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Was Menschen bewegt

Der Unermüdliche

Einfach nur Glück gehabt? Damit will sich Clemens Mulokozi nicht zufriedengeben. Als er erkennt, dass er sich in Deutschland viel besser entfalten konnte als seine Cousins in Afrika, bietet er dem Zufall Paroli.





• Montagmorgen, kurz nach sieben. Clemens Mulokozi, ein 53 Jahre alter, mindestens zehn Jahre jünger aussehender, drahtiger Mann, sitzt in perfekt gebügeltem Hemd am Frühstückstisch seiner Wohnung in München-Trudering und ärgert sich noch immer. Am Vortag hat er sein Ziel verfehlt. Er wollte beim Marathon unter der Marke von 3 Stunden 30 bleiben. Am Ende war er 17 Minuten zu langsam. „Das fuchst mich wahnsinnig.“

Er ist ein Mensch, zu dem man schnell Vertrauen fasst, er wirkt sanftmütig und offenherzig. „Von Farbigen erwartet man immer, dass sie schnell laufen können und geschickt im Umgang mit Bällen sind“, sagt er mit leicht bayerischem Akzent, „aber auf mich trifft das leider überhaupt nicht zu.“ Von allein wäre er nie auf die Idee gekommen, Marathon zu laufen. Eines Tages aber habe ihn sein Ex-Chef darauf gebracht, und heute könne er nicht mehr ohne diese Herausforderung, deren Reiz er so beschreibt: bis ans Limit zu gehen, sich zu quälen, um am Ende belohnt zu werden mit dem unbeschreiblich befriedigenden Gefühl, es geschafft zu haben – aus eigener Kraft. Im Grunde ist das sein Leben in einem Satz.

Er setzt einen Helm auf, zieht Handschuhe an und fährt mit seinem Elektrofahrrad die acht Kilometer zu seinem Büro in der Münchener Innenstadt. Dort schaltet er seinen Computer ein, verbindet ihn mit dem Fernseher. Dann beginnt die Videokonferenz, die seine beiden Welten zusammenbringt.

Die eine ist München. Wie seine Mutter wurde auch er hier geboren, hat in der Stadt Abitur gemacht, ein Musikstudium angefangen und sich als Jazztrompeter versucht, er hat sich hier zum Kommunikationswirt fortgebildet, neun Jahre in Werbeagenturen gearbeitet und dann 16 Jahre bei der Hypovereinsbank.

Die andere Welt ist Tansania. Von dort stammt sein Vater. Er selbst hat vom fünften bis zum zwölften Lebensjahr in dem afrikanischen Land gewohnt, dann zerbrach die Ehe seiner Eltern, und er zog mit seiner Schwester und seiner Mutter zurück nach München.

Danach waren für ihn Tansania und auch sein Vater weit, weit weg. Mehr als 10 000 Kilometer entfernt und 25 Jahre lang gedanklich in den Hintergrund gedrängt, nicht zuletzt aufgrund schrecklicher Erlebnisse in der Kindheit. Der Vergangenheit entfliehen konnte er jedoch nicht, sie holte ihn immer wieder ein, auch weil er spürte, dass er eben beide Welten in sich vereint.

Es war ein ewiger Kampf zwischen Flucht und Annäherung. Erst 2008 gelang es ihm, seiner ambivalenten Haltung zur eigenen Geschichte eine konstruktive Wendung zu geben. Seitdem arbeitet Mulokozi wie besessen daran, den Kindern in der Heimat seines Vaters eine Perspektive zu geben. Er hat dafür eine Hilfsorganisation gegründet und in Tansania ein Büro eröffnet, in Bukoba, der Hauptstadt der im Nordwesten des Landes gelegenen Region Kagera. Er hat dort sieben Mitarbeiter, mit denen er einmal wöchentlich eine Videokonferenz abhält.

Es ist beeindruckend, was seine kleine Organisation dort auf die Beine stellt. Sie hat ein sportpädagogisches Konzept entwickelt, das den Ehrgeiz und das Selbstbewusstsein der Schüler fördern soll, zudem die Gleichberechtigung der Geschlechter und den richtigen Umgang mit Aids. Sie hat laut eigenen Angaben die Lehrer von 890 Schulen entsprechend fortgebildet und so mehr als 500 000 Schüler erreicht. Für ihre Arbeit hat sie seit ihrer Gründung vor zehn Jahren Spenden in Höhe von mehr als einer Million Euro eingesammelt. 2015 bekam Clemens Mulokozi als Gewinner des Startsocial-Bundespreises von Angela Merkel persönlich einen Scheck über 5000 Euro überreicht.


Clemens Mulokozi auf den Schultern seines Vaters, 1967 in Deutschland – und fünf Jahre später mit Schwester und Mutter in Tansania

Er widmet sich heute ganz seiner Organisation. Dafür hat er sogar seinen Job als Führungskraft mit einem Jahresgehalt von mehr als 100 000 Euro aufgegeben, finanzielle Einbußen und Ungewissheit in Kauf genommen. Wer das macht, muss gute Gründe haben. Und in der Tat: Zwischen der Zeit, in der er seine tansanische Seite als Belastung empfand, und dem Beginn seines rastlosen Engagements für die Heimat seines Vaters lagen zwei Schlüsselerlebnisse – dessen Tod und ein beruflicher Rückschlag.

Der Tod des Vaters

Frühjahr 2006. In Deutschland steht die Fußballweltmeisterschaft vor der Tür, für Mulokozi, im Sportsponsoring der Hypovereinsbank für die Kundenveranstaltungen in den Stadien verantwortlich, ist sie der wichtigste Termin des Jahres. Er hat wie immer viel zu tun, als ihn plötzlich von einem seiner zahlreichen Cousins in Tansania die SMS-Nachricht erreicht: „Professor is dead.“ Mit Professor ist sein Vater gemeint.

Er spürt eine gewisse Betroffenheit, traurig ist er nicht. Er hat schon Jahre nichts mehr von seinem Vater gehört. Trotzdem fliegt er ein paar Tage später mit seiner Mutter, seiner Frau und seiner Schwester zur Beerdigung. Hunderte ehemalige Kollegen des Vaters, Freunde und Nachbarn erscheinen bei der Feier in dem 20 Kilometer von Bukoba entfernten Dorf Ishozi, in dem der Mann aufgewachsen ist. Es ist ein Wiedersehen mit seiner Großmutter, einigen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Vor allem aber ist es eine Reise in die Vergangenheit des Vaters. Als Mulokozi in den Tagen nach der Trauerfeier dessen Haushalt auflöst, findet er in einer Seekiste zwischen diversen Dokumenten ein dünnes Heft, in deutscher Sprache verfasst. Es ist die Doktorarbeit.

Er blättert darin und stößt auf der letzten Seite auf biografische Daten, er liest, dass der Vater als Sohn eines Landwirts in Bukoba geboren wurde und 1961 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München anfing, Chemie zu studieren. Plötzlich kommen Mulokozi Fragen in den Sinn, die er sich bis dahin nie gestellt hat: Wie hat es sein Vater an die Universität in München geschafft? Wie mag er sich gefühlt haben, als junger Mann ganz allein in der fremden Kultur? Und wieso konnten sich seine Großeltern das leisten?

Seinen Vater hat er das nie gefragt. Er wollte lange nichts von ihm wissen, kein Wunder angesichts dessen, was er ihm und seiner Mutter angetan hat, als Mulokozi noch ein Kind war.

Er ist fünf, als die Familie 1970 von München nach Tansania übersiedelt. Sie bezieht ein Haus nahe der Universität in Daressalam. Der Vater ist Professor für Chemie, durch ihn hat die Familie viel Umgang mit Wissenschaftlern aus dem Ausland. Er legt jedoch Wert darauf, dass seine Kinder eine normale staatliche Schule besuchen und Swahili sprechen. Clemens Mulokozi lernt, aus Zweigen eine Zahnbürste zu basteln, er wird wie seine Mitschüler von den Lehrern mit Schlägen bestraft, wenn er nicht pariert, und muss als Beitrag für die Gemeinschaft regelmäßig das Plumpsklo der Schule putzen. Er gewöhnt sich daran. Viel schlimmer ist, dass sein Vater zunehmend dem Alkohol verfällt. Irgendwann ist es so weit, dass er fast jeden Abend betrunken nach Hause kommt und im Suff hemmungslos seine Aggressionen an der Familie auslässt. Wenn die Mutter und die Kinder seine Schritte vor der Tür hören, wissen sie immer schon, was auf sie zukommt.


Kanister, mit denen Mädchen oft losgeschickt werden, um Trinkwasser zu holen – und so viele Schulstunden verpassen. Als Gegenmaßnahme lässt Mulokozi an Schulen Regenwassertanks installieren

Eines Abends sperren sie sich ins Kinderzimmer ein, woraufhin der Vater brüllend die Tür eintritt und mit einer Holzlatte minutenlang auf seine vor Angst zitternde Frau und seinen weinenden Sohn einschlägt. Es wird immer schlimmer. Ein in Tansania lebender deutscher Pastor, der mit der Familie befreundet ist, legt der Mutter ans Herz, so schnell wie möglich mit den Kindern nach Deutschland zurückzugehen, und gibt ihr einen Briefumschlag mit 2000 D-Mark. Gertrud Mulokozi kommen heute noch die Tränen, wenn sie davon erzählt.

Clemens Mulokozi empfindet die Rückkehr im Jahr 1977 als Befreiung, doch auch in München hat es die Familie nicht leicht. Die Mutter arbeitet Tag und Nacht, kommt mit dem Geld gerade so über die Runden. Die Kinder müssen unterdessen den über Jahre verpassten Lernstoff nachholen, werden zudem wegen ihrer Hautfarbe gehänselt und kriegen mit, wie ihre Mutter in der Straßenbahn immer wieder als „Flitscherl“ beschimpft wird. „Wenn ihr es in Deutschland zu etwas im Leben bringen wollt, müsst ihr doppelt so viel leisten wie die anderen“, trichtert Gertrud Mulokozi ihren Kindern ein.

Das wirkt. Clemens Mulokozi geht mit so viel Ehrgeiz an alle Aufgaben, dass er eine eindrucksvolle Karriere macht. Bei der Hypovereinsbank schafft er es sogar in ein vom Vorstandsvorsitzenden initiiertes Programm für interne Vorbilder in Sachen Leadership. Dirk Huefnagels, er war im Sportsponsoring der Hyopvereinsbank Mulokozis Vorgesetzter, erzählt nur Gutes über ihn.

Zu seinem Vater findet Mulokozi keinen Draht mehr. Doch anders als seine Mutter, die bis zur Beerdigung ihres Ex-Mannes nie wieder nach Tansania reist, fliegt er nach dem Abitur zu ihm nach Daressalam. Er kann nicht anders, fühlt sich auf gewisse Weise hingezogen zu diesem Teil seiner Wurzeln. Über die Vergangenheit redet er mit seinem Vater nicht, was auch daran liegt, dass Clemens Mulokozi selbst nicht das Bedürfnis hat.

Er besucht nun alle drei, vier Jahre die tansanische Verwandtschaft, ohne dabei seinem Vater wirklich näherzukommen. Das gelingt ihm erst, als er nach dessen Tod die Doktorarbeit in den Händen hält und dessen Lebensdaten schwarz auf weiß vor Augen hat. Plötzlich will er alles wissen. Er befragt Leute, die ihn gut kannten, stöbert im Internet und erfährt so, dass sein Vater zu einem erlesenen Kreis gehörte: 1961, in dem Jahr, in dem Tansania unabhängig wurde, wählte man ihn als einen von wenigen Schülern aus, um mithilfe eines Stipendiums der Regierung im Ausland zu studieren. Wenige Jahre später gehörte er zu den ersten zwölf Tansaniern mit einem Hochschulabschluss.

Mulokozis Wissensdurst ist damit noch nicht gestillt. Zurück in München, recherchiert er weiter. Er liest wissenschaftliche Bücher, um sich mit den wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen in der Region Kagera vertraut zu machen und so nachvollziehen zu können, wie es seinen tansanischen Verwandten in den verschiedenen Phasen ihres Lebens erging.

Nun versteht er, wie privilegiert er war – selbst in seiner Zeit in Tansania. Er schämt sich, dass er bei späteren Besuchen der Großeltern nicht gesehen hat, wie stark Hunger und Aids die Region erschütterten. In den Neunzigerjahren kamen dann auch noch die Auswirkungen des bestialischen Bürgerkriegs im benachbarten Ruanda hinzu: Hunderttausende flohen von dort nach Kagera. Er erinnert sich, dass früher einmal von Überfällen auf das Haus der Großeltern die Rede war, doch erst jetzt versteht er die Hintergründe, begreift, wie gefährlich das Leben in dem Landstrich war, in dem sein Vater und viele andere Verwandte aufgewachsen sind.

Nach anderthalbjähriger Recherche erkennt Mulokozi: Ich habe einfach unverschämtes Glück gehabt. Der Zufall hat mich nach Deutschland verschlagen. So konnte ich mich auf verschiedenen Feldern ausprobieren und Karriere machen, während meine Cousins in Kagera das Pech hatten, an einem Ort zu leben, der ihnen keine Chance zur Erfüllung ihrer Träume bot. Er empfindet die Willkür des Zufalls als unerträglich, entscheidet in diesem Moment, aktiv zu werden.

Der berufliche Rückschlag

In Tansania ist es üblich, dass der Erfolgreichste in der Familie alle anderen finanziell unterstützt, nicht nur Eltern und Geschwister, sondern auch Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Nach der Beerdigung seines Vaters wird Clemens Mulokozi verstärkt mit den Bitten der Verwandten konfrontiert, die er jedoch in aller Regel ausschlägt. „Ich habe kein Geld zu verschenken“, sagt er.

Geschenke, ist er überzeugt, seien keine nachhaltige Hilfe. Sie verstärkten die Abhängigkeit nur, statt bessere Chancen in Kagera zu schaffen. Dass es bei seinem Engagement auch um ihn selbst geht, versucht er gar nicht zu leugnen. Vielmehr sagt er Sätze wie „Ich will für die Kinder in Kagera den Unterschied machen“ oder „Ich will herausragen“. Aus seinem Mund klingt das nicht überheblich.

Seine Tage sind durchgetaktet. Alles ist seiner Mission untergeordnet. Nie lässt er sich einfach mal gehen. Wahnsinn, dass er als Ausgleich zu seiner aufreibenden Arbeit ausgerechnet Langstrecken läuft, also etwas, das ebenfalls sehr viel Zeit und Kraft kostet, findet seine Frau. Doch Mulokozi sieht das anders. „Der Marathon diszipliniert mich, mich gesund zu ernähren und keinen Alkohol zu trinken, und das führt dazu, dass ich mehr Power für meine Arbeit habe.“ Mit dem Training beginnt er morgens um fünf.

Sport steht auch im Zentrum seiner Organisation. Als er entscheidet, den Kindern in Kagera zu helfen, muss er nicht lange überlegen. Er glaubt fest daran, dass Sport das beste Mittel ist. Zudem hat er durch seine Tätigkeit im Sponsoring beste Kontakte. Also fragt er bei Geschäftspartnern vom FC Bayern und von Adidas an, ob sie Material für Kinder in Tansania spenden würden, und bekommt kurz darauf eine ganze Palette Trikots und Fußbälle geliefert.

Im November 2008 gründet er die Organisation Jambo Bukoba (Swahili für Hallo Bukoba). Er plant, die Spenden an Kinder in dem Dorf seiner Großeltern zu verteilen, doch weil er unerfahren ist, stellt er das Vorhaben lieber erst in einem Forum für Entwicklungshilfe zur Diskussion. Daraufhin meldet sich Sebastian Rockenfeller bei ihm, ein Experte auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe von der Deutschen Sporthochschule Köln. Sport in Afrika zu fördern sei eine gute Sache, sagt der, aber Bälle und Trikots würden in einem halben Jahr kaputt sein und die Situation dann nicht anders als vorher. Wolle er wirklich etwas verändern, müsse er in den Köpfen der Menschen etwas anstoßen. Rockenfeller bietet an, eine Bedarfsstudie in Bukoba durchzuführen und dabei ein Konzept zu entwickeln. Dauer: ein Jahr, Kosten: 3200 Euro monatlich.

Mulokozi ist Feuer und Flamme, doch woher das Geld nehmen? Er ist gut darin, andere Leute für seine Sache zu begeistern, und so gelingt es ihm, das Auswärtige Amt und den Deutschen Olympischen Sportbund als Finanzierer von Rockenfellers Studie zu gewinnen. Daraus resultiert der Workshop, der bis heute den Kern des Hilfsprojektes bildet. In fünf Tagen werden Lehrer angeleitet, wie sie Sport als Bildungsinstrument einsetzen. Sie werden etwa mit einer Fußball-Variation vertraut gemacht, bei der je ein Junge und ein Mädchen die ganze Zeit Hand in Hand laufen, und nur die Mädchen Tore schießen dürfen. Andere Spiele dienen dazu, über Aids aufzuklären.

Clemens Mulokozi zielt damit auf zentrale Probleme der Region. Die Mädchen in Kagera fehlen häufig in der Schule, weil sie für Hausarbeiten eingespannt werden oder dafür, Kanister mit Trinkwasser von einer kilometerweit entfernten Wasserstelle zu holen. Aids ist nach wie vor ein Tabuthema. Damit das sportpädagogische Programm an den Schulen tatsächlich umgesetzt wird, schafft Mulokozi Anreize. So führt er regelmäßig Wettbewerbe durch, bei denen sich Schulen im Paarfußball und anderen Disziplinen messen – und der Gewinner mit einer Modernisierung des Schulgebäudes belohnt wird.

Da Mulokozi Vollzeit in der Bank arbeitet, bleibt ihm nichts anderes übrig, als jede verbleibende Lücke für sein Projekt zu nutzen. Morgens zwischen vier und fünf Uhr skypt er mit Rockenfeller, der vor Ort die ersten Workshops durchführt, in der Mittagspause trifft er sich mit potenziellen Spendern, spätabends, wenn seine Frau und sein Sohn schon im Bett sind, schreibt er E-Mails an tansanische Politiker, deutsche Unternehmen, Stiftungen, ehrenamtliche Mitarbeiter. Er gönnt sich maximal drei Stunden Schlaf. Und den Großteil seines Urlaubs nutzt er, um sich in Tansania zu vergewissern, wie sein Sportprogramm ankommt.

Bei allem Eifer ist über viele Jahre nicht abzusehen, dass er sich einmal ganz und gar der Organisation verschreiben wird. Den Ausschlag gibt ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Es ist der 22. Februar 2014. Mulokozi ist schon vor einiger Zeit vom Sportsponsoring in die Personalabteilung gewechselt. In dem Gespräch erfährt er, dass es für ihn in dieser Abteilung nicht weitergehe. Er könne sich um Stellen innerhalb der Bank bewerben, sagt der Vorgesetzte, vielleicht sei es aber auch eine Option, dass er sich auf seine soziale Arbeit konzentriere, in diesem Fall werde man sich sicher auf eine Abfindung einigen.

Was für ein Schock! Für einen Mann, der sich so stark über beruflichen Erfolg definiert wie Mulokozi, gibt es wohl nichts Niederschmetternderes, als zu hören, dass seine Leistung nicht mehr gebraucht wird. „Das war ein echter Magenschwinger“, gibt er zu.


Mulokozi mit einer Praktikantin in seinem Büro in München

Die Entscheidung

Er entscheidet sich, seine ganze Kraft in Jambo Bukoba zu stecken. Die Abfindung von der Bank ist so hoch, dass er und seine Familie ein paar Jahre davon leben könnten. Zudem bekommt er Unterstützung von Ashoka. Die Non-Profit-Organisation, die unternehmerische Ansätze zur Lösung sozialer Probleme fördert, findet 2014 bei einer Umfrage in Kagera heraus, dass durch Jambo Bukoba die Kinder, vor allem die Mädchen, seltener in der Schule fehlen, bessere Leistungen erbringen und mehr über Aids wissen. 2016 kürt Ashoka Mulokozi zum Fellow und übernimmt für drei Jahre die Kosten für seinen Lebensunterhalt.

Mulokozi treibt zwischen 2015 und 2017 die Spendeneinnahmen von 190 000 auf 330 000 Euro pro Jahr. Es kommt nun häufiger vor, dass Schulen in Kagera auf ihn zukommen, fragen, ob sie an seinem Programm teilnehmen können. Er dehnt zudem sein Engagement inhaltlich stark aus. Gerade sind Wasserfilter sein Thema. Den Unterricht zu fördern reicht nicht, findet er. Denn zur Vermeidung von Krankheiten müssten die hygienischen Verhältnisse an den Schulen verbessert werden. Er hat Toiletten installieren lassen, dann Tanks zum Auffangen von Regenwasser, damit sich die Kinder die Hände waschen können. Und weil das dazu führt, dass sie aus den Tanks trinken und an Cholera erkranken könnten, kommen jetzt an acht Modell-Schulen Filter zur Reinigung des Regenwassers hinzu.

Der Plan für das nächste große Projekt steht auch schon, ein Campus, den er in der Nähe von Bukoba errichten will, damit Jugendliche dort nach der Schule handwerklich und betriebswirtschaftlich ausgebildet werden.

Aber was ist sein Ziel? Diese Frage steht am Abend jenes Montags, an dem er sich morgens noch über seine Marathon-Zeit geärgert hat, im Raum. Im Nebenzimmer eines gehobenen Münchener Restaurants hat Mulokozi zwei Dutzend Leute um sich geschart. Ein alter Kollege von der Hypovereinsbank ist dabei, zwei Ärzte, eine Firmengründerin, IT-Berater, Agenturinhaber, eine Sozialunternehmerin, die ebenfalls Ashoka-Fellow ist, und ein Manager der Deutschen Post. Alle unterstützen Jambo Bukoba mit Geld und manchmal auch mit Dienstleistungen. Mulokozi hat am Nachmittag eine Präsentation vorbereitet und mit Bedacht Fotos der Projekte integriert, zu deren Realisierung die Spenden der Anwesenden beigetragen haben. Die Stimmung ist gut, man duzt sich und speist auf Kosten der Deutschen Post, die diesen Abend spendiert, rosa gebratene Kalbslende.

Als Mulokozi in der Runde nach Ideen für neue Spendenquellen fragt, beginnt plötzlich eine Diskussion über die Ausrichtung des Hilfsprojektes. Liegt der Schwerpunkt auf Bildung oder Gesundheit? Und müsse man nicht Druck auf die tansanische Regierung ausüben, damit sie die Schulbildung im Land verbessert, statt ihr in einer Region die Arbeit abzunehmen?

Es müsse klar sein, was etwa im Vergleich zu Unicef der USP ist, mahnt ein Agenturinhaber. Und die Sozialunternehmerin rät: „Think big!“

Mulokozi sagt selbst auffällig wenig. Man merkt, dass ihn die Diskussion nicht kaltlässt. Er hat bewusst seinen Verwandten kein Geld geschenkt, wollte ein größeres Rad drehen, damit seine Hilfe langfristig wirkt. Er hat sich dabei auf die Region beschränkt, in der sein Vater aufgewachsen ist, was zeigt, welch große Rolle der persönliche Bezug spielt. Seine Mutter glaubt, dass er den Kindern in Kagera geben möchte, was er von seinem Vater nie bekommen hat. Offensichtlich ist, dass ihm das selbst widerfahrene Glück keine Ruhe lässt. Es scheint, als wolle er es sich nachträglich verdienen.

Aber müsste es ihm nicht darum gehen, seine Ressourcen so einzusetzen, dass sie eine möglichst große Wirkung erzielen? Und bedeutet das nicht, seinen erfolgreichen sportpädagogischen Ansatz möglichst weit zu verbreiten, statt immer mehr Geld in Bukoba und Umgebung zu investieren?

Fragen, die Clemens Mulokozi beschäftigen. Wenige Wochen nach dem Treffen in dem Münchener Restaurant erzählt er, dass er seine Organisation umbenennen will. Statt Jambo Bukoba soll sie künftig Jambo Tansania heißen. Denn er will sich künftig auch um Schulen in anderen Regionen des Landes kümmern. Eine erste Anfrage hat er schon.

Für ihn ist das eine Zäsur. Es bedeutet, dass er erstmals über sein persönliches Anliegen hinausgeht. Sich von der eigenen Geschichte emanzipiert. Ohne die hätte er vermutlich niemals angefangen, sich zu engagieren, sagt er. Doch das sei nun zehn Jahre her. „Es ist Zeit für den nächsten Schritt.“ ---


Fotos links und unten: © Kevin McElvaney