Der trügerische Segen der Vollbeschäftigung

Immer mehr Menschen haben Arbeit – aber viele nicht genug, um davon anständig leben zu können. Der britisch-amerikanische Ökonom David G. Blanchflower über die verhängnisvolle Neigung von Regierungen, nur auf hohe Beschäftigtenzahlen zu blicken.





brand eins: Herr Blanchflower, Ihr Buch heißt „Not Working – Where Have All the Good Jobs Gone?“ Was verstehen Sie unter einem guten Job?

David G. Blanchflower: Im Grunde dreierlei: Er sollte unbefristet, sicher und anständig bezahlt sein. Im Idealfall besser bezahlt als der der eigenen Eltern. Das war jahrzehntelang eine Selbstverständlichkeit, aber in den USA befinden sich die Reallöhne auf einem Niveau unter dem von 1975. In Großbritannien liegen sie 4,5 Prozent unter dem, was 2008 bezahlt wurde. Deutschland ist ein bisschen besser dran, aber wirklich gut entwickelt haben sich die Reallöhne in den vergangenen Jahren auch dort nicht. Das Grundproblem ist überall das gleiche: Seit der Wirtschaftskrise von 2008 haben sich Prozesse entkoppelt, die vorher Hand in Hand gingen.

Welche sind das?

Zum einen die Arbeitslosenquote und die Reallöhne: Früher hat eine niedrige Arbeitslosigkeit automatisch zu höheren Löhnen geführt. Das ist logisch, denn wenn Firmen um Angestellte konkurrieren, müssen sie mehr bezahlen. Früher genügte eine Arbeitslosenquote von weniger als fünf Prozent, und die Löhne stiegen stark an. Das passiert nicht mehr. Wir sehen die Arbeitslosenquoten immer weiter fallen, vier Prozent, teilweise drei Prozent – aber die Löhne ziehen nicht an.

Woran liegt das?

An dem zweiten Zahlenpaar, das sich entkoppelt hat: Früher bedeutete eine niedrige Arbeitslosenquote, dass viele Menschen Arbeit hatten.

Und heute?

Die Zahl der Unterbeschäftigten steigt immer weiter. Unterbeschäftigte sind Menschen, die nicht arbeitslos sind, aber auch nicht genug Arbeit haben, um davon gut leben zu können. Das können Kurzarbeiter sein oder Teilzeitangestellte, die gern eine Vollzeitstelle hätten oder 30 statt 20 Stunden pro Woche arbeiten würden. Menschen, die einen Null-Stunden-Vertrag haben, sind in den allermeisten Fällen unterbeschäftigt.

Sie meinen Verträge, in denen gar keine Arbeitszeit festgelegt beziehungsweise garantiert ist. Das ist in Deutschland nicht erlaubt.

Seien Sie froh! In Großbritannien gibt es rund eine Million Menschen, die nicht wissen, wie viele Stunden sie in der nächsten Woche arbeiten – und wie viel Geld sie folglich verdienen werden. Wenn sie Pech haben, ist die Zahl null. Für mich ist das eine moderne Form der Sklaverei.

Wir haben also weniger Erwerbslose, aber auch weniger Beschäftigte, die zufrieden sind mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitsvolumen.

Richtig. Da sich die Regierungen aber ausschließlich auf die Arbeitslosenquote konzentrieren, gehen sie davon aus, dass sich alles prächtig entwickelt. Denn die ist ja niedrig und sinkt weiter. Aber die Frage ist doch: Wenn wir in Ländern wie den USA, Großbritannien, den Niederlanden oder Deutschland wirklich eine Vollbeschäftigung hätten – warum sind dann so viele Menschen verzweifelt, kommen nicht über die Runden mit ihrem Geld, entwickeln Depressionen, wählen rechte Populisten oder fühlen sich von der Gesellschaft zurückgelassen? Und drei Prozent Arbeitslose entsprechen normalerweise Vollbeschäftigung, denn irgendjemand ist immer zwischen zwei Jobs, will oder kann gerade partout keinen annehmen.

In Deutschland wird immer wieder der sogenannte Fachkräftemangel beklagt: Die Unternehmen sagen, es gebe zu wenig gut ausgebildete Arbeitskräfte. Wie geht das mit Ihren Thesen zusammen?

Gar nicht, weil das mit dem Fachkräftemangel nicht stimmt. Wenn der Durchschnittslohn für eine bestimmte Fachkraft 50 Dollar pro Stunde beträgt, eine Firma aber nur 40 Dollar bietet und daraufhin niemanden findet, dann liegt das nicht daran, dass es einen Fachkräftemangel gibt. Wer sich immer wieder über einen solchen Mangel an qualifizierten Mitarbeitern beschwert, aber nichts tut, den kann ich nicht ernst nehmen.

Woran liegt es noch, dass vielerorts die Löhne langsamer steigen, als sie sollten, oder gar sinken?

An mangelnder Mobilität. Es geht um die Frage, ob jemand in der Lage ist, für einen guten Job in eine andere Stadt zu ziehen. Ich habe mit meinem Kollegen Andrew Oswald mehrere Studien dazu durchgeführt. Diese zeigen, dass ein höherer Anteil an Immobilienbesitz dazu führt, dass Menschen nicht so leicht dahin ziehen, wo sie einen besseren Job finden könnten. Das sorgt für einen ineffizienten Arbeitsmarkt, schlechtes Matching zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern – und dadurch zu mehr Erwerbslosigkeit. Was haben Spanien und Griechenland gemeinsam?

Eine hohe Arbeitslosenquote?

Genau. Und eine hohe Eigenheimquote. Beides hängt zusammen. In Deutschland ist die Eigentumsquote vergleichsweise niedrig, die Arbeitslosigkeit auch. Wer zur Miete wohnt, ist mobiler und kann dorthin ziehen, wo es einen Job für ihn gibt. Das ist übrigens auch der Grund, warum Migranten so wertvoll für eine Volkswirtschaft sind: Weil sie noch keine Wurzeln geschlagen haben, gehen sie fast automatisch dort hin, wo sie gebraucht werden.

Was können Regierungen tun, um diese Mobilität bei allen zu erhöhen?

Nicht mehr den Erwerb von Eigenheimen subventionieren, sondern stattdessen das berufsbedingte Umziehen erleichtern. Und den Menschen einen Grund geben, woanders hinzuziehen. Es ist kein Wunder, dass viele der frustrierten Menschen, die für den Brexit oder für Donald Trump gestimmt haben, in Regionen leben, in denen es früher viele Jobs gab und jetzt kaum noch welche: Bergbaustädte, Stahlhochburgen, Kohleregionen. Die bittere Wahrheit ist: Diese Menschen hätten schon lange umziehen müssen, wussten aber nicht, wohin. Und niemand hat ihnen ein Angebot gemacht.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Krise von 2008 noch immer nachwirkt – stärker, als wir alle es wahrhaben wollen. Mit welchen Folgen kämpfen wir denn noch?

John Maynard Keynes hat das, was wir gerade erleben, als die „langen, schleppenden Bedingungen“ eines andauernden „semi-slump“ beschrieben, quasi einer Halb-Rezession. Dieses Zitat stammt von 1930 und damit aus der Phase nach dem großen Crash von 1929, bevor sich dieser zur großen Depression auswuchs. Und wir erleben heute genau das Gleiche: Unmittelbar nach der Krise haben viele Regierungen Konjunkturprogramme aufgelegt, aber dann viel zu schnell damit aufgehört. Die Austeritätspolitik, die zum Beispiel Deutschland seitdem so unnachgiebig verfolgt, verhindert, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

Sie sind also kein Freund der „schwarzen Null“, die bei der deutschen Regierung gerade so beliebt ist?

Nein, denn dieser Sparkurs bremst ja nicht nur die Wirtschaft aus und verhindert, dass Menschen aus der Unterbeschäftigung in gute, stabile Arbeitsverhältnisse gelangen. Er hat in den vergangenen Jahren auch vieles zerstört, was Menschen in einer wirtschaftlichen Krise auffängt – nicht nur in Deutschland, sondern fast überall.

Zum Beispiel?

Soziale Einrichtungen, Gemeinde- und Bürgerzentren, Institutionen, die Menschen, die vielleicht gerade ihre Ersparnisse, ihren Job oder ihr Haus verloren haben, früher unterstützen konnten. Die Resilienz, für die solche Einrichtungen gesorgt haben, also die Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ist in vielen Bereichen weggefallen. Ähnliches gilt für Gewerkschaften: Wenn man nur an den freien Markt glaubt und daran, dass es immer bergauf geht, braucht man sie auch nicht mehr als Schutzmechanismus. In den USA und in Großbritannien sind sie in vielen Branchen bereits verschwunden. In Deutschland noch nicht so sehr, aber auch da haben sie an Einfluss eingebüßt, nicht zuletzt als Folge der Globalisierung. Die Firmen sind durch diese sehr viel mobiler geworden als die Arbeitnehmer. Wenn einer Firma die Bedingungen vor Ort nicht mehr passen, verlagert sie die Produktion eben nach Thailand oder Indien.

Inzwischen ist die Angst der Menschen, dass ihre Arbeitskraft durch einen Roboter oder Algorithmen ersetzt wird, oft größer als die, dass ihr Arbeitgeber in ein Billiglohnland abwandert. Zu Recht?

Ich glaube nicht. Während der industriellen Revolution hatten die englischen Textilarbeiter auch Angst vor den Maschinen und haben sie zerstört. Aber am Ende entstehen durch neue Techniken immer auch neue Jobs, mindestens so viele, wie überflüssig werden. Zur Not muss man den Preis menschlicher Arbeit ein wenig subventionieren, sodass er unter dem eines Roboters liegt. Das mag den technischen Fortschritt oder den Börsenkurs von KI-Unternehmen ein wenig bremsen, aber dafür sind die Menschen zufrieden. Kein schlechter Tausch, finde ich. ---

David G. Blanchflower, 68,
ist Wirtschaftsprofessor am Dartmouth College in New Hampshire, USA. Darüber hinaus ist er für das amerikanische National Bureau of Economic Research (NBER) tätig. Von 2006 bis 2009 war er externes Mitglied des geldpolitischen Ausschusses (Monetary Policy Committee) der Bank of England. Sein Buch „Not Working: Where Have All the Good Jobs Gone?“ ist im Juni 2019 bei der Princeton University Press erschienen.