EcoClipper

Ein niederländischer Gründer will Waren wieder mit Segelschiffen rund um den Globus transportieren. Ein Traum von emissionsfreiem Güterverkehr, der eines Tages Wirklichkeit werden könnte.





• 90 Prozent der weltweit gehandelten Güter werden auf dem Seeweg transportiert. Die Schifffahrt ist das Rückgrat der globalisierten Wirtschaft. Aber sie ist auch für rund zwei Prozent aller Treibhausgas-Emissionen verantwortlich – und der Ruf nach einem sauberen Seetransport wird lauter. Bis 2050 will die Branche ihren Ausstoß von Treibhausgasen mindestens um die Hälfte reduzieren. Bislang ist unklar, wie das gelingen soll.

Jorne Langelaan sieht in Segelschiffen die Zukunft: „Seit Jahrtausenden transportieren sie Handelswaren emissionsfrei über die Meere“, sagt er. Der Niederländer hat das Unternehmen Ecoclipper gegründet. Mit dem von ihm entworfenen Dreimaster „Ecoclipper 500“ will er beweisen, dass die Rückbesinnung auf ein althergebrachtes Transportmittel kein Rückschritt sein muss.

Der 41-Jährige weiß, wovon er spricht. Im Jahr 2007 gründete er gemeinsam mit zwei Freunden Fairtransport. Die Firma unterhält zwei Segler, die regelmäßig zwischen Europa und Lateinamerika pendeln und dabei sowohl Fracht als auch zahlende Passagiere an Bord nehmen.

Mit Ecoclipper will Langelaan nun den nächsten Schritt machen und mit einer ganzen Flotte von Frachtsegelschiffen in See stechen. Sie sollen ganz nach eigenen Plänen gebaut werden – mit modernen Stahlrümpfen und neuesten Instrumenten zur Navigation und Kommunikation.


Seit Jahrtausenden transportieren Segelschiffe Handelswaren emissionsfrei über die Meere.

Eines wird den Hightech-Seglern allerdings fehlen: ein Motor. Die Ecoclipper sollen allein vom Wind angetrieben werden, zu hundert Prozent emissionsfrei, selbst bei Manövern im Hafen. „Dabei vertrauen wir auf das seglerische Können der Crew“, sagt Langelaan.

Die Liebe zur Seefahrt liegt in der Familie: Sein Onkel besaß mehrere Frachtschiffe. Mit dem Segeln begann Langelaan bereits im Alter von zwölf Jahren. „Ab diesem Zeitpunkt fand mein Leben sozusagen unter Segeln statt.“ Irgendwann beschloss er, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen.

Zeichnung: © Sailvolution and EcoClipper B.V.

Als er 2007 einen abgetakelten – also von der Takelage befreiten – Holzrumpf im Hafen seiner Heimatstadt Delft entdeckte, zögerte er nicht lange. Mit 150 freiwilligen Helfern restaurierte er das Schiff und nahm es für seine neu gegründete Firma Fairtransport unter Segel. Seitdem bringt der Zweimaster „Tres Hombres“ Stockfisch aus Norwegen, Wein aus Frankreich und Olivenöl aus Portugal ins brasilianische Belém. Auf der Rückreise nimmt er Kaffeebohnen und andere Produkte aus dem Amazonasbecken und bei Zwischenstopps in Grenada und der Dominikanischen Republik Rumfässer und Kakao an Bord. 600 000 Euro hat die Restaurierung insgesamt gekostet, seit 2012 segelt Tres Hombres in der Gewinnzone.

Die Atlantikroute will der Gründer auch mit seinen Ecoclippern bedienen, dazu die Pazifikroute sowie eine regelmäßige Passage rund um den Globus. In fünf Jahren möchte er zehn dieser Segelschiffe auf Reisen schicken. Bis zu 500 Tonnen soll ein Ecoclipper 500 laden können. Das ist ein Vielfaches mehr als die 35 Tonnen der Tres Hombres, aber geradezu verschwindend wenig im Vergleich zu den neuesten Frachtschiffen, die bis zu 25 000 Container transportieren können. Bei einer maximalen Beladung von rund 21 Tonnen pro Container entspricht die Nutzlast eines Frachtschiffs etwa 525 000 Tonnen. Um die Fracht eines einzigen Container-Giganten zu transportieren, brauchte man mehr als 1000 Ecoclipper 500. Anfang 2019 waren weltweit 6125 Containerschiffe im Einsatz. Ihre Ladekapazität: 22,8 Millionen Standard-Seecontainer.

Wie realistisch ist also die Idee, den Handel auf Segelschiffe zu verlagern? „In Nischen könnte eine gewisse Marktchance bestehen – auf kürzeren Strecken, für besondere Kunden“, sagt Christian Denso, Sprecher des Verbands Deutscher Reeder. „Aber für einen größeren Teil oder gar die ganze Schifffahrt, da sage ich deutlich Nein.“ Die Mengen, die auf See transportiert werden, so Denso, erfordern große Schiffe, die wiederum nicht von launischen Winden abhängig sein können, wenn die durchgetakteten globalen Lieferketten verlässlich aufrechterhalten werden sollen.

Dass die weltweite Umstellung auf Segelschiffe kurzfristig gelingen kann, glaubt auch Jorne Langelaan nicht. Er sieht Ecoclipper eher als eine Wette auf die Zukunft. Auf eine Welt, in der die Erderwärmung voranschreitet und in der die öffentliche Meinung irgendwann kippt und Frachtverkehr mittels Schweröl verbrennender Ozeanriesen nicht mehr akzeptiert.

Dass Windkraft dann zur Lösung der Zukunft wird, bleibt aber unwahrscheinlich. „Sie ist bestenfalls als Zusatzantrieb für große Handelsschiffe interessant“, sagt Christian Denso. Derzeit sei LNG (Flüssigerdgas) der sauberste Brennstoff; doch die Zukunft der klimaneutralen Antriebe liege in synthetischen, aus erneuerbaren Energien erzeugten Brennstoffen.

Langelaan sagt, er habe bereits eine Liste mit Kunden, die an Laderaum für die geplanten Routen interessiert seien. Wann der erste Ecoclipper 500 in See stechen wird, hänge davon ab, welche Werft den Zuschlag für den Bau bekomme: „Der Preis dürfte in die Millionen gehen.“ Die laufenden Kosten sollten, so sagt er, eine Million Euro pro Jahr nicht übersteigen. Stemmen will Langelaan die Finanzierung mittels Crowdfunding, in der zweiten Jahreshälfte soll der Bauauftrag erteilt werden. Bis dahin soll seine Firma von zwei auf sechs Festangestellte wachsen, um dann die nötige zwölfköpfige Besatzung für den ersten Törn zusammenzustellen.

Ob sich die Rückkehr der Frachtsegler als realistisch oder als Seemannsgarn erweist, bleibt abzuwarten. ---