhanden sind: Raumfahrt, Luftfahrt, Verkehr, Energie, Sicherheit und Digitalisierung.

Die Nachwuchssuche stellt den 58-Jährigen nicht vor allzu große Herausforderungen: „Wir haben derzeit im wissenschaftlichen Bereich keine Probleme, Stellen zu besetzen.“ Ein Grund: Während Unternehmen aus der Automobil-, Energie- und Luftfahrtindustrie zurzeit mit Imageproblemen und Skandalen kämpfen, „kommen gerade junge, idealistische Leute und Top-Wissenschaftler zu uns, weil sie hier an den relevanten Zukunftsthemen arbeiten wollen“.

In Arbeitgeber-Rankings landet das DLR auf Plätzen, die sonst vor allem großen Konzernen vorbehalten sind – zuletzt in einer Erhebung von »Stern« und Statista zum besten Arbeitgeber-Image auf Platz 6. Und zuvor in einem Ranking von Trendence auf Platz 7 der beliebtesten Arbeitgeber im naturwissenschaftlichen Bereich für Young Professionals.

Bewerber lassen sich offenbar nicht davon abschrecken, dass das DLR beim Gehalt und in Sachen Zusatzleistungen mit Konzernen oft nicht mithalten kann. Die Einstiegsgehälter für junge Wissenschaftler und Ingenieure sind zwar nicht viel niedriger als in der Wirtschaft: Etwa 50 000 bis 60 000 Euro sieht der öffentliche Tarif für solche Positionen vor. Große Gehaltssprünge für langjährige Mitarbeiter oder solche, die Führungsaufgaben über- nehmen, gibt es allerdings nicht. „Erfahrene Fachkräfte können in der Industrie oft mehr verdienen als bei uns“, sagt Klaus Hamacher.

Auch für Annehmlichkeiten jenseits eines guten Gehalts lässt sich von den Forschungsgeldern nicht viel abzweigen. Rund die Hälfte des eine Milliarde Euro umfassenden Budgets kommt von Bund und Ländern, die andere Hälfte muss das DLR in Form von Drittmitteln selbst einwerben. Statt in schicke Büros, Betriebskitas oder Gratis-Obstkörbe investiert man daher lieber in neueste Technik und gut ausgestattete Labore.

Hinter dieser geheimnisvollen Fassade wird am DLR-Stützpunkt Köln geforscht
Hat keine Personalsorgen: der DLR-Vorstand Klaus Hamacher

So residieren Hamacher und seine Vorstandskollegen in einem tristen Siebzigerjahre-Bau, während direkt gegenüber die Wissenschaftler des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in einer der modernsten Anlagen des DLR forschen, dem 3500 Quadratmeter großen Envihab. Das flache, mit weißen Aluminiumblechen verkleidete Gebäude beherbergt die irdischen Schwester-Labors der ISS-Raumstation; sie verbergen sich, wabenförmig ineinander verschachtelt, unter der Erde. Nur durch eine schmale Glasfuge und einzelne Lichthöfe dringt Tageslicht in die hellgrün und weiß gestrichenen, endlosen Flure zwischen den abgeschotteten Versuchsanlagen.

Ruth Hemmersbach, stellvertretende Direktorin des Instituts, ist sichtlich stolz auf ihren futuristisch anmutenden Arbeitsplatz. „Wir können hier Umgebungsbedingungen wie in der Luft- und Raumfahrt schaffen“, schwärmt die Zellbiologin. Wochenlang liegen im Envihab etwa Probanden in speziellen Laborbetten, um die Auswirkungen von Schwerelosigkeit auf den Körper zu simulieren – unterbrochen von täglichen 30-minütigen Experimenten auf einer Zentrifuge, bei der sie besonders hoher Schwerkraft ausgesetzt werden. Kehren europäische Astronauten von einer Weltraummission zurück, werden sie auf schnellstem Weg ins Envihab gebracht und dort von Biologen, Ärztinnen, Psychologen und Ernährungswissenschaftlerinnen untersucht.

Hemmersbach, 61, erforscht seit ihrer Studienzeit die Wirkung von Gravitationskräften. Seit einigen Jahren habe sie zusätzlich zu ihrer Karriere in der Wissenschaft beim DLR „noch ein paar andere Hüte auf“: Sie setzt sich dafür ein, dass das Institut auch als Arbeitgeber mehr Experimente wagt. „In den vergangenen Jahren hat sich schon vieles verändert. Als ich selbst vor rund 20 Jahren Mutter geworden bin, waren zum Beispiel die Themen Work-Life-Balance und Familienfreundlichkeit noch nicht so präsent wie heute.“

Die meisten ihrer Kollegen waren Männer, die klassische Wissenschaftskarriere verlief geradlinig. Nur wer Privatleben und Familie hintanstellte, hatte Chancen auf einen Aufstieg. „Das ist längst nicht mehr zeitgemäß“, sagt Hemmersbach. Schon damals sei es für sie nicht infrage gekommen, auf Familie zu verzichten. „Ich war hier die Erste, für die ein Telearbeitsplatz eingerichtet wurde und die auch mal mit der Tochter im Maxi-Cosi ins Institut kam.“

So konnte Hemmersbach weiter forschen, Weltraummissionen begleiten und an der Universität in Bonn Gravitationsbiologie lehren. Was für sie noch als individuelle Ausnahmeregelung getestet wurde, wird nun nach und nach zum Standardangebot.

Denn bis heute sind Frauen wie die Mars-Forscherin Tirsch und die Biologin Hemmersbach deutlich in der Unterzahl. Die Frauenquote unter den wissenschaftlichen Angestellten und den Führungskräften liegt bei 22 Prozent, im Top-Management sind es magere 2 Prozent. Hemmersbach ist davon überzeugt, dass sich das ändern wird. „Inzwischen haben wir ein breites Programm, das es den Angestellten leichter macht, ihren Beruf und ihre anderen Aufgaben und Ziele im Leben zusammenzubringen.“

Für eine familienfreundliche Forschung: Ruth Hemmersbach, stellvertretende Direktorin des DLR-Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln

So sind Gleitzeit und Vertrauensarbeitszeit im Rahmen der tariflich vorgegebenen Arbeitszeit von wöchentlich 38,5 Stunden Standard. Und immer mehr Mitarbeiter arbeiten zeitweise im Homeoffice. Ob und wie die Arbeitszeiten dabei erfasst werden, legen die einzelnen Institute und Teams individuell fest. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht im Vordergrund: Mitarbeiter können Belegplätze in benachbarten Kindertagesstätten nutzen. Auch Beratungsangebote rund um Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen stehen auf dem Programm.

Die Mitarbeiter wissen die Bemühungen ihres Arbeitgebers offensichtlich zu schätzen: Ihre Bewertungen auf der Job-Plattform Glassdoor brachte ihn in Sachen Work-Life-Balance kürzlich auf Platz 1, und laut eines Rankings der Zeitschrift »Brigitte« gehört das Forschungszentrum zu den besten Arbeitgebern für Frauen.

Hemmersbach ist optimistisch, dass sich der Trend fortsetzt: In ihrem Institut ist bereits die Hälfte der Abteilungsleitungsposten mit Frauen besetzt. „Wir haben gerade in einem Zukunftsworkshop darüber gesprochen, wie wir für Frauen noch attraktiver werden können.“ Eine der Ideen: Doppelspitzen. „Wenn man sich Führungsverantwortung teilen kann, bleibt genug Zeit für die wissenschaftliche Arbeit – und auch für Familie und andere private Verpflichtungen.“

Ein Problem können allerdings auch flexible Arbeitszeiten und Doppelspitzen nicht lösen: befristete Verträge. Die meisten Stellen sind an zeitlich begrenzte Fördermittel und Projekte geknüpft. In den Statuten des Instituts ist verankert, dass es nicht nur für den Eigenbedarf aus- und weiterbilden darf. „Das Ziel ist Wissenstransfer“, sagt Klaus Hamacher. „Unsere Mitarbeiter sollen etwa acht bis zehn Jahre lang bei uns forschen, entwickeln, lernen, sich weiterbilden – und dieses Wissen dann anschließend in die freie Wirtschaft tragen.“

Doch was, wenn man gar nicht in die Industrie wechseln will? „Die meisten Kollegen wollen schon lieber eine Festanstellung“, sagt die Planetenforscherin Daniela Tirsch. Auch sie hangelte sich lange von Befristung zu Befristung. Nach ihrer Promotion bekam sie eine Postdoc-Stelle, danach folgte ein befristeter Vertrag auf den nächsten: „Sechs Verlängerungen in zehn Jahren. Das war belastend, auch wenn es schön war, dass es immer weiterging“, sagt sie. Sie führte eine Fernbeziehung, „acht Jahre lang haben wir uns nicht getraut, zusammenzuziehen, weil es ja jedes Jahr hätte vorbei sein können mit meinem Job in Berlin.“

Die letzte Verlängerung war dann nur noch für ein halbes Jahr: „Da habe ich angefangen, Bewerbungen zu schreiben.“ Gerade noch rechtzeitig kam die ersehnte Entfristung. In einem Imagefilm des DLR, der sich an Frauen richtet, wird sie nun als eine von sechs Wissenschaftlerinnen und als Pionierin der Mars-Forschung porträtiert.

Mit diesem Karriereweg sieht sich die heute 41-Jährige als „Glückskind“. Geduld und Beharrlichkeit haben dazu geführt, dass sie ihren Traumjob auf Dauer behalten darf. Aber warum hat sie das Ganze überhaupt so lange mitgemacht? Tirsch überlegt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl im Berliner Team sei stark, im Kollegenkreis gehe man sehr freundschaftlich miteinander um.

Vor allem aber fühlte sich die Forscherin wertgeschätzt: „Selbst kurz vor dem Ende einer Befristung wurden mir zum Beispiel noch teure mehrtägige Weiterbildungen finanziert.“ Wenn sich abzeichne, dass Mitarbeiter wahrscheinlich bald das Unternehmen verlassen, würden sie nicht einfach abgeschrieben. „Stattdessen heißt es dann: Komm, wir machen dich jetzt noch mal richtig fit, damit du woanders einen tollen Job bekommst“, sagt Tirsch.

Dem Berliner Team, dem die Wissenschaftlerin angehört, ist es bislang immer gelungen, Projekte zu finanzieren. „Nun müssen wir hart daran arbeiten, dass es so weitergeht.“ Anträge schreiben und um Budgets werben, die Unsicherheit befristeter Stellen aushalten – das sei belastend, gehöre im Wissenschaftsbetrieb aber dazu, sagt Tirsch. Es sei der Preis dafür, „dass wir sehr frei forschen können, unsere Forschungsthemen weitgehend selbst bestimmen und als Wissenschaftler weltweit ernst genommen werden“. ---


Modell der Raumstation ISS beim DLR-Partner ESA und Monitore zur Überwachung der Experimente in der Zentrifuge

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist mit mehr als 8000 Mitarbeitern an 27 deutschen Standorten und 178 Großforschungsanlagen eines der größten europäischen Forschungszentren. Rund 4700 der Mitarbeiter sind Wissenschaftler. Das Institut managt im Auftrag der Bundesregierung das deutsche Raumfahrtprogramm und arbeitet dabei mit internationalen Partnern wie der Europäischen Weltraumorganisation (European Space Agency, ESA) zusammen. Außerdem forscht das DLR zu Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr, Sicherheit und Digitalisierung. Als Projektträger unterstützt das Institut bei all diesen Themen öffentliche und private Auftraggeber in der Forschung. Insgesamt kommt so ein Budget von rund einer Milliarde Euro für die Forschung zusammen. Ziel des DLR: die „Stärkung des Wissenschafts-, Innovations- und Wirtschaftsstandortes Deutschland“.