Das Ende der Maloche

Werden Roboter und künstliche Intelligenz Jobs vernichten? Zunächst ja, doch in 30 Jahren könnten sie die Arbeit und das Leben sehr angenehm machen, sagt das Zukunftsbild „Arbeit 2050“.




• Vielleicht waren diese Fragen noch nie so wichtig wie heute: Wohin führt der technische Fortschritt? Sorgt er dafür, dass uns irgendwann die Jobs ausgehen? Oder schafft er mehr Arbeitsplätze, als er vernichtet? Für wen bedeutet der Fortschritt Fluch, für wen Segen? Festigt er den Zusammenhalt der Gesellschaft, oder treibt er sie auseinander? Sorgt er für sozialen Frieden, oder schafft er mehr Ungleichheit?

Mögliche Antworten liefert das im April 2019 von der Bertelsmann Stiftung präsentierte Zukunftsbild „Arbeit 2050“. Es basiert auf Befragungen von mehreren Hundert Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in verschiedenen Ländern im Rahmen des Millennium Projects * und etwa 30 Workshops in 20 Ländern. Die Zukunftsforscher Cornelia Daheim vom Beratungsunternehmen Future Impacts und Ole Wintermann von der Bertelsmann Stiftung haben daraus drei Szenarien entwickelt: ein apokalyptisches namens „Zukunft der Verzweiflung“. Ein mühseliges, das den Titel „Es ist kompliziert“ trägt. Und das Best-Case-Szenario „Selbstaktualisierungs-Ökonomie“. Der Diskurs um die Zukunft der Arbeit „braucht den langfristigen Blick in die Zukunft“, schreiben die Autoren, „der Blick auf die nächsten zehn Jahre reicht nicht aus“.

Dabei gehe es nicht darum, dass die Szenarien „darstellen (…), was sein wird“, stattdessen zeichnen die Autoren „drei alternative Bilder, wie es werden könnte“. Sie betonen, wie wichtig es sei, die Weichen rechtzeitig zu stellen. Jetzt. Während das Apokalypse-Szenario fast von selbst eintritt, durch Zögern und Festhalten am Altvertrauten, verlangt der Best Case von Wirtschaft und Politik beherzte Entscheidungen. Etwa eine radikale Reform des Bildungssystems – keine Vermittlung von Wissen mit immer kürzerer Halbwertzeit mehr, sondern von Kompetenzen für Kooperation, Kreativität und Problemlösung.

Im Best-Case-Szenario ist ein geschichtlich einmaliger Wandel fast abgeschlossen: Maschinen haben die Arbeit der Menschen ersetzt. „Die Menschheit ist davon befreit, einer Arbeit zum Broterwerb und aus Gründen der Selbstachtung nachgehen zu müssen“, schreiben die Autoren. So wie die industrielle Revolution Muskeln ersetzt hat, soll künstliche Intelligenz geistige Tätigkeiten ersetzen.

Doch was offenbart ein genauerer Blick in das hoffnungsvolle Szenario des Jahres 2050? Welche Entscheidungen waren nötig? Und wie finanziert sich die Utopie vom Hightech-Schlaraffenland?

Die Mehrheit wird selbstständig sein

Arbeitslosigkeit bleibt nach diesem Zukunftsbild bis in die Dreißigerjahre dieses Jahrhunderts in vielen Ländern eine Geißel, ist aber 2050 zumindest statistisch so gut wie nicht mehr existent. Die digitalen Technologien, so die Autoren der Studie, haben „mehr neue Arten von Arbeit geschaffen als alte vernichtet“. Von den weltweit sechs Milliarden Menschen im erwerbsfähigen Alter ist nur noch eine Milliarde fest angestellt (heute rund drei Milliarden), eine Milliarde schlägt sich in der Schattenwirtschaft durch, und eine Milliarde befindet sich „im Übergang zur Selbstständigkeit“. Die restlichen drei Milliarden Menschen sind selbstständig. „Der Begriff der Arbeitslosigkeit hat für die neue Generation der Globals keine Bedeutung mehr“, heißt es in der Studie.

Mit körperlicher Arbeit muss sich dank Automatisierung und Denkmaschinen kaum noch jemand quälen, der Wandel von der auf Erwerbsarbeit fixierten Wirtschaft zur sogenannten Selbstaktualisierungs-Ökonomie ist im Jahr 2050 abgeschlossen. Die Menschen arbeiten nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Beispielsweise als Berater und Freiwillige in großen Agrikultur-Farmen, die Shrimps oder Biomasse für künstliches Fleisch heranzüchten und gleichzeitig CO2 absorbieren.

Doch der Weg dorthin war steil und steinig. Roboter und Algorithmen haben nicht nur repetitive Jobs an Fließband oder Kasse überflüssig gemacht; auch Wissensarbeiter sind zu Millionen von Maschinen verdrängt worden. Es sind nicht mehr die Menschen, die auf der Welt am intelligentesten sind. Dadurch stieg im Krisenjahrzehnt der 2030er-Jahre die Arbeitslosigkeit global auf Rekordhöhe.

Was tun mit dem Heer der Automatisierungs-Verlierer? Viele Regierungen – zuerst in reichen Staaten wie Norwegen oder Golfstaaten wie Bahrain, Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten – griffen in dieser Situation zurück auf Erkenntnisse aus erfolgreichen Pilotversuchen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu Beginn des Jahrhunderts vor allem in Afrika und Asien. Es verführte, anders als von vielen befürchtet, die meisten Bezieher nicht zu Trägheit. Im Gegenteil: Laut der Zukunfts-Studie machten sie klugen Gebrauch von der staatlichen Daseinsprämie, nutzten das Geld für eine bessere Bildung, bauten sich eine kleine Firma auf. „Die Leute verwendeten das Einkommen, um mehr Geld zu verdienen, sie waren gesünder, es gab weniger Kriminalität, Bildungsniveau und Selbst- ständigkeit stiegen.“

Der Mensch wird mit weniger Geld auskommen

Je höher die Arbeitslosigkeit stieg, desto lauter wurde der Ruf nach einem Grundeinkommen. Ein bedingungsloses Weltbürgergeld könnte einen Aufruhr der Modernisierungsverlierer im Keim ersticken. Wer genug zu essen hat, stürmt keine Roboterfabrik. „Die finanziellen Risiken eines Grundeinkommens dürften geringer sein als das soziale Risiko von Millionen Habenichtsen, die herumlungern und durch die Straßen streunen“, so das Szenario.

Doch woher das Geld nehmen für ein Grundeinkommen? Ausgerechnet der Siegeszug der Maschinen ebnete dem Szenario zufolge seiner Einführung den Weg: Ab Mitte der 2030er-Jahre beginnen die Lebenshaltungskosten dramatisch zu sinken. Da die Politik keinerlei Schranken für die Einführung neuer Techniken errichtet hat, erobern sie schnell nicht nur die Fabrikhallen, sondern krempeln auch weite Teile der Infrastruktur um – den Nahverkehr, den Bau, die Abfallentsorgung, die Verwaltung, das Gesundheitssystem, Schulen und Hochschulen, Wasser- und Energieversorgung. In den Städten verkehren kostenlose Robo-Busse und -bahnen sowie Lufttaxis; Wohn-, Büro- und Fabrikgebäude kommen aus dem 3D-Drucker. Roboter bringen Lebensmittel von der Farm direkt in den Haushalt – bei geringen Kosten. Ein globales KI-basiertes Bildungssystem ermöglicht Gratis-Bildung vom Kindergarten bis zur Doktorarbeit, der Einsatz von Robotik verwirklicht die Vision von der kostenlosen Gesundheitsversorgung für alle. Der Mensch kommt also mit viel weniger Geld aus.

Parallel dazu erschließen die Regierungen neue Steuerquellen für das bedingungslose Grundeinkommen. Schlupflöcher werden geschlossen, CO2-Steuern und andere Umweltabgaben drastisch erhöht, eine weltweite Finanztransaktionssteuer eingeführt, die Profite der Internet-Monopolisten kräftig geschröpft. Alles KI-gestützt, damit keiner davonkommt. Allein 18 Billionen Dollar, die weltweit in Steuerschlupflöchern versteckt werden, können so zutage gefördert werden. Nach und nach werden auch Roboter und der Einsatz künstlicher Intelligenz besteuert – eine fast unerschöpfliche Quelle des Wohlstands. ---

* Das Millennium Project ist ein internationaler Thinktank, in dem Experten aus aller Welt ehrenamtlich zusammenarbeiten. Zu den Mitgliedern aus Deutschland gehören neben anderen die Bertelsmann Stiftung, das Fraunhofer-Institut für System- und Innovations- forschung, die Freie Universität Berlin und die Volkswagen AG. Besonders bekannt ist die mehrjährige globale Studie „Zukunft von Arbeit und Technologie 2050“, aus der auch die von der Bertelsmann Stiftung publizierten Szenarien stammen.