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Wirtschaftsgeschichte

Hart arbeiten, besser leben

In experimentellen Siedlungen probierte der Unternehmer Robert Owen seine Ideen von der idealen Gesellschaft aus.





• Robert Owen gilt als Sozialreformer und früher Sozialist. In seiner Baumwollspinnerei richtete er allerdings ein Überwachungssystem ein: Über jedem Arbeitsplatz hing eine Holztafel, die mit Farben anzeigte, was die Arbeiter zuletzt geleistet hatten – Weiß für exzellente Ergebnisse, Gelb für gute, Blau für akzeptable und Schwarz für schlechte. Für Owen kein Widerspruch.

Die Baumwollspinnerei wurde 1785 in Schottland gegründet. Zusätzlich baute der damalige Besitzer, David Dale, ein ganzes neues Dorf eigens für die Arbeiter der Fabrik: New Lanark, eine der ersten Werkssiedlungen überhaupt. Robert Owen war zu der Zeit schon ein erfolgreicher Unternehmer in der Textilbranche. Da er in verschiedenen Städten gearbeitet hatte und geschäftlich durch das Land reiste, sah er immer wieder, wie Arbeiter in Fabriken litten. Auf einer Reise traf er David Dale und kaufte ihm schließlich die Baumwollspinnerei ab, samt der Siedlung mit damals etwa tausend Bewohnern. Von 1799 an wagte er dort ein soziales Experiment.

In Großbritannien hatte die industrielle Revolution bereits Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen. Die Kombination aus technischem Fortschritt und billigen Arbeitskräften ermöglichte die Massenproduktion von Gütern, mit denen Großbritannien nach und nach die Weltmärkte eroberte. Arbeiter schufteten in gigantischen Fabriken bis zu 14 Stunden am Tag, auch Kinder. Mit großer Härte hielten die Vorsteher die Disziplin der Arbeiter aufrecht. Kinder wurden geschlagen, Erwachsene mit Lohnabzug bestraft oder öffentlich gedemütigt. In ihren Unterkünften lebten die Menschen teils unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, wodurch es vielen gesundheitlich schlecht ging.

Verglichen mit diesen Bedingungen war das, was Owen in New Lanark schuf, ein Paradies: Kinder arbeiteten weniger und gingen zur Schule. In den Unterkünften gab es sauberes Wasser, in einem Laden konnte man günstig Lebensmittel kaufen, die Arbeiter bekamen eine Art soziale Grundsicherung. Außerdem richtete Owen ein „Institut zur Charakerbildung“ ein, in dem es eine Bibliothek und einen Raum für Veranstaltungen gab.

Robert Owen war Philanthrop durch und durch. Er war überzeugt: Wenn man den Menschen nur ein gutes materielles, moralisches und intellektuelles Umfeld böte, würden sie sich auf die bestmögliche Art entfalten. Die Siedlung nutzte er, um diese Hypothese zu testen. Seine Kritik richtete sich nicht gegen die Industrialisierung selbst, sondern gegen die Zustände, in denen so viele Arbeiter lebten – und sich eben nicht positiv entwickeln konnten.

Gewinnstreben war für ihn als Unternehmer völlig legitim. „Ausgestattet mit besonderen Annehmlichkeiten, war New Lanark der Beweis dafür, dass das Wohlergehen der Arbeiter und die Maximierung des Pro-fits nicht nur kompatibel waren, sondern sogar voneinander abhingen“, schreibt die Anglistin Ophélie Siméon in ihrem Buch „Robert Owen’s Experiment at New Lanark“. So passten wohl auch die Holztafeln, die die Leistung anzeigten, zu seiner politischen Haltung.

Im Laufe der Jahre bekam Owens Argumentation prophetische Züge. In Reden sprach er von einem Zustand der allgemeinen Harmonie und von einem Umfeld, das brüderliche Liebe und Zusammenhalt beflügeln werde. Verwirklichen wollte er diese Vision mit einem Netzwerk von Gemeinschaften, die irgendwann eine Regierung ersetzen sollten.

Damit überzeugte er nicht alle, vor allem nicht Karl Marx und Friedrich Engels. Sie belächelten die utopischen Frühsozialisten später, darunter Owen und dessen Ideen. Im Kommunistischen Manifest heißt es, die Frühsozialisten „träumen noch immer die versuchsweise Verwirklichung ihrer gesellschaftlichen Utopien, Stiftung einzelner Phalanstère, Gründung von Home-Kolonien“. Darin sahen Marx und Engels, die die proletarische Revolution anstrebten, nur „spanische Schlösser“.

Tatsächlich scheiterte Robert Owen, als er versuchte, seine Utopie in Amerika umzusetzen. 1824 gründete er in Indiana die Siedlung New Harmony. Sein Sohn sollte sie leiten, während er selbst an anderen Orten weitere Siedlungen schuf. Im Gegensatz zu dem Experiment in Schottland ging dieses jedoch schief. „Der Erfolg von New Lanark beruhte auf der florierenden Baumwollindustrie, harter Arbeit, strenger Disziplin und der Autorität von Owen“, schreibt Bernhard Schäfers in seinem Buch „Stadtsoziologie“. Diese Voraussetzungen hätten in New Harmony gefehlt.

Dem Historiker Donald Carmony zufolge hatte Owen keine Regeln dafür festgelegt, wem was gehört und unter welchen Voraussetzungen man Mitglied werden durfte. So kamen Hunderte von Menschen, darunter jedoch nur wenige ausgebildete Handwerker und zupackende Arbeiter. Es kam zu Konflikten, die Siedlung wurde aufgelöst. Trotzdem waren Robert Owens Ideen wegweisend für spätere Werkssiedlungen. ---