Wolf Lotter über den Schwerpunkt

Widerstandsbewegung

Es heißt: Wer die Regeln brechen will, muss sie kennen. Doch was braucht man, um vom Querdenker zum Bessermacher zu werden?





1. Regeln

Wo immer man heute hinkommt, ist von der Veränderung die Rede. Kaum jemand glaubt daran, dass alles so bleibt, wie es ist. Jetzt müsste man langsam mal was machen. In Bewegung kommen.

Doch viele bleiben lieber ganz ruhig, mucksmäuschenstill. Bei der Transformation herrschen, so scheint es, die Spielregeln des Beamten-Mikados, sie wissen schon: Wer sich als Erster bewegt, hat verloren. Beim Transformations-Mikado verliert, wer anfängt. Die alten Regeln und die sie tragende Kultur erzeugen Querulanten, Störenfriede und Gestörte. Es ist Zeit, danach zu fragen, warum das so ist, wozu das führt und was man dagegen tun kann. Der erste Schritt zur Besserung ist die Kenntnis der bestehenden Regeln. Also: Was wird hier überhaupt gespielt?

2. Pferdediebe

Im Jahr 1808 veröffentlichte die literarische Zeitschrift »Phöbus« einen Auszug aus der Novelle „Michael Kohlhaas“ des Dichters Heinrich von Kleist, die im 16. Jahrhundert spielt. Der brandenburgische Pferdehändler Kohlhaas ist mit prachtvollen Rössern auf dem Weg nach Sachsen, wo sie verkauft werden sollen. Doch unterwegs stellen ihn die Schergen des Junkers Wenzel von Tronka – er brauche für die Durchreise einen Passierschein. Da Kohlhaas keinen hat, muss er ihm zwei der guten Reitpferde als Pfand überlassen. In Sachsen angekommen, erfährt er, dass die Sache mit dem Passierschein eine Finte war – und seine als Pfand überlassenen guten Reitpferde für schwere Feldarbeit missbraucht worden sind. Aus edlen Rössern wurden Schindmähren, die keinen Wert mehr haben und mit denen man nirgends mehr hinreiten kann.

Kohlhaas ist wütend, wendet sich an den sächsischen Kurfürsten, doch dann geschieht, was auch die Käufer deutscher Dieselfahrzeuge kennen: Die Macht mauschelt, der Junker von Tronka und der Kurfürst biegen die Sache so, dass Kohlhaas der Geprellte ist. Nachdem seine Frau dem Streit zum Opfer fällt, läuft Kohlhaas Amok. Er stellt eine Söldnertruppe zusammen, brennt die Burg des verhassten Junkers von Tronka nieder und zieht marodierend durchs Land. Unter diesem Druck lenkt der Kurfürst von Sachsen schließlich ein und gestattet einen neuen Prozess. Das Gericht anerkennt schließlich das Unrecht, das Kohlhaas widerfahren ist. Aber wegen seiner Gewalttaten wird er zum Tode verurteilt.

Die Macht ist fein raus, der Störer beseitigt. Allerdings können sich die Mächtigen ihrer Macht nie sicher sein, solange es Leute wie Kohlhaas gibt – und das gilt sogar dann, wenn die sich nicht mehr bewegen können. Kleist beendet seine Novelle mit einer genialen Pointe: Kohlhaas wird prophezeit, wann und mit wem die Dynastie des Kurfürsten untergehen wird. Der Zeitpunkt des Todes und des Untergangs der Macht steht fest. Doch Kohlhaas vernichtet die Beweise dafür noch als Delinquent kurz vor der Hinrichtung und nachdem der Kurfürst von der Prophezeiung erfahren hat. Kohlhaas nimmt also dieses Geheimnis mit ins Grab – und der Kurfürst lebt fortan in ständiger Unruhe und Angst. Er bricht zusammen. Fast schon ein Happy End.

3. Regelbrüche

Thomas Mann hat „Michael Kohlhaas“ die „vielleicht stärkste Erzählung deutscher Sprache“ genannt. Die Geschichte führt Ursache und Wirkung des Unrechts vor Augen. Sie ist eine Aufforderung zum Ungehorsam und gleichzeitig eine Mahnung vor seinen Folgen – die Paradoxie des Regelbruchs. So lesen die einen den Michael Kohlhaas als Revolutionsoper, die anderen verstehen darin das genaue Gegenteil: Widerstand, so die im Sinne des Transformations-Mikados wohl üblichere Lesart, ist zwecklos, ganz gleich ob gegen Regel, Kurfürst oder Management. Das System gewinnt immer.

Diese Denkart ist dem Germanisten und Kohlhaas-Kenner Paul Michael Lützeler aufgefallen, der in seiner klugen Interpretation des Kleist-Stoffes aufzählt, wer sich alles auf den Kohlhaas als Vorbild berufen hat: die Nationalisten des Wilhelminismus, die Nazis und ihre SS, die Kommunisten in ihrem Parteiblatt »Rote Fahne« und schließlich die 68er-Bewegung, die in ihm einen „märkischen Che Guevara“ und „das Idealbild des Super-Republikaners“ sah – mit einem Lebenslauf, der als Handlungsanleitung für die rebellionsfreudige Studentenbewegung perfekt passt, wie Lützeler schreibt. Ob links, rechts oder mittendrin, Kohlhaas, der Querdenker und Widerstandskämpfer, stiftet die Identität für alle, die glauben, sie wären Querdenker und befänden sich im Widerstand zum „herrschenden System“. Das gilt ebenso für die zeitgeistige Politik und den revolutionären Pathos wie für Transformationsarbeiter und Querdenker im Unternehmen. Für alle, die die bestehenden Regeln verändern wollen, weil sie nicht mehr tragen.

Kohlhaas ist ein Transformationsthema, wie es im Buche steht. Kleist hat die Geschichte als Parabel des Widerstands gegen die französischen Besatzungstruppen geschrieben, die im Namen der Revolution und Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit fast ganz Europa besetzt hielten. Kaum je zuvor und danach hat sich die Geschichte der Menschen in Europa so schnell gedreht wie zwischen 1789 und 1815, als die alten Regeln durch neue ersetzt wurden. Auch Kohlhaas lebt in solchen Zeiten, in „jenen Dekaden des frühen 16. Jahrhunderts, als sich der absolutistische Staat zu etablieren beginnt“, schreibt Lützeler. Man steckt zwischen den Regeln des Mittelalters und denen des neuen Staates, der einen totalen Machtanspruch hat.

„Im absolutistischen Staat ist der Selbsthilfe kein Raum mehr gegeben“, so Lützeler. Die aber ist im Mittelalter die übliche „Widerstandspraxis“. Wenn die alten Regeln und ihre Hüter nicht mehr für Gerechtigkeit sorgen können oder sich ihr Handeln als verwerflich herausstellt, dann hat jeder das Recht auf Widerstand. Der Staat der Neuzeit hingegen hat immer recht. Wer ihn infrage stellt, kommt darin um. Im 16. Jahrhundert wird dafür das ideologische Fundament gelegt, das bis heute nachwirkt, etwa von Martin Luther, der „das Widerstandsrecht des Einzelnen grundsätzlich verneint“ und die „Erlaubtheit des Tyrannenmordes verwirft“, wie Lützeler anmerkt. Eine fantastische Wendung: Der Querdenker Luther, der durch das System fast umkommt, erklärt andere Querdenker zu Querulanten.

Wer das für verrückt hält, kennt die Grundregel aller Regelbrecherei nicht.

4. Querulanten

Die ist eine Lektion, die man kennen sollte, wenn man sich daranmacht, die Regeln zu ändern. Es gibt nämlich ein paar Regeln für den Regelbruch.

Die wichtigste lautet: Ganz gleich, wofür man sich hält, für einen Heiligen, einen Neuerer oder Revolutionär, das Urteil treffen andere. Und diese anderen sind die, die in der Organisation und der Gesellschaft das Sagen haben, dort groß geworden sind und von den bestehenden Regeln meist profitieren. Es handelt sich dabei um Leute, die man auch aus der klassischen Literatur kennt, Kurfürsten und Junker, also Führung und mittleres Management, sowie deren Schergen, also der Großteil der restlichen Mitarbeiter, die vom Wohlwollen ihrer Vorgesetzten abhängig sind – und die oft genug keinerlei Interesse an Veränderungen im Unternehmen haben. Der Regelbruch macht also eher einsam, und wer sich beliebt machen will, sollte die Finger davon lassen.

Es gibt schon ein paar Regeln für den Regelbruch.

Und wer die nicht kennt, spielt den Bürokraten und Kleingeistern in die Hände.

Querdenker liegen, das sagt schon der Name, quer zur üblichen Logik der Organisation. Das bedeutet in der Praxis, dass Leute, die sich möglicherweise selbst für eine revolutionäre Avantgarde der Wissensgesellschaft und digitalen Transformation halten, von anderen als Spinner, Störer und Querulanten gesehen werden. Vor allen Dingen Letzteres ist gefährlich, und das ist amtlich.

Zu Lebzeiten Kleists, im Jahr 1793, entstand in der „Allgemeinen Gerichtsordnung für die Preussischen Staaten“ ein Paragraf gegen „diejenige Partheyen, welche sich der vorgeschriebenen Ordnung nicht unterwerfen“ und „Collegia und Vorgesetzte“ – „offenbar grundlos und widerrechtlich (…) belästigen“. Wer also wiederholt Widerworte gibt, weil er meint, im Recht zu sein und der Rest der Truppe nicht, gilt von rechtswegen als „muthwilliger und boshafter Querulant“, dem man den Prozess machen soll.

Natürlich gibt es Spinner, Nervensägen, Verschwörungstheoretiker. Doch wer Neues und Alternatives denkt, ist eben von Haus aus Außenseiter. Behandelt man solche Leute grundsätzlich als Verrückte, ist man reaktionär im Wortsinn. Man unterstellt der Veränderung und den Veränderern irre zu sein. Und davon wird rücksichtslos Gebrauch gemacht, wenn man sich Kritiker und Regelbrecher vom Leibe halten will.

In totalitären Systemen, den alternativlosen Welten, wandern Andersdenkende meist ins Zuchthaus, sie werden kriminalisiert, ganz so, wie es die alte preußische Gerichtsordnung hergibt. Der Nachteil dieser Methode ist allerdings, dass das Unrecht offensichtlich ist. Subtiler und wirkungsvoller ist es, Querdenker und Regelbrecher zu Spinnern zu machen, sie zu pathologisieren. In Diktaturen landet man damit im Irrenhaus, in Organisationen abseits der Wahrnehmungsgrenze. Dass Andersdenkende spinnen, davon gehen die Etablierten aus, denn sonst würden solche Leute ja kaum gegen die Mehrheit und das Management anschwimmen. Querdenker sind also Gestörte.

Der Psychoanalytiker Arno Grün, der stets die Bedeutung des Querdenkers für Innovation und Vielfalt betonte, hat das im Jahr 1998 in einem Interview mit der Wochenzeitung »Die Zeit« auf den Punkt gebracht: „Wer an den Hebeln von institutioneller Macht sitzt (…), sagt sich ab einem bestimmten Moment: „Weg mit unbequemen Leuten! Aufräumen mit Hirngespinsten! Sauberen Tisch machen mit Querulanten!“ Die „Technokraten ohne Mitgefühl“ seien überall, so Grün, einer der bedeutendsten Fürsprecher für Autonomie und Selbstbestimmung im 20. Jahrhundert. Aber die Regelbrecher, Querulanten, „Provokateure und Nestbeschmutzer“, so Grün, wären unerlässlich für jede Veränderung. Und sie weisen die Machthaber auf etwas hin, was ihnen grundsätzlich missfällt: dass sie infrage gestellt werden können.

5. Die böse, böse Systemfrage

In Transformationszeiten wird das klar erkennbar. Für die Führung ist das ein Dilemma. Es muss sich was ändern, ohne dass sich im System etwas bewegt, die alte Mikado-Geschichte also. Man fordert die Mitarbeiter auf, die Regeln zu brechen, Alternativen zu ersinnen. Jahrzehntelang haben die Organisationen sich Menschen gesucht, die „gut zu ihnen passen“, also konformistisch sind. Und nun fordern sie diese Konformisten auf, anders zu sein und die Regeln zu brechen, jedenfalls ein ganz kleines bisschen, ah, Vorsicht!, das war jetzt schon zu viel, soll das etwa Kritik an unserer Führung sein?

So war das nicht gemeint, ihr Querulanten! Wenn ihr querdenkt, dann sollen dabei neue Produkte und Dienstleistungen rauskommen! Mehr kreatives Gleiches, nicht etwas grundsätzlich anderes! Es geht, um es kurz zu machen, um simple Effizienz, Optimierung, nicht etwa um andere Regeln und Bedingungen. Diese Transformation ist also eine Mogelpackung, ein Trick, um mehr aus den Leuten rauszuholen und dabei alles beim Alten zu lassen.

Schlecht für die Kurfürsten, dass das „die Leute“ immer öfter merken: „Querdenken bei inhaltlichen Themen ist oft erwünscht“, schreibt eine Frau auf Twitter, „Aber auf keinen Fall oder selten bei Struktur oder Prozessen.“ Ein anderer Diskutant in den sozialen Netzwerken beschreibt das so: „Mal Hand aufs Herz: Niemand will einen echten, permanenten Querdenker. Gesucht werden selektive Querdenker, die nur bei einzelnen Themen querdenken, oder situative Querdenker, also Personen, die in bestimmten Momenten querdenken. Beides ist leichter zu steuern.“

Nun führen diese Pseudo-Querdenkereien zu Pseudo-Lösungen, Pseudo-Innovationen und Pseudo-Realitäten. Das ist schon in ruhigeren Zeiten so, beschleunigt sich aber unter dem Druck der Transformation ganz erheblich. Wo über den Regelbruch nur geredet wird, also bloß eine Simulation der Veränderung stattfindet, verhärten sich allmählich die Fronten. Denn die Angepassten hören nicht auf, sich anzupassen, nur weil jemand sie zum Gegenteil ermuntert. Die meisten Konformisten sehen sich selbst nicht so. Sie denken weder anders noch vor, aber sie glauben, es zu tun.

Jungsein war immer die Garantie für angewandten Regelbruch.

Doch geistige Stubenhocker gibt es in allen Altersklassen.

6. Konformisten

In solchen Fällen heißt es gern: Lasst doch mal die Jungen ran! Die sollen den Alten, den Etablierten, den Angepassten den Marsch blasen. Jungsein war immer die Garantie für angewandten Regelbruch. Revolutionäre, Veränderer, Querdenker sind immer frisch, flott und fit. Doch in der Wissensgesellschaft läuft das ein bisschen anders. Know-how und die Fähigkeit zum Selberdenken geben hier die innere Spannkraft. Und geistige Stubenhocker gibt es in allen Altersklassen.

Bernhard Heinzlmaier, Jugendforscher in Hamburg und Wien und Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens T-Factory, weiß das gut. „Wir leben im Zeitalter des Konformismus, und der betrifft eben auch die Jungen“, sagt er. Natürlich gebe es selbstbewusste Veränderer, die man sehr stark wahrnimmt, aber auch und wenig öffentlichkeitswirksam „sehr viele Angepasste, wenngleich den Angepassten das gar nicht so richtig bewusst ist“. Dass es für die Betroffenen und viele Beobachter anders aussieht, liege daran, dass es, so der Jugendforscher, „kein Konformismus der Regeln ist, bei dem man also genau das tun würde, was Vorschrift ist oder ,das System‘ vorgibt. Der neue Konformismus geht nach innen, in die Gruppe. Man richtet sich an seinem eigenen sozialen Milieu aus.“

Das ist eine Art neuer Stammesgesellschaft, bei der man sich – siehe Bubbles und Peergroups – unablässig selbst bestätigt und das, was man in der engeren Umgebung sagt und denkt, für einzig richtig und wahr hält: „Viele Jugendliche zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Welt in Freunde und Feinde unterteilen. Entweder du gehörst zu meiner Gruppe, oder du bist mein Feind. Alle anderen werden erbarmungslos „gedisst“. Das sind, so Heinzlmaier, „unabhängig davon, wo sie sich selbst politisch verorten, alles Identitäre“.

Dabei entstünden neue Stammesgesellschaften, deren Mitglieder aber nicht etwa deshalb so fixiert auf die eigene Blase seien, weil sie alles glaubten, was dort behauptet wird: Wenn man genauer nachfrage, sagt Heinzlmaier, ergebe sich ein Bild, bei dem „durchaus pragmatische Nützlichkeitserwägungen im Vordergrund stehen. Man wird zum Mitläufer, weil es einem nützt.“

Mitlaufen und Mitmachen schlägt Eigeninitiative. Das sei der Zeitgeist, und er präge auch die sozialen Milieus, die man einst „Mitte“ nannte, weiß Heinzlmaier. Es finde ein Re-Grounding statt, ein Festklammern auf dem vermeintlichen „Boden der Tatsachen“, das, was einem sicher und fest erscheint.

Querdenker und Regelbrecher hätten alles andere als einen leichten Stand. „Sie gelten in den neuen konformistischen Milieus als Schädlinge, als Feinde, geradezu als Verräter.“ In einem Interview, bei dem ein Proband gefragt wurde, ob es denn nicht gut sei, auch die Meinung anderer zu hören und sie mit der eigenen abzuwägen, bekam Heinzlmaier die Antwort, das sei Unsinn, denn „im Krieg kann man ja auch nicht die Fronten jeden Tag wechseln“.


Wir leben im Zeitalter des Konformismus.

7. Selbstbestimmt

Optimismus ist gut, wenn er nüchtern bleibt und die Realität erkennt. Zweckoptimismus macht sich leicht etwas vor. Nein, die Menschen sind nicht alle gleich begeistert von einer Welt der Vielfalt und Offenheit. Nein, die Ambiguitätstoleranz, die Fähigkeit, nicht mehr schwarz-weiß, sondern bunt zu denken, lernt niemand über Nacht. All das ist harte Arbeit, die leichter fiele, wenn unsere Kultur darauf vorbereiten würde. Niemand hat hier gelernt, mit Vielfalt umzugehen, auch wenn das oft behauptet wird.

Politik, Ideologie, Religion – sie alle bauen immer noch zu sehr auf dem Glauben an unverrückbare Regeln. Und in der Folge Menschen und Gesellschaften auch. Das Selbst- bewusstsein, dass jeder Regeln selbst mitgestalten kann, entwickelt sich erst. Zu wenige haben etwas anderes gelernt, als sich an die Regeln zu halten oder sie heimlich zu umgehen. Regelbrecher müssen selber denken. Selber-Denken ist das Gegenteil von Konformismus, und es ist das einzige Gegengift gegen das Festklammern und Stehenbleiben. Regelbrecher müssen aber nicht nur wollen, sondern auch können: „Wer die Regeln brechen will, muss auch in der Lage sein, neue, für andere nachvollziehbare und bessere an ihre Stelle zu setzen“, sagt Heinzlmaier.

Und das verlangt Menschen, die den Mut und die Geduld haben, Veränderung nicht mit dem Holzhammer, sondern mit dem Hirn voranzubringen.


Man braucht Reserven, wenn man etwas verändern will.

8. Die Wildente

Das führt wie von selbst zum Mathematiker und Buchautor Gunter Dueck. Der ehemalige Chief Technology Officer von IBM Deutschland ist vielleicht der bekannteste, wahrscheinlich profilierteste Querdenker des Landes. Das hat viel mit seiner Rolle im Management des großen IT-Konzerns zu tun. Dueck galt dort nicht nur intern als Querdenker vom Dienst, und wer ihn dabei erlebt hat, weiß, dass das nie bloß eine Rolle war, sondern heiliger Ernst. Dagegen kann weder fremde noch eigene Ironie etwas ausrichten, wie man an seinem Spitznamen sieht, wild duck, die Wildente. So nannte man ihn, so nannte er sich selbst bei IBM. Eine Wildente ist kein zahmes Haustier, das man so einfach domestizieren kann, und nicht wenigen seiner Kollegen im Management ging das gewaltig gegen den Strich. Seit August 2011 ist Dueck bereits bei seinem ehemaligen Arbeitgeber in Rente – doch seine Nachwirkungen sind für alle, die dort und anderswo nach neuen und besseren Regeln suchen, allgegenwärtig.

Wie macht man das, Herr Dueck? Wie kriegt man es hin, nicht als Querulant in Rente zu gehen, sondern als Vorbild für Veränderer? Frisst die Revolution nicht immer ihre Kinder? „Ja, wenn sich die auf die Revolution nicht anständig vorbereiten, dann ist das so“, meint Dueck. Es braucht, wie es im Titel eines seiner Bücher heißt, „professionelle Intelligenz“, um die Regeln zu brechen und neue, bessere an ihre Stelle zu setzen: „Das System wird von Profis gestaltet, und deshalb müssen die, die das System verändern wollen, auch professionell denken und handeln.“ Mit Romantik und einer Politik der Gefühle hat das nichts zu tun. Sondern mit Sachen, die fast ein wenig langweilig klingen: „Die meisten Regelbrecher achten nicht auf ihre Ressourcen“, sagt Dueck, „sie verausgaben sich. Aber man braucht Reserven, wenn man etwas verändern will. Sonst geht einem schlicht die Luft aus, und dann tut sich erst mal gar nichts.“

Wer nun glaubt, dass Dueck den Regelbrechern und Querdenkern empfiehlt, einen Guerillakrieg gegen „das System“ zu eröffnen, der irrt sich. Im Gegenteil: „Man muss keinen Krieg gegen die Regeln führen, das ist ja Quatsch. Man muss die Regeln ehren. Man muss sie respektieren. Auch und gerade dann, wenn man sie nicht einhalten will.“

Das bedeutet beispielsweise, dass man nicht tut, was die in Gruppen gefangenen Konformisten machen, also nur ihre Regeln leben lassen und die der anderen verachten. Die anderen, die Manager, Kollegen, die Ordnungshüter, sind nicht der Feind. „Man muss offen sagen können, was man anders machen möchte, warum man – wohlüberlegt – eine alte Regel gegen eine neue ersetzen möchte. Alles andere ist schlichtes Querulantentum, das zu nichts führt und mit dem man einfach an den Rand gedrängt wird. Dadurch zeigt man auch, dass man beim Regelbruch Verantwortung trägt – und zwar eine ganze Menge. Ich mache das nicht hintenrum.“

Er habe, erzählt Dueck heiter, in seiner IBM-Zeit einen eigenen Ordner gehabt, in dem er alle seine Regelverstöße und Vorschriftswidrigkeiten penibel dokumentiert habe. Dadurch war stets nachvollziehbar, warum eine Regel gebrochen wurde – und dass das durchaus im Sinn der Organisation war. „Regeln brechen soll man offen, denn jeder Profi in der Organisation hat eine Widerstandspflicht, wenn er auf Unsinn stößt. Man muss darauf hinweisen und zeigen, dass es anders und besser geht.“ Die Sache mit der Transparenz hat auch den Vorteil, dass der Querdenker und Regelbrecher kein Einzeltäter mehr sein muss, kein einsamer Wolf, der gegen den starrsinnigen Rest kämpft. Es gibt, vielleicht, auch andere, die es anders sehen, „und dann kommt man auch mit den Ressourcen und der Energie besser zurecht, die man braucht, um gegen den Strom zu schwimmen“, sagt Dueck. Vielleicht, sagt er lachend, müssten die Querdenker eine Art „Querulanten-Gewerkschaft“ gründen, aber eine, bei der es nicht darum gehe, stur recht zu behalten, sondern bessere Veränderung voranzubringen. Auch hier gelte dann uneingeschränkte Widerstandspflicht gegen alles, was der Verbesserung der Sache im Wege steht.

Die Widerstandspflicht, von der Dueck spricht, ist auch ein Zeichen des „Respekts vor den Kollegen und dem Management und der Organisation. Sie sind mir, sie ist mir nicht egal. Man macht keine Revolution der Revolution wegen, sondern aus guten Gründen. Und wenn man die mal erkannt hat, hat man auch keine andere Wahl.“

Was Dueck über die Regeln zum richtigen Regelbruch sagt, können sich nicht nur Unternehmen und Manager ins Stammbuch schreiben, sondern auch alle Insassen der Bubbles und geschlossenen Anstalten, die im Konformismus entstanden sind. Es gilt erst recht für die Rolle der Zivilgesellschafter in Rechtsstaat und Demokratie. Wer sieht, dass eine Regel falsch ist, muss sie mit einer neuen, besseren brechen. Erkennen, verstehen, verändern.

Das sind die Spielregeln für jede Bewegung.