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Spätleser

John Corcoran erwarb einen Hochschulabschluss, arbeitete als Lehrer, machte viel Geld mit Immobilien – obwohl er weder lesen noch schreiben konnte. Die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der alle täuschte. Bis er sein Glück mit den Buchstaben fand.




• John Corcoran schloss mit 18 Jahren die Schule ab, erwarb fünf Jahre später sein Hochschuldiplom, arbeitete 17 Jahre als Lehrer an verschiedenen High Schools in Kalifornien und baute sich schließlich ein Immobiliengeschäft auf. Dann kam, was John Corcoran bis heute als den Höhepunkt seines Lebens betrachtet: Im Alter von 48 Jahren lernte er endlich lesen und schreiben.

Man mag es nicht glauben, aber John Corcoran unterrichtete Tausende von Schülern, kaufte und verkaufte Hunderte von Häusern, Wohnungen und Grundstücken. Aber wann immer er in all den Jahren vor einer Ladentür stand, musste er probieren, ob sie durch Ziehen oder Drücken aufging, weil er nicht entziffern konnte, was auf dem Schild stand.

Niemand merkte das.

Corcoran verbarg seinen Analphabetismus vor seinen Freunden, seinen Schülern, seinen Kollegen, seinen Kindern, seinen Eltern. Selbst seine Frau wusste nicht wirklich, wie wenig ihr Mann mit geschriebener Sprache anfangen konnte.

Er schämte sich, dass er nicht lesen konnte. Dass er eine Lüge lebte. Jeden Tag fürchtete er, sein Geheimnis könne auffliegen. Er war ständig gestresst. Misstrauisch gegenüber allen, die das Lesen beherrschten, ihm damit etwas voraushatten und ihn entlarven konnten.

Analphabetismus gehöre zum Schlimmsten, das einem Menschen widerfahren könne, sagt Corcoran.

Aber war es für ihn vielleicht auch ein Glücksfall, dass er so lange nicht lesen konnte?

Heute ist Corcoran 81 Jahre alt, wirkt jedoch weitaus jünger, wie er da so aufrecht und breitschultrig auf dem Sofa seines Strandhauses in Oceanside sitzt, rund 60 Kilometer nördlich von San Diego. Vor dem Fenster rollen die Wellen des Pazifiks an. Eine warme Brise trägt das Donnern der Brecher durch die offene Verandatür.

Ein Journalist beschrieb Corcoran einmal überschwänglich so: „Der Erfolg saß auf Big John Corcoran wie das Geweih auf einem Elchbullen. 1,95 Meter groß und gebaut wie ein Footballspieler, hatte er einen Schopf grau-blonder Haare, eine Stimme, die wie eine Bassgeige in den Knochen des Zuhörers vibrierte, und eisblaue Augen, die wie Scheinwerfer aufstrahlten, wenn er den Charme anknipste.“


John Corcorans Haus in Oceanside bei San Diego

Sich Notizen machen – John Corcoran konnte das lange Zeit nicht

Tatsächlich besitzt Corcoran all diese Eigenschaften. Sie halfen ihm, jahrzehntelang sein Handicap zu verbergen, das so ausgeprägt war, dass er zwar manche Wörter erraten konnte, aber einmal eine Brille verschrieben bekam, die er gar nicht brauchte, weil er die Buchstaben nicht benennen konnte, die ihm der Augenarzt vorhielt. „Ich konnte ihm ja nicht sagen, dass ich sie klar erkenne, aber nicht weiß, wie sie heißen“, erinnert sich Corcoran.

Blickt er heute zurück, lief sein Leben irgendwann in der ersten und zweiten Klasse aus dem Ruder. Zuvor war seine Kindheit idyllisch gewesen: fünf Schwestern, John so in der Mitte, und eine Mutter, die sich liebevoll kümmerte. Die aber auch überfordert war mit den vielen Kindern, dem Haushalt, wenig Geld zur Verfügung hatte – und zu abgelenkt war, um zu verstehen, warum ihr Sohn nach der Einschulung schnell Probleme im Unterricht bekam. Ähnlich der Vater, der hart arbeitete, um die Familie zu ernähren, immer nach einem besseren Job suchte und in seiner knappen Freizeit Bücher und Zeitungen verschlang wie andere Menschen Süßigkeiten.

Jahrzehnte später wird Corcoran erfahren, dass er an etwas leidet, das heute der Dyslexie zugeordnet wird. Sein Gehirn hat Schwierigkeiten, Informationen zu verarbeiten. Darum fällt es ihm schwer, Buchstaben zu Wörtern zu verknüpfen.

Aber damals stellte niemand diese Diagnose. Stattdessen wurde Corcoran von der zweiten Klasse an regelmäßig nach hinten verbannt, in die „Deppen-Reihe“, in der all die Kinder saßen, die den Unterricht aufhielten oder als Störenfriede galten.

„Ich verstand nicht, wie ich dort gelandet war“, sagt John Corcoran. „Ich war gut in Mathe. Aber das mit dem Lesen begriff ich nicht.“ Weil er sich nicht blamieren wollte, drückte sich der Junge mit allen Mitteln davor, laut aus einem Buch vorzutragen. Wurde er zum Vorlesen aufgerufen, schmiss er lieber den Tisch um und ließ sich aus der Klasse werfen. So entging er der Schmach, vor seinen Klassenkameraden bei etwas zu versagen, das denen leichtfiel.

Hätten seine Lehrer merken müssen, dass hinter der Aufmüpfigkeit Verzweiflung steckte? Heute möchte man sagen: auf jeden Fall! Allerdings gab es einen Umstand, der den Pädagogen eine intensive Beschäftigung mit dem Schüler John Corcoran erschwerte: Die Familie zog häufig um, immer dem nächsten Job des Vaters hinterher.

Die Freundinnen machen seine Hausaufgaben

19 Schulen wird Corcoran in den zwölf Jahren bis zum Abschluss besuchen. Seine Schwestern rebellieren, wenn es wieder heißt, die Habseligkeiten zu packen und aufzubrechen. Sie wollen ihre Freunde nicht verlassen, nicht wieder in einer fremden Stadt neu anfangen müssen.

Aber John liebt das Umziehen. Eine neue Schule bedeutet eine neue Chance. Beim Zubettgehen betet der Junge oft, dass er beim Aufwachen am nächsten Morgen des Lesens mächtig sein wird, irgendwie.


Er gratuliert sich dazu, wie clever er die Sache gelöst hat. Doch fünf Minuten später liegt er auf seinem Bett und heult. „Ich war ein Einbrecher. Das war nicht das, was ich wollte.“

Gewöhnlich platzt die Illusion, dass es an der neuen Schule anders sein wird, nach wenigen Wochen. John prügelt sich, wenn ihn jemand auf dem Pausenhof hänselt, dass er nicht einmal „Katze“ (im Englischen „cat“) buchstabieren kann. Oder er spuckt einen Lehrer an.

„Warum machst du denn immer solche Sachen?“, fragt der Vater traurig, wenn John von einer Schule fliegt und die nächste ihn nicht haben will, weil ihm ein Ruf vorauseilt. Der Sohn antwortet nicht. Er bringt es nicht fertig, dem geliebten Vater zu gestehen, dass er das Lesen nicht kapiert. Aber er ändert irgendwann seine Taktik. Statt aufzubegehren lernt er zu manipulieren, zu schummeln, zu betrügen. Er wird ein Meister darin, blitzschnell Buchstaben abzumalen, auch wenn er nicht weiß, was sie bedeuten – so, als würde man einen chinesischen Text kopieren, sagt er.

Als Teenager sucht er sich Freundinnen, die hübsch sind, aber auch gut in der Schule; er bittet sie, seine Hausaufgaben zu machen. Er spickt bei Tests. Dass man bei vielen Prüfungen im US-Schulsystem nur die richtige von bereits vorgegebenen Antworten ankreuzen muss, macht die Sache einfacher.

Nachdenklich und manchmal traurig blickt Corcoran auf sein Leben als Analphabet zurück

Und versetzt wird er sowieso. Das ist Usus. Man glaubt in den USA, zumal in jenen Tagen, dass es für ein Kind schädlich ist, wenn man es sitzen bleiben lässt und aus dem Freundeskreis reißt. Entsprechend selten passiert das. So steht John Corcoran schließlich mit traditioneller Robe und Kappe zwischen seinen Altersgenossen und bekommt ein Abschlusszeugnis überreicht – das er nicht lesen kann.

Bis hierhin ist sein Fall gar nicht mal so ungewöhnlich. Man schätzt, dass in den USA auch heute noch fast ein Fünftel aller High-School-Absolventen wenig mehr lesen können als vereinzelte Wörter. Insgesamt gelten gut 30 Millionen Amerikaner als Analphabeten.

Auch in Deutschland ist das Problem größer, als man es sich lange eingestehen wollte. Der jüngsten großen Erhebung aus dem Jahr 2011 zufolge können rund 7,5 Millionen Erwachsene – fast jeder Siebte der erwerbsfähigen Bevölkerung – weder richtig lesen noch schreiben. 5,2 Millionen davon sind allenfalls imstande, kurze Sätze zu entziffern, weitere zwei Millionen kommen über einzelne Wörter nicht hinaus, und etwa 300 000 Menschen scheitern selbst daran.

Kurios ist, was nach Corcorans Abschluss passiert. Weil er ein sehr guter Basketballspieler ist, bietet ihm eine Hochschule in Texas ein Stipendium an: mit der Übernahme von Studiengebühren, Unterkunftskosten und sogar einem kleinen Taschengeld. Und Corcoran? Nimmt an! Wie hätte er es seinen Eltern auch erklären sollen, dass er eine solche Offerte ausschlägt?

So findet er, der Analphabet, sich an einem College wieder. Als er aus dem Zug steigt, mit dem er anreist, fragt er sich: Hat er sich dieses Mal übernommen?

Er belegt Seminare bei Dozenten, die mündliche Mitarbeit schätzen. Oder von denen schon die Prüfungsaufgaben auf dem Campus kursieren, weil es jedes Jahr die gleichen sind. Und er legt sich wieder kluge Freundinnen zu, die ihn akademisch unterstützen.

Aber an der Hochschule reicht das nicht, stellt er fest. In einem Seminar fragt der Dozent das Wissen zum Semesterende anhand einen Aufsatzes ab, der im Prüfungssaal verfasst werden muss. Corcoran reicht den Test aus dem Fenster an einen Kommilitonen weiter, der für seine guten Noten bekannt ist. Während dieser draußen schreibt, kritzelt Corcoran zur Tarnung sinnlose Schnörkel aufs Papier. In einem günstigen Moment wirft der Freund das fertige Schriftstück zurück in den Prüfungsraum. „Er ahnte nicht, dass ich weder lesen noch schreiben konnte“, sagt Corcoran. Für den Kommilitonen ist das Ganze ein Tauschhandel: Er hilft Corcoran, weil dieser ihm ein Date für den Schulball organisiert – der Freund ist zu schüchtern, um die Angeschwärmte selber zu fragen.

Und dann: Betriebswirtschaftslehre. Corcoran kann keinen alten Test auftreiben. Er hat nichts, das ihm helfen würde zu betrügen. So bricht er nachts in das Büro des Professors ein – wie schon früher, bei anderen Dozenten. „Einmal stieg ich über den Notausgang im Fakultätsgebäude auf einen acht Zentimeter breiten Mauervorsprung. Ich klammerte mich mit den Fingern an den Stuck, tastete mich bis zum Fenster des Büros vor und stemmte es mit einem Buttermesser auf.“

In jenen Tagen benutzt noch niemand Computer, und so ist es meist leicht, den Zettel mit den Aufgaben auf dem Schreibtisch des Dozenten zu finden. Doch beim Professor für Betriebswirtschaft geht Corcoran leer aus, selbst als er in der nächsten und übernächsten Nacht erneut in dessen Büro einbricht. Allerdings steht dort ein Aktenschrank, der abgesperrt ist. Darin muss die Prüfungsvorlage liegen.

Corcoran versammelt seine Crew: ein paar kräftige Kumpane, die glauben, bei einem Streich mitzumachen. Gemeinsam dringen sie in das Büro ein und schleppen den schweren Aktenschrank mehrere Stockwerke hinab und durch verwaiste Straßen zu einer nahe gelegenen Wohnung eines der Komplizen.

Vorab hat Corcoran einen 24-Stunden-Schlüsseldienst ausfindig gemacht. Beziehungsweise gleich drei verschiedene. Denn was, wenn der erste Schlosser betrunken in der Kneipe sitzt und der zweite mit einem anderen Auftrag beschäftigt ist? Corcoran zieht sich einen Anzug an und tut so, als sei er ein junger Angestellter, der für eine Geschäftsreise am nächsten Morgen dringend Papiere aus dem Schrank braucht. Dem Himmel sei Dank, dass Sie da sind! Mein Boss wirft mich raus, wenn ich das vermassle. Wo kann der blöde Schlüssel denn nur sein?

Der Mann vom Schlüsseldienst glaubt ihm, öffnet den Aktenschrank. Und tatsächlich: Der Test liegt drin, er hat nun die Prüfungsaufgaben! Die Komplizen tragen das Möbelstück zurück ins Büro. „Als ich nach Hause lief, ging die Sonne auf“, erinnert sich Corcoran. Er gratuliert sich dazu, wie clever er die Sache gelöst hat. Doch fünf Minuten später liegt er auf seinem Bett und heult. „Ich war ein Einbrecher! Das war nicht das, was ich wollte.“

Er verspricht Gott, einen Monat lang täglich zur Messe zu gehen, wenn er den Hochschulabschluss schafft, ohne aufzufliegen. Einige Zeit später hat Corcoran alle erforderlichen Scheine und bekommt sein Diplom. Er hält sein Versprechen.

„Viele Leute fragen: ,Wieso bist du dann Lehrer geworden?‘“, sagt Corcoran. Die Antwort ist banal: Der Job fiel ihm in den Schoß. Es herrscht damals Pädagogenmangel, und so wird er umworben, bekommt mehrere Angebote. Und auf paradoxe Weise ist die Schulkarriere eine gute Wahl – ideale Tarnung. „Niemand erwartet, dass ein Lehrer nicht lesen kann.“

Später, als John Corcoran seinen Analphabetismus öffentlich macht, werden ihm viele ehemalige Schüler versichern, dass er ein guter Lehrer war. Seine Unterrichtsmethoden mögen aus der Verzweiflung geboren sein, aber sie sind innovativ. Corcoran unterrichtet vor allem Sozialkunde, und nie steht er an der Tafel und schreibt. Stattdessen initiiert er Gruppendiskussionen, schreckt auch vor heiklen Themen wie Rassismus nicht zurück. Er zeigt Filme, lädt Gäste ein, gibt keine schriftlichen Hausaufgaben. Er ist immer bereit zuzuhören, wenn ein Schüler mit ihm reden will, egal worüber.

Muss er doch etwas schriftlich abfragen, lässt er die Schüler einander gegenseitig korrigieren. Für die Abschlussprüfungen verwendet er Standardtests im Multiple-Choice-Format. So muss er nachher nur die Schablone mit den markierten richtigen Antworten anlegen, um sie zu benoten.

Niemand schöpft Verdacht. Seine Beurteilungen sind gut. Trotzdem fühlt sich Corcoran wie auf der Flucht, ist nervös, fürchtet, seine Tarnung könne auffliegen. Läuft er über das Schulgelände, klemmt er sich eine Zeitung unter den Arm oder trägt Bücher mit sich herum – Requisiten im Theaterstück, das er der Welt vorspielt.

Er lernt eine Frau kennen, verliebt sich. Er weiß: Er muss ihr sein Geheimnis beichten, bevor sie heiraten. Vor dem Spiegel übt er. „Kathy, ich kann nicht lesen. Kathy, ich kann nicht lesen. Kathy, ich kann nicht lesen.“ Sie reagiert gelassen. Sehr viel später stellt sich heraus, dass Kathy nicht begriff, was er meinte. Sie glaubt: Er ist kein großartiger Leser. Oder vielleicht auch: jemand, der nicht gern Zeit mit einem Buch verbringt.

Als er möchte, dass sie allen Schreibkram in der Ehe erledigt, vermutet sie lediglich eine Rechtschreibschwäche. Selbst als Kathy Corcoran ein paar Jahre später beobachtet, wie ihr Mann versucht, der dreijährigen Tochter des Paars ein Kinderbuch vorzulesen – und scheitert –, gesteht sie sich nicht ein, was das bedeutet. „Er ging doch jeden Tag in die Schule, um zu unterrichten!“, sagt sie heute. „Dass er wirklich nicht lesen konnte, wollte mir einfach nicht in den Kopf.“

Es läuft ja auch alles. Nicht selten ist Corcoran stolz auf sich. Er umschifft jede Klippe, hat für jede Eventualität einen Plan. Hätte ihn etwa der Schuldirektor aufgefordert, in einer Lehrerversammlung den Protokollführer zu machen, wäre Corcoran aufgestanden, hätte sich an die Brust gefasst und zu Boden fallen lassen. Eine Herzattacke! Schnell, ruft den Notarzt!

Aber die Fassade aufrechtzuerhalten strengt an. Immer muss er auf der Hut sein. Bezahlt er per Scheck, muss er den ausgeschriebenen Betrag in einer stillen Ecke heimlich von seiner vorbereiteten Liste abmalen. Reagiert eine Kellnerin überrascht, weil er etwas bestellt, das gar nicht auf der Karte steht, muss er so tun, als sei ihm das bewusst. Ist er krank, geht er trotzdem arbeiten. Sonst müsste er für den Vertretungslehrer aufschreiben, was in der Stunde behandelt werden soll.

Wenn Corcoran abends nach Hause kommt, ist er zermürbt, geht auch schon mal bei Kleinigkeiten in die Luft, ist oft zornig. Wird es seiner Frau zu bunt, rächt sie sich, indem sie sich drückt, wenn er sie für eine Schreibsache braucht. Noch immer ist ihr nicht klar, wie sehr ihr Mann auf sie angewiesen ist. Aber sie spürt: Da ist ein wunder Punkt.

Er verschwieg sein Problem sogar seiner Frau: John und Kathy Corcoran auf der Veranda

Irgendwann macht ihn das Lügen fertig

Corcoran wagte es nicht, sich jemandem anzuvertrauen. Er habe mit einem „Loch in der Seele“ gelebt, sagt er heute. Noch immer kommen ihm die Tränen, wenn er an ein Zusammentreffen mit einem ehemaligen Schüler viele Jahre zuvor zurückdenkt. Der junge Mann war Mitarbeiter in einer Behörde geworden und erklärte Corcoran, dass dieser für das Anliegen, weswegen er hergekommen war, einige Formulare ausfüllen müsse. Corcoran protestierte. Er zankte und focht an und erfand Gründe dagegen – bis der ehemalige Schüler die Informationen entnervt selbst in die Vordrucke eintrug. Aber der Blick, mit dem sein Gegenüber sich revanchierte, traf Corcoran ins Mark. „Nie zuvor war ich so abgründig traurig gewesen. Nicht weil ich die Formulare nicht ausfüllen konnte, sondern weil es mir unmöglich war, einen ehrlichen, natürlichen Umgang mit einem jungen Mann zu haben, den ich mochte. Ich musste lügen und manipulieren und uns beide kleinmachen.“

Fühlt er sich besonders elend, geht er zum Friedhof. Zwischen den Gräbern herumzulaufen beruhigt ihn: So schlimm kann das alles nicht sein. Immerhin lebt er noch. Und dann geschieht das Erstaunliche: Im Alter von 48 Jahren lernt John Corcoran doch noch das Lesen.

Da arbeitet er bereits nicht mehr als Lehrer. Jahre zuvor hatte er sich Geld geliehen, ein Haus gekauft, es renoviert und vermietet. Dann noch eines. Und noch eines. Schließlich erwirbt er Land, baut selber Häuser, verkauft sie. Der Immobilienmarkt in Kalifornien boomt in jener Zeit. Corcoran macht enorme Profite. Er verlässt den Schuldienst, gründet eine Firma, stellt Mitarbeiter ein.

Eines Tages informiert ihn sein Buchhalter, dass er Millionär sei, mehrfacher sogar. Corcoran ist stolz. Aber auch nicht. Er ist reich, aber fühlt sich noch immer als ein Versager, weil er nicht lesen kann.

Dann kollabiert der Immobilienmarkt. Eine Rezession treibt Corcorans Firma 35 Millionen Dollar tief in die Schulden. Er kämpft gegen den Bankrott, fleht die Gläubiger an, ihm Aufschub zu gewähren, Verbindlichkeiten zu erlassen. Seine Firma steht vor dem Aus.

Irgendwann in jenen Tagen hört er im Supermarkt, wie sich zwei Frauen hinter ihm über einen Kurs in einer Bücherei der Nachbarstadt unterhalten, in dem Erwachsenen das Lesen und Schreiben beigebracht wird. Kurz darauf fährt Corcoran dorthin. „Im Mercedes und Nadelstreifenanzug“, erinnert er sich. Es war ein Freitagnachmittag, das weiß er bis heute.

Im Büro der Programmleiterin schüttet er sein Herz über seinen Analphabetismus aus, wie er es nie zuvor getan hat. Es wird ein wilder, tränenreicher Erguss. Ohne Punkt und Komma habe er geredet, wird ihm die Programmleiterin später sagen.

Sie organisiert ihm eine 65-jährige Tutorin, die mit ihm jeden Abend Lesen übt. Zu Hause trainiert er weiter, stundenlang. „Nach 13 Monaten las ich so gut wie ein Sechstklässler.“ Nach einem weiteren Programm, bei einer Spezialistin, meistert er das Lesen und Schreiben vollends.

Zu sagen, dass er begeistert war, wäre untertrieben. Seine Geschäftsbriefe aus jener Zeit sind überlang. Vier Seiten, wo eine gereicht hätte. Corcoran war so stolz auf all die Wörter, die er nun aufs Papier brachte, „dass ich es nicht fertigbrachte, auch nur eines zu streichen“.

Eines Tages kommt seine Frau Kathy ins Zimmer und findet ihn auf dem Bett, über eine Passage in einem Roman lachend. „Endlich weiß ich, was es bedeutet, wenn man sich in einem Buch verliert“, ruft er.

Seine Persönlichkeit wandelt sich. Er wird weniger abwehrend. Nie hat er sich in der Ehe entschuldigt, wenn er etwas falsch gemacht hat. Nun tut er es.

Und er beginnt, öffentlich über seine Erfahrungen zu sprechen, schreibt seine Biografie. Als „Lehrer, der nicht lesen konnte“, erregt er viel Aufmerksamkeit. Er wird zu Talkshows eingeladen und in Ausschüsse des US-Kongresses, selbst ins Weiße Haus. Zwei Präsidenten – Bill Clinton und George H. W. Bush – spannen ihn in Alphabetisierungskampagnen ein. Selber gründet er eine Stiftung, die John Corcoran Foundation, die Programme gegen den Analphabetismus durchführt. Bis heute hält er Vorträge, gibt Interviews, kämpft dafür, den Leseunterricht zu verbessern. Kein Kind solle durchmachen, was er durchmachte, sagt er. „Einem Schüler nicht das Lesen beizubringen kommt einer Art von Missbrauch gleich.“

Er sieht auch, dass ihm sein Analphabetismus manche Vorteile brachte. Ähnlich wie blinde Menschen ein besonders feines Gehör entwickeln, lernte er, seine Umwelt genau zu beobachten. Menschen einzuschätzen, blitzschnell Situationen zu analysieren. Das hat ihm als Lehrer und Geschäftsmann geholfen.

Hätte Corcoran lesen können, hätte er in der Rezession damals vielleicht aufgegeben, sein Unternehmen für bankrott erklärt. „Viele dachten, dass ich verrückt war, es nicht zu tun. Aber für mich wäre das eine weitere Niederlage gegenüber der lesenden Welt gewesen.“ Das konnte er sich nicht antun. Und letztlich meisterte seine Firma die Krise.

Könnte er durch die Zeit reisen und die Jahre zurückdrehen: Würde er dafür sorgen, dass der kleine John Corcoran in der Deppen-Reihe das Lesen lernt? Er zögert. Schwer zu sagen.

Doch als er nach dem Interview mit der Besucherin durch Oceanside fährt, um ihr die Stationen seines Lebens zu zeigen – hier die High School, an der er unterrichtete, dort der Supermarkt, in dem er die Frauen beim Gespräch belauschte, und dazwischen die vielen, vielen Immobilien, die er baute, kaufte, verkaufte –, da zieht er schließlich doch eine Art Fazit.

„Es war mir enorm wichtig, viel Geld zu verdienen“, sagt er, während er mit dem Auto an einer Ampel steht. „Aber lesen zu lernen gab mir eine größere Befriedigung. Lesen war alles, was ich mir vorgestellt hatte – und noch mehr.“ Einen Moment lang sieht es aus, als ob er wieder weinen müsste. ---