Irgendwer zahlt immer

Der Onlinedrucker Flyeralarm wächst und wächst und wächst. Aber kein Wachstum ohne Wachstumsschmerzen.





Lässt sich ungern reinreden: Unternehmer Thorsten Fischer

• Thorsten Fischer hat einen Tick: Beim Reden bläst er immer wieder die rechte Backe auf, vor allem wenn es spannend wird. Warum hat die Gewerkschaft Verdi Sie verklagt? Fischer macht die Backe dick. Zahlen Sie unter Tarif? Dicke Backe. Welchen Einfluss hat die umstrittene Religionsgemeinschaft Universelles Leben auf Flyeralarm? Backe.

Sind Sie nervös, Herr Fischer?

„Nein“, sagt er, „nur eine dumme Angewohnheit.“ Alle am Tisch nicken. „Ja, das macht der immer.“

Thorsten Fischer, 45, ist Chef der Firma Flyeralarm. Vor 18 Jahren hat er sie in einer Garage in Marktheidenfeld bei Würzburg gegründet. Zusammen mit ein paar Kumpels druckte er Flyer, schnitt sie zurecht, packte sie in Kartons und fuhr die Kisten mit einem alten Peugeot 205 in der Sonderfarbe Grünmetallic zu den Kunden. Hannover, Stuttgart, Würzburg, Halle. Seit damals kennt Fischer das Land. Nach eigenen Angaben ist Flyeralarm heute eine der größten Onlinedruckereien für Unternehmenskunden in Europa. 2470 Mitarbeiter, 350 Millionen Euro Umsatz, 20 Standorte in 15 Ländern, täglich 15.000 Aufträge, 24.000 Lieferungen. Der Laden brummt.

Und trotzdem – oder auch deswegen – gibt es Stress. Mit der Gewerkschaft. Mit der Führungsqualität des Managements. Mit den Mitarbeitern. Mit den Sektengerüchten. Deshalb sitzt Fischer jetzt in der neuen schicken Lounge auf dem Dach des Firmensitzes in einem Industriegebiet am Würzburger Stadtrand, redet bei Schnittchen mit Lachs und Mineralwasser ohne Kohlensäure über Wachstum und Wachstumsschmerzen und macht dabei dicke Backen.

Neben ihm sitzen wichtige Leute seines Unternehmens, Kommunikationsberater, Pressefrau, Personalchefin und alle möglichen Chief Officer für irgendwas, Business Development zum Beispiel oder Produktmanagement. Nur Tanja Hammerl fehlt, die Co-Geschäftsführerin. Nebenberuflich ist sie Tierhomöopathin, Expertin für rituelle Räucherkunde, Chefin eines Bioversandhandels – und verantwortlich für die Sektengerüchte. Sie war mal Geschäftsführerin eines Betriebs, der mit dem Universellen Leben in Verbindung steht.

Das ist lange her, aber in Würzburg vergisst man nicht so schnell. Und clevere Bewerber, die Flyeralarm googeln, finden die alten Geschichten auch. Gunnar Finck zum Beispiel, der neue Chief Technology Officer der Firma, hat unter anderem beim Verlagshaus Gruner + Jahr in Hamburg gearbeitet und die Sektenfrage recherchiert, bevor er seinen Vertrag unterschrieb. Er sagt: „Wenn es eine Verbindung zwischen Flyeralarm und dem Universellen Leben gäbe, dann wäre ich nicht hier. Mit so etwas will ich nichts zu tun haben.“

Vermutlich, so heißt es bei Flyeralarm, sind es Neider, die sich das schnelle Wachstum der Firma nur mit Verschwörungstheorien erklären können. Dabei ist die Erklärung dafür eigentlich ganz einfach. Flyeralarm macht genau das, was seine Kunden wollen: schnell und billig drucken. Dafür entwerfen die Kunden ihre Drucksachen selbst mithilfe von Online-Designvorlagen, laden die Daten hoch, und ein, zwei Tage später ist die Lieferung da. Visitenkarten, Werbeflyer, Briefpapier, Kartons, Etiketten, Kugelschreiber, Kaffeetassen, Poster, Fahnen, Plakate, Zeitschriften – Flyeralarm bedruckt alles. Für wenig Geld.

brand eins: Was können Sie besser als andere, Herr Fischer?

Thorsten Fischer: Nichts. Ich kann eigentlich nichts besonders gut. Außer eins: Mir ist es fast immer gelungen, die besten Leute zu finden, die die Dinge richtig gut können, die wir benötigen.

Werden Sie in der Druckbranche gefeiert, weil Sie zeigen, dass man damit immer noch wachsen und Geld verdienen kann?

Am Anfang wurde ich ausgelacht. Weil jeder dachte, so einen Flyer drucken kann ich auch, das ist kein Zukunftsmodell. Und jetzt werden wir angefeindet, weil es heißt, Flyeralarm mache die Preise kaputt.

Macht Flyeralarm die Preise kaputt?

Natürlich sind die Preise durch unsere Standardisierung runtergegangen. Aber niemand bestellt mehr wie früher 5000 Flyer für 300 Euro, weil dann nämlich Onlinewerbung günstiger wäre. Bei uns kosten 5000 Flyer um die 30 Euro. Das macht Print wie-der konkurrenzfähig. Heute kann bei uns zum Beispiel eine Gärtnerei 1000 Flyer für 20 Euro bestellen und in ihrem Dorf verteilen. Was kriegt die für diese Summe bei Google? Gar nichts.

Und trotz der Dumpingpreise machen Sie Gewinn?

Es sind faire Preise – kein Dumping. Und ja, wir verdienen jeden Monat Geld. Und zwar nicht, weil wir im Ausland produzieren, schlimme Farben verwenden, auf uralten Maschinen drucken oder unsere Leute schlecht bezahlen, sondern weil wir unsere Prozesse im Griff haben.


Spricht von Ausbeutung: Gewerkschaftsfunktionär Bernd Bauer

Die Schmerzen

Bernd Bauer ist der Gewerkschaftssekretär des Fachbereichs Medien bei Verdi. Sein Büro befindet sich in der Nähe des Würzburger Hauptbahnhofs, zehn Autominuten vom Firmensitz der Onlinedruckerei entfernt. Neben Bauers Bürotür steht griffbereit ein Satz Fahnen, mit denen wedelt er, wenn er auf der Straße gegen Flyeralarm protestiert. „Die Geschäftsidee von Flyeralarm“, sagt Bauer, „ist die Ausbeutung der Mitarbeiter.“ Ihn stört, dass es für die Firma keine Tarifbindung gibt. Bis zu 50 Prozent lägen die Löhne unter den Tariflöhnen. Das erkenne er an den Beiträgen der Verdi-Mitglieder bei Flyeralarm, satzungsgemäß müssen die nämlich ein Prozent ihres Bruttoverdienstes an die Gewerkschaft abführen. Allerdings sind gerade mal acht Leute von Flyeralarm Gewerkschaftsmitglieder. Bauer glaubt, dass Thorsten Fischer Gewerkschaften grundsätzlich ablehnt.

brand eins: Herr Fischer, hassen Sie die Gewerkschaften?

Thorsten Fischer bittet darum, das Tonbandgerät auszuschalten. Dann sagt er sinngemäß, nein, so sei es nicht, aber seine Mitarbeiter seien an Verdi nicht interessiert. Einmal sei eine Gewerkschaftsversammlung sogar so aus dem Ruder gelaufen, dass sie abgebrochen werden musste. Bei Verdi dagegen heißt es, ein Gewerkschaftssekretär sei mit dem Messer bedroht worden. Seit damals ist die Beziehung zur Gewerkschaft gestört. Aber die vermisse auch niemand, sagt Fischer. Vor Weihnachten frage er seine Abteilungsleiter, ob es bei irgendeiner Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter persönliche Probleme gebe. Eine pflegebedürftige Oma, ein krebskrankes Kind, der Verlust der Wohnung? Und dann lege er eine bestimmte Summe auf den Lohn drauf. Mal 1000, manchmal aber auch 10 000 Euro. Einfach so. Ohne großes Gewese. Dann darf das Tonband wieder eingeschaltet werden.

Thorsten Fischer: Wir sind eine große Familie, in der der Zusammenhalt, der Wille zum Erfolg, aber auch der Spaß ganz oben stehen. Wir planen zum Beispiel eine After-Work-Party für unsere Mitarbeiter hier oben in der Lounge, bei der es Freigetränke geben wird.

Wäre es Ihren Mitarbeitern nicht lieber, wenn sie statt Freibier Tariflohn bekämen?

Da rennen Sie bei mir offene Türen ein. Wir haben zum Beispiel von Anfang an auch bei unseren Zeitarbeitern equal pay gemacht, die bekommen so viel wie die fest angestellten Mitarbeiter.

Aber wenn die unter Tarif bezahlt werden, dann nutzt equal pay rein gar nichts.

Im Druckereibereich zahlen wir Tarif oder leicht darüber. Das betrifft das Druckhaus Mainfranken, an dem wir mehrheitlich beteiligt sind. Aber Flyeralarm ist ja kein Druck-, sondern ein Medienunternehmen. Für uns gilt der Tarifvertrag für Drucker nicht.

Das sieht Verdi anders.

Das mag sein. Tatsache ist aber: Wir haben uns mit Unterstützung einer externen Beratung gebenchmarkt und können ruhigen Gewissens sagen, dass sich unsere Zahlungen im Durchschnitt des Marktes und der Region befinden.

Verdi-Sekretär Bauer hat ausgerechnet, dass der Unterschied im Tariflohn zwischen Druck- und Weiterverarbeitungsindustrie in der niedrigsten Lohngruppe etwa 30 Euro im Monat ausmacht, in der höchsten Lohngruppe etwas mehr als 400 Euro. Vor zehn Jahren hat Verdi Fischer sogar „wegen Behinderung der Betriebsratswahl“ angezeigt (Az 911 Js 8972/09), das Verfahren wurde vom Arbeitsgericht eingestellt, weil Flyeralarm plötzlich einen eigenen Betriebsrat wählen ließ, sagt Bauer. Flyeralarm habe die Gewerkschaft juristisch geschickt ausgebremst.

Kununu, Glassdoor und die anderen Job-Bewertungsportale kann Flyeralarm nicht ausbremsen. Dort beschweren sich angebliche oder echte Mitarbeiter vor allem über die Bezahlung und die Chefs. Auf Kununu bekommt Flyeralarm bei mehr als 270 Bewertungen nur 2,9 von fünf möglichen Sternen. Weiterempfehlungsquote: bescheidene 51 Prozent. „Die mittlere Führungsebene ist größtenteils total fehlbesetzt“, heißt es in einer aktuellen Kritik. „Wer mehr Geld will, dem wird gesagt, dass er auch kündigen kann.“ Ein anderer schreibt unter dem Stichwort „Chaosverein“: „Es gibt vielleicht auch gute Vorgesetzte, ich habe allerdings keine kennengelernt.“

brand eins: Warum schneidet Flyeralarm auf Bewertungsportalen so schlecht ab, Herr Fischer?

Thorsten Fischer: Ich glaube, das liegt an unserem schnellen Wachstum. Das führt zwischendurch immer wieder zu strukturellen Schwächen. Wir reagieren aber darauf und haben zum Beispiel die Schulung für Führungskräfte massiv aufgestockt. Für mich ist jede Kritik kostenlose Unternehmensberatung.


Bitte nicht über Geld sprechen! Arbeiter in der Druckerei Greußenheim bei Würzburg

Der Zufall

Die Flyeralarm Industrial Print (FAIP) in Greußenheim bei Würzburg arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb. Dutzende von Arbeitern bedienen die Maschinen, die Offset-Druckplatten belichten, stapeln Papier und transportieren die Kartons mit den fertigen Druckerzeugnissen in die bereitstehenden Lkw der Speditionen. Besondere Aufmerksamkeit bekommen Produkte mit einem rosaroten Laufzettel. Die müssen über Nacht fertig werden, gelb heißt Express, und hinten reihen sich die grünen Standardaufträge ein.

Dominic Rapp, 33, ein gelernter Koch und Freizeit-Rapper (Domo), ist seit zwölf Jahren Abräumer bei Flyeralarm, er schafft die bedruckten und geschnittenen Drucksachen von den Maschinen weg. Was er verdient? Gerade will er antworten, da mischt sich die Pressefrau ein, „keine Zahlen bitte“, und Domo schweigt. In der FAIP gibt es weder Gewerkschaftsmitglieder noch einen Betriebsrat. Wer Probleme hat, kann sich an einen Sozialrat wenden, der viermal im Jahr tagt. Bernd Bauer von der Gewerkschaft Verdi hält nichts davon. „Sozialräte“, sagt er, „das gibt es offiziell gar nicht.“

Thorsten Fischer hat sich unterdessen entspannt. Es gibt Kaffee, in einem Sektkühler stehen drei Flaschen Frankenwein. Fischer erzählt, dass er in einem Bauernhaus lebt, weit außerhalb der Stadt, mit Frau, Kind, zwei Pferden, drei Ziegen und zwei Katzen. Fast eine Stunde fährt er von dort ins Büro, und zwar traditionell mit dem BMW, obwohl ihm in Würzburg auch ein Autohaus gehört, das auf italienische Sportwagen spezialisiert ist. Sein Zweitwagen ist ein Ford-Oldtimer, Modell Mustang.

brand eins: Wie konnten Sie Ihre Firma so schnell groß machen?

Thorsten Fischer: Es gab keinen Masterplan. Davon halte ich nichts. Der Mensch plant, das Schicksal lacht darüber. Mein Motto lautet: Sei fleißig, hab keine hochtrabenden Ziele, gehe jeden Tag einen Schritt nach vorn, dann kommt der Erfolg von allein. Ich bin ein Macher und wollte immer nur eins: etwas unternehmen. Was es geworden ist, ist Zufall. Ich hatte mit Druckereien nichts zu tun und keine Ahnung davon. Damals habe ich ein kleines Stadtmagazin gemacht, den »Würzburger Tester«. Das Problem: Es war schwer, genug Anzeigen zu akquirieren, um das Heftchen zu finanzieren. Statt Anzeigen im »Tester« wollten die Leute lieber Flyer haben. So ist Flyeralarm entstanden. Hät- ten die was ganz anderes gewollt, dann würde ich heute vielleicht etwas ganz anderes machen.

Als Sie damals anfingen, Flyer zu drucken – ahnten Sie da, was daraus werden würde?

Als wir unser zweites Büro angemietet hatten, in Höchberg, da waren wir sechs Mitarbeiter und hatten Platz für maximal 25. Das war mein Ziel: 25 Leute. Mehr nicht. Aber plötzlich waren wir 29 Leute, und es wurde eng. Wir haben etwas im Nachbargebäude gemietet, und so ging das weiter.

Da haben Sie aber noch nicht selbst gedruckt?

Nein, aber wir haben angefangen, in Weiterverarbeitungsmaschinen zu investieren. Wir hatten nämlich gemerkt, dass es an der Weiterverarbeitung haperte. Wir hatten eine kleine Produktionshalle und haben dort mit unseren neuen Maschinen selbst geschnitten, gefalzt und den Versand vorbereitet.

Haben Sie Schulden?

Ich habe mir Maschinen immer erst dann gekauft, wenn ich es mir leisten konnte, weil ich von keiner Bank abhängig sein wollte. Unsere Steuerberaterin hat uns dann irgendwann überredet, das Geld liegen zu lassen und günstige Kredite für Investitionen aufzunehmen. Das war steuerlich vernünftig. Aber das ändert nichts daran, dass wir eine positive Bilanz haben. Unser Vermögen ist größer als unsere Schulden. Wir haben noch nie Verluste gemacht, was ja gerade heutzutage in Mode ist.

Sie kaufen die Immobilien, statt sie zu mieten?

Die meisten. Wir denken ja langfristig, deshalb macht es Sinn zu kaufen, wenn wir länger als fünf bis zehn Jahre bleiben wollen. Die alten Druckhallen der »Main-Post« haben wir allerdings gemietet. Da verarbeiten wir jetzt unsere Magazine.

Sie haben etwa 20 verschiedene Produktionsstätten. Ist das vernünftig?

Nein, das hat sich aber durch unser schnelles Wachstum so ergeben. Alles wurde irgendwann zu klein, und wir mussten etwas Neues kaufen. Wir hatten ja keine Strategie außer einer: jeden Tag unsere Kunden glücklich machen und so schnell zu drucken, wie es geht.

Ist Farbe auf Papier zu drucken nicht ein Auslaufmodell?

Wir bedrucken alles, zum Beispiel auch Planen und Fahnen. Haben Sie schon mal ein Smartphone am Fahnenmast hängen sehen? Druck hat Zukunft.

Der nächste Termin wartet. Fischer muss weg. Irgendetwas gibt es immer zu tun. Es scheint etwas Spannendes zu sein: Im Abgang bläht er ein letztes Mal die rechte Wange auf. Am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass Fischer den Ex-Fußballtrainer Felix Magath angeheuert hat. Er wird Chef von Flyeralarm Global Soccer. Der Drucker vom Main will jetzt auch im internationalen Fußball mitmischen. Der Ball ist schon im Feld: Die Würzburger Kickers aus der Dritten Liga gehören Fischers Flyeralarm Future Labs GmbH zu 49 Prozent und spielen ihre Heimspiele in der Flyeralarm Arena, die deutschen Fußballerinnen kicken in der Flyeralarm-Frauen-Bundesliga, und in Österreich hat es der FC Flyeralarm Admira aus Mödling bei Wien (Flyeralarm Future Labs hält 20 Prozent) in die Erste Liga geschafft.

Da kann man schon mal dicke Backen machen. ---