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Studentendorf Schlachtensee

Die Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee, einst gegründet zur Rettung eines denkmalgeschützten Berliner Gebäude-Ensembles, hat in den 16 Jahren ihres Bestehens mehrere Häutungen durchlebt. Jetzt steht sie wieder einmal vor der Sinnfrage.




• Jens-Uwe Köhler zögert einen Moment, ob er das so sagen darf. Aber dann ruft Andreas Barz ihm zu: „Ist doch Schnee von gestern.“ Also sagt er es doch: „In dem Moment, als ich für unsere Genossenschaft den Kaufvertrag für das Studentendorf unterschrieb, wusste ich, dass wir eine völlig neue Finanzierungsidee aus dem Ärmel schütteln mussten. Die ursprüngliche war kurz zuvor, nun ja, obsolet geworden.“

Jahrelang hatten sie gekämpft, gegen die Abrissbefürworter im Senat, gegen Neubaupläne von Investoren, gegen das große Geld und gegen die eigenen Zweifel, die sie überkamen, wenn sie vor den maroden Häusern standen, in denen kaum noch jemand wohnte. Und nun, Anfang Januar 2004, hatte ihre Genossenschaft dem Berliner Senat das Objekt des Kampfes tatsächlich abgetrotzt: das berühmte Studentendorf Schlachtensee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf im Südwesten Berlins. Es gehörte jetzt ihnen, den Spinnern, den Rebellen, die anfangs keiner ernst genommen hatte. Der Kaufpreis: zehn Millionen Euro.

Allerdings hatten sie einen Pyrrhussieg errungen. In Händen hielten sie zwar den Kaufvertrag für das denkmalgeschützte Ensemble aus 28 Gebäuden mit Studentenbuden auf gut fünf Hektar Grund und Boden, aber sie bekamen nicht einmal das Geld für die Grunderwerbsteuer zusammen. „Wir gingen sofort zum Finanzamt und haben die Hosen runtergelassen“, erzählt Jens-Uwe Köhler, Gründungsmitglied und heute Finanzvorstand der Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee e G. 160 000 Euro waren unmittelbar fällig. „Entweder Sie schicken uns jetzt sofort zum Insolvenzrichter“, sagten die Genossen dem Beamten. „Oder Sie geben uns eine halbe Stunde Zeit, und wir erzählen Ihnen, was wir vorhaben.“ Am Ende des Gesprächs hatten sie eine Stundung der Steuerschuld ausgehandelt.

Köhler wird heute noch schwindlig, wenn er an die eine oder andere Episode des finanziellen Hochseilaktes zurückdenkt. Aber schließlich ging es nicht um irgendein abgerocktes Studentenwohnheim, sondern um eines der bedeutendsten architektonischen Zeugnisse der Nachkriegsmoderne auf Berliner Boden. Die von den Architekten Hermann Fehling, Daniel Gogel und Peter Pfankuch entworfenen ein- bis dreigeschossigen Gebäude, zwischen 1957 und 1964 gebaut, waren ein Geschenk der Vereinigten Staaten, eine Art baulicher Beitrag der Amerikaner zur demokratischen Erziehung der künftigen akademischen Elite der jungen Bundesrepublik. Mit ihrer luftigen und offenen Architektur sollten sie zu Austausch, Toleranz und demokratischem Handeln anregen. Lose und scheinbar ohne Ordnung gruppierten sich die Wohngebäude um einen Platz mit Rathaus, Laden (heute Kita) und Bibliothek (heute Learning Lounge). Alles war auf gemeinschaftliches Wohnen angelegt. Nicht in den winzigen Buden mit Einbauschrank, Bett, an der Wand befestigtem Schreibtisch und Wandregal sollte sich das studentische Leben abspielen, sondern in großen, mit gläsernen Wänden versehenen Gemeinschaftsküchen. Die Flure waren mit 70 Zentimetern Breite so schmal, dass man nicht aneinander vorbeikam, ohne sich in die Augen zu schauen.

Flankiert wurde die „gebaute Demokratie“ von einem ambitionierten – und nie verwirklichten – „Beteiligungskonzept“ mit Dorfrat, Bürgermeister, Arbeitskreisen, Haussprechern und verschiedenen Ausschüssen. Das Dorf bot Wohnraum für etwa 900 Studenten; im November 1959 zogen die ersten ein. In den Siebzigerjahren kamen noch einmal vier Häuser für Wohngemeinschaften hinzu.

Christa Markl-Vieto war gerade 19, als sie 1972 aus München nach Berlin kam und im Studentendorf landete. „Ich habe die erste Zeit schwarz gewohnt“, erzählt sie, „irgendwie stand in Haus 12 gerade ein Zimmer leer.“ Die heutige Aufsichtsratsvorsitzende der Genossenschaft erinnert sich noch gut an jene Zeit. Alles war mit Politik durchtränkt. Viele Studenten aus dem Ausland bevölkerten in den Siebzigerjahren das Dorf, in den Gemeinschaftsküchen wogten die Diskussionen hin und her. Über die Ermordung Oppositioneller nach dem Militärputsch in Chile war Christa Markl-Vieto bald genauso im Bilde wie über den Kriegsverlauf in Vietnam oder die Situation politisch verfolgter Iraner unter dem Schah-Regime.

Stadtvillen statt Studentenbuden? Nein!

Allerdings befand sich das Dorf spätestens Anfang der Achtzigerjahre in bedenklichem Zustand. Rost und Schimmel hatten sich ausgebreitet, Fenster und Dächer waren undicht geworden, die Bäder, in denen sich 20 Bewohner zwei Duschen teilen mussten, ein Trauerspiel. Obwohl die Fünfzigerjahre-Bauten bereits seit 1991 unter Denkmalschutz standen, beschloss der Berliner Senat im Jahr 2000 den Verkauf des Grundstücks. Nur fünf Häuser sollten stehen bleiben. Der Grund und Boden im noblen Schlachtensee erschien den politischen Entscheidungsträgern viel zu wertvoll für profane Studentenbuden. Stadtvillen für Besserverdiener sollten auf dem Gelände entstehen.

Gegen die Abrisspläne regte sich sofort Widerstand aus den Reihen der damaligen Bewohner. Sie wollten weder das architektonische Erbe noch den billigen Wohnraum preisgeben. Jens-Uwe Köhler, der damals an der Freien Universität Germanistik studierte und im Dorf wohnte, zählte zu jenen Aktivisten der ersten Stunde, die einen „Freundeskreis“ gründeten und den Protest organisierten. „Wir wollten dieses Dorf als Demokratie- und Wohnort für junge Menschen aus aller Welt erhalten“, sagt er. „Darum geht es eigentlich bis heute.“

Kräftig befeuert wurde der Widerstand von dem Architekten Hardt-Waltherr Hämer. Der Mann mit dem knarrend-deutschen Vornamen, der in den Achtzigerjahren große Teile Berlin-Kreuzbergs vor der Kahlschlagsanierung bewahrt hatte, Volkstribun und Revoluzzer, polternder Querkopf und fröhlicher Antikapitalist, wurde, obwohl schon fast 80 Jahre alt, zur Gallionsfigur im Kampf für den Erhalt des Studentendorfs, zum stimm- und wortgewaltigen Lautsprecher der Kampagne. „Hier wird gar nichts abgerissen!“, rief er, mit seinem Krückstock wedelnd, den lokalen Politgrößen auf Versammlungen entgegen. „Dieses Studentendorf ist ein Schatz, den die Stadt zu hüten hat.“ Und im Freundeskreis wurde ein kühner Gedanke geboren: „Wir kaufen das Dorf.“

Nachdem sich die Zeitungsberichte über den Kampf gegen den Abriss gehäuft hatten, sprang der verunsicherte Stadtvillen-Investor ab. Da andere Interessenten nicht in Sicht waren, geschah das fast Unvorstellbare: Der Senat gab dem Freundeskreis ein halbes Jahr Zeit, ein tragfähiges Konzept für die Übernahme des Dorfes zu entwerfen. Als Schnäppchen sollten die widerborstigen Studentendörfler die Immobilie allerdings nicht bekommen. „Zehn Millionen Euro und keinen Cent weniger“, dekretierte der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD).

Ein den Studenten wohlgesonnener Finanzberater kam auf die Idee mit der Genossenschaft: Für Anteile an Wohnungsbaugenossenschaften konnte man nach damaliger Gesetzeslage eine Eigenheimzulage in Anspruch nehmen. Erwarb beispielsweise ein Vater von zwei Kindern Genossenschaftsanteile, erhielt er dafür acht Jahre lang die Eigenheim- sowie eine Kinderzulage. Wäre der Freundeskreis eine Genossenschaft, müsste man nur genug Eltern von Studentendorf-Bewohnern den Kauf von Anteilen in Höhe von mindestens 5113 Euro schmackhaft machen – und schon wäre ein guter Teil des Kaufpreises beisammen. Der Freundeskreis verpuppte sich – und aus der Hülle schlüpfte im September 2002 die Genossenschaft Studentendorf Schlachtensee.

Die Gründung fiel in eine Zeit, als die genossenschaftliche Idee in Deutschland den zögerlichen Beginn einer Renaissance erlebte. Zuvor galt sie als Auslaufmodell. Die Zahl solcher Kooperationen war von 1950 bis 2000 von 28 000 auf 9000 zurückgegangen. Es war die große Zeit der Börseneuphorie; wer etwas auf sich hielt, stimmte das Credo des Shareholder Value an und versuchte sein Glück als Aktionär. Genossenschaften erschienen wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten.


Man soll sich begegnen: ein gewollt schmaler Flur in einem der Wohnhäuser; Jens-Uwe Köhler auf dem Balkon des Gemeinschaftshauses; Ein Platz zum Essen und Diskutieren: Gemeinschaftsküche im Haus 4; Baum vor dem Gemeinschaftshaus

Was als altbacken galt, ist nun Kulturerbe

Mit dem Platzen der Dotcom-Blase, dem Scheitern vieler Träume vom schnellen Geld und der aufziehenden Krise des globalen Kapitalismus begann eine Rückbesinnung auf die alten Prinzipien: Mitbestimmung, Selbstverwaltung und Solidarität. Die zur Jahrtausendwende einsetzende genossenschaftliche Gründungswelle ist bis heute nicht verebbt. Allein zwischen 2005 und 2016 formierten sich in Deutschland 2648 neue Kooperativen. Im vergangenen Jahr nahm die Unesco die Genossenschaften sogar in ihre Liste des immateriellen Weltkulturerbes auf – für Theresia Theurl, die Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, ein Anerkennen, „dass die gemeinsame Übernahme von Verantwortung ein wesentlicher Aspekt der Menschheitskultur ist“.

Der genossenschaftliche Gründungsmythos, der nie besser zum Ausdruck gebracht wurde als in Friedrich Wilhelm Raiffeisens berühmtem Satz „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“, schrumpft im Studentendorf Schlachtensee zunächst zur verzweifelten Suche nach finanziellen Mitteln. „Wir brauchten sehr schnell sehr viel Geld“, sagt der Stadtplaner Andreas Barz, der die Kooperative seit 14 Jahren führt. „Die Genossenschaftsgründung war anfangs rein finanziell motiviert. Wir dachten nicht an Raiffeisen, große Ideen und hehre Ideale, sondern an die Kaufpreisbelastung und die immensen Kosten für die Erneuerung der heruntergekommenen Gebäude.“

Allerdings war spätestens bei Abschluss des Kaufvertrags klar, dass das geplante Finanzierungsmodell ein Flop war. Gerade mal zehn statt wie erhofft einige Hundert Anleger hatten sich von der Aussicht auf die Eigenheimzulage überzeugen lassen und Anteile erworben.

Gerettet hatten die Aktivisten ein fast entvölkertes Dorf im fortgeschrittenen Stadium des Verfalls. Der Sanierungsbedarf lag, vorsichtig geschätzt, bei 25 Millionen Euro. Bei Abschluss des Kaufvertrags wohnten nur noch 20 Studenten – zu einer Miete von 160 Euro im Monat – in den Häusern. Die Einnahmen langten nicht mal für den laufenden Betrieb.

Erst jetzt, als die Genossenschaft und mit ihr das Studentendorf ums Überleben rang, entfaltete sich der solidarische Geist. Die Genossen, damals 50, 60 Leute, darunter etliche, die in der Stadt Rang und Namen hatten, nahmen den Kampf auf. Die einen rückten mit sonnengelber Wandfarbe, Sanitärleitungen, Putz und Maurerkelle an, machten ein Haus nach dem anderen wenigstens halbwegs bewohnbar. Ehemalige Landeskonservatoren und Kunsthistoriker verfassten Gutachten und knüpften Kontakte zur Denkmalpflege. Christa Markl-Vieto, damals Abgeordnete der Grünen in Steglitz-Zehlendorf, bearbeitete die Bezirksparlamentarier so lange, bis sie sich einmütig für den Erhalt des Studentendorfes aussprachen. Andere sprachen bei Banken und Stiftungen vor oder sondierten die Angebote der Baufirmen. Und über allem schwebte der bestens vernetzte Architekt Hämer. In Berlin bekannt wie ein bunter Hund, ließ er seine Beziehungen spielen und setzte sämtliche Hebel in Bewegung.

Niemanden störte es, dass die Kooperative in Schlachtensee es mit der originären genossenschaftlichen Idee nicht so genau nahm. Üblicherweise fördert eine Genossenschaft die Interessen ihrer Mitglieder und verschafft ihnen einen wirtschaftlichen Vorteil. Genossenschaftliche Banken offerieren ihren Mitgliedern besonders günstige Konditionen; die Mieter einer Wohnungsbaugenossenschaft sind vor drastischen Mietsteigerungen geschützt und genießen lebenslanges Wohnrecht.

Beim Studentendorf Schlachtensee ist das anders. Der Einsatz der Genossenschaft für ein „interkulturelles, dialogorientiertes und demokratisch verfasstes Zusammenleben von Studierenden und jungen Wissenschaftlern aus aller Welt“, wie es in der Satzung heißt, kommt nicht den Mitgliedern zugute, zumindest nicht im materiellen Sinne, sondern fördert das studentische Gemeinwohl – „durch Bereitstellung qualitativ anspruchsvoller und bezahlbarer Wohn- und Gemeinschaftsräume“.


Dass es das Dorf noch gibt, liegt auch an dem verstorbenen Architekten Hardt-Waltherr Hämer 

In den neuen Räumen ist die halbe Welt zu Hause

Mit dieser Modifikation der genossenschaftlichen Sinnbestimmung zählt die Kooperative zu den Vorreitern eines neuen, zivilgesellschaftlich motivierten Genossenschaftstyps. Gemeinwesenorientierte Genossenschaften betreiben mittlerweile Dorfläden, Schwimmhallen, Kneipen, Kinos, Bürgerhäuser, Busse, Kitas und Nachbarschaftstreffs. 15 Prozent der seit 2006 gegründeten Genossenschaften fallen in diese Kategorie.

Die finanzielle Situation der Studentendorf-Genossenschaft besserte sich schlagartig, als sie zwei Grundstücke am Rand des Areals an Aldi und an einen Investor verkaufte, der dort den Bau von Eigenheimen plante. 5,3 Millionen Euro, gut die Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises, flossen in die Kasse der Genossenschaft. Für die dringend nötige Generalsanierung der Gebäude reichte das allerdings noch immer nicht.

Das änderte sich erst fünf Jahre später, als die Eigentümer ihr Dorf – sogar mit einem kleinen Gewinn – an eine anthroposophisch ausgerichtete Schweizer Pensionskasse verkaufte und dann für eine Laufzeit von 99 Jahren zurückpachtete. Die Genossen waren nun nur noch Betreiber und Vermieter des Dorfes. Aber sie hatten endlich das Geld für eine grundlegende Erneuerung.

Mittlerweile sind 17 der 24 denkmalgeschützten Altbauten instand gesetzt. Jetzt gibt es nicht mehr nur Zehn-Quadratmeter-Buden, sondern auch Apartments mit eigenem Bad sowie Wohngemeinschaften, in denen drei Studenten sich Küche und Bad teilen. 18 Millionen Euro sind bis heute in die Sanierung geflossen. Das meiste davon wurde über Kredite finanziert; knapp drei Millionen erhielt die Genossenschaft aus Fördertöpfen. In den sanierten Häusern liegen die Warmmieten jetzt bei 365 Euro für die Zehn-Quadratmeter-Zimmer.

Auch nach der Erneuerung, da hat Jens-Uwe Köhler keinen Zweifel, hält „die gebaute Architektur den Gründungsgedanken fest“. Für die Architekturzeitschrift »Bauwelt« ist das „immer wieder neu auszubalancierende Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Selbstbestimmung und Mehrheitsprinzip“ bis heute das Leitthema das Dorfes. Der polit-pädagogische Ansatz der Nachkriegszeit mag passé sein, aber: „Der edukative Gedanke spielt sich jeden Tag in den Küchen ab“, sagt Köhler. „Wenn zehn Leute sich eine Küche teilen, müssen sie ständig aushandeln, wer einkauft, wer kocht, wer aufräumt und wer sauber macht.“ Das Studentendorf hat 937 Bewohner aus 97 Nationen. „Die halbe Welt ist hier zu Hause“, sagt Andreas Barz. „Eigentlich ein Traumort.“

In Kürze beginnt die Sanierung der WG-Häuser aus den Siebzigerjahren. Wenn in sechs, sieben Jahren die letzten Bauarbeiter abrücken, wird die Genossenschaft 30 bis 32 Millionen Euro für die Erneuerung des Dorfes ausgegeben haben. Auf einem der Dächer hätte Barz gern ein kleines Schwimmbad gesehen, aber da spielt die Statik nicht mit.

In der Zwischenzeit haben Andreas Barz und Jens-Uwe Köhler die einst als Anti-Abriss-Bewegung gegründete Genossenschaft bereits ihrer nächsten Häutung unterzogen. 25 Kilometer östlich von Schlachtensee, auf dem naturwissenschaftlichen Campus der Humboldt-Universität, betreibt die Genossenschaft seit vier Jahren das Studentendorf Adlershof mit aktuell knapp 400 Bewohnern. Die Schlachtenseer Kooperative war die Brutstätte des Konzeptes. Das finanzielle Risiko des Baus übernahmen allerdings andere, allen voran jene Schweizer Pensionskasse, der auch das Dorf in Schlachtensee gehört.

Adlershof sei vom gleichen Geist getragen wie Schlachtensee, sagen die Genossen. Die Satzung erlaubt ihnen mittlerweile, „Beherbergungsstätten für akademisches Wohnen aller Art“ zu entwickeln, „die sich in Bau und Funktion an der Symbolik des Studentendorfes Schlachtensee orientieren“. Die „Wohnlandschaften“ in den dreigeschossigen Adlershofer Bauten bieten auf jeder Ebene 13 Zimmer mit Bad, aber auch große Räume für gemeinschaftliches Wohnen und Kochen.

Der Schritt nach Adlershof hat in der Genossenschaft für Diskussionen gesorgt. Warum sollen wir uns um Studenten am anderen Ende der Stadt kümmern, fragten jene, denen das Biotop Schlachtensee als Betätigungsfeld reichte. Andere träumen von der Metamorphose zu einer Kooperative, die weit über Schlachtensee hinausstrahlt. „Ich will auch mal Vorschläge für Projekte hören, wo wir selbst bauen und auch ernsthaft etwas verdienen, damit wir unseren Schuldenberg abtragen und in innovative neue Projekte investieren können“, sagt die Aufsichtsratsvorsitzende Christa Markl-Vieto.

Wandelbare Wohnformen, das ist eine Idee, die Barz und Köhler umtreibt. Häuser, in denen heute Studenten und in 30 oder 40 Jahren Senioren wohnen. Die nächsten Monate werden über die künftige Raison d’être der Genossenschaft entscheiden.

Während die Genossen noch debattieren, stehen im Stadtteil Wedding zwei gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag geplante Häuser für studentisches Wohnen, Norderoog und Süderoog genannt, kurz vor der Fertigstellung. Gern hätten die Schlachtenseer auch die Vermietung und Verwaltung der 88 Wohnungen und WG-Einheiten für 195 Studenten übernommen. Doch daraus wurde nichts; die Gewobag hat sie ausgebootet. Der Markt ist aussichtsreich, in Berlin herrscht ein eklatanter Mangel an bezahlbaren Studentenunterkünften. Vor Beginn des laufenden Wintersemesters warteten mehr als 4000 Studenten auf einen Wohnheimplatz.

Die Genossenschaft muss sich neu sortieren. Die Idee ist noch lebendig, die beiden Studentendörfer sind belegt bis unters Dach, aber die Aktivisten von einst sind in die Jahre gekommen. Hardt-Waltherr Hämer starb vor sechs Jahren. Aktuell hat die Genossenschaft 109 Mitglieder, aber zu den Versammlungen kommen, anders als zu seligen Kampfzeiten, nur noch wenige.

„Wie viele Bewohner des Schlachtenseer Studentendorfs sind eigentlich Mitglieder der Genossenschaft?“

„Null“, sagt Andreas Barz.

„Schade, oder?“

„Ja, schade.“ ---

Alte Form, neue Inhalte

In Deutschland gibt es aktuell etwa 8000 Genossenschaften (darunter circa 2000 Wohnungsgenossenschaften und 1000 Energiegenossenschaften) mit rund 22 Millionen Mitgliedern. Jeder vierte Bundesbürger ist Mitglied einer Genossenschaft. Zwischen 2005 und 2016 wurden nach Angaben der DZ Bank 2648 neue Kooperativen gegründet. Davon gehört etwa jede siebte dem neuen Typus der gemeinwesenorientierten Genossenschaft an. Sie erbringen ihren Mehrwert nicht in erster Linie für die Mitglieder, sondern für die Allgemeinheit. Nach einer Umfrage im Auftrag der Raiffeisen-Gesellschaft halten 74 Prozent der Bundesbürger Genossenschaften für eine zeitgemäße Unternehmensform. 64 Prozent sind der Ansicht, dass Genossenschaften die Welt gerechter machen.

Kinder der Not

Die Genossenschaftsbewegung entstand Mitte des 19. Jahrhunderts, in der Hochzeit der Industrialisierung, als privatwirtschaftlich initiierter Reflex auf die fortschreitende Verelendung von Handwerkern und Bauern. Insofern sind Genossenschaften Kinder der Not. In Deutschland zählen vor allem Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch zu den Urvätern der Genossenschaftsidee. Raiffeisen gründete einen „Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“ sowie einen Darlehnskassenverein, den Vorläufer der heutigen Volksbanken und Raiffeisenbanken. Schulze-Delitzsch vereinte Tischler und Schuhmacher in einer „Rohstoffassoziation“, die ihnen bessere Konditionen beim Einkauf ermöglichte.